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Mittwoch, 28. Mai 2014

Agnostizismus

Im Gerichtssaal kam es zum Eklat.

Regungslos sackte Murat K. in seinem Stuhl zusammen und krallte sich in seiner gefütterten Winterjacke fest. Seine Finger zupften an dem buschigen Bart, der in seinem Gesicht wie Unkraut wucherte, als der Richter das Urteil verlas. Die Revision wurde abgelehnt. Murat K., rechtskräftig verurteilt, das war im Oktober 2012, einem Polizisten hatte er mit einem Küchenmesser in den Oberschenkel gestochen, als dieser sich dem prügelnden Mob aus ProNRW und Salafisten entgegen stellte. Dann stieg der Zorn in ihm auf, sein Gesicht wurde feuerrot, er schmetterte den Richtern seinen Hass entgegen, so wie bei seiner Verurteilung vor anderthalb Jahren. ProNRW habe Mohammed-Karikaturen gezeigt, dies beleidige alle Moslems, Recht und Gesetz würden dieses Unrecht decken, die Polizei hätte bestraft werden müssen. Hass und Feindschaft würden gesät, wenn die Verantwortlichen nicht die Regeln des Islams annehmen würden. Schließlich packte er ein Grundgesetz, schleuderte es auf den Boden und trat mit den Füßen darauf herum.

So wie andere abends durch die Fernsehprogramme zappen, von Soap-Opera zu Dokumentation, von Krimi zu Quiz-Shows, von politischen Sendungen zu Reisereportagen, so zappe ich gerne auf meinem Internet-Radio herum. "Das philosophische Radio", freitags von 20.05 Uhr bis 21.00 Uhr auf WDR5, hat es mir angetan. Jürgen Wiebicke moderiert, da höre ich gerne zu, er lädt einen Experten ein und die Zuhörer können fleißig ihren Senf dazu geben. Es geht da um das radikal Böse im Menschen, vom Recht auf Nichtwissen in unserer Informationsgesellschaft oder welche Strategien man gegen die Knappheit der Zeit entwickeln kann.

Bei diesem Thema hatte ich zunächst weggehört, weil ich falsch zugehört hatte: Agnostizismus. Ich hatte gehört: Atheismus. Beides hängt wiederum zusammen, und die einzelnen Begriffe sind doch etwas komplett anderes. Das Wort „Agnostizismus“ kommt aus dem Griechischen, wobei die Vorsilbe „a“ für die Verneinung steht und „gnoein“ wissen bedeutet. 400 vor Christus erwähnt Protagoras erstmals den Agnostizismus, weil er keine Möglichkeit sieht zu wissen, ob Götter existieren oder nicht.

Erst im 19. Jahrhundert greift ein Biologe, das ist Thomas Henry Huxley, die Idee des Agnostizismus wieder auf und verbindet ihn mit dem Gottesbeweis. Die Menschen glauben an Gott – dann gehören sie einer Weltreligion an – oder sie glauben nicht an ihn – dann sind es Atheisten. Der Biologe verknüpft die naturwissenschaftliche Sichtweise mit dem Gottesbeweis: die Naturwissenschaft wird nicht beweisen können, ob es Gott gibt oder nicht, daher ist der Atheismus die falsche Gegenposition zum Glauben an Gott. Diese Gegenposition ist vielmehr das Nicht-Wissen oder die fehlende Urteilskraft des Menschen, den Dingen richtig auf den Grund zu gehen, um aus dem Status des Halb-Wissens heraus zu finden, nämlich der Agnostizismus.

Ich selbst staune, dass die Dinge, an die wir glauben, zahlreicher sind, als ich vermutet hatte. Glaube wird jeder mit Kirche und Religion verbinden, aber die spirituelle Dimension, Wahrheitsfragen, Nicht-Erklärbarkeit, Visionen eines Propheten, das Zusammenfinden in einer Gemeinschaft, Richtlinien wie die zehn Gebote: unabhängig davon, ob der Glaube auf einen Gott gerichtet ist, haben sich solche Konstrukte im Alltag durchaus verbreitet. Der Agnostizist fällt dann dadurch auf, dass er keine Position bezieht. Es ist sein freier Wille zu entscheiden, mit welchen Dingen er sich befasst. Er sucht sein eigenes Glück, indem er die einen Dinge ignoriert und die anderen Dinge, die es ihm Wert sind, teilt und sich in eine Gemeinschaft des Glaubens einbringt. „Leben und leben lassen“, in diesem Grundsatz könnte man diese Lebenseinstellung zusammen fassen.

Ich schaudere selbst, zu welchen Schrecken ein falsch verstandener oder fanatischer Glaube fähig ist. Erst waren es die Kreuzzüge, in denen der christliche Glaube Angst, Schrecken und Kriege verbreitet hat. In der Renaissance waren es Protestanten und Katholiken, die Kriege gegeneinander geführt haben. Nun ist es läppische dreißig Jahre her, seitdem sich in Ulster und Nord-Irland die letzten Protestanten und Katholiken die Köpfe eingeschlagen haben.

Der 11. September 2001 löste eine Initialzündung aus. Betrachtet man die Zahl der Kirchenaustritte, so geht die Gemeinschaft der gläubigen Christen kontinuierlich zurück. Dieses Defizit an religiösem Glauben füllt nun der Islam aus. Mehr noch: in der Perspektivlosigkeit von heruntergewirtschafteten Staaten lassen sich islamische Gotteskrieger rekrutieren, die in ein straff organisiertes System eingebunden werden, weltweit vernetzt sind und die vereint werden durch den Hass gegen das Christentum und die westliche Welt.

Der Glaube hat die Flugzeuge in das World Trade Center gesteuert, der Glaube hat die Feuerwehrmänner, die in Schutt und Asche nach Überlebenden gesucht haben, zu Helden gemacht. Der Glaube hat den Krieg gegen Afghanistan angefacht, um den Lenker islamischen Terrors, Osama bin  Laden, zu finden. Und der Glaube hat Geduld und Ausdauer bewiesen, um so lange nach dem Versteck zu suchen, um den Inbegriff des bösen Glaubens, Osama bin Laden, schließlich in Pakistan zu finden.

Das Gedankengut eines Murat K. ist in die Köpfe so mancher Islamisten, Salafisten und wie sie alle heißen, gewandert. So wie er, rücken die Gotteskrieger aus den Elendsvierteln in Islamabad, Kairo oder Algier aus, um die böse westliche Welt zum besseren Glauben des Islams zu überführen. Murat K. bereut nichts. Er würde wieder so handeln. Sollte sich die Polizei in den Weg stellen, würde er wieder zustechen.

Glücklicherweise sind Murat K. und seine Gesinnungsgenossen eine Randerscheinung. Die Islamisierung unserer Gesellschaft schreitet zwar voran, doch 99% der Moslems haben mit dem Gedankengut eines Murat K. nichts gemein. Christen und Moslems leben spannungsfrei miteinander, das beweist der Alltag, weil sie die Religion des anderen nicht verstehen müssen - was auch eine Form des Agnostizismus ist.

All die Ismen des 20. und 21. Jahrhunderts setzen auf Glauben und Weltanschauung auf, sie haben Massen mobilisiert, die durch Führer willenlos gelenkt wurden. Der Nationalsozialismus hat kein tausendjähriges Reich gebracht, sondern den Völkermord an den Juden. Kapitalismus und Kommunismus haben die Welt in Gut und Böse aufgeteilt. Auch der Kommunismus hat seinen Teil am Völkermord beigetragen, als 1975 bis 1979 auf den „killing fields“ in Kambodscha nicht kommunistisch gesonnene Menschen systematisch ermordet wurden. Mit dem Mauerfall 1989 ist die Ära des Kommunismus zu Ende gegangen, aber glaubt die Weltbevölkerung seitdem nur noch an den Kapitalismus ?

James Bond, Geheimagent 007, hat es gewagt. In den Zeiten des Kalten Krieges hat er dem Kommunismus getrotzt, mutig, kühn, gewagt, hat er es mit den Feinden in Rußland und Afghanistan aufgenommen.  Ausgefeilte Technik hat ihn aus brenzligen Situationen herausgebracht. Er ist zum Retter der Welt geworden, der verhindert hat, dass im entscheidenden Moment die Welt durch eine Atombombe ausgelöscht worden wäre. Zwölf Romane hat Ian Flemming geschrieben, in seiner Rolle als Agent des britischen Geheimdienstes, hat er James Bond zur Glaubensfigur gegen den Kommunismus verewigt.

Der Glaube polarisiert, er läßt nur noch die Wahl zwischen Gut und Böse. Das ist so wie beim Fußball. Fans tun sich zusammen, pflegen ihr Gemeinschaftsgefühl, marschieren ins Stadion, schwenken Fahnen und feuern ihre Fußball-Mannschaft an. Sie glauben daran, dass ihre Mannschaft das Spiel gewinnen wird. Es gibt einen klar umrissenen Feind, der als gegnerische Mannschaft auf dem Platz steht. Wenn alles gut läuft, dann gewinnt eine Mannschaft (oder das Spiel geht unentschieden aus), und anschließend sind die einen Fans todtraurig und betrübt und die anderen Fans im siebten Fußballhimmel oder auch beide Fanblöcke zufrieden. Wenn es schlecht läuft, dann gibt es Randale, so wie zuletzt in der 2. Fußball-Bundesliga beim Abstiegsduell Dynamo Dresden gegen Arminia Bielefeld. Als Dresden 2:0 zurücklag, explodierten Böller auf dem Spielfeld, Leuchtraketen wurden auf den Rasen geschossen. Als das Spiel aus war und Dresden nach einer 2:3-Niederlage in die 3. Liga abgestiegen war, drohten Fans von Dynamo Dresden auf einem Plakat: „Ihr habt eine Stunde Zeit, um unsere Stadt zu verlassen.“ Nachdem sie sich geduscht und angezogen hatten und aus ihren Umkleidekabinen das Stadion verließen, musste die Polizei herhalten, um die Spieler beider Mannschaften vor dem Mob randalierender Fußballfans zu schützen. 

Beim Fußball versteht sich Agnostizismus von selbst, weil es dort nichts zu verstehen gibt. Klar, der Trainer gibt den Spielern eine Taktik an die Hand, seine Mannschaft hat einen guten oder schlechten Tag erwischt, der Rest ist Kampf, Einsatz, Übung, Training, Schnelligkeit, Technik, Teamfähigkeit, Herz, Leidenschaft. Rational zu verstehen, Urteile zu bilden, im Sinne einer Erkenntnistheorie, gibt es nicht beim Fußball. Kurz gesagt: 22 Spieler rennen dem Ball hinterher und in wessen Tor der Ball am häufigsten landet, diese Mannschaft hat verloren.

Agnostizismus ist eine natürliche Einstellung, die andere Fußball-Fans ihren Leiden oder Freuden überläßt. Neutralität, Mäßigung, nicht wissen, den anderen nicht bekehren wollen, ihn so lassen, wie er ist, sich selbst nicht als Heilsbringer verstehen: von solchen Einstellungen könnte unsere Gesellschaft profitieren, um einen falsch verstandenen oder fanatischen Glauben zu entschärfen.

Donnerstag, 22. Mai 2014

Nietzsche im Rheinland

Seine Stippvisite an den Rhein war kurz, dauerte gerade ein Jahr und war voller Neugierde, Wechselbäder und Abstürzen,  so wie sein restliches Leben.

Als Sohn eines Pfarrers war Friedrich Nietzsche in Naumburg in Sachsen aufgewachsen, sein Vater starb, als er vier Jahre alt war. Nachdem er 1864 das Abiturexamen im Internat in Schulpforta abgelegt hatte, wurde ihm die Welt in der sächsischen Provinz zu eng. Seine Lehrer machten ihm ein Studium in Bonn schmackhaft.

Nachdem das Rheinland 1815 der preußischen Rheinprovinz zugeschlagen wurde, verlagerten die Preußen die Kölner Universität zu Rheinischen Wilhelms-Universität nach Bonn. Der Aufbau der Bonner Universität wurde zum Politikum, denn die Preußen förderten Lehre und Forschung finanziell. Sie beriefen namhafte Professoren nach Bonn, um das Rheinland fester an Preußen zu binden, denn die Unterschiede zwischen Mentalitäten und Weltbildern waren gewaltig. So hatte Bonn in dem Fach „klassische Philologie“, das Nietzsche studieren wollte, einen hervorragenden Ruf.

Diese Argumente überzeugten. Nietzsche wollte auch an der rheinischen Lebensart teilhaben, an Frohsinn und Geselligkeit, heraus aus der Herrschaft von Gottes Wort  und den Glauben an den preußischen König in Naumburg, hinein in die Weinstuben entlang des Rheins, wo man in den Tag hinein leben konnte und die Lebensqualität mit der Romantik des breiten Stroms stieg.

In der Bonngasse 518, unweit vom Beethovenhaus, fand er eine Studentenbude. Die Briefwechsel mit seinem Elternhaus waren rege. „Ich glaube, sehr zufrieden sein zu können", schrieb er an seine Mutter, „monatlich 5 Thai. Miete. Sehr schönes Haus. Es ist mir sehr lieb, bei meinen Wirtsleuten essen zu können für fünf Silberlinge sehr gute Hausmannskost, Suppe, Gemüse und Fleisch."

Am 16. Oktober 1864 begann sein Studium. Neben „Klassische Philologie“ belegte er Vorlesungen in „Theologie“, um dem Vorbild seines Vaters zu folgen. Doch vorläufig stand weniger der Vorlesungsplan auf der Agenda, sondern das Kennenlernen der Annehmlichkeiten des Rheinlandes durch Ausflüge, Dampferfahrten auf dem Rhein, sowie Kneipen mit entsprechender Bierseligkeit. Gegenüber seiner Mutter geriet er ins Schwärmen: „Unsere Rheinreise war kostbar, nimm das Wort, wie Du willst, es trifft immer. Ich habe diese Tage schon wieder Sehnsucht empfunden nach diesem grünwogigen prachtvollen Strom."

Mit diesem Hintergrund trat er in die Burschenschaft „Frankonia“ ein, um gemeinsam mit anderen Studenten rheinischen Frohsinn zu pflegen und Einigkeit und Recht und Freiheit eines deutschen Vaterlandes herauf zu beschwören. Das Fechten war ein Ritual, das zu festen Zeiten geübt werden musste. Ein Fechtduell, das Nietzsche in Freundschaft begann, hinterließ bleibende Spuren: als er einen Gegner dominierte und ihn zum Abbruch zwang, fuhr dieser ihm im Zorn mit dem Degen quer über die Nase, das Blut quoll in Strömen und hinterließ eine bleibende Narbe.

Tief beeindruckt war er vom Rolandsbogen, der Ziel eines Ausflugs mit seiner Burschenschaft war. Als sie mit dem Schiff in Rolandseck ankamen, wurden sie mit Böllerschüssen begrüßt. Sie wanderten aufwärts zum Rolandsbogen, das Abendessen dauerte bis sechs Uhr. Danach ging es lustig und hoch her. Nietzsche schrieb über diesen Ausflug an seine Mutter: „Wir waren ausnehmend vergnügt und sangen viele selbstverfasste unsinnreiche Lieder. Draußen war es Dämmerung geworden, der Mondschein lag auf dem Rhein und beleuchtete die Gipfel des Siebengebirges, die aus dem bläulichen Nebel hervortraten. Wir blieben bei einem edlen Rheinwein, während die anderen Champagnerbowle tranken. Die Gegend ist dort wirklich drei Ausrufezeichen werth."

Nietzsche genoß seine Ungebundenheit in vollen Zügen. Das Rheinland formte er als das absolute Gegenteil zu der kleinstädtischen Ereignislosigkeit in Naumburg. Er entwickelte einen Drang zur Musik, besuchte Hebbels „Nibelungen“ im Bonner Schauspielhaus, einen Klavierabend mit Clara Schumann, in Köln Beethovens „Fidelio“ und Meyerbeers „Hugenotten“. 1865 besuchte er das Niederrheinische Musikfest mit einer Aufführung von Händels „Israel in Ägypten“ im Kölner Gürzenich.

In Köln geriet er sogar vollends auf Abwege, als ihm ein Einheimischer ein Etablissement für Nachtschwärmer vorführen wollte. Dort sah er sich plötzlich umgeben von einem halben Dutzend weiblicher Erscheinungen in Flitter und Gaze, in halbnackten Posen, so berichtete ein Mitstudent. Er war so irritiert, dass er erstarrte und es ihm seine Sprache verschlug, dass er in einem Bordell gelandet war. Dann ging er instinktmäßig auf ein Klavier los als das einzige seelenhafte Wesen in dieser dekadenten Gesellschaft. Er schlug einige Akkorde an, die seine Erstarrung lösten und ihn fluchtartig ins Freie beförderten.

Derweil wuchsen in besorgniserregendem Umfang seine Unkosten. Regelmäßig beschrieb er seiner Mutter seine desolate finanzielle Situation. Sie schickte ihm Geld über einen monatlichen Wechsel, und wenn dieser ankam, ließen offene Schulden davon kaum etwas übrig.

Ab dem Sommersemester 1865 veränderte sich seine Einstellung. Er blickte zurück und stellte fest, dass er jede Menge  Zeit vergeudet hatte. Einen Studienfortschritt konnte er kaum feststellen. In „Klassische Philologie“ hatte er wenige, in Theologie keine Vorlesungen besucht. Die Schuld gab er seinen Mitstudenten in der Burschenschaft, die ihn mit ihren „rohen Trinksitten“, ihrem „Biermaterialismus“ und ihrer schlechten Urteilsfähigkeit vom Studium abgehalten haben. Er wendete sich vom Rheinland ab.

Er trat aus der Burschenschaft aus, wobei die Art und Weise, wie er austrat, sich wie ein roter Faden durch seine philosophischen Schriften zog. Er brach mit den Konventionen. Er wollte alles Gewesene niederreißen, er stellte alle Grundsätze in Frage, in seinen neuen Denkansätze verwarf er Denkmäler wie Platon, Aristoteles oder Kant, deren Denken Jahrtausende lang überall als richtungsweisend gegolten hatte.
Er reichte sein Gesuch ein und erörterte mit der Burschenschaft seine Gründe für den Austritt. Diese war nicht gerade begeistert darüber, in welchem Umfang er diese schlecht geredet hatte, und wie seine Sichtweisen innerhalb der Studentenschaft Beine bekommen hatten. Die Burschenschaft war außer sich, sie raffte sich aber zusammen und verlieh ihm eine ehrenvolle Entlassung mit Band, um die Form zu wahren.

Der Bruch mit den Konventionen folgte, als er sich bereits zum folgenden Wintersemester in der Universität in Leipzig eingeschrieben hatte. Dass die Bonner Ära zu Ende gegangen war, hing mit seinem zunehmenden Schuldenberg zusammen, und damit, dass gleichzeitig sein Professor in „Klassische Philologie“ nach Leipzig wechselte. Dieser sollte später die Karriere Nietzsches befördern. Aus Leipzig schickte er nun das Band, mit dem er ehrenvoll aus der Burschenschaft entlassen worden war, nach Bonn zurück und bat sozusagen um einen Austritt aus dem Austritt. Die gemeinsamen Erlebnisse, die gemeinsame Vergangenheit mit der Burschenschaft wollte er auslöschen, er wollte nichts mehr damit zu tun haben.

Nietzsches Karriere nahm seinen Lauf, als er 1870 eine Professur an der Universität Basel annahm. Er verschlang die Schriften Darwins, der mit seinem Beweis, dass der Mensch vom Affen abstammt, das religiöse Weltbild in neuen Dimensionen in Frage stellte. Gott als persönlicher Urheber und Lenker war tot. Das nüchterne Menschenbild aus Zahlen, Daten, Fakten gewann an Konturen. Der Mensch wurde zu einem Tier mit einem leistungsfähigen Prozessor im Gehirn degradiert.

Fortan arbeitete er an den Fragen, was die nüchterne naturwissenschaftliche Sicht für das Selbstverständnis des Menschen bedeutete, auf welche Art und Weise die naturwissenschaftliche Sicht einen Mehrwert liefern konnte, wie der Mensch sich in diesem Umfeld neu positionieren konnte. Die einleitenden Sätze in seiner Schrift „Zur Genealogie der Moral“ zeigen die ständig fortlaufende Suche des Menschen auf: „Wir sind uns unbekannt, wir Erkennenden, wir selbst uns selbst. Das hat seinen guten Grund. Wir haben nie nach uns gesucht – wie sollte es geschehen, dass wir uns eines Tages fänden ?“ Seine Analysen sind stets brilliant und liefern neue, frische Denkweisen.

Rückblickend, erinnerte sich Nietzsche als Professor in Basel gerne an seine Studienzeit im Rheinland zurück. 1872 beschrieb er in einer Vorlesung seinen Studenten den Ausflug auf den Rolandsbogen . Er erzählte: „Es war eine jener vollkommenen Tage, wie sie, in unserem Klima wenigstens, nur eben diese Spätsommerzeit zu erzeugen vermag: Himmel und Erde im Einklang ruhig nebeneinander hinströmend, wunderbar aus Sonnenwärme, Herbstfrische und blauer Unendlichkeit gemischt. Wir bestiegen, in buntesten, phantastischen Aufzuge, an dem sich der Trübsinnigkeit aller sonstigen Trachten, allein noch der Student ergötzen darf, ein Dampfschiff, das zu unseren Ehren festlich bewimpelt war, und pflanzten unsere Verbindungsfarben auf seinem Verdeck auf. Von beiden Ufern des Rheins ertönte ein Signalschuß, durch den nach unserer Anordnung ebenso die Rheinanwohner als vor allem unser Wirt in Rolandseck über unser Herankommen benachrichtigt wurde. Ich erzähle nun nichts von dem lärmenden Einzug, vom Landungsplatze aus, durch den aufgeregt-neugierigen Ort hindurch, ebenso wenig von den nicht für jedermann verständlichen Freuden und Scherzen, die wir uns untereinander gestatteten.“

Viel zu jung, begann der Absturz von Nietzsche. Seine Schaffensperiode war kurz, denn bereits im Alter von 35 Jahren plagten ihn Migräne und Magenbeschwerden, so dass er seine Lehrtätigkeit in Basel aufgeben musste. 44 Jahre alt, brach er so sehr zusammen, dass man das Krankheitsbild heute als Schlaganfall bezeichnen würde. Im Alter von 55 Jahren starb Nietzsche.

Samstag, 8. März 2014

St. Pankratius in Königswinter-Oberpleis - Darstellung des Kosmos

St. Pankratius Oberpleis
Die Suche nach den letzten Dingen treibt wohl jeden Menschen an. Wo kommen wir her ? Wo gehen wir hin ? Wer sind wir ? Seitdem es die Menschheit gibt, hat sich diese darüber den Kopf zerbrochen. Im Christentum ist der Ursprung aller Dinge Gott. In der Antike – bei den Ägyptern, den Griechen oder den Römern – war es eine Vielzahl von Göttern. Philosophen wie Aristoteles definierten den Ursprung aller Dinge anders. Hinter der sichtbaren Gestalt der Dinge sahen sie einen Kern, der alle Dinge auf eine gemeinsamen Wesensgestalt zurückführte. Diese Wesensgestalt musste nicht zwingend ein Gott sein.

Ich staune, was es in unserer Gegend alles zu sehen gibt. Im Rücken des Siebengebirges fällt das Gelände steil ab. Vielleicht inspiriert durch die opulenten Formen des Siebengebirges, haben die Menschen darüber nachgedacht und Darstellungsformen gefunden, wie sich der Mensch und die Welt zueinander verhalten. Der Denkansatz stammt aus dem Mittelalter, greift aber auf die Antike zurück.

Es ist ein Tonfliesenmosaik aus dem 13. Jahrhundert in der Kirche St. Pankratius in Königswinter-Oberpleis, das 1974 bei Renovierungsarbeiten 80 Zentimeter unter dem Fußboden entdeckt wurde, als dieser aufgestemmt wurde. Rund ein Drittel der weiß-grau-blauen Fliesen wurde von 1210 bis 1230 verlegt, sie fügen sich zu einer Darstellung des Kosmos zusammen, die übrigen zwei Drittel ergänzten die Archäologen, fußend auf Weltbildern, die die Menschen seit der Antike entwickelt haben.

Krypta, Marienalter, romanischer Taufstein, Jesus am Kreuz, das Tonfliesenmosaik will als Darstellung des Kosmos in der Kirche St. Pankratius in Oberpleis nicht so Recht in die übrige religiöse Innenausstattung hinein passen.

Tonfliesenmosaik Oberpleis
Solange es die Menschheit gibt, haben sich Denker über Ordnung, Struktur, Geometrie und Ursprung der Welt den Kopf zerbrochen. Schon die Ägypter zeichneten Mond, Sterne und andere Planeten als astronomischen Raum um die Erde herum. Im 4. Jahrhundert vor Christus entwarf Aristoteles ein Weltbild, das bereits dem Tonfliesenboden in Oberpleis in den Grundstrukturen ähnlich war. Die Erde stand im Zentrum, und sie umgab ein konzentrischer Ring von 12 Kreisen. Die ersten vier Kreise waren die Elemente Erde, Wasser, Luft und Feuer, die übrigen acht Kreise waren für Sonne plus die damals bekannten 7 Planeten vorgesehen.

In Oberpleis können die 12 Kreise aus der Religiösität des Hochmittelalters gedeutet werden. Gott ist der Ursprung allen Seins, symbolisiert durch die Sonne als Zentrum der 12 Kreise. Um den Ursprung herum, unterschieden sich Kreise mit dreieckigen Fliesen, die 7 Kreise ergeben, und Kreise mit viereckigen Fliesen, die 4 Kreise ergeben. Die Zahl 12 kann die 12 Monate oder 12 Tierkreiszeichen darstellen, die Zahl 7 die 7 Tage der Schöpfung oder die 7 Planeten, die Zahl 4 die 4 Wochen oder 4 Jahreszeiten oder auch die 4 Elemente des Aristoteles.

Das Tonfliesenmosaik in Oberpleis unterscheidet sich von den Darstellungen des Kosmos in der Antike, da es in den vier Ecken um weitere, kleine Kreise ergänzt wurde. Diese kleinen Kreise verknüpfen mit ihren Aufschriften und Symbolen vier Himmelsrichtungen mit vier Jahreszeiten und vier menschlichen Charaktereigenschaften:

Nordosten = Frühling = Sanguiniker
Nordwesten = Winter = Phlegmatiker
Südwesten = Herbst = Melancholiker
Südosten = Sommer = Choleriker

Kosmos-Darstellung Isidor von Sevilla
Die Spuren dieser kleinen Kreise, die den antiken Darstellungen noch nicht hinzugefügt worden sind, führen nach Spanien. Das Wissen von Ägyptern, Griechen und Römern hatte sich im Mittelmeerraum gesammelt. Durch den Untergang des west-römischen Reiches, durch die Völkerwanderung und den Einfall von Hunnen, Wandalen, Normannen und Wikingern drohte dieses Wissen verloren zu gehen. Gelehrte, Geistliche und später Klöster schrieben Schriften aus der Antike ab, um dieses Wissen zu erhalten.

Einer dieser Geistlichen war Isidor von Sevilla, der 636 in Sevilla starb. In seinen Schriften findet sich eine Darstellung des Kosmos, in der dieselben Grundeinheiten von mundus (Welt), annus (Jahr) und homo (Mensch) stehen. Dieselben Begriffe der Charaktereigenschaften „sanguina“, „phlegma“, „melancolia“ und „cholera“ finden sich sowohl bei Isidor von Sevilla, sondern auch in Oberpleis.

Wo kommen wir her ? Wo gehen wir hin ? Wer sind wir ? In Oberpleis habe ich erstaunliches dazu gelernt. Die Hügel werden schlapper, und das Hinterland des Siebengebirges habe ich bislang wenig beachtet. Im schützenden Tal der Pleis bin ich den letzten Dingen auf den Grund gegangen.

Freitag, 2. November 2012

Jean-Paul Sartre - Der Ekel


Zielloses Herumstreunen in Kneipen. Langeweile, Neugierde und Aufbruchstimmung trieben mich aus meiner Single-Wohnung heraus. Doch jedes Mal, wenn ich die Kneipenszene rund um die Kölner Universität aufsuchte, stumpfte deren Einfallsreichtum ab. Die Gesichter an der Theke waren austauschbar. Die Verbindungen, die ich knüpfte, waren kurzweilig und verschwammen in der Unbeständigkeit des Augenblicks. Ich wechselte in die nächste Kneipe. Oder in die Altstadt. Bis mich die Ziellosigkeit in meine Single-Wohnung zurück trieb.

Sartre’s Roman „Der Ekel“ beschreibt den Historiker Roquentin, der eine Biografie schreibt. Ebenso ziellos streift er durch die Kleinstadt Bouville und verbringt einen nicht unerheblichen Teil seiner Zeit in Cafés.

1938 geschrieben, ist der Roman „Der Ekel“ eines der frühen Werke Sartres (1905-1980). Im Gegensatz zu seinem Hauptwerk „Das Sein und das Nichts“ (Original „l’être et le néant), stellt die Form des Romans eher die Ausnahme dar; der überwiegende Teil seines Werks sind philosophische Schriften.

Anders wie bei mir, als ich in Köln auf der Suche nach Kontakten war, sind Aufbruchstimmung und Ziellosigkeit bei Roquentin Dauerzustand. Dadurch ist der Roman schwerfällig zu lesen. Roquentin recherchiert in der Bibliothek für seine Biografie und streift, um sich abzulenken, durch Cafés. Seinen Mitmenschen steht er gleichgültig gegenüber, ja, er ist sogar eine Art Misantrop und sieht nur das Schlechte an seinen Mitmenschen. Er begegnet in den Cafés Spinnern, Besserwissern, Aufreißer von Frauen, Mitläufern. Menschen, denen ihre Mitmenschen gleichgültig sind, Menschen, die sich gegenseitig anschweigen. Menschen mit Vorurteilen, Fehlurteilen und kleinbürgerlichen Ansichten. Er empfindet Ekel gegenüber diesen Menschen. Er will diesen Ekel überwinden, indem er die Gründe untersucht.

Dabei klingen die Formulierungen, wie er seine Mitmenschen beschreibt, bisweilen merkwürdig:
„Jetzt ist der Regen da: er schlägt leicht gegen die Milchglasscheiben; wenn auf den Straßen noch verkleidete Kinder sind, wird er ihre Pappmasken aufweichen oder verschmieren …“
Oder:
„Der Aufseher kam auf uns zu: ein Mann mit dem Schnurrbart eines Tambourmajors. Er spazierte stundenlang zwischen den Tischen umher und knallte mit den Absätzen. Im Winter spuckte er ins Taschentuch, das er anschließend im Ofen trocknen ließ.“

Bei mir hatten sich irgendwann zwischenmenschliche Anknüpfungspunkte aufgebaut. Interaktion und Kommunikation begannen zu fließen, wenngleich sehr langsam. Später war das Herumstreunen nicht mehr ziellos, und Szenekneipen oder Cafés haben mich dauerhaft inspiriert.

Sartre ist aber kein Netzwerker, sondern Philosoph. Angeekelt, findet sich Roquentin an einem Punkt wieder, wo er inmitten all seiner gleichgültigen Mitmenschen seine eigene Existenz hinterfragt. Sich anlehnend an Descartes, erforscht er sein Inneres: ich denke also bin ich (cogito ergo sum). Zurückgeworfen auf sein eigenes Ich, muss Roquentin sich positionieren, sich selbst definieren.

Dieser Existenzialismus, mit dem Sartre ein Durchbruch gelungen ist, liest sich in dem Roman genauso schwerfällig. So sinniert Roquentin eine gefühlte Ewigkeit lang vor sich her, wie seine eigene Existenz zu beschreiben ist:
„… die Existenz ist wabbelig und rollt und schwankt, ich schwanke zwischen den Häusern, ich bin, ich existiere, ich denke, also schwanke ich, ich bin, die Existenz ist ein gefallener Sturz, wird nicht fallen, wird fallen, der Finger kratzt an der Luke, die Existenz ist eine Unvollkommenheit. Der Herr. Der schöne Herr existiert. Der Herr fühlt, dass er existiert … „
Usw.

Roquentin ist also auf Dauersuche nach seiner eigenen Existenz. Das hört sich widersprüchlich an, aber gerade dies hat mich an dem Roman fasziniert. Sartre schickt seine Romanfigur in diese Dauersuche hinein. Roquentins Lebensinhalt ist, ein Biografie zu schreiben (was eigentlich ein Ziel ist). Roquentin definiert sich ständig neu und sucht einen Neubeginn. Seine erste Erkenntnis ist, dass er keine historische Biografie schreiben will, sondern einen Roman. Dazu will er nach Paris umziehen. Zwischendurch trifft er sein Ex-Geliebte wieder, in die er sich hoffnungslos neu verliebt. Sie reist aber nach einigen Tag ab nach New York. Über den gesamten Roman hinweg endet die Dauersuche nach der eigenen Existenz darin, dass Roquentin vieles verwirft, sich ständig neu definiert und nichts von dem erreicht, was er sich vorgenommen hat. Und die Grundstimmung des Ekels ist nicht verschwunden.

Bezogen auf meinen eigenen Blog, denke ich bei Roquentin an den Post über Lieven Deflandre. Lieven Deflandre hatte eine pessimistische Grundhaltung gegenüber Politik, Staat, Gesellschaft, Alltag. Beziehungen zu seinen Mitmenschen pflegte er über soziale Netzwerke. In seinen Posts beschreibt er die Leere der Cafés in Gent, wo er gelebt hat, und wie ihn die Menschen in den Cafés abgestoßen haben.

Bei dieser Grundhaltung, wie Menschen wegsehen, wie in der Informationsflut Lebensziele abhanden kommen, wie in den Nachrichten nur über Negatives berichtet wird, wird dieser Menschentyp eines Roquentin mitten unter uns sein.

Donnerstag, 31. Mai 2012

Ethik und Konsum

In regelmäßigen Zyklen flammt diese Diskussion bei uns zu Hause auf. Diesmal war es Kindersklaverei in der Elfenbeinküste. Kinder wurden als Sklaven gehalten und halfen auf den Kakaoplantagen bei der Ernte. Erbost waren wir alle und wollten keine Schokolade mehr essen und keinen Kakao mehr trinken.

Solche Themen finden sich auch in meinen Blogs wieder. So hatte ich über den ARD-Marken-Check berichtet, in dem Unternehmen wie H&M, Ferrero oder SATURN an den Pranger gestellt wurden. Regelmäßig geht es dort um menschenunwürdige Arbeitsbedingungen und Ausbeutung, insbesondere in der Dritten Welt. Den Fernsehbericht über Kindersklaverei in der Elfenbeinküste hatte ich vor, genauso in meinem Blog zu platzieren. Der Effekt wäre aber so gewesen wie bei unseren Diskussionen zu Hause: Vor Wut hätte ich gekocht. Auf die Firmen, die daran verdienen, hätte ich geschimpft. Danach wäre aber wieder alles verpufft und hätte seinen gewohnten Gang genommen. Bis der nächste Fernsehbericht ausgestrahlt wird und die Wirkung danach wieder verpufft. Wie ein Rad, das sich endlos dreht, aber nicht von der Stelle kommt.

Ethik und Konsum – als Verbraucher kann ich eigentlich Macht ausüben, für welchen Anbieter ich mich bei meinem Kauf entscheide. Bei näherem Hinsehen stelle ich aber fest, dass ich auf ein unentwirrbares Dickicht stoße. Und dass ich eher selten eine Kaufentscheidung nach den Kriterien der Vernunft treffen kann.

Klar: die Öko-Bewegung hat einiges bewirkt – so dachte in der Automobilindustrie in den 70er Jahren noch niemand an Katalysatoren, bleifreies Benzin oder Rußpartikelfilter. In der Textilindustrie gibt es mittlerweile weltweit ca. 100.000 Qualitätszertifikate, mit dessen Hilfe über alle Wertschöpfungsstufen die Umweltfreundlichkeit von Textilfasern bewertet wird. Fairtrade stellt sicher, dass Arbeiter in der Dritten Welt bei der Ernte von Bananen, Kaffee oder Kakao angemessen entlohnt werden – ohne Kinderarbeit. Bei uns im Rhein-Sieg-Kreis gibt es eine Ethik-Bank, die mit ihrem Kapital nur ethisch vertretbare Vorhaben finanziert.

Trotz dieser positiven Beispiele kriege ich als Verbraucher keinen Griff an meine Kaufentscheidungen. Zu viel Zeitaufwand geht drauf, um mir solche Informationen zu beschaffen. Schlimmer noch: die Botschaften stimmen nicht, denn es wimmelt nur so von Widersprüchen. Einerseits sponsert Ferrero Projekttage an Schulen, die gesunde Ernährung und Bewegung in den Vordergrund stellen, andererseits bezieht Ferrero seine Haselnüsse aus der Türkei, wo Kinder bei der Ernte helfen. Der Touristik-Konzern TUI wirbt mit nachhaltigen Hotels in Urlaubsgebieten und vergisst gleichzeitig die Betonwüsten an mediterranen Stränden, die er selbst mit aufgebaut hat. Der Energiekonzern RWE bietet Öko-Strom aus Laufwasserkraftwerken an und war in der Vergangenheit ein vehementer Verfechter von Atomkraftwerken.

Ethik und Konsum – das Dickicht nimmt kein Ende und die Verwirrungstaktik von Meinungsmachern und Konzernen scheint aufzugehen. Nicht mehr als Nischenexistenzen sind die positiven Beispiele, die glaubwürdig klingen und keine Doppelmoral betreiben. So eine Art Subkultur, Auflehnung, Randgruppe, aber keine Massenbewegung. An den Leitbildern großer Konzerne darf ich mich ohnehin nicht orientieren. All diese kleinen Ethik-orientierten Ansätze muss ich wie ein Puzzle zusammensetzen – bis ich zum Schluss merke, dass weit mehr als die Hälfte der Puzzlestücke fehlt. In den kleinen Bewegungen wird fleißig getreten und etwas bewegt, aber in Summe – im Großen – bleibt das Rad auf der Stelle stehen. Die globalisierte Wertschöpfungskette leistet ein übriges, um Ethik und Konsum zu verwässern. Wie die Warenflüsse um den Globus kreisen und welche Teile aus welchen Ländern in welchen Produkten landen, dazu bedarf es genauer Stücklisten, um dies festzustellen. Und diese hat der Verbraucher üblicherweise nicht.

Ethik und Konsum – zum Schluß manövriert sich der Verbraucher selbst ins Abseits. Der Einfluss von Faktoren wie Nachhaltigkeit auf die Kaufentscheidung wird wahrscheinlich überschätzt. Vergesslichkeit kennzeichnet die Masse der Verbraucher, denn man muss denken, um nachhaltig einzukaufen. Eltern aller Einkommensschichten kaufen asiatisches Billigspielzeug. Klamotten-Ketten wachsen, in denen sich Kunden für 30 € komplett einkleiden können. Apple meldet Absatzrekorde für iPhones und iPads, obwohl jeder weiß, dass Arbeiter sie zusammengeschraubt haben, die schuften müssen, bis sie zusammenbrechen. Bei LIDL, ALDI & Co nehmen die Warteschlangen kein Ende, wenn Montag morgens die Schnäppchenjagd eröffnet wird.

Ethik und Konsum – offensichtlich sind dies Welten, die nicht zusammenpassen. Da kann das Fernsehen noch so viele Markenchecks zeigen. Zuletzt war Adidas an der Reihe. Da können noch so viele Unternehmen an den Pranger gestellt werden – wegen Kinderarbeit oder sogar Sklaverei. Wieder erschreckt eine Fieberkurve der Empörung den Fernsehzuschauer. In gewohnter Heftigkeit wird bei uns zu Hause diskutiert – mehr passiert nicht.

Business as usual.

Dienstag, 7. Februar 2012

Interview mit Gernot Böhme

In der Badischen Zeitung vom 28. Januar habe ich ein Interview mit Gernot Böhme gelesen. Gernot Böhme ist Philosoph, er bezeichnet sich als Alt-68er und hat ursprünglich Naturwissenschaften studiert (Mathematik und Physik). 1977 wurde er Professor der Philosophie an der TU Darmstadt und er leitet nun das Institut für Praxis der Philosophie.

Die 68er-Bewegung hat aus seiner Sicht im nachhinein nichts bewegt, und in seinem Interview bezieht er Stellung zu Veränderungen in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft.

Dies sind seine Thesen zur Veränderung:

Die großen politischen und sozialökonomischen Fragen ändern sich nicht. Im Kleinen, in regionalen Projekten und Bürgerinitiativen lässt sich etwas verändern.

Für das Große muss man resignativ sagen, es ist eine völlige Illusion zu glauben, dass wir unser politisches und wirtschaftliches System auf absehbare Zeit verändern werden.

Der erwachsene Mensch muss sich um sich selbst kümmern und sich selbst entwickeln. Ich würde dabei aber eher von Entwicklung reden als von Veränderung. Die eingefahrenen Verhaltensweisen des Menschen muss man ändern, das ist richtig.

Der Zugang vom Konsumenten her ist der richtige. Aber auch da bin ich der Meinung, dass das ein Ansatz im Kleinen ist. Man kann einen Familienstil im Konsum entwickeln, das kann in Summe vielleicht sogar eine allgemeine Wirkung haben, wenn sich viele anstecken lassen. Aber man bekommt dadurch das System von Politik und Wirtschaft nicht in den Griff.

Veränderungen gehören nicht zum Wesen der Politik: sie kommt nicht zur Vernunft, sondern muss zu ihr getragen werden.

Wir setzen Veränderungen zu sehr mit Steigerungen und Verbesserungen gleich. Deshalb sind die wirklich nachweisbaren großen Veränderungslinien technischer oder wirtschaftlicher Natur. Da erleben wir diese Steigerungskurven.

Angesichts der rapiden Veränderungen, die uns gerade auf dem Gebiet der Technologie dauernd bedrängen, wünsche ich uns eher eine Bewahrung.

Bewahrung von Humanität: Wir müssten eigentlich darauf drängen, das, was das menschliche Dasein ausmacht, im Prinzip gleich bleiben zu lassen, es geradezu vor Veränderungen zu beschützen.

Bei den Menschenrechten ist die moralisch-juristische Existenz geschützt worden. Eine leibliche Existenz stand gar nicht zur Debatte. Aber auf diesem Bereich ist die Menschenwürde heute bedroht, vor allem durch biologischen, medizinischen und technologischen Fortschritt.

Die persönliche, gesellschaftliche, moralische Motivation muss da ansetzen, wo man steht, das heißt in den erreichbaren Verhältnissen.. Dort muss man lernen, Veränderungen zu initiieren. Das funktioniert ja auch, vielleicht mit der Perspektive der Ansteckung anderer Gruppen und einer langfristig größeren Wirkung.

Seine Thesen entsprechen in großen Teilen dem, was ich selbst persönlich erlebt habe. Im Kleinen, in der Familie, im Verein usw. gibt man sich zum Teil sehr viel Mühe, Dinge zu verändern. So pflanzen wir in unserem Nutzgarten eigenen Salat und eigenes Gemüse, und wir finden durchaus Nachahmer. Auf dem großen Parkett hingegen werden gesellschaftliche und politische Machtpositionen ausbalanciert, was mit den Veränderungen im Kleinen nichts zu tun hat.

Größere Veränderungen von oben - entstanden aus dem Veränderungswillen im Kleinen – sind eher selten. Dies ist dann ein Umsturz oder eine Revolution. Das gab es in der damaligen DDR 1989. Kleine Revolutionen sind für mich der Atomausstieg nach der Reaktor-Katastrophe von Fukushima, das auf der Kippe stehende atomare Endlager in Gorleben oder das, was die Frauenbewegung erreicht hat. Dort sind die Bewegungen im Kleinen entstanden, denen die Veränderungen im Großen gefolgt sind. Leider kommt dies in Summe zu selten vor, trotzdem sehe ich Gernot Böhms Thesen zur Veränderung nicht ganz so pessimistisch.

Aus eigener Erfahrung kann ich bestätigen, dass die Geschwindigkeiten der Veränderung nicht zusammenpassen. Was durch technologische Entwicklungen getrieben ist, kann eine ungeheure Dynamik entfalten. Der Mensch verändert sich hingegen in kleinen Schritten, ganz langsam, Stück für Stück.

Letztlich sollte der Mensch das Maß aller Dinge bleiben – wie einst der griechische Philosoph Sokrates gesagt hatte.

Dienstag, 24. Januar 2012

Pinnwand


Eigentlich wollte ich mir, so wie ich im Wochenrückblick geschrieben hatte, eine Art Ruhetag gönnen, an dem ich aus der Literatur, aus Zeitungen, aus Blogs aufarbeiten wollte, was und wie andere schreiben. Beim Nachdenken habe ich festgestellt, dass zu vieles in meinem Kopf herum schwirrt, so dass ich einen Teil ausspeichern und niederschreiben wollte und nicht auf meinen heutigen Blog verzichten wollte. Ich habe aber eine kürzere Form gewählt, damit ich mich zusätzlich mit Literatur, Zeitungen und Blogs befassen kann. Den Blog-Titel habe ich „Pinnwand“ genannt, wobei ich die Inhalte in Stichworten nieder geschrieben habe. Heute geht es um Arthur Schopenhauer, einen deutschen Philosophen, der von 1788-1860 gelebt hat. Ich habe grob geplant, die Pinnwand stichpunktartig zu anderen Themen fortzuführen – das können Autoren, Begriffe, Dinge des Alltags, Städte, Landschaften usw. sein. Mal sehen, was mir in den nächsten Wochen einfällt ….

Zitate aus Arthur Schopenhauer, Aphorismen zur Lebensweisheit:

„Der Mensch braucht freie Muße, um seine geistigen Fähigkeiten zu entwickeln und seinen inneren Reichtum genießen zu können, also die Erlaubnis, jeden Tag und jede Stunde, ganz er selbst sein zu dürfen.“

„Die menschlichen Bedürfnisse können in drei Klassen eingeteilt werden:
  1. natürliche und notwendige Bedürfnisse (z.B. Nahrung und Kleidung); diese sind leicht zu befriedigen
  2. natürliche, aber nicht notwendige Bedürfnisse (vor allem Geschlechtsbefriedigung); diese sind etwas schwerer zu befriedigen
  3. weder natürliche noch notwendige Bedürfnisse (Luxus, Üppigkeit); diese sind endlos und schwer zu befriedigen.“

„Der Reichtum gleicht dem Seewasser: je mehr man davon trinkt, desto durstiger wird man.“

„Vorhandenes Vermögen soll man betrachten als eine Schutzmauer gegen die vielen möglichen Übel und Unfälle; nicht als Erlaubnis oder gar Verpflichtung, alles Vergnügen in  der Welt heranzuschaffen.“

„Bei Handwerkern gehen die Fähigkeiten zu ihren Leistungen nicht verloren und ihre Fabrikate sind Gegenstand der menschlichen Bedürfnisse, deshalb gilt das Sprichwort: ‚Handwerk hat goldenen Boden’.“