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Freitag, 4. April 2014

unsympathisch

Ich sollte mich nicht irren.

Mir waren nicht nur diese starren Proportionen seines Gesichtes unsympatisch, dieser ausgewogene Bürstenhaarschnitt, dieser Gesichtsausdruck, der zwischen Unsicherheit und Brutalität schwankte, sondern mich störte auch, dass er einen SUV fuhr. Auf Statussymobole war er gepolt, wobei es sicherlich kritisch ist, alle SUV-Fahrer mit vorgefertigten Charaktertypen zu belegen. 

Er war eine seltsame Mischung aus preußischer deutscher Korrektheit und einer Regungslosigkeit, die ihn nur allmählich in eine ruckartige Bewegung versetzte. Ich hatte ihn nie lachen sehen. Wenn wir uns im Supermarkt über den Weg liefen, grüßte er nicht. Prinzipiell war dies nicht schlimm, denn es gibt keinen Zwang, dass mir alle Mitmenschen sympathisch sein müssen.

Eigentlich hatte ich auch keine Berührungspunkte mit ihm. Und eigentlich war es eine Frauenbekanntschaft und keine Männerbekanntschaft. Bestimmt drei oder vier Jahre hatten die Frauen sich nicht gesehen. Unvermitteltes Treffen vor der Raiffeisenbank, kurze Plauderei, Schnellabriss über Geschehenes. Meine Frau und ihre Bekannte hatten sich über unsere Kinder kennen gelernt, als diese während der Grundschulzeit miteinander spielten. Danach brach der Kontakt unter den Kindern ab, während sich die Frauen gelegentlich im Ort sahen und gerne miteinander quasselten.

Wir Männer sind eine Randerscheinung, wenn Termine der Kinder über die Frauen abgesprochen werden. Sie war nett, zuvorkommend, umgänglich, sympathisch, im Gegensatz zu ihrem Mann. Er arbeitete bei den Stadtwerken, leitete ein Team und war mächtig im Streß, auch an Wochenenden, wenn Leitungen entstört werden mussten. Der Streß hatte ihm so sehr zugesetzt, dass sein Magen rebellierte. Er verweigerte die Nahrungsaufnahme, so dass er nur noch wenige Brotsorten verdauen konnte.

Er litt. Die Phasen nahmen zu, dass er krank geschrieben war. Momentan war dies auch so, dass er häufiger krank geschrieben war, als dass er arbeitete. Sie litt genauso, sich um ihren kranken Ehemann zu kümmern. Selbst als ihr Ehemann noch gesund war, machte sie einen leidenden Eindruck, denn ihre Mutter war in einem dreißig Kilometer entfernten Pflegeheim untergebracht.

Persönliche Schicksale können tragisch und schlimm für alle Betroffenen sein. Diesmal kam es anders. Die Wendung war vollkommen unerwartet. Seine Mutter war gestorben. Einige Monate später erzählte er seiner Ehefrau von einem Gerichtstermin. Worum es ginge, fasste sie nach. Um Erbschaftstreitigkeiten. Ob sie ihm dabei helfen könne und mit seinen Geschwistern etwas klären könne. Nein, dies sei nicht nötig, er würde selbst mit seinen Geschwistern reden, um die Unstimmigkeiten zu bereinigen.

Dazu kam es nicht, denn seine Magenkrankheit fesselte ihn erneut an sein Bett. Also nahm sie Kontakt mit seinen Geschwistern auf, um die Meinungsverschiedenheiten wieder ins richtige Lot zu bringen. Es ging um 50.000 €. Ihr Mann hatte mit der Faust auf den Tisch gehauen. Kerngesund, war er mit einem Mal zu einem Energiebündel geworden. Er meinte es ernst, er zeigte Durchsetzungsvermögen und Entschlossenheit, die Euros brachten ihn in Fahrt. Solche Charaktereigenschaften hatte sie als Ehefrau nie kennen gelernt.

50.000 € forderte er von seinen Geschwistern, und die Klage hatte sein Rechtsanwalt bereits beim Amtsgericht eingereicht. Sie platzte aus allen Wolken. Ihr Mann war hartnäckig, unversöhnlich, stur, unzugänglich. Sich an den Vorgaben des Erbrechts orientierend, hatten seine Geschwister ein Angebot nach dem anderen gemacht, sich zu einigen, er hatte aber stets abgelehnt.

Sie fühlte sich wohl bei seinen Geschwistern, die vernünftige Menschen waren, mit denen sie reden konnte. Kleinigkeit für Kleinigkeit kochte hoch, was für ein Ekelpaket ihr Mann war. Weil ihr alles dermaßen unangenehm war, verschwieg sie gegenüber meiner Frau die meisten Begebenheiten. Mit einer Ausnahme: ihre Geschwister erzählten ihr von einem Kreditvertrag, den sie mit unterschrieben hatte. Ganz dunkel in den hintersten Zellen ihres Gehirns erinnerte sie sich, das da mal etwas war. Sie stellte ihren Mann zur Rede. Ja, den Kredit habe es gegeben. Aber er sei seiner Ehefrau gegenüber nicht verpflichtet, Rechenschaft abzugeben. Er sperrte sich. Was mit dem Geld geschehen war, blieb sein Geheimnis.

Das war der Anfang vom Ende. Das Vertrauen war futsch. Sie hatte sich getäuscht, wie abgebrüht er war und was für einen kalten und seelenlosen Typen sie geheiratet hatte. Nach mehr als zwanzig Ehejahren zog sie aus.

Sie darf sich auf einen langen Unterhaltsprozess einstellen. Sie jobbt nur auf 450 €-Basis und Unterhalt wird er nicht zahlen. Bereits im Vorfeld haben sich ihre Kinder darauf eingestellt, dass sie von ihrem Vater kaum finanzielle Unterstützung zu erwarten haben. Beide hätten gerne studiert. Aber sie haben es vorgezogen, finanziell abgesichert eine Ausbildung zu beginnen.

Der Abriss des Geschehenen war kurz, gelöst und unverkrampft. Die unsympathischen Begegnungen, an die ich mich erinnere, haben sich zu einem Ekelpaket entwickelt, um das wir alle einen weiten Bogen machen sollten.

Montag, 24. März 2014

Formlos (7) - Begegnung mit einem Hund

Friseurtermin. Zehn Minuten war ich zu früh – das war eher ungewöhnlich. Ich hockte mich hin, machte es mir auf dem Sitzelement aus Leder gemütlich. Die Blätter der Boulevardpresse, die sich auf der linken Seite stapelten,  ließ ich unbeachtet. Die schwere Eingangstüre war in ihren Eisenrahmen zurückgefallen. Ein Stimmengewirr kämpfte gegen einen Föhn, der aus Leibeskräften pustete, und Friseuse und Kundin schafften es irgendwie, sich zu entwirren und sich gegen die Lautstärke miteinander zu verständigen. Haare standen zu Berge und fügten sich danach in die Kunst einer Frisur mit wohl geformten Proportionen und einer vollendeten Schönheit, die beide, die Kundin und die Friseuse, mit einem zufriedenen Lächeln registrierten, als das Meisterwerk fertig war.

Ich beobachtete, nutzte den Freiraum, um die Fingerfertigkeit zu bestaunen, was Friseure tagtäglich leisten. Ihre Arbeit hatte objektiv einen Wert, und sie wussten, was sie mit ihrem Stehvermögen und mit ihrer Schere in der Hand am Ende des Tages geleistet hatten.  

Nebenher bemerkte ich, wie sich zwei Pfoten auf der Kante des Ledersitzes vorwärts tasteten. Schüchtern verharrten die Tatzen auf der Stelle, ein Kopf streckte sich in die Höhe, zwei Hundeaugen schauten mich voller Sehnsucht an. Sie durchbohrten mich mit ihrem Blick, so sehr hatten sie sich an meiner sitzenden Gestalt fest gehakt. Ich rätselte, war voller Skepsis, wusste nicht, ob ich hinschauen sollte, denn ich war auf Katzen gepolt und nicht auf Hunde.

Eine Katze hatte sich bei meinen Eltern stets zu Hause gefühlt. Über mehrere Jahrzehnte haben wechselnde Katzen meine Schwiegereltern begleitet. Nach langem Werben unseres kleinen Mädchens haben wir es seit einem Jahr geschafft, dass wir stolze Besitzer einer Katze und eines Katers sind. Das gibt unserem Leben einen zusätzlichen Schub an Lebensfreude, wenn sich unser Kater abends auf meinen Schoß setzt, wenn ich sein samtweiches Fell streichele, wenn er schnurrt, als ob er einen Motor einschalten würde, und wenn er wohlwollend seinen Schädel gegen meine streichelnde Hand reibt.

Nun also ein Hund. Mit Rassen kenne ich mich überhaupt nicht aus. Das war ein Pudel im Kleinformat. Die Ohren waren rund und hingen nicht herab. Das Fell war weiß, mager und lückenhaft, so als wäre ihm ein Stück  geklaut worden. Oder es war eine Katze im Großformat. Nase, Mund und Ohren lagen dicht beisammen, und der Körper war vielleicht doppelt so groß wie eine Katze.

Der Fehler im nächsten Moment war fatal, denn ich behandelte diesen Hund, der vor sich her schlummerte und wartete, dass etwas geschah, wie eine Katze. Ich streichelte sein Fell. Das hatte mit dem Fell einer Katze ungefähr so viel zu tun wie Helene Fischer mit AC/DC oder der TuS Königswinter-Oberpleis mit der Ersten Fußball-Bundesliga. Ich griff in eine gebürstete Masse hinein, die sich sträubte. Meine Hand rutschte über das Fell hinweg, und in diesem Moment verhielt sich der Hund sogar wie unser Kater, denn er sprang auf meinen Schoß, wie durch fremde Geisterhand gesteuert.

Er äußerte sogar sein Wohlbefinden, schnupperte, fing an zu lecken, genau in mein Gesicht hinein. Er fuhr nicht seine Krallen aus – so wie ich es von unseren Katzen kannte – denn er besaß keine. Was unseren Katzen die Krallen bedeuteten, das waren seine Zähne. Sein Mund öffnete sich, und stolz bleckte er sein Gebiß entgegen. In Zacken formierten sich seine Zähne nebeneinander, vier Augen standen sich frontal gegenüber.

Ich spürte Angriffslust in den schwarz getünchten Pupillen. Ich bin an Katzen gewöhnt. Mit Hunden verbinde ich einige negative Erlebnisse. Meine erste Freundin hatte einen winzigen Rehpincher, der mich permanent anbellte, so dass wir uns kaum unterhalten konnten. Viele Jahre später, lief mir beim Joggen ein Hund hartnäckig hinterher und zerriss mit seinem Gebiß meinen Trainingsanzug. Es stört mich heutzutage, wenn sich zwei Hunde begegnen und dann endlos und laut anbellen.

Seine Zähne bissen zu. Entschlossen, aber auch verspielt. Zuerst bissen sie sich zwischen meinen Fingern fest, kauten darauf herum, als wollten sie eine Wurst verspeisen. Die Bisse wurden härter, schmerzten aber nicht und wichen zurück. Ich war entsetzt. Weil ich nicht wusste, wie ich reagieren sollte, kraulte ich vor lauter Verlegenheit seine schlappe Haut, die sein Fell sein sollte.

Der Hund hatte sich auf meinem Schoß eingenistet und knabberte an mir herum. Seine Zähne bissen in das hinein, was ihnen in die Quere kam. Nun war mein Pullover an der Reihe. Das Gebiß fraß sich in das rot-weiß-graue Muster hinein, drehte den Kopf nach oben, die Zähne rissen zwischen den Fäden des Pullovers herum. Das reichte. In diesem Moment hätte ich diese doppelte Katzengröße, die ein wild herum fressendes Monster war, in die Hölle gewünscht.

„Platz“ erlöste mich die Chefin des Friseur-Salons, die erst jetzt mitbekommen hatte, dass das Treiben ihres Vierbeiners eskalierte.

Der Hund gehorchte. Augenblicklich sprang er auf den Bistrot-Stuhl, blickte schüchtern wie ein Unschuldslamm und hockte sich auf seine Hinterpfoten. Der Schreckensmoment war verflogen, und nun sah er wieder so treu und so streichel-bedürftig wie unsere Katzen aus.

„Sie dürfen nicht anfangen, ihn zu streicheln. Dann werden Sie ihn nicht wieder los. Entschuldigung. Habe einen Moment nicht aufgepasst.“

Die Aufregung war vorüber. Wenn ich tiefere Einblicke in Vierbeiner habe, dann sind es Katzen. Und nicht Hunde.

Dienstag, 11. Februar 2014

Formlos (5) - Heimat


Ich war in dieser Gegend längst angekommen. Einhundert Kilometer entfernt aufgewachsen, stellte sich die Frage nicht, wo meine Heimat lag. Heimat, das war ein heterogenes Gebilde, das seine Kristallisationspunkte hatte, die mit einander verknüpft waren. Ein Netz, beweglich, anpassungsfähig, interkulturell, mit Wohlfühl-Faktor. Die Redensart „der Bauer klebt an seiner Scholle“ klang aus meiner Kindheit nach, denn, auf dem Land aufgewachsen, hatte ich zwar viel Natur und Naturverbundenheit kennen gelernt, aber auch eine gewisse Abgeschiedenheit vom Rest der Welt.

Was wäre eine Vernetzung ohne Mobilität ? In meinem Fall: mein Rennrad war der Idealzustand einer Mobilität, denn das Tempo war schnell, wie auf Samthandschuhen getragen, glitt ich durch die Natur, ich sprang von Ort zu Ort, Natur und Naturverbundenheit verschmolzen mit mir zu einer Einheit.

Der Moment, der das Erlebnis zu einem Höhepunkt führte, dauerte zehn Minuten. Es war die erste Rennradtour im neuen Jahr, die ich mit 45 Kilometern bewußt kurz ausgewählt hatte, um in den richtigen Tritt zu kommen. Den Rhein hatte ich überquert, und in Bonn-Oberkassel läutete ich die zehn Minuten totales Landschaftserlebnis ein.

Ende Januar, die Jahreszeit war ungewöhnlich für eine erste Rennradtour. Bitterkalt, weiß, schneebedeckt, Eis, rutschig, glatt, solche Winterstimmungen hatte ich vor einem Jahr gepostet. Nun war der Wind eine zahme Angelegenheit, er säuselte um meine Ohren. Mit gefütterter Fahrradjacke, Schal und Fingerhandschuhen trieb mich mein sportliches Outfit voran. Der blaue Himmel lächelte mich an. Schäfchenwolken ließen mich fast an den Frühling denken, wenn die Bäume und die Natur nicht so ratzekahl gewesen wären. Von Schnee oder Kälte war während des ganzen Winters keine Spur.

Zehn Minuten lang hieß es „bergauf“. Oder: treten, treten und nochmals treten. Ich übte, um mit Routine solche Anstiege zu bewältigen. Der Winter war eine Unterbrechung, weil ich drei Monate lang nicht mehr auf meinem Rennrad gesessen hatte. Mit dem Sport bin ich mit gewissen Unterbrechungen seit meiner Jugend groß geworden. Fußball-Spieler in der Kreisliga C, dann 15 Jahre lang Fußball-Schiedsrichter, danach Joggen, seit zehn Jahren Rennradfahren.

Ich schaute weg. Das gerade Band der Straße forderte meine geballte Kraft heraus. Nach vorne schauen, entmutigte mich, denn zu langsam, im gefühltem Schritttempo, kroch ich mitten ins Siebengebirge hinein. Ersatzweise verlor sich mein Blick auf dem Erdboden, wo die Schicht des Herbstlaubes noch dünner, noch schwächer, noch lebloser die Blässe des Januartages bedeckte. Ein Bachlauf fraß sich in das Erdreich hinein, kahles Buschwerk verhakte sich in der Leere. Das Licht des Januartages stand so schräg, dass die Sonnenscheibe hinter den Berghängen des Siebengebirges verschwand.

Das Kurvenschild flackerte am Straßenrand auf, meine Ausdauer arbeitete, meine Muskeln hielten durch. Eine scharfe Linkskurve, dann dieselbe Wendung nach rechts, es ging weiter bergauf. Noch einhundert Meter treten, die Gewißheit mobilisierte meine Kräfte, denn ich kannte die Strecke. Nach zehn Minuten hatte ich den höchsten Punkt erreicht. Geist und Körper befanden sich in einem Gleichgewichtszustand. Mein Blut pulsierte, in langen Zügen sog ich den Atem ein und aus.

Fortan rollte ich bergab. Meine Anspannung war wie verflogen. Ohne treten zu müssen, war der Übergang in den Ruhezustand grandios. Heimat braucht Konturen, Fixpunkte, positive Eindrücke, die sich wiederholen und haften bleiben. Ich könnte meinen, dass Heimat eine Suche nach den Gegensätzen ist. Aufgewachsen auf dem flachen Land, suche ich solche mittelgebirgshaften Landschaften. Flachland ist unspektakulär und entfaltet in Flußniederungen all seine Schönheit.

Und das Siebengebirge ? Der Ölberg, dieses dauerhafte Motiv, schraubte sich rechterhand in die Höhe. Von allen Seiten überragte er das Siebengebirge. Mit Weitblick, von der Kölner Bucht aus, vom Westerwald aus, von der Euskirchener Börde aus – oder auch von uns zu Hause aus – war er zu sehen. Er war mein eigenes Stück Heimat. Einhundert Kilometer entfernt aufgewachsen, vereinigte er die Schönheit der Mittelgebirgslandschaft mit meiner sportlichen Ausdauer.

Meine Geburtsstadt sehe ich nicht mehr allzu oft. Heimat ist kein fester Ort, sondern eine Vielzahl von Orten, wo sich Familie, Freunde, Gefühle, Erinnerungen und Geschehenes mit einander verbindet.

Mittwoch, 5. Februar 2014

Formlos (4) - Konrad-Adenauer-Brücke


Diesmal war es nicht der romantische Blick, der mich fesselte.

Dem Büroalltag entgegen schauend, fuhr ich mit dem Fahrrad durch die Rheinaue. Der Morgen kroch in die Wolkendecke hinein. Unter den Brückenpfeilern bog ich ab, der Radweg arbeitete sich die Anhöhe hinauf, schwenkte nach links und vereinigte sich auf der Konrad-Adenauer-Brücke mit der Autobahn A562. Auf sechs Spuren rauschte der Autoverkehr in den Tag hinein, hermetisch abgeriegelt durch eine Leitplanke, wo sich der Fahrradweg seinen eigenen Weg bahnte. Die Wellen des Rheins plätscherten. Abgrundtief unter der Brücke, kamen und gingen Schiffe. Flaggen, deutsche, niederländische, belgische, französische, schweizerische, wehten an den Heckseiten der Schiffe, schwere Motoren wühlten im Fahrwasser. Offen, weltoffen, war der Rhein ein Verkehrsweg verwandter und doch andersartiger Kulturen. Fremde aus vieler Herren Länder hatten den Rhein bereist, sie waren dem Rausch der Burgenromanik verfallen, Dichter und Denker hatte der Rhein inspiriert.

Feuerwehr, Polizei.

Wie in einem Nest, am Ende der Autobahnbrücke, standen sie in enger Formation. Das dauerte noch ein Stück, und daher gab ich mich meiner Stimmung hin, die mich in höhere Sphären hob. Dieser Augenblick auf der Autobahnbrücke kombinierte einzigartig die Fluss- und Berglandschaft. Ein paar Kilometer weiter, bog der Rhein nach rechts, krümmte sich sanft, und darüber baute sich die Kulisse des Siebengebirges auf. Ich hatte mir längst abgewöhnt, die Berge zu zählen, denn es konnten niemals sieben Berge sein. Je nach Blickwinkel, wechselte die Anzahl, und von dieser Position auf der Autobahnbrücke kam das Siebengebirge auf neun bis zehn Berge. „Sieben“ konnte für „Siefen“ stehen – das waren Feuchtgebiete längs Bachläufen, symbolisch für ein einheitliches Ganzes oder nach einer Sage haben Riesen sieben Berge angehäuft, um das Tal von den Fluten des Rheins zu befreien. Während die Namensherkunft ungeklärt war, musterte ich mit meinem Blick die Bergkette, die mich zu allen Tagesstimmungen hinriß. In Nebelschwaden versackend, von einem feuerroten Sonnenaufgang umhüllt, von Schönwetterwolken umkränzt oder vor nassen Regenwolken triefend, schaute ich stets gebannt auf diesen Fixpunkt.

Blaulicht flackerte.

Stau ? Ich riss mich aus meinen Träumen heraus, die ich auf dem Fahrrad viel intensiver erleben durfte als im Auto. Ich schaltete um vom romantischen Landschaftserlebnis auf einen Gefahrenpunkt, den ich in gebotener Langsamkeit zu passieren hatte. Der Autoverkehr floß. Feuerwehr und Polizei verengten die Fahrspuren, doch zwei anstelle drei Spuren reichten. Stadtauswärts dümpelte der Berufsverkehr vor sich hin, alles lief in ruhigen Bahnen. Unfall ? Die handelnden Personen waren merkwürdig. Ich vermisste einen aufsehenerregenden Unfall, Polizisten, die den Hergang des Unfalls auf einem Formular festhielten oder die versteinerten Blicke der beteiligten Autofahrer. Drei Feuerwehren und drei Polizeifahrzeuge hatten sich angestrengt gesammelt. Ihre Blicke konzentrierten sich auf einen leeren Merzedes, der bucklig war und auf sein hohes Alter stolz sein konnte. Vergeblich suchte ich nach einem Blechschaden. Dort war absolut gar nichts zu sehen bis auf die Gespräche, die zwischen Feuerwehr und Polizei ratlos umher irrten.

Weiter ins Büro.

Ich konnte keine endlosen Vermutungen anstellen, denn im Büro wartete meine Arbeit. Eine Zeitlang ging mir die Melodie von „Space Oddity“ von David Bowie durch den Kopf: wie der Major Tom durchs Weltall fliegt, wie die Funkverbindung zur Erde abreißt und wie er dazu verdammt ist, ohne Verbindung zur Außenwelt durchs Weltall zu geistern. Ohne direkten Rheinblick, genoß ich das letzte Stück ins Büro. Das Siebengebirge begehrte ein letztes Mal auf, als sich die Berge wie eine Festung über die Parklandschaft erhoben. Das war auf der Anhöhe am chinesischen Pavillon, der mit seinem neu gedeckten Dach noch gediegener wirkte. Im Rosengarten hatten einige welke Exemplare dem Winter getrotzt. Ich verließ die Rheinaue, mitten hinein in Bürotürme und frühere Ministerien, dessen Zaunanlagen die Eindrücke eines Hochsicherheitstraktes verliehen.

Selbstmord.

Zwei Tage später, als ich unsere Tageszeitung aufschlug, erfuhr ich, was geschehen war. Ein Autofahrer hatte mitten auf der Autobahn gestoppt, er war aus seinem Merzedes ausgestiegen und sich am Brückengeländer mit einem Seil erhängt. Als ich diese Zeilen las, war ich mehr als fassungslos. Ich war ganz dicht an den Abgründen einer Tragödie gewesen. 

Freitag, 24. Januar 2014

Formlos (3) - Schnellbus 55



Dass ausgerechnet Busfahrer übergewichtig sind, hält sich hartnäckig in meiner Erinnerung. Statistiken, wenn es sie gibt, werden das nicht beweisen können. Busfahrer ernähren sich genauso wie andere Berufsgruppen: es wird dicke und dünne geben, lange und kleine, dumme und schlaue und so weiter. Busfahrer essen nicht anders, trinken nicht anders, bewegen sich nicht anders, kurzum: biologisch unterscheidet sich ihr Körper nicht, wie viele oder wie wenige Kalorien ihr Körper verbrennt.

Trotzdem: zuletzt habe ich das lebendige Beispiel eines Busfahrers erlebt, dessen Gewicht ein Exempel statuiert hat. Wartezeiten sind öde, nutzlos, vergeudete Zeit. Die Muster des Wartens ähneln sich, wenn man mit dem Auto im Stau steht, wenn die Durchsage auf dem Bahnsteig eine Zugverspätung angekündigt hat oder, wie in meinem Fall, dass ich mitsamt den anderen Fahrgästen auf den Schnellbus 55 warte. Ein Lehrstuhl für Verkehrswissenschaften hat sogar an einer Universität kompliziert herum gerechnet, wie viel volkswirtschaftlicher Schaden in Euro entsteht, wenn Autofahrer im Verkehrsstau stecken bleiben.

Der ganz normale Büroalltag war vorbei, als die Prozedur des Wartens seinen Lauf nahm. Erst U-Bahn, dann Aussteigen, dann gemächlicher Fußweg. Ein kurzes Stück passierte ich die Grünanlage, die lang, geradlinig, entschlossen und mit schönem Blick auf das Poppelsdorfer Schloss zu lief. Der Fußweg knickte ab, ließ die barocke Pracht in der Ferne und ich näherte mich der Wartezone, dem Busbahnhof.

Busse kreisten umher, kurze Busse, Gelenkbusse, leere oder mit Menschen vollgestopfte Busse, von denen einer der Schnellbus 55 sein sollte. Erwartungsschwanger, kauerten die Fahrgäste vor sich her, blickten dumpf in den Feiertagshimmel, standen mit den Füßen wie festgewurzelt auf dem Bussteig. Dieser war nicht gerade eine Augenweide, weil er eine komplette architektonische Fehlplanung war und am Rande des Busbahnhofs Drogenabhängige in Scharen herum lungerten.

Heute hatten wir Glück, denn der Schnellbus 55 trudelte pünktlich ein. Minutengenau schob sich die Front des Busses vor die Kante des Bussteigs. Die Türen öffneten sich. Doch anstelle dass wir Fahrgäste einsteigen konnten, kam der große Auftritt des Busfahrers. Seine Sternstunde hatte geschlagen, als er ausstieg und die Türe von aussen wieder verschloss. Das irritierte uns, und unsere vereinigten Blicke hakten sich an dem Busfahrer fest, denn wir wollten eigentlich pünktlich einsteigen.

Den ließ alles kalt. Schwerfällig trotteten seine Schritte quer über den Busbahnhof. Seinen starren Körper schleifte er hinter sich her. Lahm wie eine Ente, konnte ihn niemand aus der Ruhe bringen. Er schaute nicht links, nicht rechts, und die fest gekrallten Blicke der Fahrgäste fragten sich, was er im Schilde führte. Ich dachte an die Anfangsszenen des Westerns „Spiel mir das Lied vom Tod“, in der die Bewegungen nur eine Spur schneller als der Stillstand waren. Die Handelnden konnten sich kaum aufraffen. Lethargisch waren die Abläufe. Langsamkeit wurde zum dominierenden Stilelement.

Die Umrisse, was er im Schilde führte, wurden klarer, als er den Glaskasten des gegenüberliegenden Kiosks erreichte. Der Anblick dieses Nestes, wo die Busse wild umher kreisten, war ohnehin deprimierend. Ruhelos, rastlos, schnell, anonym, auf einen Verkehrsknotenpunkt des öffentlichen Personennahverkehrs reduziert, war der Busbahnhof jeder Menschlichkeit entblößt. Grüne Flecken waren Fehlanzeige, die Augenblicke meiner Anwesenheit drückte ich schnell weg: ab in den Schnellbus 55, der mich in 30 Minuten nach Hause bringen sollte.

Als der Busfahrer aus dem Glaskasten des Kiosks heraustrat, wurde alles klar. Einen Pappbecher in der Hand, schlürfte er Kaffee in sich hinein. Und der Busfahrer hatte sich gedreht. Nun hefteten sich die Blicke der Fahrgäste auf seine Frontseite. Diese stand auf dem Präsentierteller. Theaterreif, wie auf einer Bühne, bewegte sich seine Gestalt zum Bussteig zurück. Zu einer Halbglatze hatte sich sein Haar gelichtet, klein und geduckt und kugelig war seine Gestalt zusammen geschrumpft. Je näher er zu unserem Schnellbus 55 zurück schritt, um so dominanter wurde sein Bauch.

Sein Übergewicht versteckte sich unter seinem blauen Winterpullover, der sich aufblähte. Die Fettmasse seines Bauches wabbelte hin und her, nahm die Form einer Kugel an. Auch hier bewahrte er diese unerschütterliche Ruhe, seine Fettmasse wurde zum Denkmal. Nicht viel hätte gefehlt, dann wäre sein nackter Bauch heraus gequollen, doch Hemd und Pullover schafften es, all diese Kubikzentimeter von Fett zu bedecken.

Häßlich und abstoßend kehrte er zu seinem Schnellbus 55 zurück. In unser aller gemeinsames Gedächtnis hatte er sich verewigt. Das ist schade für die Stadtwerke, dass der Eindruck entsteht, dass Busfahrer im Vergleich zu anderen Berufsgruppen übermäßig übergewichtig sind.

Der Busfahrer war eine Provokation. Zehn Minuten Verspätung hatte er uns Fahrgästen eingehandelt, weil er seinen wabbeligen Bier- oder Süßigkeiten- oder Freßbauch spazieren geführt hatte.  Dieser Moment, der sich zu zehn Minuten ausgedehnt hatte, habe ich in meinem Gedächtnis verewigt. Dass Busfahrer übergewichtig sind, daran werde ich mich wahrscheinlich bis zu meinem Tode erinnern.

Montag, 20. Januar 2014

Formlos (2) - Entsorgung



Es gibt Momente, die beschreibt man am treffendsten durch ihr Gegenteil. Weihnachten, das ist ganz viel Feierlichkeit, Familienfest, Freude, Erwartung, Besinnlichkeit unter den Lichtern des mit viel Glitzerschmuck behangenen Tannenbaums. Nun geht alles rückwärts. Einmalaktion statt Feierlichkeit, Unaufgeregtheit statt Familienfest, Wegschauen statt Erwartung, Sachlichkeit statt Freude, maschinelle Verarbeitung statt Besinnlichkeit.

Schluss, aus, vorbei. So wie man das Licht ausschaltet, wird in einem Moment die Weihnachtszeit für beendet erklärt. Bei uns zu Hause ist es ein Abschied auf Raten, wenn stückweise die Weihnachtsdekorationen aus den Zimmern verschwinden. Entsorgung steuert viel mehr auf einen einzigen Augenblick zu.

Entsorgung hat keine Dramatik. Die Weihnachtsbäume warten auf den einen, unspannenden Moment. Wie sie den Straßenrand bevölkern,  ist sogar ein Massenphänomen, denn sie kehren nach festen Handlungsmustern wieder. Ab vor die Haustüre, das Weihnachtsfest wird in die Vergessenheit geschoben. Manche versperren den Bürgersteig, die meisten Weihnachtsbäume achten aber auf ihre Mitmenschen und halten sich jenseits von Laufwegen oder Autoverkehr auf. Oftmals ähneln sich die Handlungsmuster. Unselbstständige Grünflächen sind begehrt. Dort, wo das Grün auf genau zugewiesenen Flecken gegen die hoffnungslos zugepflasterte Stadt aufbegehrt, wird dieses Stückchen Erde aufgewertet. Die grünen Zonen gewinnen an Üppigkeit, wenn sich das Tannengrün gemächlich ausbreitet und querliegende Tannenbäume Unkraut oder Matsch verdecken.

Was dann geschieht, läuft in einer durchgeplanten Sachlichkeit ab. Weihnachtsbäume werden ihrer Wiederverwertung zugeführt. Die Emotionen der Menschen laufen rückwärts ab, denn ungefähr elf Monate später jährt sich das Weihnachtsfest aufs Neue, irgendwo aus dem Sauerland oder der Eifel werden neue Weihnachtsbäume importiert. Es wird dafür gesorgt sein, dass jeder Haushalt aufs Neue seinen Weihnachtsbaum bekommt, damit es dort fleißig glitzert und dekoriert wird.

Die Müllabfuhr hat ihre Touren. Ein Plan organisiert die Abfuhrbezirke. Da wir uns im industriellen Zeitalter befinden, schonen Maschinen die Handarbeit beim Einsammeln und Wiederverwerten der Weihnachtsbäume. Der Farbton in Orange hat Tradition. Er warnt, erregt Aufmerksamkeit. Der Signalton hat auch den Eindruck in mir hinterlassen, dass die Arbeit der Müllmänner wertvoll ist.
Die zwölf Kubikmeter Sammelvolumen bewegen sich von Haus zu Haus vorwärts. Der Behälter ist so groß, dass ich meine, er könnte die Weihnachtsbäume der halben Stadt schlucken. Die Müllpresse verrichtet ganze Arbeit. Es rattert, reibt, zerreibt, zerkleinert, stampft mit Herkuleskräften zusammen, die Müllpresse stöhnt. Langsam, im Schneckentempo, ohne Schwung, stochert der LKW vorwärts. Der Dieselmotor brummt zwischen Doppelhaushälften.

Ein Handgriff genügt. Die orangene Schutzbekleidung der Müllmänner sticht in den winterlichen Morgen, fest stapfen ihre Sicherheitsschuhe über den Asphalt, der Müllwagen treibt sie hinter sich her. Ich erlebe das Weihnachtsfest rückwärts. Die Weihnachtsgeschenke sind wieder vergessen, das winzige Baby des Jesuskindes ist ein paar Wochen alt geworden. Christliche Nächstenliebe wird zum nächsten Fest, dem Osterfest, wieder recycled.

Der eine Müllmann, ein stämmiger, derber Typ, macht kurzen Prozess. Er greift in Vergängliches hinein. Die Einmaligkeit des Augenblicks verschwindet auf Nimmerwiedersehen. Er entsorgt das Weihnachtfest, indem er den Tannenbaum am Stamm packt und senkrecht in die Höhe hebt. Ohne nachzudenken, sind seine Handgriffe Routine. Der Weihnachtsbaum bäumt sich auf, streckt die Zweige zur Seite, und der Müllmann übergibt Bündel von Tannennadeln an die nüchterne Realität. Ein Schwung, und die Müllpresse schreddert und zerkleinert und staucht das Weihnachtsfest zusammen.

Die letzte Reise des Weihnachtsbaums hat begonnen. Sie endet im Kompostwerk. Eine riesige Zerkleinerungsmaschine häckselt dort die vergangene Weihnachtspracht in kleinste Bestandteile. Mikroorganismen leisten im Kompostwerk ganze Arbeit. Weihnachten wird in Humus verwandelt. Das gesegnete Weihnachtsfest wird sich danach in unseren Gärten wiederfinden.

Freitag, 10. Januar 2014

Formlos (1) - Kochen

Brigitta hat ein neues Projekt "Formlos" initiiert, für das sie bereits fleißig Beiträge geschrieben hat. Es sollen Momente beschrieben werden, die "allgemeingültig" sind und den Leser berührend einfangen. 1x pro Woche möchte ich mich an dem Projekt mit einem eigenen Beitrag beteiligen. In meinem ersten Beitrag befasse ich mich der Kocherei, die für mich als Mann Momente der Höchstkonzentration sind.



Einsam war der Augenblick, als ich unseren Flur betrat. Die Kinder hatten sich in ihre Zimmer verteilt, meine Gattin war zur Abendschule enteilt, die sie zweimal wöchentlich besuchte. Der Feierabend empfing mich mit offenen Armen. breitete sich in der Leere des langen Korridors aus, der sich am Treppengeländer mit viel Grün und Engeln und glitzernden Sternen geweigert hatte, Abschied vom Weihnachtsfest zu nehmen.  Ich schüttelte den Büroalltag ab, indem ich meine Jacke auf einen Garderobenhaken schmiß. Auf den Bodenfliesen hallten meine Schritte wider, bis ein Läufer den hohlen Klang verwischte.

Derweil ich die Umklammerung durch den Büroalltag losgeworden war, wartete die nächste Umklammerung auf mich. Ich erreichte sie, als ich die Schiebetüre zur Küche beiseite stieß. Hunger meldete sich nach Feierabend, und ich durfte unsere beiden Kinder bekochen. Streßmomente blitzten auf, als mich die Unordnung auf der Küchenanrichte empfing.

Als Mann hatte ich meine eigenen Umgangsformen entwickelt, um mit der Kocherei klar zu kommen. In der Ruhe liegt die Kraft. Ich bin glücklich, dass es diese Momente gibt, dass Mann und Frau manche Dinge getrennt organisieren müssen. Beim Kochen habe ich ein schlechtes Teamverständnis. Frau hatte sich stets um die Kocherei gekümmert. Würzen, Soßen, Salate, Gemüse, Garzeiten, die Handhabung des Schnellkochtopfs: bei mir wimmelt es vor Unzulänglichkeiten – vorsichtig ausgedrückt, sind meine Kenntnisse ausbaufähig.

Kochen ist ein Stück Meditation. Kochen fördert klares Denken. Abläufe müssen komplett vom Anfangszeitpunkt bis zum Endzeitpunkt – wenn alles gar ist – durchdacht werden. Ich habe mich arrangiert mit den Momenten des Kochens, versuche, Neues auszuprobieren und Lerneffekte zu erzielen. Ganz von vorne beginnen, an den Wurzeln der Kochkünste, mit einfachen und handhabbaren Gerichten. Meine Konzentration lief auf Hochtouren. Ungestört, ohne dass mir jemand hinein redete, vermochten mich die Streßmomente nicht aufzuschrecken.

Heute sollte ich kennen lernen, dass Momente im Kleinen ihre Größe entwickeln können. Für die Kinder bereitete ich Zucchini mit Gnocchi in der Auflaufform zu – das geschah mit einer Fertig-Soße von Maggi-Fix. Für mich selbst war ich bescheiden, kochte auf einfachem Niveau: ich schnitt rohe Kartoffeln in kleine Scheiben, würzte sie mit Paprika und Salz, bratete sie in Öl in der Pfanne.

In unseren Garten hatte sich längst die Dunkelheit hinab gesenkt. In der Küche ergoß die Neonröhre ihr Licht, leuchtete die überquellende Papiertonne aus. In wirrer Anordnung lungerten Gläser auf der Spüle herum, während in der notdürftig eingeräumten Spüle eine gähnende Leere herrschte.

Ich war in meinem Element, schaltete das Internet-Radio ein. Ich sinnierte, meine Gedanken kreisten, bis sie sich am Rezept festhakten. Die Katzen wuschelten um meine Beine herum. Schnell aufräumen, wegräumen. Das Schöne am Kochen ist, dass man sein Gehirn einschalten muss, bevor man einen Handgriff macht. Ich fischte die beiden Zucchini aus unserer Obstschale, zerkleinerte sie in Scheiben, prüfte die bruzzelnden Kartoffelscheiben, schaute auf unsere Küchenuhr, schaltete den Backofen ein, wog die Gnocchis ab, mischte Gnocchis mit Zucchini, beförderte das Gemisch aus dem Kochtopf in die Auflaufform, streute Käse darüber, ab in den  Backofen.

Der Auflauf brodelte vor sich her, ich lehnte mich zurück. „Whisky in the Jar“ von Thin Lizzy dudelte aus dem Internet-Radio. Ich versuchte, die Reibeisenstimme von Phil Lynott nachzusingen, ohne Erfolg, und es lag außerhalb meines Vorstellungsvermögens, wieviel Whisky ich saufen müsste, um solche eine heisere Stimme heraus zu posaunen.

Nun war Kochen Pause, Erholung, Meditation, Inspiration. Ich ruhte in mir selbst. Bis das Essen fertig war, der Tisch gedeckt. Die gebratenen Kartoffelscheiben waren eine Granate, eine wahre Delikatesse. Die Kinder ließen sich ihren Zucchini-Auflauf schmecken, während die gebratenen Kartoffelscheiben kross bis weich waren, herzhaft auf der Zunge zergingen, der Geschmack nach Kartoffeln so gepflegt war wie in Belgien Fritten zubereitet wurden. Die Kartoffelscheiben lachten mich in der Pfanne an. Ich war verdutzt, mit welchen einfachen Mittel man welches leckeres Essen hervor zaubern konnte.

Der Augenblick wirkte nach. Noch am nächsten Tag, als ich im Büro saß, plagte mich vor der Mittagspause der Hunger. Ich hatte Appetit auf diese gebratenen Kartoffelscheiben. Glücksmomente schwappten herüber. Wie aus kleinen Momenten ganz große werden.

Freitag, 27. Dezember 2013

eine etwas verkehrte Weihnachtsgeschichte

Der Weihnachtsmann kam nicht im roten Mantel und mit roter Zipfelmütze, sondern im Monteuranzug in einem schmutzigen, abweisenden Rot.

Genauer gesagt, waren es zwei Weihnachtsmänner, beziehungsweise zwei Monteure. Der Schriftzug des Firmennamens funkelte Himmelblau auf dem weißen Transporter, als die Monteure ausstiegen und mich mit einem schlappen Handschlag begrüßten. Das war ungewohnt, denn von Handwerkern kannte ich ein festes Zupacken.

„Wo können wir Ihnen helfen ?“ - „Unser Klo im ersten Obergeschoss. Wenn wir die Spülung betätigen, wird alles überschwemmt.“ - „Dann schaun wir mal.“

Sie trabten unsere Holztreppe hoch und näherten sich dem Ort des Geschehens, wo sich unheilvolles zwischen den Rohrleitungen der Toilette ereignet hatte. Vor der Türe unseres Badezimmers fiel mir auf, wie ungleich das Paar der beiden Monteure war. Die Gestalt des ersten Monteurs schraubte sich in die Höhe, sein Schritt stakste vorwärts, sicher glitt sein Kopf eine Handbreit unter dem Türrahmen hinweg. Der andere Monteur trottete hinterher, sein Körper war unter der runden Gestalt zusammen geschrumpft. Hinter seiner runden Brille mit den großen Gläsern ahnte ich Schlauheit, ja , sogar Expertenwissen, was die Verstopfung unserer Toilette betraf.

„Schön, dass Sie da sind … „
atmete ich auf, denn der Zeitpunkt war höchst ungeeignet. Genau fünf Tage vor Heiligabend meldete unsere Toilette „Land unter“, und vor dem Weihnachtsfest lag außerdem ein Wochenende. Unsere Spirale hatte sich mühselig durch die Rohre hinter der Toilette gewälzt, aber ohne Erfolg. Wenn ich die Spülung betätigte, schlüpfte Wasser durch das zum Sockel schlecht abgedichtete Rohr. Das Wasser bahnte sich seinen Weg und überschwemmte in Rinnsalen unser Badezimmer. Das hatte sich auch nicht geändert, als ich die Toilette demontiert hatte und unsere Spirale bestimmt einen Meter tiefer eindrang.

 „Wann haben Sie angerufen ?“ – „Gegen zehn Uhr.“ – „Da haben Sie Glück gehabt. Was bis zehn Uhr gemeldet wird, können unsere Monteure auf der Tour abarbeiten. Was später gemeldet wird, kommt für die Folgetage rein.“

Nun stand die eklige Brühe in dem Rohr, sie floss nicht ab. Und ich kannte sogar die Ursache: der Po unserer Kleinen hatte ganz weh getan, Massen von Feuchttüchern hatte sie in die Toilette geworfen, anschließend hatte ihr großer Bruder ein noch größeres Geschäft erledigt – und nichts ging mehr.

Der kleine Monteur kramte sein Expertenwissen hervor. Mit einfachen Mitteln versuchte er, eine maximale Wirkung zu erzielen. Eine Saugglocke, fast tellergroß, stieß das Wasser aus Leibeskräften in die Toilette. Es gluckste, das Wasser begehrte auf, zerwühlte das Rohrsystem in seinem Inneren. Aber die Wirkung war gleich Null. Auf den mir bekannten Pfaden breitete sich die Überschwemmung aus.

„Jedenfalls schön, dass Sie da sind. Ich hatte Angst, dass Sie es vor Weihnachten nicht mehr schaffen …“ – „Das kommt drauf an. Da einige in Weihnachtsurlaub sind, sind wir mit einer kleineren Besetzung unterwegs. Dabei sind wir bemüht, das allerdringendste abzuarbeiten.“

Die Mittel wurden rabiater. Der lange, schlacksige Monteur packte zu und demontierte den Abfluss unseres Waschbeckens. Auf der Kabeltrommel blitzte die elektrische Spirale. Sie fraß sich durch die Rohre, der metallisch hell Klang schallte durch unser Haus, gleichzeitig floss Wasser durch einen Schlauch. Die Spirale war gründlich, denn genau zehn Meter kämpfte sie sich durch die Hauptleitung hindurch, fast bis in den Kanal hinein.

Ich war erleichtert, denn danach floß das Wasser ungehemmt. Wasserhähne waren aufgedreht, ich betätigte die Klospülung im Endlos-Takt durch die Rohre. Das plätschernde Fließen des Wassers war befreiend. Ich spürte Horizonte in meiner Seele, die kein Hindernis stoppen konnte. Beruhigt konnten wir wieder unsere Toilette benutzen.

„Da haben Sie noch einmal Glück gehabt...“
kommentierte der große Monteur das Geschehen. Beide strahlten. In höchster Not hatten sie uns geholfen. Und ich reflektierte die Umstände, unter denen sie tagtäglich ihren Job machten. Das war eine Drecksarbeit, im wahrsten Sinne des Wortes. Zwischen menschlichen Exkrementen herum wühlen. Ich bewunderte, wie die beiden sich nicht geekelt hatten und gut gelaunt dem Tatort in unserem Hause den Rücken kehrten. Die 140 €, die bar zu zahlen waren, zahlte ich gerne.

„Frohe Weihnachten“
verabschiedeten sich die beiden. Ihre roten Overalls hatten nichts mit Weihnachtsmännern zu tun. Doch ich kam mir unsichtbar beschenkt vor. Dass in unserem Badezimmer wieder alles in Ordnung war. Das Weihnachtsfest konnte nun seinen gewohnten Gang nehmen.

Tage später, am zweiten Weihnachtsfeiertag, erfuhr ich, dass es schlimmer kommen konnte. Meine Eltern erzählten von meinem Onkel. Es geschah am Heiligen Abend. Vormittags und plötzlich kam die Überschwemmung. Die Toilette stank und lag direkt neben der Küche.

Sein Schwiegersohn eilte aus dem Nachbarort mit der Spirale herbei. Gemeinsam wurden sie Herr der Lage. Dreck und Gestank und Verstopfung waren verschwunden. Das Malheur hätte sich in der Tat keinen schlechteren Zeitpunkt aussuchen können.

Montag, 9. Dezember 2013

übel

Der Gesang des Schulchors „In der Weihnachtsbäckerei“ war friedlich verstummt, als sich alles in Wohlwollen auflöste, Schülerinnen und Schüler zu ihren Eltern zurückstrebten und der Adventsbasar in der Grundschule alle Besucher mit offenem Herzen empfing. Die Schulleiterin hatte mit ihrer etwas quäkenden Stimme den Basar eröffnet, die Aula war rappelvoll, Eltern und Kinder sortierten sich. Das Licht des späten Nachmittags fiel so unbestimmt durch die Fenster wie die Blicke in den Gesichtern, die am Freitag vor dem ersten Advent mit der Vorweihnachtsstimmung noch nichts sonderliches anfangen konnten. Schüchtern hingen selbst gebastelte Weihnachtssterne die Fensterflächen hinab, das Kuchenbüffet sah dem Besucherandrang erwartungsvoll entgegen.

Voller Skepsis sah ich die beginnende Weihnachtszeit auf mich zurollen. Dennoch sah ich die Dinge positiv. Die Schule hatte sich Mühe gegeben. „In der Weihnachtsbäckerei“ zu singen, betrachtete ich als Kult, denn dieses Weihnachtslied fiel effektiv aus dem Rahmen. Ich entkam dem ganzen Gedrängele, indem ich einen Stehtisch dicht am Fenster erwischte. Ich schaute auf den Schulhof, wo Kinder in wirrem Gehopse hin- und her rannten, ihre Eltern umschwärmten und sie dann hinter sich herzogen, um ihnen in ihren Klassenräumen Basteleien zu zeigen.

Ich sah die Dinge auch deswegen positiv, weil ein Märchenerzähler vorlas. Und zwar Hänsel und Gretel. Der Märchenerzähler gab sich Mühe und nahm sich viel Zeit, denn eine Stunde lang verschwand unsere Kleine gemeinsam mit anderen Kindern. Niemand störte die Kinder hinter einem grünen Samtvorhang, wo der Märchenvorleser sie in aller Ausführlichkeit in die Geschichte über eine Hexe und zwei bitterarmen Kindern entführte, die zum Schluss ein gutes Ende fand.

 Derweil stützte ich meine Ellbogen gemütlich auf den Stehtisch. Der Kaffee dampfte, ich schlürfte den brühwarmen Muntermacher hinunter. Zugezogen, hatte ich zu den Bewohnern im Ort keinen regen Kontakt. Doch Gesichter, die ich über Kindergarten oder Schule oder Nachbarschaft kannte, rannten mir bei solchen Veranstaltungen in der Grundschule stets über den Weg.

Es war Ellen.

Die Falten hatten in dem Gesicht der Mittvierzigerin Überhand genommen. Schlaff hing ihr schulterlanges, braunes Haar herunter. Ich kannte sie, weil die Firma ihres Mannes uns damals ein Angebot für Solarzellen auf unserem Häuserdach machen wollte – was dann aber nicht geschah. Ihr jüngster Sohn ging in die dritte Schulklasse.

„Wie geht es ?“
„Übel. Manchmal bin ich nur noch am Heulen.“

Ich wusste, dass ihr Ehemann sie kurz vor der Silberhochzeit verlassen hatte, weil er seine eigene Freiheit entdeckt hatte und sich selbst verwirklichen wollte.

„Dein Lebensstandard geht wahrscheinlich gleich Null.“
„Ich sage nur: übel. Im Hotel mache ich Zimmer sauber, weil ich den ganzen Tag nicht in der Bude hocken kann. 600 Euro verdiene ich dort. 100 Euro bleiben übrig, weil dann das Amt kein Wohngeld mehr zahlt. Das Amt zieht mich also auf Hartz IV-Niveau runter, egal, was ich mache.“

„Deine Jungs ?“
„Genauso übel. Mein ältester, der sechzehn ist, ist seit einem Jahr bei seinem Vater. Mein Ex hat nun eine Freundin, die gut verdient. Er kann unserem ältesten all dieses elektronische Spielzeug bieten, was ich ihm nicht bieten kann.“

Ich holte uns beiden einen weiteren Kaffee. Ich staunte, wie ruhig sie war. War es unser Gespräch, das ihre Verkrampfung löste ? Dann umklammerten ihre Finger den Kaffeebecher, in langen Schlücken sog sie ihn in sich hinein. Das Menschgewimmel vor der Kuchentheke hatte sich gelichtet. An den Spiegelungen der Deckenbeleuchtung vorbei, verirrte sich mein Blick durch das Fenster, wo sich unsere Pfarrkirche standhaft von dem grauen Novemberhimmel abhob.

„Deine anderen beiden Jungs ?“
„Der ältere schreit nur rum. Ich könne nicht kochen, er will meinen Fraß nicht essen, ich wäre eine Schlampe. Vater und Freundin stacheln ihn an. In ein paar Jahren ist der auch bei seinem Vater, weil er zahlungskräftiger ist und mehr bieten kann.“

„Deine Eltern ?“
„Habe ich keine. Bin bei meiner Pflegemutter aufgewachsen.“

Ich senkte meinen Kopf. Das war übel.

Wir redeten über weitere Übelkeiten, über Scheidungsrecht, über Endlosveranstaltungen von Gerichtsprozessen, über eine höchst richterliche Entscheidung, dass die 250 Euro Unterhalt ihre Richtigkeit hatten. Übel war auch der tägliche Existenzkampf, mit dem Geld klar zu kommen.

Sie jammerte nicht, umgekehrt war ihr aber auch kein Lächeln zu entlocken. Dieser Adventsbasar hatte mir übel mitgespielt. Wie aufs Glatteis geführt kam ich mir vor, ob und wie ich ihr helfen könnte. Üblicherweise hielt ich mich von solchen Beziehungsdramen ganz weit fern. Bislang kannten wir sie so gut oder so schlecht, wie wir die übrigen Nachbarn in unserer Nachbarschaft kannten.

Als ich den Adventsbasar verlassen hatte, geisterte sie noch lange in meinem Kopf herum. Von solchen Einzelschicksalen bekamen wir eher selten etwas mit. Ich hatte in Abgründe hinein geschaut, die uns erspart geblieben waren. Glücklicherweise.

Montag, 11. November 2013

graue Überraschung in der Fußgängerzone

Meist war es der gewohnte Alltagstrott. Morgens schritt ich durch die Fußgängerzone, Passanten schauten anonym vor sich hin, Geschäfte und Ladenlokale sehnten den Tag herbei, es war noch still. Kunden rieselten in Bäckereien hinein, verpflegten sich mit ihrer Vormittagsration und stierten draußen auf eine grinsende Gestalt, die mit „BUL Shoes“ auf einer Werbetafel ein perfektes Gehvergnügen versprach. Kram, Nippes, Billigware, Dies und Das, emotionslos rauschten die Warenauslagen an mir vorbei. In Erwartung des bevorstehenden Tages dümpelte mein Gefühlspegel auf einem niedrigen Niveau. Mal sehen, welche Überraschungen der Tag zu bieten haben würde. Meine Gedanken waren so sehr in die Ferne gerückt, als würde ich meine eigene Mondlandung planen.

Als ich die Metalltafel erreichte, wo 1967 das erste Stück Fußgängerzone gebaut worden war, kam die Überraschung. Wie angegossen steckten sie in ihren tadellosen und sauberen Uniformen. Die beiden Burschen waren so jung, als ob sie gerade erst die Schule beendet hatten. Die aschgraue Farbe der Uniformen stach in der Morgenfrühe heraus. Die Jungs mit den butterweichen Gesichtszügen, ihrer festgepflanzten Haltung und ihren suchenden Blicken waren markant. Mit ihren Schiffchen, den kurzgeschorenen Haaren und den nach oben gerichteten Ohren war die Zuordnung klar: Bundeswehr.

Was hatte die Bundeswehr in der Fußgängerzone zu suchen ? Einsam und alleine ? Ich rätselte, verlangsamte meinen Schritt. Sie kamen mir verloren vor, herum irrend, als wüssten sie nicht, wo sie ihren Platz in der Kaserne hätten. Der Fluß der Passanten nahm keine Notiz von ihnen.

Als ich auf den Marktplatz strebte, entwickelte sich eine ungeahnte Dynamik, denn sie schritten auf mich zu. Ihre Schüchternheit wandelte sich in eine Unerschrockenheit.

Zielgerichtet sprachen sie mich an: „Wollen Sie etwas für die Deutsche Kriegsgräberfürsorge spenden ?“

Normalerweise war ich gewarnt, je mehr sich die Vorweihnachtszeit näherte. Es war nicht Ostern, Muttertag, Pfingsten, Christi Himmelfahrt oder Fronleichnam, sondern das Weihnachtsfest, welches das allumfassende Fest der Liebe war. Die Spendenbereitschaft in der Bevölkerung war in der Vorweihnachtszeit besonders hoch. Als rational denkendes Wesen klopfte ich ansonsten im Vorfeld ab, für was ich spenden wollte. Teilweise grenzten die Spendenaktionen an Nötigung, wenn wir Weihnachtskarten von karitativen Organisationen zugesandt bekamen und dann um Spenden gebeten wurden.

Die harmlos aussehenden Jungs von der Bundeswehr, die ich mir nicht im Kampfanzug vorstellen konnte, warteten, ihre Blicke kreisten, ihre Spendendose zeigte nach unten. Sie rührten sich nicht. Zwischen ihrem glatten Kinn und ihrer fein rasierten Haut verzogen sie keine Miene.

Ich hätte vorbeigehen können, ohne dass sie mir nach geschaut hätten. Wahrscheinlich waren sie sich ihrer Mission auch bewusst, dass man sie auf den allgemeinen Spendenzug gesetzt hatte und dass sie sich nicht wehren konnten mitzufahren. Vielleicht waren sie auch froh, dass sie dem Drill in der Kaserne nicht ausgesetzt waren. Anstelle Befehl und Gehorsam konnten sie nun die Zeit auf irgendeinem Fleck in der Fußgängerzone totschlagen.

Ich grübelte. Mit Soldatenfriedhöfen verband ich vieles. Ich hatte sie in Flandern, in der Picardie, in der Champagne, in Lothringen und zuletzt auch in Königswinter gesehen. Sie hatten mich sehr bewegt. Sie waren Mahnung und Symbol, dass sich Kriege zwischen europäischen Staaten hoffentlich niemals wiederholen sollten.

Ich war keinen Moment unentschlossen. Ich spendete. Ein Euro wanderte in die Spendendose. War es nicht eine höhere Aufgabe, sich um die Toten der beiden Weltkriege kümmern ? Die beiden nickten zufrieden, wünschten mir einen schönen Tag. Ich entschwand in der Flüchtigkeit des Marktplatzes. Abseits der Marktstände verschwammen die Laufwege der Passanten. Die Ornamentik des Rathauses drückte auf den Marktplatz. Die Monumentalität des Platzes brachte mich einen Moment lang aus meinem Alltagstrott.

Hinab in die U-Bahn. Ich hatte ein gutes Gefühl, gespendet zu haben. 

Samstag, 26. Oktober 2013

Albtraum

Die Gäste waren gegangen, das Haus war leer, ein wüster Berg von weggeräumtem Geschirr stapelte sich auf der Spüle. Wir standen vor den Resten dieses rundum schönen Abends, denn der Zwiebelkuchen hatte allen lecker geschmeckt. Zwei Glas Federweißer und ein Glas Rotwein hatte ich verkostet. Das sollte passen, denn verteilt über den ganzen Abend war die Alkoholmenge nicht ausgeufert. Der Zeiger unserer Küchenuhr wanderte auf Mitternacht zu. Um halb sechs würde der Wecker wieder los bimmeln, um mich ins Büro zu scheuchen, und fünfeinhalb Stunden Schlaf sollten reichen.

Nachdem ich alles in die Spülmaschine befördert hatte, ging es ab ins Bett. Die Müdigkeit stürzte auf mich los. Im Bett kuschelte ich meinen Kopf in mein Kissen, zog die Bettdecke unter meine Ohren, meine Gedanken schlummerten dahin, zerflossen, dösten, standen still, bis sie in einem Loch verschwanden.

In diesem Loch kam lange Zeit nichts. Körper, Seele und Geist schwebten in der Dunkelheit dahin. Traumbilder flackerten über mich hinweg, blitzten auf und verschwanden dann wieder. Dann tauchte ein Traumbild wieder auf, verdichtete sich. Klar wie ein Gespenst in der Nacht schälten sich die Umrisse eines Menschen heraus. Es war so, als träfe mich ein Schlag ins Gesicht. Dann war alles wie weggewischt. Verzweifelt krallten meine Finger die Bettdecke. Benommen und vernebelt vom Schlaf, fand ich mich in einer blassen Dunkelheit wieder.

Ich blätterte in meinen Träumen zurück und das Traumbild stand wieder vor mir. Rosa war seine Erscheinung: über seinem rosanen Umhang hing sein Bischofskreuz, seine Hände waren in sich gefaltet, ehrwürdig und fromm war sein Blick durch seine rahmenlose Brille. Mit seinen feinen Gesichtszügen wirkte er jünger, als er war. Fast hätte man ihn für einen Messdiener halten können. Als Kopfbedeckung trug er sein rosanes Zucchetto. Auge in Auge sahen wir uns an. Kein Zweifel: es war der Limburger Bischof Tebartz-van Elst.

In diesem Augenblick stand ich senkrecht in meinem Bett. Obschon ich hellwach war, rieb ich meine Augen. Mein Blick schlich zäh durch das Zimmer. In der Nacht war alles unterschiedslos grau bis schwarz. Der Schleier der Gardine war der einzige hellere Fixpunkt, der mir im Dunkeln Orientierung verlieh.

Wieso kam gerade dieser Bischof dazu, sich in meine Träume zu mischen ? Die Schlagzeilen hatten wild auf ihn eingedroschen. Zu Recht. Dass Meineid und Geldgier kein Kavaliersdelikt waren, da gab es nichts weg zu diskutieren. Ich hatte Tebartz-van Elst aber geistig beiseite geschoben. Sollten doch all die Journalisten, Kolumnisten, Kabarettisten oder Karnevalisten ihn ausschlachten. Er lieferte jede Masse Stoff für Komik, Widersprüche, Parodien oder Zynismus.

Federweißer und Rotwein drückten auf meine Blase und mich auf die Toilette. Danach zirkulierten meine Gedanken bestechend scharf. Angestachelt, wusste ich nicht, wie ich mich im Bett drehen und wenden sollte. Wieso Tebartz-van Elst ? Mein Verhältnis zu Religion und Kirche war entspannt. In den Messen war ich seltener Gast, unseren Pastor grüßte ich freundlich in unserem Ort. In der Bibel hatte ich sehr lange nicht mehr gelesen. Ihre Inhalte betrachtete ich als wichtig, da Ethik und Werte unserer Gesellschaft abhanden gekommen waren. Ich hatte eine Vorliebe für Dome und Kathedralen. Kritische Themen wie Zölibat, das Verhältnis der Kirche zu Geld, Exkommunikation bei Scheidung oder die Wachset-und-mehret-Euch-Ideologie in der Dritten Welt waren mir bekannt. Ich hatte aber keine Lust, mich an all diesen Debatten zu beteiligen.

Mein Kopf kam auf Hochtouren. Mitten in der Nacht um drei Uhr. Ich hatte Tebartz-van Elst nichts getan. Und die anderen sollten sich um die Kostenexplosion seines Bischofssitzes kümmern. War er ein Phantom ? War er eine Art „Darth Vader“ aus den Starwars-Filmen, der der dunklen Seite der Macht verfallen war ?

Ich drehte mich, ich wendete mich unter der Bettdecke, ich öffnete die Türe zum Balkon, um bei frischer Luft einschlafen zu können. Ich dachte über hoch schwierige Fragestellungen nach, um einschlafen zu können: ich versuchte, die mathematische Lagrange-Methode auf die Reihe zu bekommen; ich versuchte, die Erbfolge Karls des Großen über einen möglichst langen Zeitraum in mein Gedächtnis zurück zu rufen; ich versuchte, alle Bände von Harry Potter aufzuzählen. Nichts half. Meine Gedanken drehten sich und wendeten sich und kreisten hilflos um Kirche und Religion und Tebartz-von Elst.

Die Verzweiflung, mit der ich auf meinen Radiowecker starrte, stieg. Es wurde vier Uhr. Danach fehlten nur noch wenige Ziffern, bis fünf Uhr erreicht wurden. Doch die fünf als Anfangsziffer bemerkte ich nicht mehr, denn nach endlosen Anläufen schlief ich ein. Es sollte nicht lange dauern, dann bimmelte pünktlich um halb sechs mein Wecker und die Musik auf WDR2 plärrte in die Nacht hinein.

Tebartz van-Elst samt Wecker hätte ich an die Wand werfen können. Nicht fünfeinhalb Stunden, sondern gerade dreieinhalb Stunden Schlaf hatte ich gehabt. Das sollte mir den kompletten Tag vermiesen. Ich war wie gerädert. Ich verrammelte mich in meinem Büro und schaffte nur einfache Tätigkeiten. Die Formeln in Excel verschwammen. Word-Dokumente, die mehr als 20 Zeilen enthielten, legte ich beiseite. Zu brauchbaren Präsentationen war ich gar nicht fähig. Viel mehr als Aufräumen und meine archivierten Dateien in Ordnung zu bringen, war nicht drin.

Einen solchen Albtraum hatte ich seit den 80er Jahren nicht mehr geträumt. Damals war ich von explodierenden Atomraketen im Schlaf aufgeschreckt worden.

Freitag, 21. Juni 2013

Papa ?

Ich vertiefte mich in meine Zahlen wie in einer Klausur. Abgeschottet, lief meine Konzentration auf Hochtouren. Aus einem Gebirge von Zahlen suchte ich Kernaussagen, die einen Kern von Wahrheit beinhalteten. Ich drehte, wendete, beleuchtete das Zahlenmaterial von allen Seiten, extrahierte. Ich schärfte meinen Blick für das wesentliche.

Ich bemerkte nichts, neben unserem Bürogebäude hätte eine Bombe einschlagen können. Nichts hätte mich aus diesem fernen Zustand, in dem mich all meinen Verstand in die Waagschale schmiß, herausreißen können.

Es ist nicht nur mit zunehmendem Alter, auf Geräusche habe ich schon immer sensibel reagiert. Das Telefon klingelte in meinem Büro. Dem vernetzten Internet-Zeitalter entsprechend, riß mich das Internet-Telefon auf meinem Schreibtisch aus diesem Höchstmaß an Konzentration. Es klingelte dumpf, hartnäckig. Unbekannt verschleierte die fehlende Rufnummernanzeige den wahren Anrufer. Weil mich der Klingelton an einen schlechten Hupton erinnerte, fühlte ich mich genötigt abzuheben. Trotz fehlender Rufnummernanzeige, denn diese Anrufe sortierte ich direkt in die Kategorie „unwichtig“.

Ich hob ab, meldete mich mit meinem Namen, den ich wegen des Abbruchs meiner Phase finaler Einsichten bewußt mit meiner undeutlichen Aussprache schluderte. Immerhin signalisierte mir die fehlende Rufnummernanzeige, dass es wieder mein Chef, noch meine Abteilungsleiterin, geschweige denn unser Geschäftsführer sein konnte. Die wichtigsten Anrufe, die von meiner Göttergattin kamen, konnten es genauso wenig sein.

Als sich die Telefonleitung einige Sekunden wie tot anhörte, meldete sich mein Gesprächspartner.
„Papa ?“

Kannte ich nicht. Es war eine unsichere Jungenstimme, die sofort von der Vergänglichkeit des Augenblicks erstickt wurde. Unser Sohn war es definitiv nicht. Bei ihm wäre Frage auf Frage gefolgt, denn er hätte ein Ziel seiner Fragerei im Hinterkopf gehabt. Außerdem war die Stimme unseres Sohnes tief, die den Stimmbruch in vollem Umfang durchlaufen hatte.
„Papa ?“ hakte die Jungenstimme irritiert nach.

Das war irrational. Nicht jeder x-beliebige hatte die dienstliche Telefonnummer in meinem Büro. Ich war nicht weniger irritiert, dass sich ein Sohn meldete, der gar nicht mein Sohn sein konnte.
„Papa ?“ die Jungenstimme blieb hartnäckig. Sie klammerte sich an meiner Stimme fest und gewann an Überzeugung.
„Sind Sie nicht mein Vater ?“

Sprachlos hielt ich den Telefonhörer in der Hand. Spontan gingen mir Politiker durch den Kopf, die im Rampenlicht der Öffentlichkeit standen. In irgendwelchen dunklen Ecken verbargen sie ihre unehelichen Kinder. Beispiele gingen mir durch den Kopf: ein Horst Seehofer in einem erzkatholischen Bayern, ein Francois Mitterrand als Denkmal eines französischen Präsidenten, von Lüstlingen wie Silvio Berlusconi ganz zu schweigen. Dabei hatte ich es gar nicht nötig, in diese Kategorie eingeordnet zu werden. Ich hatte ein vollkommen reines Gewissen, kein Fremdgehen, auch keine unehelichen Kinder im Verborgenen.

Ich konnte also ein aufrechtes Telefongespräch führen, ich brauchte keine unseligen Erinnerungen an dunkle Kapitel meiner eigenen Vergangenheit zu fürchten. Ich versuchte, Licht ins Dunkel hinein zu bringen.
„Wer ist denn Dein Vater ?“ ich war mir selbst unsicher. Weniger wegen der Vaterschaft, sondern ob es richtig war, meinen Gesprächspartner zu duzen. Ein beklemmendes Schweigen entstand , mit dem unsere menschlichen Verbindungen abzureißen schienen.

„Wie heißt denn Dein Vater ?“ … „Matthias.“

Matthias saß ein Büro weiter. Ich wusste, dass er einen Sohn im jugendlichen Alter hatte. Er signalisierte, dass ich das Gespräch weiterleiten sollte. Alles klärte sich also innerhalb von Sekunden.

Wie kam sein Sohn an meine Telefonnummer ? Für seine Familie hatte mein Arbeitskollege eine Liste wichtiger Telefonnummern angefertigt. Falls er unter seiner dienstlichen Telefonnummer nicht erreichbar sein würde, hatte er Ersatz-Telefon-Nummern von mehreren Arbeitskollegen aufgelistet. Vielleicht war die dienstliche Nebenstellenanlage defekt, so dass er telefonisch nicht erreichbar war. Daher telefonierte sein Sohn die Nachbar-Büros ab – und landete bei mir.
Seine Stimme war ein ominöses Erlebnis. Meine Bedenken waren in Sekundenschnell in einer Luftblase zerplatzt. Easy livin‘. Mögen Vater und Sohn in diesem Telefongespräch miteinander klar gekommen sein.

Montag, 3. Juni 2013

das Netz

Der Auszug rückte näher, und das war gut so. Die Wohnung, die sie sechs Monate bewohnt hatte, hatte sie gedanklich bereits abgehakt. Obschon der Mietvertrag erst in drei Tagen endete, wollte sie nur noch weg von diesem Ort der Kontrolle und Willkür. Sie weigerte sich, Erinnerungen aufleben zu lassen, wie die sechs Monate verlaufen waren. Die letzten Kleinigkeiten abholen, ihr Freund hatte gestrichen und renoviert. Ihr Auto kurvte durch die Vorstadtsiedlung, die mit den Platanenreihen merkwürdig hübsch aussah. Der Kinderwagen schiebenden jungen Mutter auf dem Gehsteig schenkte sie keine Beachtung. Es war widersinnig. Lieber in einer eintönigen Mietskaserne wohnen als in dieser Vorstadt, wo zwischen den Einfamilienhäusern ausreichend Platz war. Lieber Wohnung neben Wohnung eng zusammengequetscht wohnen als hier auf lauter sauber heraus geputzte Vorgärten zu schauen.

Sie parkte in einer Seitenstraße. Die prallen Blüten von Rhododendron-Büschen wucherten über einen Jägerzaun. Sie roch die dezente Frische von gemähtem Rasen, dessen Farbe von einem hellen zu einem beschwingten Grünton wechselte.

Herein, Umzugskiste befüllen, heraus, möglichst schnell diesen unseligen Ort wieder verlassen, mehr wollte sie nicht. Sie traute ihren Augen nicht, als sie von der Straße aus zu dem rostrot verklinkerten Einfamilienhaus hinauf schaute. Über dem Balkon ihrer sechzig Quadratmeter großen Noch-Mietwohnung erkannte sie schemenhaft einen Vorhang. Was war los ? Über die Pflastersteine, die zur Haustüre gelangten, trat sie näher heran. Es war keine optische Täuschung. Jemand hatte tatsächlich über der Brüstung ihres Balkons eine Art Netz gehangen, das so aussah wie das Mittelnetz auf einem Tennisplatz. An den Seitenwänden und an der Decke befestigt, blähte sich das Netz sogar auf wie ein Tornetz beim Fußball, wenn der Wind hinein pustete.

Sie rätselte, staunte, wie sich menschliche Verhaltensweisen verirren konnten. Sie schritt über die Haustüre, Flur, Diele und Treppenaufgang zu ihrer Noch-Mietwohnung.

„Was machen Sie hier ?“
Schnauzte der Vermieter, als müsse sie zu einem Appell wie bei der Bundeswehr antreten.

Ihre Blicke kreuzten sich. Es war ohnehin gleichgültig, wie sie gekleidet war, wie sie sich gab, welches Mienenspiel sie zeigte oder wie sie auf die blasse Tapete starrte. Sie lieferte ihm stets einen Grund, sich aufzuregen. Seine eng zusammenliegenden Pupillen spuckten Gift. Er warf ihr vernichtende Blicke zu, als hätte er sie auf den Mond oder sonst wo hin gewünscht, wo er sie niemals wieder sehen würde.

Die sympathische Mieterin, die sie anfangs für ihn war, hatte sich mit ihrem Einzug in ein Feindbild verwandelt. Seine Schwiegermutter war genügsam. Zahlungsfähig, fester Job, einfach, unkompliziert, so hatten er und seine Frau sie als Nachmieterin für die Einliegerwohnung ausgewählt, nachdem seine Schwiegermutter gestorben war. Die Probleme begannen nach ihrem Einzug. Seine Frau machte Diät, und sie mochte es nicht, wenn Gerüche aus der Küche nach außen drangen. Daher mussten die Fenster beim Kochen geschlossen bleiben. Er kannte keine Geräusche mitten in der Nacht. Schlagartig wurde er wach und er hatte es notiert: regelmäßig morgens – die früheste Zeit war 5.26 Uhr – hörte er die Toilettenspülung (weil sie wegen ihrer Arbeit so früh aufstehen musste).

Für sie war dies der Horror der Kontrolle. Um 5.26 Uhr morgens durfte sie keine Toilettenspülung betätigen. Sie durfte nur bei geschlossenem Fenster kochen. Ihren Freund musste sie anweisen, geräuschlos zu kommen und genauso geräuschlos abends die Wohnung zu verlassen, ohne dass nur ein Muckser im Flur zu hören waren. Mehrere Freunde einzuladen, war schlichtweg undenkbar.

„Was wollen sie in ihrer Wohnung ?“
Bei seiner drahtigen, cholerischen, aufbrausenden, unruhigen Erscheinung hätte er sie am liebsten mit einer Handbewegung weggewischt.

„Ich wohne hier noch. Erst in drei Tagen sind Sie mich als Mieter los. Dann können Sie machen was sie wollen.“

Sie drehte den Schlüssel der Wohnungstür um, betrat die Wohnung, schleifte den Umzugskarton als lästiges Anhängsel hinein, ignorierte ihren Vermieter, der an ihr zu kleben nicht aufhörte.

Sie steuerte auf die Irrungen und Wirrungen menschlicher Verhaltensweisen, zu denen sie eine Erklärung suchte. Vergeblich, wie sich herausstellen sollte. Dissonanzen, würde man in der Musik sagen. Sie schritt auf den Balkon. Welche Bedeutung, welchen Sinn hatte das Netz ?

Der Balkon kam ihr verschleiert vor wie eine muslimische Frau, die ihre sonnige und aufreizende Seite nicht zeigen durfte und alles anstatt dessen in Verhüllung und Schleier verbergen musste.

„Und ?“
Sie zeigte auf das Netz und schüttelte den Kopf. Beide standen auf dem Balkon. Einem Tennisnetz, wie man es auf jedem Tennisplatz in Deutschland sah, war dieses Netz verblüffend ähnlich. Sie rang nach Deutung. Tornetz oder Tennisnetz, als kriegte sie keinerlei Verbindung hin zu einem Wohnen in Ruhe und Frieden, wie es eigentlich jeder Mensch anstrebte.

„Kreuz und quer stehen Ihre Pflanzen auf dem Balkon. Da ist keinerlei Ordnung erkennbar. Das kann ich niemandem zumuten. Ihre Pflanzen sollten schnellstmöglich verschwinden. Mit dem Netz habe ich es geschaftt, dieses Chaos zu verbergen.“

Sie wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. Solche Abgründe menschlicher Verhaltensweise hätte sie niemals für möglich gehalten. Als sie ihre letzten Hebseligkeiten in die Umzugskiste gepackt hatte, betrat sie niemals mehr diesen Ort. Leergeräumt, scherte sich niemand um die Übergabe. Das war schon beinahe ein Wunder, dass er mit seinem nörgelnden Charakter hätte bestimmt Mängel entdeckt