Samstag, 24. Januar 2015

klassische Konditionierung

Ich greife zurück in die Klamottenkiste der Verhaltenstheorie. Wie wir Menschen auf unsere ureigenen Instinkte zurückgeführt werden. Wie wir uns auf das Niveau von Tieren begeben, die durch Reize gesteuert werden, die dann zu Reaktionsmustern führen, die dann wiederum in bestimmte Richtungen gelenkt werden. Dressur könnte man das bei Tieren nennen, Verlust des Urteilsvermögens, da nur ausgewählte Reaktionsmuster verfolgt werden, so könnte man das bei Menschen nennen.

Der russische Psychologe Pawlow untersuchte Reflexe bei Hunden. Er läutete eine Glocke und dann wurde der Hund gefüttert. Fortan zeigten sich die Reize, die mit dem Fressen zu tun hatten, nämlich dass Hunde die Ohren spitzten und dass Speichel floss, wenn die Glocke bimmelte. Diese Verbindung, dass durch einen Reiz Reflexe erzeugt werden können, bezeichnete Pawlow als klassische Konditionierung.

Diese klassische Konditionierung hat ihren Weg in die Werbung gefunden. Werbung ist durchsetzt mit positiv belegten Schlüsselreizen – Liebe, Familie, Abenteuer, Freiheit, Sicherheit, Erotik und vieles mehr. Diese werden mit einem Produkt verknüpft und es kommt auch hier zur Rückkopplung. Wenn ich eine bestimmte Automarke fahre, dann verbinde ich damit Sportlichkeit, Freude am Fahren und Kraft. Wenn ich selbst ein sportlicher Typ bin, dann fahre ich genau diese Automarke. Mit unserem Verhalten werden wir mit Reizen konditioniert, als sportlicher Charakter, passend zu einer Automarke, als Sicherheitstyp, passend zu einer bestimmten Versicherung, als Typ der Allroundkommunikation, passend zu einem bestimmten Smartphone, oder ganz einfach, als heißer und inniger Verehrer von Jogi Löw und seinen Jungs, passend zu einer bestimmten Biermarke.

Die Werbung kann als Blaupause für andere Bereiche betrachtet werden. Massenmedien, Presse, vor allem die Regenbogenpresse leben von solchen Schlüsselreizen. Je dicker die Schlagzeilen, um so mehr wird der Mensch konditioniert. Der Mensch folgt animalischen Reizen, indem er reagiert auf Klatsch und Tratsch. Indes bequemt sich sein Urteilsvermögen auf einem etwas einfacheren Niveau.

Die Bereiche des Alltags, in denen diese klassische Konditionierung praktiziert wird, nehmen zu. Eine unsichtbare Kraft scheint auf Schulen und Kindergärten zu wirken, die sich dauerhaft mit der Ernährung befassen, ohne dass ich beobachten kann, dass eine nennenswerte Anzahl von Schülern (oder Kindergartenkindern) zu dick ist. Es hat mehrere Projektwochen zum Thema richtige Ernährung gegeben, Plakataktionen finden statt, alle 14 Tage findet in der Grundschulklasse unserer Kleinen ein Obst- und Gemüsetag statt. Die richtige Ernährung scheint in den Schulen zu einer Art von Glaubenskrieg geworden zu sein. Pink Floyd hatte das in ihrem Stück „Another Brick in the Wall“ mit dem Spruch auf den Punkt gebracht „We don’t need noc education we don’t need no thought control“.

Manipulationen, Reize, die auf uns wirken, ich denke, dass wir sie kritisch hinterfragen müssen. Sie sollen Aufmerksamkeit erregen und eine möglichst hohe Anzahl von „Followern“ nach sich ziehen. Sie dürfen uns nicht unreflektiert durchdringen. Wir dürfen uns nicht auf das Niveau eines Hundes zurück entwickeln, der auf ein Glockenbimmeln reagiert und sich dabei auf sein Fressen freut.

Freitag, 23. Januar 2015

Zivilcourage

Burkan Ilhan wurde zum Helden. Köln-Bocklemünd vor einer Woche. In einem Stadtbezirk voller Häuserblocks aus Mietwohnungen half Burkan Ilhan (22) gerade seinem Vater beim Renovieren, als er Hilferufe auf der Straße hörte. Ein Pulk von Schlägertypen wollte über einen Familienvater mit seinem Sohn herfallen, doch dies verhinderte Burkan, indem er diese gemeinsam mit Vater und Bruder vertrieb. Das Angebot einer Nachbarin, die Polizei zu rufen, winkte er ab. Das war ein folgenschwerer Fehler, denn die zehn bis fünfzehn Schläger kamen zurück und bestraften den jungen Mann für seine Zivilcourage. Mit Messern und Böllern bis an die Zähne bewaffnet, schlugen sie mit einem Metallpfosten auf ihn ein. Schwer verletzt überlebte Burkan, nachdem die Ärzte den zertrümmerten Schädel mit einer Stahlpatte zurecht flicken konnten.

Als sein Gesundheitszustand nach einer Woche stabil war, trat er als Held vor die Kamera. Sein Verhalten habe Sinn gemacht, weil es einem guten Zweck gedient habe. Er würde immer wieder so handeln. Sein Handeln sei richtig  ein kleiner Schritt für die Menschheit. Und er hätte auch keine Angst gehabt.

Solche Situationen sind mir erspart geblieben, glücklicherweise, dass ich entscheiden musste zwischen Zivilcourage und Wegschauen. Ich muss zugeben, wahrscheinlich hätte ich weggeschaut oder mir auf einer logischen Ebene zurecht konstruiert, dass alles gut wird, dass keinerlei Gefahr besteht oder dass andere höhere Zufälle alles richten werden. Und damit hätte ich auch nicht alleine gestanden, denn mit der Anonymität unserer Gesellschaft schwindet auch die Verantwortung oder die Fähigkeit zu Empathie, dem Einfühlungsvermögen, sich in einen anderen Menschen hinein versetzen können. Ebenso wurde in Experimenten mehrfach beweisen, dass bei Belästigungen und Übergriffen in Fußgängerzonen alle vorbei spazieren und niemand eingreift. Die Zivilcourage des Burkan Ilhan kann nicht hoch genug bewertet werden.

Mich erschreckt die Umkehrung des Heldentums. Häuserblocks wie diejenigen in Bocklemünd-Mengenich sind Normalität, sie gelten nicht als soziale Brennpunkte, die durch Hartz IV oder spezifische Armutsstrukturen geprägt sind. Ein hoher Ausländeranteil ist genauso normal vielen Stadtteilen Kölns. Kann man sich noch ruhigen Gewissens auf die Straße begeben ? Überall in Köln habe ich mich sicher gefühlt, selbst im Problemviertel Chorweiler. Diese Zeiten scheinen nun vorbei zu sein. Heldentum scheint sich auch über Gewalt zu definieren. Je wehrloser die Opfer und je unmotivierter die Tat, diese Täter kann sich genauso mit dem Titel eines Helden brüsten. Wir brauchen mehr Helden vom Schlag eines Burkan Ilhan. Sonst droht, dass der Mob sich auf der Straße wie Ungeziefer ausbreitet.

Freitag, 2. Januar 2015

Jahresrückblick 2014

Vier Köpfe flackerten vorbei. Das war im Sekundentakt, hineingestreut in die Schnelllebigkeit des Fernsehprogramms, und zwischen Laptop, Blog und Weihnachtsgrüßen hatte sich das Fernsehprogramm auf den  Berieselungsmodus  eingestellt. Werbepause auf RTL. Die vier Köpfe huschten so schnell vrobei, wie sie gekommen waren. Danach ging es ab in die Animationen von „Ice Age 4“, und ab und zu amüsierte ich mich über das tolpatischige Riesenfaultier Sid, den Koloß des Mammuts Manfred und dem Säbelzahntiger Diego. Die nächste Werbepause. Nun erkannte ich die vier Köpfe. Es war ein Werbespot für den „Stern“, auf dessen Jahresrückblick ich die Köpfe von Vladimir Putin, Conchita Wurst, Sebastian Schweinsteiger und Robin Williams identifizieren konnte.

Was für eine Zusammenstellung ! Vladimir Putin symbolisierte für mich das Faustrecht und das Böse, Sebastian Schweinsteiger Blut und Schweiß eines Fußball-Weltmeisters, Robin Williams die schauspielerische Verwandlungskunst einer Mrs. Doubtfire. Und Conchita Wurst ? Ihr Format fand ich hohl, und ich ekelte mich davor, wie ein Mann mit Bartwuchs zur Frau konvertierte und sich mit dessen erotischen Signalen schmückte.

Überhaupt fand ich diesen Mischmasch des Stern mit den vier Köpfen vollkommen daneben in dem eigentlichen Anliegen, zurückzublicken auf das Jahr und zu trennen, welche Ereignisse unwichtig, welche Ereignisse wichtig und welche Ereignisse vielleicht prägend für viele nachfolgende Jahre sein würden. Die vier Köpfe waren lückenhaft und schauten über manches hinweg, was uns eigentlich bewegte.

Wenn ich selbst Bilanz ziehe, dann war der WM-Triumph der Deutschen Fußball-Nationalmannschaft sicherlich das Top-Sport-Ereignis, auf das wir genau 24 Jahre warten mussten. Robin Williams fand ich exzellent, es starben aber auch andere herausragende Schauspieler wie Joachim Fuchsberger, Maximilian Schell, Karlheinz Böhm oder Richard Attenborough.

Im Kleinen, in unserer Familie sieht die Bilanz durchwachsen aus. Meine Göttergattin büffelt für die Abendschule, unser großes Mädchen für ihr Medizinstudium. Unser kleines Mädchen hatte sich im Mai nach einem Fahrradsturz den Arm so kompliziert gebrochen, dass sie bis in den August hinein einen Gips tragen musste. Unser Sohnemann hat sich mittlerweile arbeitssuchend gemeldet. Er zeigt aber keinerlei Aktivität, wie es beruflich oder schulisch in seiner Zukunft weiter gehen könnte, sondern er ist dem Charme von World of Warcraft,  Assassins Creed, Star Wars Battlefront & Co dauerhaft erlegen.

Im Großen, glaube ich jedes Jahr aufs Neue, dass die Welt aus den Fugen gerät. Aber das mag täuschen, da die Berichterstattung über Katastrophen und Kriege zum Geschäftsmodell der Massenmedien gehören. Kriege hat es immer in irgendeiner Ecke dieser Welt gegeben, so auch 2014. Mit einem Unterschied: der Bürgerkrieg in der Ukraine erinnert in einígen Punkten an die Instabilität, wie wir sie vor 1914 hatten.

25 Jahre lang, seit dem Mauerfall, konnten wir Europäer nach Beendigung des Kalten Krieges auf eine friedliche Zeit ohne äußere Bedrohung zurückblicken – wenn man absieht vom Jugoslawien-Krieg, der im Kern auf die Balkanländer begrenzt war. Nun drohen Grenzziehungen eines neuen Kalten Krieges. In 2014 ist die geopolitische Lage beunruhigend schnell eskaliert. Ende 2013 Proteste auf dem Maidan in Kiew, Februar 2014 Flucht des prorussischen Präsident Janukowitsch, im März Assoziierungsabkommen mit der EU, gleichzeitig Annexion der Krim, danach Sanktionen der EU gegen Russland, Wahlen in der Ukraine im Mai, ab August Bürgerkrieg, beim G20-Gipfel im November in Australien Eiseskälte und Isolation gegenüber Putin.

Das dubiose Treiben der russischen Separatisten, ihre militärische Organisation im Untergrund, Hilfstransporte, die keiner zuordnen kann, ihr Verhältnis zu Russland und dann der Abschuss des Passagierflugzeugs MH17 aus Malaysia, dessen Aufklärung regelrecht boykottiert wurde, das hat mich ein wenig an die Schüsse von Sarajevo denken lassen. Seit Putin arbeitet Russland daran, die Auflösung der alten Sowjetunion wieder zurück zu drehen. Der Ukraine stellt die EU nun genau diejenige Selbstbestimmungsfrage, die den Freiheitsbegriff Europas seit der Französischen Revolution geprägt hat. Die Ukraine hat sich entschieden für das Assoziierungsabkommen an die EU. Und genau darum wird es in den nächsten Jahren gehen, dass Russland die Ukraine weiter destabilisieren will. Noch hat Putin die restliche Welt gegen sich. Russland wird sich aber mit der Faust und dem Recht des Stärkeren durchsetzen wollen und dann aus der Stärke verhandeln wollen. An diesem Punkt können sich die Geister Europas scheiden: wer will verhandeln, wer will in welchem Umfang verhandeln, wer lehnt Verhandlungen kategorisch ab. Das hatte sich bereits bei den Sanktionen gegen Russland gezeigt. Dann sind Szenarien denkbar wie 1914, dass andere Nationen stillhalten, dulden oder auch mitmachen auf der Seite Russlands, und dass sich zwei große Machtblöcke innerhalb Europas bilden.

Es gab in 2014 aber auch gegenläufige demokratische Ansätze. Im Geiste der Französischen Revolution, wurde dem schottischen Volk das Selbstbestimmungsrecht zugestanden. Ein eigener Staat Schottland ? Ich hatte dabei ein mulmiges Gefühl, genauso wie dieselbe Angelegenheit in Katalonien vertagt worden ist. Soweit kam es in Schottland nicht, das sich gegen einen eigenen Staat entschieden hatte, aber allzu viele Sorgen hätte ich mir ohnehin nicht zu machen brauchen. Tschechien, die Slowakei, Mazedonien, Kosovo, Estland, Lettland, Litauen, die Landkarte Europas ist im Fluss. So manche Staatenbildung in Osteuropa kommt mir vor wie ein Befreiungsschlag nach 1918, um die Herrschaft der KuK-Monarchie und der UdSSR abzuschütteln. Da sollte auch kein Vladimir Putin in der Ukraine eine solche Entwicklung aufhalten können.

Und die USA ? Die Erkenntnis ist nicht neu, dass an ihrem Einfluss auf dem Globus keine Nation vorbei kommt. Seit 1917, nach Kriegseintritt in den Ersten Weltkrieg, als das alte Europa die Führungsrolle auf der Welt abgetreten hat und die Vereinigten Staaten zur Weltmacht aufgestiegen sind, ist deren Erscheinungsbild ambivalent. Fluch oder Segen ? Einerseits schützt uns Europäer das Konstrukt der NATO davor, dass wir dem Eroberungsdrang eines Vladimir Putin nicht hilflos ausgeliefert sind. Als neue Facette ist im letzten Jahr dazugekommen, dass wir andererseits all den Bespitzelungen durch die NSA hilflos ausgeliefert sind. Wobei es mir persönlich ziemlich egal ist, wenn die NSA meine privaten e-Mails mitliest. Wem ich etwa ein frohes neues Jahr gewünscht habe, wem ich zum Geburtstag gratuliert habe oder in welchem Restaurant ich einen Tisch reserviert habe. Peinlicher sind die Verbiegungen von Politikern, was sie getan haben, so etwas zu verhindern, wenn es sowieso nichts zu verhindern gibt. Oder wenn es peinlich persönlich wird, wenn Angela Merkels Handy abgehört wird.

Und dann hat die USA eine Debatte über westliche Werte losgetreten, nachdem der CIA-Folterbericht der Gefängnisse von Guantanamo, die auch in Europa betrieben worden sind, veröffentlicht wurde. Water Boarding, Abtrennung von Gliedmaßen, Schlafentzug bis zu drei Wochen, damit ist die USA weit ins Mittelalter zurückgefallen. Westlichen Werten wird die Basis entzogen, wenn Rechtsstaat und Demokratie zur Doppelmoral werden. Wie sehr der US-Rechtsstaat zerfallen ist, zeigte sich zudem im November, als ein weißer Polizist freigesprochen wurde, der einen schwarzen unbewaffneten Teenager erschossen hatte. Prompt kam es zu Unruhen in der schwarzen Bevölkerung.

Wie es mit unserem Rechtsstaat vor der eigenen Haustüre bestellt ist, dazu brachte das Jahr 2014 auch einige Erkenntnisse. So musste sich Kalle Gerigk aus dem Kölner Agnesviertel den Gerichtsentscheidungen beugen. Dreißig Jahre lang wohnte Kalle in einer Mietwohnung, die, im Innenstadtbereich gelegen, saniert werden sollte. Daraufhin kündigte der Vermieter wegen Eigenbedarf, weil er mit seiner Freundin einziehen wollte und eine Familie gründen wollte. Das tat er aber nicht, sondern er bot die Wohnung im Internet zum Verkauf an. Kalle fand heraus, dass die Wohnung für satte 324.000 € verhökert wurde. Er klagte gegen die Kündigung, die Klage wies das Amtsgericht aber zurück. Nachdem das Amtsgericht eine Räumungsklage erließ, wurde Kalle von einem Gerichtsvollzieher und einer Gruppe von Polizisten aus seiner Wohnung entfernt.

Im Dezember kam die Polizei zu einem anderen Einsatz auf der Kölner Domplatte, wo Louis Vuitton im Luxussegment Textilien, Handtaschen usw. verkauft. Der Konzern wirbt damit, dass er sich für Nachhaltigkeit und menschenwürdige Arbeitsbedingungen einsetzt. Daraufhin hatten Umweltaktivisten Kriterien geprüft, ob Kinder-/Zwangsarbeit vorliegt, ob Existenzlöhne gezahlt werden und ob Arbeiter sich in Gewerkschaften organisieren dürfen. Dabei wurde festgestellt, dass Louis Vuitton in denselben Ländern unter denselben Bedingungen produzierten wie Billigketten mit menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen. Daraufhin malten die Umweltaktivisten Transparente, dass die nachhaltige Produktion eine Lüge ist, dass vom Kauf bei Louis Vuitton abgeraten wird, und die Aktivisten plazierten sich mit ihren Transparenten vor die Filiale auf  der Kölner Domplatte. Es dauerte nicht allzu lange, bis die Polizei erschien und die Demonstranten entfernte. Louis Vuitton begründete die Polizei-Aktion damit, dass ihre Firma einseitig benachteiligt worden war, da andere Luxusmarken, die genauso produzieren, nicht im Brennpunkt der Aktivisten gestanden hatten.

Unangenehmes braute sich auch vor dem Bonner Amtsgericht zusammen, obschon es soweit gar nicht kam, da man sich außergerichtlich einigte. Zwei Querulanten ist es zu verdanken, dass eine führende Attraktion der Bonner Innenstadt, die Klangwelle, die an zehn Tagen an die 100.000 Besucher anlockte, eingestampft werden musste. Zwei Anwohnern war dieses Spektakel aus Licht-/Wasserspielen und Musik zu laut, so dass sie dieses per Gerichtsentscheidung verbieten lassen wollten. Letztlich mussten sich die Veranstalter den Vorgaben des Bundes-Immissionschutzgesetzes beugen. Demnach dürfen 70 Dezibel vor 20 Uhr und bei 65 Dezibel zwischen 20 und 22 Uhr nicht überschritten werden. Die Klangwellen sind mittlerweile nach Bad Neuenahr abgewandert, wo anscheinend weniger lärmempfindliche Anwohner wohnen.

Es gab aber auch positive Beispiele unseres Rechtsstaates. Nachdem er den Karstadt-Konzern in die Pleite geführt hatte und Privatflüge über die Firma abgerechnet hatte, wurde Thomas Middelhoff wegen Untreue und Steuerhinterziehung zu drei Jahren Haft verurteilt. Dabei wurde aber der noch verwerflichere Sachverhalt, wie Manager über die Firma hinweg Unsummen in die eigene Tasche wirtschaften können, gar nicht verhandelt. Thomas Middelhoff hatte 2,2 Millionen Euro als Bonuszahlungen abkassiert. Diese standen in direktem Zusammenhang dazu, dass Karstadt in die Insolvenz geschliddert war. Sämtliche Karstadt-Immobilien waren verkauft worden. Der Verkauf spülte zwar Geld in die leeren Kassen, umgekehrt fehlte aber genau dieses Anlagevermögen, so dass prompt nach der Verkaufstransaktion der Gang in die Insolvenz angetreten werden musste. Als Bonuszahlung aus dem Immobilienverkauf erhielt Thomas Middelhoff genau diese 2,2 Millionen Euro.

Vladimir Putin, Conchita Wurst, Sebastian Schweinsteiger, Robin Williams: die vier Köpfe des „Stern“ verleugneten effektiv das Böse, das in 2014 Tatsachen geschaffen hatte. Die IS. An anderer Stelle hatte ich das 20. Jahrhundert als das Jahrhundert des Völkermordes bezeichnet. Unter dem Deckmantel des Islam schafft die IS Dimensionen des Terrors, die ich sonst mit den „killing fields“ oder in „Srebrenica“ verbinde. Jesiden, Christen, Turkmenen wurden außerhalb der Dörfer gebracht und erschossen, wenn sie sich weigerten, zum Islam überzulaufen. Frauen wurden vergewaltigt, Kinder entführt, um alle Spuren nicht-arabischer und nicht-sunnitischer Gesellschaften auszulöschen. Dazu kommen Youtube-Videos über Enthauptungen: aus Rache für Bombardierungen durch die US-Luftwaffe wurden drei US-Geiseln vor laufender Kamera enthauptet.

Ähnlich schlimm wüten extreme Islamisten, die „Boko Haram“,  in Nigeria. Sie entführten 230 Schülerinnen, die zwangsverheiratet wurden, und Monate später brüsteten sich die Islamisten damit, dass einige von ihnen schwanger geworden waren. Darüber hinaus schossen sie wie wild auf alle Christen, die ihnen zufälligerweise über den Weg liefen. Katholische Priester wurden entführt, eine Hochzeitsgesellschaft wurde nieder geschossen, die Gotteskrieger drangen in einen Gottesdienst ein und schossen auf alles, was sich bewegte.  

Dass es keine Handhabe gegen den Völkermord in anderen Teilen unserer Welt gibt, davor musste Europa und die Demokratie ohnehin kapitulieren. Neu ist, dass sich über die Terrororganisation der IS systematisch Spuren bis ins Rheinland verfolgen lassen. Es gibt Unterstützer und Befürworter der Völkermord-Strategie. Auch Deutsche konvertieren zum Islam und suchen ihr Heil im Dschihad, dem Heiligen Krieg. In Wohnungen in Bonn, Köln oder Solingen verfolgte der Verfassungsschutz die Spuren von Gotteskriegern. Sie wurden sogar in Fußgängerzonen gesichtet, als sie für Mitglieder warben.

Es sieht so aus, als würde Thilo Sarrazin mit seinen Thesen, dass sich Deutschland abschafft, vollkommen Recht behalten. Allenthalben stößt man auf das Bild von Ausländern, dass sie in Ghettos leben, dass in Stadtteilen wie Köln-Ehrenfeld beispielsweise glatt 70% Ausländer leben. Dass Frauen (nicht in Köln-Ehrenfeld) bis auf die Augen verschleiert durch die Straßen spazieren, als müssten sie ihre eigene Persönlichkeit vollends verleugnen. Dazu passt eine Szene, die ich in meinem Bloggerdasein im letzten Jahr erlebt habe, als ich zwei bis auf die Augen vollkommen in Schwarz verhüllten Frauen sichtete. Ich fotografierte sie, und prompt stürzten sie auf mich los, ich musste aufpassen, dass sie mir die Kamera nicht wegrissen. Ich zeigte ihnen, dass ich die Fotos gelöscht hatte, und dann beruhigte sich die Situation. Dieser Selbstbehauptungswille stand aber in schroffem Gegensatz dazu, wie ansonsten das Bild der Frau im Islam gezeichnet wird: zwangsverheiratet, ohne eigenen Willen, absoluter Gehorsam gegenüber ihren Ehemännern, in Saudi-Arabien Verbot des Autofahrens.

Wie dem auch sei: die derzeitige Diskussion um den Islam, um Ausländer, um Asylbewerber, um Pegida oder Bogida ist befremdend. Alleine die Leserbriefe zum Thema Bogida füllen mehrere Seiten in unserer Tageszeitung. Ich kann das effektiv nicht nachvollziehen, wieso gerade in Dresden mit einem Ausländeranteil von gerade 2% diese Bewegung Fuß gefaßt hat. Es  muss noch andere Antriebe geben, dass irgendein diffuses Gefühl der Bedrohung vom Islam ausgeht. In Problemsttadtteilen mit hohem Ausländeranteil bis zu 70%, wo man die Ursprünge dieser Bewegung vermuten würde, wird man vergeblich danach suchen. In Köln-Ehrenfeld oder Köln-Kalk mischen die ausländischen Kulturen das Stadtbild auf und ergeben ein heiteres und buntes Gesamtbild. In Köln-Mülheim fand Pfingsten in Erinnerung an das NSU-Attentat, das zehn Jahre zurücklag, mitten in einem Straßenviertel mit hohem Ausländeranteil ein Straßenfest statt, auf dem Udo Lindenberg, Peter Maffay, die Fantastischen Vier und Clueso spielten und an dem Zehntausende teilnahmen.

Anscheinend gehört es zum Profil des Wutbürgers, dass er nicht nur über den Staat, die Kirche oder andere Institutionen schimpft, sondern über den Islam, Ausländer, Asylbewerber. Diese Erkenntnisse sind nicht neu. So hatte der SPIEGEL recherchiert, dass es Verbindungen der Pegida-Bewegung in Dresden zur rechtsextremen Szene gibt. Dass diese nicht nur in Dresden aktiv ist, hatte sich am 26.10. bei einer Demonstration von 1.500 Hooligans gegen Salafisten vor dem Kölner Hauptbahnhof gezeigt. Es kam zu Krawallen und Schlägereien, in deren Verlauf Hundertschaften von Polizisten eingesetzt wurden. Die Polizei nahm mehrere Hooligans fest, als sie den Hitlergruß zeigten. In dieselbe Kategorie einzuordnen ist ein Brandanschlag auf ein Wohnheim für Asylbewerber in Vorra in Franken, das gleichzeitig mit Hakenkreuzen beschmiert wurde.

Nicht vergessen darf ich, dass 2014 ein Jahr der geschichtsträchtigen Jubiläen war. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges jährte sich einhundert Jahre, beim Zweiten Weltkrieg waren es 25 Jahre. Vor 25 Jahren fiel die Berliner Mauer. Karl der Große starb vor 1.200 Jahren. Vor 850 Jahren gelangten die Gebeine der Heiligen Drei Könige nach Köln.

Die Fülle der Ausstellungen zu diesen Jubiläen war und ist groß. Besucht habe ich eine Ausstellung im Bonner Stadtmuseum über Soldaten aus der Ermekeil-Kaserne, die ihre Schicksale im Ersten Weltkrieg nachgezeichnet hatte. Die Ausstellung war gespickt mit alten Fotos und leider natürlich mehreren Toten, die auf den Schlachtfeldern der Somme, in Verdun oder an der Weichsel gefallen waren.

Die Ausstellung über Mythos, Kunst und Kult der Heiligen Drei Könige läuft noch bis zum 25. Januar im Kölner Schnütgen-Museum. Da will ich noch hin. Bei meinem Wunsch, mehr über die Heiligen Drei Könige zu erfahren, wird mir bewusst, wie unsinnig die vier Köpfe des „Stern“  Vladimir Putin, Conchita Wurst, Sebastian Schweinsteiger und Robin Williams angeordnet sind. Sie liegen ganz, ganz weit weg von der Kunst des Mittelalters, die nach 2014 herüber schwappt.

Mittwoch, 31. Dezember 2014

frohes neues Jahr !

Rauchschwaden über unserer Siedlung. Die Knallerei war wie jedes Jahr heftig. Kracher, Böller, Raketen schossen in die Höhe, mit unseren eigenen Raketen von LIDL hatten wir unseren Beitrag geleistet. In Sektgläsern prosteten wir unseren Nachbarn zu. 

So schön harmonisch, wie das Jahr begonnen hat, soll es dann auch weitergehen. Drinnen, lasse ich mich nun im WDR-Fernsehen vom Musiksound der 1970er-Jahre berauschen. Bee Gees, Three Degrees, Barry White, Donna Summer, Penny Mc Lean, Silver Convention, Musik, die ich, da zu wenig fetzig, in meiner Schulzeit wenig gehört habe. Heute verbinde ich mit dieser Musik so manche Erinnerung, daher bleibe ich bis tief in die Nacht vor dem Fernseher hängen. 

Da zu glatt, habe ich auch Abba nie viel abgewinnen können, mit einer Ausnahme: "Happy New Year". Eben dieses "Happy New Year" wünsche ich allen Lesern zu der Melodie von Abba. Dass das neue Jahr alles Gute bringen möge, viel Gesundheit, voller Harmonie und dass so manche Wünsche in Erfüllung gehen.

Mit Abba stoße ich auf Euch an:



Samstag, 27. Dezember 2014

Heilige Gertrud von Nivelles - doppelte Zerstörung 1940 und 1944

Unterführung mit Wandmalerei
Gäbe es nicht die Stadtwerke, dann würde die Stadtlandschaft an manchen Stellen in einer heillosen Wüste aus Beton, Blech und Plastik versinken. Unscheinbare Kästen, rechteckig, platt, emotionslos, vollgespickt mit der Technik von Stromverteilungen, werden zum echten Hingucker, wenn sie bemalt sind und die Schönheiten der Stadt zeigen. Auch an Bushaltestellen hübschen die Wandmalereien die Warterei auf – und vertreiben die Tristesse. Eine Unterführung wird zum wahren Erlebnis der Malerei - so in der Fußgängerzone. Und sie erzählt eine Geschichte vom doppelten Leid und von einer doppelten Zerstörung.

Gertrud von Nivelles, 625 südlich von Brüssel geboren, wanderte als Jugendliche nach Franken aus, und gründete dort im Erwachsenenalter ein Benediktinerinnenkloster. Später, das war 652, kehrte sie nach Nivelles zurück, und wurde dort Äbtissin desjenigen Klosters, das  ihre Mutter zuvor gegründet hatte. Sie war eine hoch gebildete Frau, sie befasste sich mit den christlichen Schriften, die auf der Bibel aufsetzten. Nivelles machte ihr Kloster zu einem Zentrum christlichen und abendländischen Denkens, indem sie Abschriften aus Rom kommen ließ, wie die Bibel auszulegen war, und sie gewann irische Mönche, damit das christliche Denken in neue Dimensionen vorstoßen sollte. Heilig gesprochen wurde sie, da sie Armen- und Krankenhäuser bauen ließ und eines der erste Pilgerhospize errichtete. Sehr jung, im Alter von 33 Jahren, starb sie.

Stiftskirche St. Gertrud in Nivelles; Quelle Wikipedia
Nach einer Legende machte sie Schluß mit einer Ratten- und Mäuseplage. Überall krochen Ratten und Mäuse aus Löchern und Ritzen hervor, sie drangen in Häuser ein, und selbst Scharen von Katzen konnten die Plage nicht eindämmen. Ratten und Mäuse machten sich über die Felder her, sie fraßen das Korn, und sie fraßen die Vorräte in den Kellern. In dieser Not betete Gertrud von Nivelles: mit einem Male verschwanden Mäuse und Ratten  - und sie wurden nie mehr gesehen. Viele Heilige haben ihr Spezialgebiet – Laurentius schützt vor Feuer, Hubertus schützt die Förster, Rochus schützt vor der Pest. Und die Heilige Gertrud schützt neben Ratten und Mäusen auch vor Ungeziefer. Also können diejenigen Haushalte aufatmen, in denen eine Gertrud wohnt, denn dann haben sie keinen Ärger mit Wespen, Motten, Küchenschaben, Kakerlaken, Wanzen und all diesen Insektenschwärmen, auf die jeder gut verzichten kann. 

Die Heilige Gertrud hat sich im Rheinland durchaus verbreitet, so in Düsseldorf, in Herzogenrath bei Aachen oder in Essen. Und in Bonn. Ihr wurde eine Kapelle geweiht, die Gertrudiskapelle, die 1258 erstmals erwähnt wurde. Sie stand in Rheinnähe nicht weit entfernt vom Alten Zoll.

Wandmalerei Gertrudiskapelle (1)
Doppeltes Leid und doppelte Zerstörung im Zweiten Weltkrieg. 1940 überrollte Hitler die Benelux-Staaten, um sich im Westfeldzug beim Erzfeind Frankreich zu revanchieren für die Schlappe der 1918er-Niederlage. Belgien geriet dabei zur Spielwiese des Krieges, um im Aufmarschgebiet Belgiens die Angriffslinien des Heeres frei zu bekommen. Im Mai 1940 wurde die Lage prekär, da es in Nivelles einen Flughafen der belgischen Luftwaffe gab, wo die Deutschen auch französische Flugzeuge vermuteten. Eine Aufforderung zur Kapitulation am 10. Mai 1940 ignorierten die Bürger aus Nivelles. Daraufhin bombardierte die Luftwaffe am 14. Mai 1940 die komplette Altstadt Nivelles samt der romanischen Kirche aus dem Jahr 1046, die andere Bauformen hatte als Maria Laach, aber mit ihren Ausmaßen und ihrem ausladenden Westwerk durchaus damit verglichen werden konnte. Gleichzeitig wurde mit der Bombardierung der vergoldete Reliquienschrein aus dem Jahr 1298 zerstört, der die Gebeine der Heiligen Gertrud aufbewahrte. Erst 1982 wurde dieser durch einen neuen Schrein aus Silber ersetzt.

Freude, Joy, Joie – so optimistisch geleitet die Wandmalerei durch die Unterführung in der Bonner Fußgängerzone. Das frische Grün des Siebengebirges haftet auf sprödem Beton, das Motto „weil Flair unbezahlbar ist“ wehrt sich gegen die Ausdruckslosigkeit. Beethoven und der Rhein tun ihr bestes, die Optik dieser düsteren Stelle aufzuwerten. Es ist die Kraft der Farben, die den wild daher gekraxelten Buchstaben „Z“ „U“ „M“ Flügel verleiht, so als hätte der blaue Geist aus der Sprühdose ganze Arbeit geleistet.

Und im Kreis der Wandmalerei rund um den Rhein, der Stadt und dem Schwung der Farben steht die Gertrudiskapelle, ein kleiner Bau in magerem Rosa, mit hohen gotischen Fenstern und nach oben gerichtetem Dach. Ratten krabbeln am Gewand, so dass die Heilige Gertrudis gleich im Gesamtpaket Schutz gegen Ratten, Mäuse und Ungeziefer aller Art anbietet. Am Fuß der Kapelle lese ich: „die Gertrudiskapelle stand bis zum 18. Oktober 1944 in Bonn am Rhein … „ Der düstere Ort der Unterführung verläuft weiter zur Oper, zum Alten Zoll, und ein Stück davor lag die Gertrudiskapelle.

Wandmalerei Gertrudiskapelle (2)
Doppeltes Leid und doppelte Zerstörung. Am 14. Juni 1940 eroberte die deutsche Wehrmacht Paris, mit der französischen Kapitulation am 17. Juni 1940 dehnte Hitler deutsches Territorium bis zum Atlantik aus. Mit der Landung in der Normandie schlugen die Alliierten vier Jahre später zurück. Ohnehin hatte längst der Bombenkrieg auf deutsche Städte eingesetzt, der auch die Bonner Altstadt nicht verschonte.

Nachdem die Gertrudiskapelle am 18. Oktober 1944 zerstört wurde, entschieden die Verantwortlichen in den 1950er Jahren, die Kapelle nicht wieder aufzubauen. In Rheinnähe gelegen, wurde das Gelände aufgeschüttet, um Hochwasserschutz zu schaffen und mit Wohnhäusern bebaut. Im Jahr 2010 ist es der hartnäckigen Initiative eines Travestie-Künstlers zu verdanken, dass kleine Reste der Kapelle noch gerettet werden konnten.

In diesem Jahr wurde die Wohnbebauung aus den 1950er Jahren abgerissen und durch einen postmodernen Wohnkomplex ersetzt, der ein wenig wie die Kranhäuser im Kölner Rheinauhafen aussehen sollte, aber neben dem historischen Ambiente des Alten Zolls vollkommen missraten aussah.

Dazu musste all das, was in den 1950er Jahren als Hochwasserschutz aufgeschüttet wurde, wieder ausgehoben werden. Das waren Trümmer und der Schutt aus dem Zweiten Weltkrieg, und dem Travestie-Künstler gelang es, Archäologen von der Stiftung Denkmalschutz zu mobilisieren, so dass in aller Seelengeduld gebuddelt und jede Scherbe seziert wurde. Im Umfeld des Zweiten Weltkrieges, was so alles zerstört worden war, waren die Ergebnisse eher bescheiden: ein Bildstock konnte rekonstruiert werden, Steine aus dem Fundament wurden geborgen, nicht zuordenbare Mauerreste.

Immerhin: die Suche nach dem gemeinsamen erlittenen Leid verband die beiden Städte. Aus Trümmerstücken der Bonner Gertrudiskapelle und der Stiftskirche von Nivelles in Belgien wurde eine Kreuzrose geformt. Sie steht nun an derjenigen Stelle, an der sich die Gertrudiskapelle bis zu ihrer Zerstörung befand. 

Montag, 8. Dezember 2014

neues Layout

So manchem Leser ist sicherlich aufgefallen, dass ich fleißig am Layout meines Blogs herum gewerkelt und herum gebastelt habe. Mir selbst kam der Hintergrund zu unruhig vor und die Themen, über die ich schreibe, zu unübersichtlich strukturiert. Zumal diese auch sehr heterogen sind, angefangen bei Rennradtouren über typisch Rheinländisches bis hin zu meinen Gedankenexperimenten, die ich lose in alle unterschiedlichen Richtungen schweifen lasse. Feststellen musste ich auch, dass all die familiären Dinge, über die ich anfangs in Tagebuchform geschrieben habe, nicht mehr so richtig in dieses Umfeld passen. "Panta rhei", alles fließt, so hatte einst Demokrit gesagt. Das dürfte auch für meinen Blog gelten, dass die Themen ständigen Veränderungen unterworfen sind. Es wäre vielleicht schön, wenn ich das eine oder andere Feedback bekommen könnte, wie mein Blog in seiner Struktur und seinem Aussehen auf den Leser wirkt (weniger die Inhalte). Über den einen oder anderen Hinweis, wo ich meinen Blog verbessern könnte, würde ich mich freuen.

Woran ich jedenfalls verzweifelt bin, das ist die Gestaltung der obersten Menüzeile. Irgendwie schaffe ich es nicht, in der Layout-Gestaltung der Blogspot-Software nebeneinander liegende Menüpunkte darzustellen. Die Menüpunkte  "Startseite; wer bin ich ?; worüber schreibe ich ?, ... " kriege ich nur untereinander dargestellt, dazu lassen sich die einzelnen Textfelder nicht separieren und mit dem dazugehörigen Text verlinken.

Mein Wunsch wäre es, eine Menü-Ziele in einer solchen Form darzustellen:






Kann mir jemand dazu einen Tipp geben ?

Unter "Text konfigurieren" habe ich versucht, die Menüzeile zu gestalten. Dabei bin ich fast wahnsinnig geworden, weil es nicht so geklappt hat, wie ich es mir vorgestellt hatte.


Ich gehe davon aus, dass es andere Gestaltungsformen gibt, die ich noch nicht kenne.

Vielen Dank vorab für die Mithilfe.


Freitag, 5. Dezember 2014

Bruttosozialprodukt

Angenommen, wir hätten die Freiheit, unseren Beruf nicht nach rationalen Kriterien auszuwählen. Also: Einkommen, Karriereplanung, Attraktivität des Arbeitgebers, Sicherheit des Arbeitsplatzes, wie interessant die Tätigkeit ist oder inwieweit die Tätigkeit zu den eigenen Fähigkeiten passt, das könnten wir alles ausblenden. Wenn wir diese Kriterien beiseite schieben, dann reduziert sich die Berufswahl auf das, was den Menschen aus seinem Inneren antriebt. Völlig losgelöst, würde er dann nach seiner eigenen inneren Berufung streben. Schul- und Studienabgänger sollten sich demnach nicht auf den Arbeitsmarkt, auf Stellenangebote und auf die eigene Karriereplanung stürzen, sondern sich eher in die Rolle eines Schatzsuchers begeben, der mit einem Metalldetektor den Boden abtastet, der auf Signale horcht und voller Freude losgräbt, wenn ihn die Ahnung eines Schatzes erreicht hat.

Die Verwerfungen können im Verlaufe des Arbeitslebens gewaltig sein, wenngleich durch Vorschriften des Arbeitsschutzes, den Einsatz von technischen Hilfsmitteln und ein verschärftes Umweltbewußtsein die Arbeitsplätze an für sich humaner geworden sind. Arbeitsteilig, eingepackt in Hierarchien, mit hoch spezialisiertem Fachwissen, mit ständigem Druck auf die Aufgaben, mit hoher Flexibilität in bezug auf die Anforderungen, lenkt die Arbeitswelt den Menschen in rigide Bahnen. Im Verlauf von Jahrzehnten können die Verwerfungen riesig sein, wenn anstelle von Freude und Vorfreude bei der Schatzsuche Ernüchterung herrschen angesichts verloren gegangener Lebensträume, einem Zeitgefühl, dass sich zwischen Powerpoint-Präsentationen, Meetings und endlosen Zahlenkolonnen zerstreut hat, und einem beschämenden Gefühl der eigenen Selbstwahrnehmung.

Genau auf die Suche nach solchen Verwerfungen hatte sich der Schweizer Schriftsteller Alain de Botton in seinem Buch „Freuden und Mühen der Arbeit“ gemacht. Neben Bürowelten, globalen Wertschöpfungsketten oder einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft im Rücken des Londoner Tower begleitete er in einem Kapitel einen Berufsberater, der insolvente Firmen aufsuchte oder auf Messen präsent war. Oder Menschen gingen aus eigenem Antrieb auf ihn zu, weil sie sich beruflich umorientieren wollten. Der Berufsberater nahm sich Zeit für seine Kunden, ganz im Sinne des Psychologen Abraham Maslow, dessen Spruch er sich über die Toilette gepinnt hatte: „Zu wissen, was wir wollen, ist nicht normal, sondern das seltene und nur mühevoll zu erringende Resultat einer psychologisch recht komplexen Leistung.“

Es überraschte mich nicht, dass bei sich bei so viel Einfühlungsvermögen die Fälle häuften, dass Angestellte ihren Job kündigten, um den Neigungen nachzugehen, zu denen sie sich tatsächlich berufen fühlten. So kündigte eine 37 jährige Abteilungsleiterin in einer Steuerberatungskanzlei ihren Job, um eine Tätigkeit in einem Verein gegen Obdachlosigkeit und Wohnungsnot zu beginnen. Der Berufsberater hielt Seminare ab über das Selbstvertrauen, um den Teilnehmern zu vermitteln, wie stark sie doch waren, welche ungeahnten Kräfte in ihnen steckten und dass sie Ziele suchen sollten. Und dass sie diese verwirklichen sollten in ihrer eigenen Geschichte, in der sie selbst der Drehbuchautor waren.

In der Tat, die Aktivitäten des Berufsberaters, die Persönlichkeiten, Lebensgeschichten und die daran hängenden Arbeitswelten komplett neu definierten, könnten in einer Massenflucht ausarten. Ungefähr so wie gegen Ende des Ersten Weltkriegs, als russische und habsburgische Soldaten demoralisiert Fahnenflucht begingen, in Massen zum Feind überliefen und so zum Untergang des Zarenreiches beziehungsweise der K.u.K.-Monarchie beitrugen. Dabei habe ich noch nicht einmal all die Billig-Jobs betrachtet, die schätzungsweise aus rein ökonomischer Not – überwiegend Frauen – diese Form des Lebensunterhaltes betreibt. Der Fensterputzer, die Supermarktkassiererin, die Telefonistin, die Kunden vom Wechsel des Stromanbieters überzeugen soll, oder die Servicekraft in einer Fast-Food-Kette, werden ihren Job eher in Ausnahmefällen als Freude und Vorfreude bei einer Schatzsuche empfinden,  wenn sie für wenig Geld die hohe Kunst beherrschen müssen, mit den Launen ihrer Kunden in allen Lebenslagen umzugehen.

Ich gehe davon aus, dass eine potenzielle Massenflucht zum großen Teil zu den künstlerischen Berufen einsetzen wird. Aus uns würde ein Volk von Dichtern, Denkern, Schriftstellern, Sängern, Rockmusikern, Malern, Grafikern, Fotografen, Schauspielern, Drehbuchautoren und Kabarettisten. Und natürlich Handwerkern, bei denen eine scharfe Trennlinie schon Wirklichkeit ist. Zu Hause wird mit viel Liebe und Fleiß gewerkelt, wenn Badezimmer renoviert werden, wenn tapeziert wird oder wenn Terrassen neu gestaltet werden. Am Arbeitsplatz werden die Aufgaben eher in lästiger Routine und ohne Freude abgearbeitet, wenn eine Klimaanlage in einem Großraumbüro instandgesetzt wird, wenn Fassadenelemente gestrichen werden oder eine Flachdachkonstruktion abgedichtet wird.

Aber ich denke, unser ökonomisches System hält solche Wanderungsbewegungen aus, dazu ist es zu stabil. Es verspricht Wohlstand, das hatte bereits Adam Smith in seinem wegweisenden Werk „Wealth of Nations“, das 1776 erschien, festgestellt. Er entwickelte ein Modell, in dem sich in einem Wirtschaftskreislauf der Wohlstand über Arbeitsteilung, optimaler Güterversorgung und Wachstum verbesserte.

Grundlage dafür war die Fabrikproduktion, in der Arbeitsschritte aufgeteilt wurden, Maschinen eingesetzt wurden und Tätigkeiten spezialisiert wurden. Dadurch wurde die Produktion gesteigert, die Wirtschaft wuchs, indem sie neue Absatzmärkte fand, die Einkommen stiegen. Trotz Massenverelendung in der Frühphase der industriellen Revolution, trotz Aufschwungphasen, die zwei Weltkriege nach sich zogen, trotz Klimadiskussion, die wir momentan erleben und trotz Rezessionen in den 1980er und 1990er Jahren, gelten Adam Smiths Theorien in ihren Grundsätzen bis heute. Wirtschaft ist ein Kreislauf, auf den alles einzahlt. Der Mensch wird zum Konsumenten, indem er Güter auf Märkten nachfragt. Dabei wird er zum Typ des „homo oeconomicus“, da er seinen Nutzen beim Güterkonsum maximieren will. Durch den Verbrauch entsteht wiederum Wohlstand, der auf volkswirtschaftlicher Ebene einen Gewinn abwirft. Dieser Kreis dreht sich vom Prinzip her bis heute weiter, da unsere Wirtschaft – letztlich dank Exporten in alle Welt – ungebremst wächst.

Dichter, Denker, Schriftsteller, Sänger, Rockmusiker, Maler, Grafiker, Schauspieler, Drehbuchautoren, Kabarettisten werden daher weiterhin Nischenexistenzen bleiben. Größere Aufstände wegen Verwerfungen innerhalb der Arbeitswelten sind daher nicht zu erwarten. Gleichwohl zollen die Arbeitsteilung, die nie das fertige Werk erscheinen läßt, globale Wertschöpfungsketten, die bessere Standards von Arbeits- und Umweltschutz weg verlagert, und ein Zwang zur Kosteneinsparung, der in manchen Firmen an Terrorismus grenzt, ihren Tribut.

Da die Aussteiger oder Nischenexistenzen in ihrer Anzahl sehr klein sind, sind die Auflösungstendenzen unseres ökonomischen Systems eher marginal. Wir werden daher alle weiterhin am Bruttosozialprodukt beitragen. Auch in diesem volkswirtschaftlichen Begriff lebt Adam Smith mit seinen Theorien fort, da das Bruttosozialprodukt in den 1940er Jahren als Meßzahl für den Wohlstand entwickelt wurde. Wir definieren uns über unseren Wohlstand. Wir selbst werden zum Bruttosozialprodukt, wenn wir aus dem Kreislauf des Wohlstands nicht ausbrechen können.