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Samstag, 27. Dezember 2014

Heilige Gertrud von Nivelles - doppelte Zerstörung 1940 und 1944

Unterführung mit Wandmalerei
Gäbe es nicht die Stadtwerke, dann würde die Stadtlandschaft an manchen Stellen in einer heillosen Wüste aus Beton, Blech und Plastik versinken. Unscheinbare Kästen, rechteckig, platt, emotionslos, vollgespickt mit der Technik von Stromverteilungen, werden zum echten Hingucker, wenn sie bemalt sind und die Schönheiten der Stadt zeigen. Auch an Bushaltestellen hübschen die Wandmalereien die Warterei auf – und vertreiben die Tristesse. Eine Unterführung wird zum wahren Erlebnis der Malerei - so in der Fußgängerzone. Und sie erzählt eine Geschichte vom doppelten Leid und von einer doppelten Zerstörung.

Gertrud von Nivelles, 625 südlich von Brüssel geboren, wanderte als Jugendliche nach Franken aus, und gründete dort im Erwachsenenalter ein Benediktinerinnenkloster. Später, das war 652, kehrte sie nach Nivelles zurück, und wurde dort Äbtissin desjenigen Klosters, das  ihre Mutter zuvor gegründet hatte. Sie war eine hoch gebildete Frau, sie befasste sich mit den christlichen Schriften, die auf der Bibel aufsetzten. Nivelles machte ihr Kloster zu einem Zentrum christlichen und abendländischen Denkens, indem sie Abschriften aus Rom kommen ließ, wie die Bibel auszulegen war, und sie gewann irische Mönche, damit das christliche Denken in neue Dimensionen vorstoßen sollte. Heilig gesprochen wurde sie, da sie Armen- und Krankenhäuser bauen ließ und eines der erste Pilgerhospize errichtete. Sehr jung, im Alter von 33 Jahren, starb sie.

Stiftskirche St. Gertrud in Nivelles; Quelle Wikipedia
Nach einer Legende machte sie Schluß mit einer Ratten- und Mäuseplage. Überall krochen Ratten und Mäuse aus Löchern und Ritzen hervor, sie drangen in Häuser ein, und selbst Scharen von Katzen konnten die Plage nicht eindämmen. Ratten und Mäuse machten sich über die Felder her, sie fraßen das Korn, und sie fraßen die Vorräte in den Kellern. In dieser Not betete Gertrud von Nivelles: mit einem Male verschwanden Mäuse und Ratten  - und sie wurden nie mehr gesehen. Viele Heilige haben ihr Spezialgebiet – Laurentius schützt vor Feuer, Hubertus schützt die Förster, Rochus schützt vor der Pest. Und die Heilige Gertrud schützt neben Ratten und Mäusen auch vor Ungeziefer. Also können diejenigen Haushalte aufatmen, in denen eine Gertrud wohnt, denn dann haben sie keinen Ärger mit Wespen, Motten, Küchenschaben, Kakerlaken, Wanzen und all diesen Insektenschwärmen, auf die jeder gut verzichten kann. 

Die Heilige Gertrud hat sich im Rheinland durchaus verbreitet, so in Düsseldorf, in Herzogenrath bei Aachen oder in Essen. Und in Bonn. Ihr wurde eine Kapelle geweiht, die Gertrudiskapelle, die 1258 erstmals erwähnt wurde. Sie stand in Rheinnähe nicht weit entfernt vom Alten Zoll.

Wandmalerei Gertrudiskapelle (1)
Doppeltes Leid und doppelte Zerstörung im Zweiten Weltkrieg. 1940 überrollte Hitler die Benelux-Staaten, um sich im Westfeldzug beim Erzfeind Frankreich zu revanchieren für die Schlappe der 1918er-Niederlage. Belgien geriet dabei zur Spielwiese des Krieges, um im Aufmarschgebiet Belgiens die Angriffslinien des Heeres frei zu bekommen. Im Mai 1940 wurde die Lage prekär, da es in Nivelles einen Flughafen der belgischen Luftwaffe gab, wo die Deutschen auch französische Flugzeuge vermuteten. Eine Aufforderung zur Kapitulation am 10. Mai 1940 ignorierten die Bürger aus Nivelles. Daraufhin bombardierte die Luftwaffe am 14. Mai 1940 die komplette Altstadt Nivelles samt der romanischen Kirche aus dem Jahr 1046, die andere Bauformen hatte als Maria Laach, aber mit ihren Ausmaßen und ihrem ausladenden Westwerk durchaus damit verglichen werden konnte. Gleichzeitig wurde mit der Bombardierung der vergoldete Reliquienschrein aus dem Jahr 1298 zerstört, der die Gebeine der Heiligen Gertrud aufbewahrte. Erst 1982 wurde dieser durch einen neuen Schrein aus Silber ersetzt.

Freude, Joy, Joie – so optimistisch geleitet die Wandmalerei durch die Unterführung in der Bonner Fußgängerzone. Das frische Grün des Siebengebirges haftet auf sprödem Beton, das Motto „weil Flair unbezahlbar ist“ wehrt sich gegen die Ausdruckslosigkeit. Beethoven und der Rhein tun ihr bestes, die Optik dieser düsteren Stelle aufzuwerten. Es ist die Kraft der Farben, die den wild daher gekraxelten Buchstaben „Z“ „U“ „M“ Flügel verleiht, so als hätte der blaue Geist aus der Sprühdose ganze Arbeit geleistet.

Und im Kreis der Wandmalerei rund um den Rhein, der Stadt und dem Schwung der Farben steht die Gertrudiskapelle, ein kleiner Bau in magerem Rosa, mit hohen gotischen Fenstern und nach oben gerichtetem Dach. Ratten krabbeln am Gewand, so dass die Heilige Gertrudis gleich im Gesamtpaket Schutz gegen Ratten, Mäuse und Ungeziefer aller Art anbietet. Am Fuß der Kapelle lese ich: „die Gertrudiskapelle stand bis zum 18. Oktober 1944 in Bonn am Rhein … „ Der düstere Ort der Unterführung verläuft weiter zur Oper, zum Alten Zoll, und ein Stück davor lag die Gertrudiskapelle.

Wandmalerei Gertrudiskapelle (2)
Doppeltes Leid und doppelte Zerstörung. Am 14. Juni 1940 eroberte die deutsche Wehrmacht Paris, mit der französischen Kapitulation am 17. Juni 1940 dehnte Hitler deutsches Territorium bis zum Atlantik aus. Mit der Landung in der Normandie schlugen die Alliierten vier Jahre später zurück. Ohnehin hatte längst der Bombenkrieg auf deutsche Städte eingesetzt, der auch die Bonner Altstadt nicht verschonte.

Nachdem die Gertrudiskapelle am 18. Oktober 1944 zerstört wurde, entschieden die Verantwortlichen in den 1950er Jahren, die Kapelle nicht wieder aufzubauen. In Rheinnähe gelegen, wurde das Gelände aufgeschüttet, um Hochwasserschutz zu schaffen und mit Wohnhäusern bebaut. Im Jahr 2010 ist es der hartnäckigen Initiative eines Travestie-Künstlers zu verdanken, dass kleine Reste der Kapelle noch gerettet werden konnten.

In diesem Jahr wurde die Wohnbebauung aus den 1950er Jahren abgerissen und durch einen postmodernen Wohnkomplex ersetzt, der ein wenig wie die Kranhäuser im Kölner Rheinauhafen aussehen sollte, aber neben dem historischen Ambiente des Alten Zolls vollkommen missraten aussah.

Dazu musste all das, was in den 1950er Jahren als Hochwasserschutz aufgeschüttet wurde, wieder ausgehoben werden. Das waren Trümmer und der Schutt aus dem Zweiten Weltkrieg, und dem Travestie-Künstler gelang es, Archäologen von der Stiftung Denkmalschutz zu mobilisieren, so dass in aller Seelengeduld gebuddelt und jede Scherbe seziert wurde. Im Umfeld des Zweiten Weltkrieges, was so alles zerstört worden war, waren die Ergebnisse eher bescheiden: ein Bildstock konnte rekonstruiert werden, Steine aus dem Fundament wurden geborgen, nicht zuordenbare Mauerreste.

Immerhin: die Suche nach dem gemeinsamen erlittenen Leid verband die beiden Städte. Aus Trümmerstücken der Bonner Gertrudiskapelle und der Stiftskirche von Nivelles in Belgien wurde eine Kreuzrose geformt. Sie steht nun an derjenigen Stelle, an der sich die Gertrudiskapelle bis zu ihrer Zerstörung befand. 

Samstag, 8. November 2014

Grundriss einer romanischen Kirche

Den Hinweisen eines Hobby-Historikers ist es zu verdanken, dass im Stadtteil Niederholtorf die Grundmauern einer romanischen Kirche aus dem 11. Jahrhundert frei gelegt wurden. Dieser Heimatforscher hatte am Rande des Siebengebirges ein sehr altes Gemäuer im Erdboden entdeckt, und er glaubte daran, dass der Bau des Gemäuers sehr viele Jahrhunderte zurück lag. Daraufhin informierte er das Rheinischen Amt für Denkmalpflege, die Ärchäologen gruben und sie wurden auch fündig. In ein Meter Tiefe gruben sie zwei Skelette aus. Daraufhin bestimmte die Universität Kiel mit Hilfe einer Radiokarbonuntersuchung das Alter der Skelette. Das Ergebnis war eine faustdicke Überraschung. Die Skelette, wovon eines einem vierjährigen Kind gehörte, datierten auf das Jahr 1024. Ebenso wurde die Gemäuer im Erdboden freigelegt; diese wurden auf das 11. Jahrhundert geschätzt. Der Grundriss der Mauern entsprach einer romanischen Kirche. Gleichzeitig wurde festgestellt, dass die Mauern im 13. Jahrhundert abgerissen wurden, wobei die Steine für umliegende Höfe und Wohngebäude genutzt wurden. Vermutlich, weil die romanische Kirche nur dreihundert Jahre existiert hat, taucht diese in keinerlei Besitzverzeichnissen von Abteien, Höfen, Herzögen, Grafen oder Königen auf. Die Kirche hat aber nachweislich an dieser Stelle am Rande des Siebengebirges gestanden.


An dieser Stelle ist das Kindergrab mit einer Grabplatte markiert.




Der Grundriß der Kirche ist mit Steinplatten markiert.



Sonnendurchflutet, ist das Gesamtbild beeindruckend.

Sonntag, 1. Juni 2014

Altäre in der Pfarrkirche St. Nikolaus in Königsfeld/Eifel

Die Jahreszahl vor der Eingangstüre hatte mich neugierig gemacht. 1226, das war der romanische Kirchenbau, doch danach sah St. Nikolaus in Königsfeld ganz und gar nicht aus. Gerne besichtige ich Kirchen, wenn sie interessant und vor allem alt aussehen. Ich trat ein, und auch von innen registrierte ich, dass der Umbau im neugotischen Stil aus dem Jahr 1912 die romanischen Stilelemente dominierten, die sich im Chor wiederfanden. Was mich aber anzog, waren weniger die Reste romanischen Baustils, sondern die Altäre.


Der Hochaltar mit der freistehenden Altarwand stammt aus dem Jahr 1912.


Selten ist die Form des aus runden Bögen geschnitzten Marienaltars.


Aufwändig gestaltet ist der Aufsatz des Nikolausaltars.


Dem Heiligen Maternus, das war der erste Bischof in  Köln, wurde ein Altar geweiht, da er auf seinem Weg von Köln nach Trier in der Nähe von Königsfeld übernachtet hatte.

Sonntag, 11. Mai 2014

Servatius-Kapelle

Kapelle auf der Waldlichtung
Ich musste genau hinsehen, denn schon zweimal hatte ich die kritische Stelle übersehen. Bewußt bin ich auf der Suche nach unbekannten Flecken im Rheinland, deren hohe Anzahl mir dauerhaft beweist, wie wenig ich meine eigene Heimat kenne. Aus dem Rheintal habe ich mich von Bad Honnef  aus hoch gearbeitet. Langgestreckt ist der Schwung, mit dem die Kurve ausholt. Diesmal folgt mein Rennrad nicht dem Knick der Kurve, sondern an dem Wanderparkplatz mache ich eine Kehrtwendung, eine Stichstraße steigt durch dichten Wald mächtig an, die Vision einer Lichtung umreißt ihr Ende. Unberührtheit und Abgeschiedenheit breiten sich auf einer Wiese jenseits von Bad Honnef aus. Die Servatius-Kapelle beeindruckt mit ihrem zartgelben Anstrich.

Die Frage bohrt sich in mir fest, wieso dieser Heilige, der einhundertfünfzig Kilometer westlich in den Niederlanden in Maastricht begraben ist, ins Rheinland gekommen ist. Auf der Lichtung strahlt die Servatius-Kapelle eine ausgewogene Harmonie aus. Tannen und Ahorn rahmen den schmalen Baukörper ein. Das Tageslicht fließt durch die kleinen, zusammen gepressten Rundbogenfenster hindurch.

Grabkammer in Maastricht
Ein unendlich große Lücke klafft. Die Jahreszahl 1755 über dem schmalen, vergitterten Fenster liegt um Größenordnungen von derjenigen Jahreszahl entfernt, die sich vor seinem Grab befindet. Virtuell reise ich von Bad Honnef nach Maastricht in den Niederlanden. In Kellergewölben, hinter einer verschlossenen Eisentüre, ruht der Heilige Servatius in der Krypta der gleichnamigen Kirche. Sein Grab ziert die Aufschrift „Sepulture de St. Servais 384“. Dabei leuchtet die Jahreszahl 384 magisch in mir auf, denn diese Jahreszahl fällt in die römische Antike. Zu dieser Zeit bröselte das römische Reich weg, durchdrungen von wilden Germanen, aber satte eintausendfünfhundert Jahre liegen zwischen diesen beschaulichen Stätten in Maastricht und Bad Honnef. Bad Honnef ist kein Einzelfall: weitere Kirchen in unserer Nähe in Siegburg, Bonn-Friesdorf, Bornheim, Hennef-Winterscheid und Köln-Ostheim tragen den Namen dieses Heiligen aus den Niederlanden.

Die Wege, wie Heilige importiert und exportiert wurden, sind undurchdringlich bis verworren, zumal ein offzielles Verfahren zur Heiligsprechung durch den Papst erstmals 990 belegt ist. Heilige sind Leitbilder, haben Vorbildfunktion und verkörpern eine Richtschnur menschlichen Handelns. Damals wurden sie so verehrt wie heutzutage Helden, Stars und Idole. Heilige mussten ein Leben voller heroischer Tugend gelebt haben oder Wunder gewirkt haben. Märtyrer, Bischöfe, Mönche, Gelehrte, allgemein: Menschen, die jede Menge Gutes getan hatten, konnten heilig gesprochen werden. Jede Stadt, jede Region, jedes Land bekam ihre Heiligen. Um ihre Vielzahl zu überschauen, muss man sortieren. Wichtig oder unwichtig, lokal, regional oder im gesamten Christentum kursierend; dabei wäre der Heilige Servatius in die mittlere Kategorie einzusortieren, denn seine Existenz beschränkt sich auf  die Niederlande, Belgien und Deutschland. Heilige als Exportgut. Das gilt vor allem für die Apostel, die Evangelisten oder Märtyrer aus der Zeit der Christenverfolgung im römischen Reich.

Die Geschichte des Heiligen Servatius ist schnell erzählt. Als sich das Christentum im römischen Reich gefestigt hatte, wurden die größeren römischen Städte zu Bischofssitzen, darunter auch Tongeren im heutigen Belgien. Als Bischof von Tongeren reiste Servatius nach Rom, wo ihm in einer Vision vorhergesagt wurde, dass die Stadt Tongeren durch plündernde Hunnen zerstört wurde. Servatius reiste zurück, warnte die Einwohner von Tongeren, verlegte den Bischofssitz nach Maastricht, das dann von den plündernden Hunnen verschont wurde.

Eingang mit der Jahreszahl 1755
Die Erbauer der Servatius-Kapelle in Bad Honnef haben sich wohl gedacht, dass doppelt besser hält, denn ich finde den Heiligen gleich zweimal, das erste Mal als Skulptur in einer Mauernische, das zweite Mal im neugotischen Altar. Das Innere der Kapelle ist ausgewogen, nicht überladen, schlicht und einfach hübsch. Ich spüre, wie ich zur Ruhe komme. Ein Ort der inneren Einkehr. Ebenso ein Ort der Inspiration, wo ich stillstehe und gleichzeitig Ideen und Gedanken in einer solchen Fülle entstehen, dass ich sie nicht festhalten kann.

Die Jahreszahl 1755 über dem Eingang markiert einen Wendepunkt, denn sie war nach ihrer Zerstörung neu aufgebaut worden.

„In schwerer Zeit um 1755
Wurde ich durch emsigen Fleiß erbaut
Manch Pilger hier auf St. Servatius Hilf vertraut
Nun schlug der Krieg mir tiefe Wunden
Doch treue Helfer haben sich gefunden
Die in der Not zu helfen sind bereit
Hast Du ein Scherflein für zu spenden
Soll Dank und Segen Dir der Himmel senden.“

So formuliert eine hölzerne Tafel im Inneren die höfliche Bitte. Doch welcher Krieg ist gemeint ? Manches bleibt Spekulation. Kriege, die das Rheinland verwüstet haben, liegen weit weg. 1714 war der spanische Erbfolgekrieg zu Ende gegangen, Napoleonische Truppen fielen erst 1795 im Rheinland ein.

Auf der Waldlichtung verhüllt sich die Servatius-Kapelle in Schweigen, denn sie verbirgt ihr tatsächliches Alter. Zurück blickend, wurde die Servatius-Kapelle 1670 erstmals in den Chroniken eines Franz Xaver Trips erwähnt. Die Pest hatte im Rheinland gewütet, und die Menschen wollten der Seuche begegnen, indem sie beteten und Gott herauf beschworen. Christen aus Bad Honnef und Aegidienberg, die eine Christengemeinde im Rheintal und die andere auf den Höhen des Siebengebirges, taten sich zusammen und riefen eine Prozession zur Servatius-Kapelle ins Leben. Wie alt die Servatius-Kapelle wirklich ist, weiß indes niemand, da Quellen vor 1670 fehlen. Darüber darf nun spekuliert werden. Eine Spekulation nennt ein Datum um 1550, da erstmals in den Quellen eine Grenzmarkierung zwischen den Löwenburger Herren und Hunferode (heute Bad Honnef) genannt werden. Die Stelle der Grenzmarkierung könnte mit der Servatius-Kapelle übereinstimmen.

Skulptur des Heiligen Servatius
Wenn ich zurück rechne, ist die Zeitdifferenz von eintausendeinhundert Jahren riesig, dass Servatius in Maastricht begraben worden ist und im Siebengebirge diese Kapelle gebaut worden ist. Heilige werden kopiert, exportiert, importiert, globalisiert. Dazwischen hängt der mittelniederländische Dichter Heinrich von Veldeke, der um 1150 geboren wurde. Dichtkunst gab es seit der Antike, und in der frühhöfischen Epik haben Dichter im Mittelalter das Leben ihrer Helden dargestellt. Heinrich von Veldeke war fasziniert vom Heiligen Servatius, er schrieb, dichtete, erzählte seine Lebensgeschichte rauf und runter, stilisierte ihn als Helden.

Nun  geschah erstaunliches innerhalb der engen Grenzen des mittelalterlichen Europas, denn es muss Verbindungen von der mittelniederländischen Dichtkunst nach Bayern gegeben haben, denn 1169 erschien die Legende des Heiligen Servatius in den Schriften des Otto von Wittelsbach – der gehörte dem bayrischen Adel an. Fortan wurden Kirchen in Bayern dem Heiligen Servatius geweiht. Wechselwirkungen zwischen Fürstentümern und Staaten entstanden im Mittelalter mit einem Zeitversatz von Jahrhunderten. Der Heligen Servatius wanderte von den Niederlanden nach Bayern und dann ins Rheinland, was auf die merkwürdige Konstellation zurückzuführen ist, dass die Bayern im Rheinland zweihundert Jahre lang das Sagen hatten.

Das hing wiederum mit der Reformation zusammen. Als der Kölner Erzbischof Truchseß von Waldberg drohte zum Protestanten zu konvertieren, riefen die Kölner Kurfürsten 1583 bayrische Truppen zu Hilfe, die den Kölner Erzbischof vertrieben und einen Bischof aus dem Hause Wittelsbach einzusetzen. Das erklärt zum Teil eine gewisse Häufung von Kirchen im Rheinland, die dem Heiligen Servatius geweiht sind, wenngleich es auch Kirchen gibt, deren Erbauungsdatum – wie die Servatiuskirche in Siegburg – nicht in die Epoche der Wittelsbacher im Rheinland fällt.

Innenraum der Kapelle
Die Geißel der Pest ist längst ausgerottet, aber dennoch haben sich die Prozessionen bis ins 21. Jahrhundert gehalten. So ziehen, nicht anders als vor vierhundert Jahren, Gläubige aus Bad Honnef und Aegidienberg am 13. Mai gemeinsam zur Servatiuskapelle. Alljährlich. Heilige sind flexibel und passen sich den Bedürfnissen der Gläubigen an. Der 13. Mai ist gleichzeitig sein Todesdatum, der Heilige Servatius ist einer der Eisheiligen. Was damals die Pest, sind heute Frostschäden, Hagelschlag, Rheumatismus oder Fieber. Heilige sind dehnbar geworden, damit sie den Zeitgeist nicht verpassen.  So vertreibt der Heilige Servatius Mäuse und Ratten, er ist Patron der Schlosser und Tischler, er hilft Fußkranken, er wirkt Depressionen entgegen.

Vor der Ausgangstüre der Servatius-Kapelle kann ich nachlesen, dass Servatius zum Allzweck-Heiligen geworden ist. Auch heute sehnen die Menschen die Wunderkräfte von Heiligen herbei. Die Besucher der Kapelle können ihre Gedanken in einem Buch niederschreiben.

Eine Frau K. aus Haan bei Düsseldorf hat ins Siebengebirge gefunden. Sie hat mehrere Kerzen angezündet, damit der Heilige Servatius Wünsche und Träume erfüllen möge. Servatius soll helfen, dass N. ihre Krankheit überwindet. J. und K. soll er auf ihren schweren Weg ins Berufsleben begleiten. M. soll er Konzentration, Wissen und Gelassenheit auf den Weg geben, damit er seine ADR-Schein-Prüfung besteht. K. selbst steckt schlimm in der Klemme, denn sie hat Schulden, sucht einen Arbeitsplatz, aber nicht irgendeinen, sondern einen, der ihr Freude bereitet. Was ich lese, stimmt mich seltsam optimistisch. Mit K. stimme ich überein, dass die Servatius-Kapelle ein einzigartiger Fleck ist. K. bedankt sich bei L., „dass sie sie zu diesem wundervollen Ort begleitet hat“.

Ruhe und Abgeschiedenheit haben mich voll gepumpt mit Eindrücken. Sie tragen mich nach vorne. Ich verlasse mit meinem Rennrad die Waldlichtung, münde auf der langgestreckten Kurve ein und strebe weiter auf die Höhen des Siebengebirges, nach Aegidienberg.

Samstag, 29. März 2014

898



… bei dem Alter dieser Kirche halte ich inne. Ich überlege. Im Rheinland fällt mir nur der Aachener Dom ein, der älter ist, denn sein Bau wurde im Jahr 796 begonnen. Alle romanischen Kirchen Kölns sind jüngeren Datums, erbaut um das Jahr 1000 oder später. Mit dem Baubeginn im 13. Jahrhundert ist der Kölner Dom ohnehin bei weitem nicht so alt. 898 wurde St. Jakob in Wachtberg-Werthhoven in einer Schenkungsurkunde erwähnt. Der Bau dieser Kirche fällt mitten in die karolingische Epoche hinein, als das Christentum zu Beginn des Mittelalters Fuß fassen konnte.




Der Kirchenbau in Wachtberg-Werthhoven, fünfzehn Kilometer südwestlich von Bonn, ist klein. Nach 898 wahrscheinlich mehrfach umgebaut, hat sie ihr kleines Aussehen erhalten, zumal die Anzahl der Christen im 9. Jahrhundert noch sehr übersichtlich war.


Leider war die Kirche verschlossen. Daher habe ich die Pietà aus dem 15. Jahrhundert sowie den Altar mit dem Patron der Kirche, dem Heiligen Jakob (links), von der Hinweistafel vor der Kirche abfotografiert.

Samstag, 1. Februar 2014

Alte Kapelle

Die Geschichte der Alten Kapelle in Oberkassel steht heute als standhaftes Zeugnis, dass die Reformation sich im Rheinland nicht durchsetzen konnte.  Es war der Kölner Erzbischof Hermann von Wied, der in seiner Amtszeit von 1515 bis 1547 die reformatorischen Ideen  Luthers im Rheinland verbreitete und Melanchton und Bucer predigen ließ. Im Gegensatz zu anderen Ländern, Regionen und Fürstentümern wurden die Ideen der Reformation im Rheinland schlecht angenommen, so dass sich nur wenige evangelische Kirchengemeinden bildeten.1547 zog sich Hermann von Wied resigniert ins Wiedtal zurück. Die darauf folgenden Erzbischöfe verbreiteten wieder die katholische Lehre, so dass es im Rheinland nur wenige evangelische Kirchengemeinden gibt. Eine der wenigen alten evangelischen Kirchen im Rheinland ist die Alte Kapelle in Oberkassel aus dem Jahr 1683.


So sieht die Alte Kapelle von der Königswinterer Straße aus.



Kirchturm, Rundbogenfenster und Aufschriften mit dem Jahresdatum 1683 …


Spruch über der Eingangstüre „Lasset das Wort Christi unter Euch reichlich wohnen in aller Weisheit“ …


Grabplatten auf der Rückseite der Kapelle …


Details auf einer Grabplatte ...


Kirchturm mit Dachgaupe …

Dienstag, 7. Januar 2014

Dreikönigsschrein


Meister der Johannes-Vision; Köln - Wallraf-Richartz-Museum
Der Glaube konnte Berge versetzen. Heilige wiesen die Menschen in eine bessere Welt. Knochen und Gebeine wurden im Mittelalter so verehrt wie Pop-Stars in unserer heutigen Zeit. Doch die Verehrung ging viel tiefer, als wenn heute das Grab eines Jim Morrison auf dem Friedhof „Père-Lachaise“ in Paris verehrt wird. Damals suchten die Menschen Erzählungen, Bilder, Symbole, Zeichen, Wunder. Der Glaube wurde zur Gewißheit,. Klar schälten sich die Umrisse einer Erfüllung heraus. Reliquien versprachen Heilung. Altarbilder ebneten den Weg zu Tugend und Weisheit. Am Pilgerstab baumelnd, den Pilgermantel umgehangen, setzte das Massenphänomen von Wallfahrten ein. „De admiranda, sacra et civili magnitudine Coloniae“, so beschreibt der Kölner Gelehrte Aegidius Gelenius, Stiftsherr von St. Andreas, 1645 seine Stadt als Pilgerziel, auf Deutsch: von der bewundernswerten, heiligen und zivilen Größe Kölns.

Nachdem im 9. Jahrhundert das Grab des Apostels Jakobus des Älteren entdeckt wurde, ergossen sich wahre Pilgerströme nach Santiago de Compostella. Nach dem 23. Juli 1164 sollte die nordwest-spanische Stadt Konkurrenz aus dem Rheinland bekommen.

Am 23. Juli 1164 endete ein waghalsiger und mit viel Versteckspiel betriebener Transport, eine „mission impossible“, würde man heute sagen. 1152 war Kaiser Barbarossa im Aachener Dom zum deutschen Kaiser gekrönt worden. 1155 hatte er vom Papst in Rom die Würde eines Heiligen römischen Kaisers deutscher Nation erhalten. Dass dies geschah, das war das Verdienst des Kölner Erzbischof Reinhard von Dassel, der als Verbindungsmann des Kaisers zum Papst fungierte. Er brachte den Papst Hadrian IV. in die Spur, damit dieser sich den anders gearteten Meinungen seiner Kardinäle nicht anschloss.

Denn nicht nur in Rom, sondern in ganz Norditalien formierte sich Widerstand gegen den König aus dem fernen Deutschland. Durch Handel reich geworden, waren die Städte in der Lombardei unabhängig. Nach der Krönung durch den Papst kam es zu kriegerischen Auseinandersetzungen, in dessen Folge Barbarossa Mailand eroberte. Mailand war eine Macht. Mailand war die größte Stadt in der Lombardei. Mailands Kirchen waren eine exzellente Adresse für Reliquien. Als Eroberer, ließ Barbarossa die Muskeln spielen, er raubte Reliquien aus dem Mailänder Dom und schenkte sie seinem Gefolgsmann Reinhard von Dassel als Dank für die Krönung zum „Heiligen römischen Kaiser deutscher Nation“.

Die Reliquien waren nichts geringeres als die Gebeine der Heiligen Drei Könige. Im Jahr 326 fand man die Gebeine in Palästina, die dann nach Konstantinopel gelangten. 350 überführte Bischof Eustorgius die Gebeine von Konstantinopel nach Mailand, die seitdem in einem Sarkophag aufbewahrt wurden. 

Reinhard von Dassel zog zunächst über Turin und den Mont Cenis nach Vienne an der Rhone. Der Transport musste in einer Nacht- und-Nebel-Aktion geschehen, denn der Papst Alexander III. sandte einen Brief an den Erzbischof von Reims, dass dieser unbedingt Reinhald von Dassel den Weg versperren sollte und gefangen nehmen sollte. Unbehelligt, traf die kostbare Reliquienfracht am 23. Juli 1164 über die burgundische Pforte und den Oberrheingraben nach sechs Wochen auf dem Rhein in Köln ein.

Dreikönigsschrein im Kölner Dom
Zeitgenössische Chroniken bezeichnen die Gebeine als „ewiger Ruhm Deutschlands in Köln“. Fortab wurde Köln das „Heilige Köln“ genannt. Pilger reisten aus ganz Europa an, um die Reliquien zu verehren. 1225 vollendete der Goldschmiedemeister Nikolaus von Verdun den Dreikönigsschrein. Zuletzt wurde der Schrein von 1961 bis 1973 restauriert. Den Schrein zieren jede Masse Edelmetall, darunter 2,5 kg Feingold, 4,4 kg Feinsilber, mehr als 700 Perlen, 230 Edelsteine und 100 Gemmen. Rasch war die Klosterkirche, in der der Dreikönigsschrein ausgestellt war, den Pilgermassen nicht mehr gewachsen. Der Kirchenraum musste vergrößert werden. 1247 beschlossen die Kölner, den Dom im französischen Stil der Gotik zu bauen. 1248 legten die Kölner den Grundstein für ihre Kathedrale.

Wenn Touristen heutzutage den Dreikönigsschrein im Chor des Kölner Domes betrachten, wird es bei einem flüchtigen emotionalen und ästhetischen Erlebnis bleiben. Staunen vermischt sich mit Sprachlosigkeit. Die Denkwelt des Mittelalters, wie die Menschen geglaubt haben, liegt zu weit zurück. So ist auch nicht bewiesen, ob der Dreikönigsschrein wirklich die Gebeine der Drei Heiligen Könige enthält. Die Mailänder hatten dies jedenfalls nach dem Raub der Reliquien dementiert. Sie nannten drei andere christliche Märtyrer, die unter dem römischen Kaiser Diokletian um 304 ermordet worden waren. Schriftlich dokumentiert ist lediglich, dass Bischof Eustorgius (der Bischof von Mailand war) um das Jahr 350 Gebeine nach Mailand transportiert hatte, aber nicht, welche Reliquien.

Am 23. Juli 1164, als die Gebeine der Heiligen Drei Könige in Köln eintrafen, hatten die Gelehrten nichts mit naturwissenschaftlichen Beweisverfahren zu tun. Sie glaubten. Es gab keine Zweifel, dass es die Gebeine der Heiligen Drei Könige waren. Nunmehr glauben die Menschen schon fast tausend Jahre lang. Wieso soll die Wahrheit anders sein ?

Samstag, 28. Dezember 2013

Heiliger Nepomuk

Im Mittelalter ging es ganz und gar nicht zimperlich zu. Im 14. Jahrhundert hatte in Prag der Erzbischof das Sagen, was dem böhmischen König Wenzel gründlich missfiel. Er suchte und fand die Gelegenheit, das Gebiet seiner Herrschaft zu erweitern: 1392 starb der Abt des Benediktinerklosters, der gleichzeitig Bischof des an Prag grenzenden Bistums war. Kurzerhand wollte der König einen ihm angenehmen Fürsten in das Amt des Bischofs hieven. Johannes aus Pomuk , Generalvikar beim Prager Erzbischof, trickste. Als Wenzel mehrere Wochen auf einer Burg am anderen Ende Böhmens auf der Jagd war, organisierte Johannes eine Wahl. Das Benediktinerkloster wählte einen eigenen Kandidaten, der Nachfolger des Bischofs werden sollte. Als Wenzel zurückkehrte, fühlte er sich hintergangen. Außer sich vor Wut, machte er kurzen Prozess. Er verhaftete Johannes. Später wurde Johannes gefoltert, er wurde auf die Prager Karlsbrücke gestellt, in die Moldau geworfen und dort ertränkt. Dreihundert Jahre später erinnerte man sich in Prag an Johannes aus Pomuk – wobei aus der Vorsilbe „aus“ im Tscheschischen „Nepomuk“ wurde. In seiner Legende ging es auch um das Beichtgeheimnis, da er nicht verraten hatte, was Wenzels Ehefrau ihm gebeichtet hatte. 1729 sprach der Papst ihn heilig. Fortan wurde er nur noch der Heilige Nepomuk genannt. Seine Denkmäler stehen vielerorts auf Brücken.




Da der Heilige Nepomuk ertränkt worden war, ist er nicht nur Schutzpatron der Brücken, sondern Schutzpatron von alledem, was mit Wasser zu tun hat. Auffällig ist sein Schweif aus fünf Sternen, da sein im Wasser schwimmender Leichnam nach der Legende von fünf Flammen umsäumt war. 


Am Rheinufer aufgestellt, ist er nunmehr zum Schutzpatron der Schifffahrt auf dem Rhein ernannt worden. Genauso soll der Allzweck-Wasser-Heilige für Beistand sorgen, dass die Hochwasser auf dem Rhein glimpflich verlaufen. Mit Gott voraus !

Sonntag, 21. Juli 2013

Altenberger Dom

Die Wurzeln liegen in Frankreich. Klostergründungen haben den Geist des Mittelalters geprägt. Bedeutende Klostergründungen haben sich von Burgund aus nach ganz Europa ausgebreitet. So der Zisterzienserorden, der seinen Namen nach dem Gründungskloster Cîteaux (1098) trägt und die Regeln des Heiligen Benedikt von Armut und Entsagung umsetzte. Von Cîteaux aus wurden Tochterklöster gegründet, unter anderem in Morimond in den französischen Ardennen (1115). Morimond wiederum gründete weitere Tochterklöster: eine der Gründungen war das Kloster Altenberg, das sich in der Einsamkeit des Dhünntales im Bergischen Land niederließ. Das war 1145, als eine (noch) kleine Basilika im romanischen Baustil entstand. 1255 wurde die Klosterkirche grundlegend umgebaut – in gotischem Stil. In den Formen, wie sie bis heute erhalten sind, entstand der Altenberger Dom im 14. Jahrhundert. Neben dem Kölner Dom ist  der Altenberger Dom die bedeutendste gotische Kathedrale im Rheinland.


Mit der Abfahrt ins Tal habe ich den Dom vom Chor aus gesehen.


Die hohen Kirchenfenster dokumentieren den gotischen Stil wie aus einem Guß.


Alle großen gotischen Kathedralen stehen mit ihren Türmen nach Westen. Mit dem Armutsgelübde der Zisterzienster haben die Erbauer auf Türme verzichtet.


Die Querverstrebungen findet man genauso am Kölner Dom oder an der Notre-Dame in Paris.


Gemäß dem Armutsgelübde der Zisterzienser ist das Innere schlicht gehalten.


… und das Eingangsportal.


Der Domladen war geschlossen.



In den früheren Klostergebäuden können Ausflugstouristen beköstigt und verwöhnt werden.


Robert von Moslesme, Alberich von Cîteaux, Stephan Harding und Bernard von Clairvaux, das waren diejenigen Abte, die die ersten vier Töchterklöster von Cîteaux gegründet hatten. Schließlich verlasse ich den Altenberger Dom, diesen Ort der morgendlichen Stille, dieses vollkommene Glanzstück rheinischer Gotik.