Montag, 18. März 2013

das Rheinland - eine Standortbestimmung


Wer bin ich ? Ich blogge, also bin ich – dies ist eine meiner inneren Antriebe. Und die Identität, unter der ich blogge, ist das Rheinland. Also begebe ich auf die Spuren des Rheinlandes. Es gilt, den Begriff des Rheinlandes zu umreissen. Wo also liegt das Rheinland ?

Was beim ersten Hinsehen einfach klingt, wird beim zweiten Hinsehen verwickelt und kompliziert. Wie bei anderen Dingen, kann man das Rheinland aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten. Und je nach Blickwinkel, schälen sich komplett andere geografische Gebilde heraus.

Nach meinem eigenen Verständnis habe ich das Rheinland als Nebeneinanderstellung der beiden Bindestrich-Bundesländer betrachtet: also Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. In Nordrhein-Westfalen habe ich kein Problem mit dieser scharfen Trennlinie, die beispielhaft zwischen Mülheim an der Ruhr (Rheinland) und Gelsenkirchen (Westfalen) oder Wuppertal (Rheinland) und Hagen (Westfalen) verläuft. Oder auf der Ebene der Regierungsbezirke: Düsseldorf = Rheinland und Arnsberg = Westfalen. Komplizierter wird dies in Rheinland –Pfalz. Als dieses neue Bindestrich-Bundesland 1949 gegründet wurde, wurden neben den alten Verwaltungsbezirken Trier und Koblenz Teile von Hessen-Nassau dem Rheinland zugeordnet. Zählt Trier zum Rheinland ? Zählen Abschnitte der Saar (Saarburg … ) zum Rheinland ? Was ist mit dem Hunsrück ? Wie sieht es am anderen Ende des Westerwalds aus ? (Montabaur …)

Ich tue mich schwer damit. Alleine der moselfränkische Dialekt, der sich von Koblenz bis Trier breitmacht, hat nichts mehr mit dem Rheinland gemein. Und das rollende „R“, das ich aus Teilen des Westerwaldes kenne, hat erst recht nichts mit dem Rheinland zu tun. Wenn ich umgekehrt einen rheinischen Sprachraum definiere, klingt der Dialekt hinter der Aachener Grenze in Eupen in Belgien oder in Vaals in Niederländisch-Limburg eindeutig rheinisch. An der anderen Ecke, etwa in Oberhausen oder Essen, klingt die Sprache des Ruhrgebietes kaum noch rheinisch. Sprache oder Dialekt eignet sich also genauso wenig.

Andere Kriterien ? Es besteht kein Zweifel, dass der Rhein und das Rheinland eine jahrtausende alte Kulturlandschaft sind. Die Römer hatten mit ihrer Hochkultur und ihren technischen Errungenschaften – Straßenbau, Kanalisation, Bäder, sanitäre Anlagen oder eine Wasserversorgung aus den Bergen der Eifel – das Rheinland besiedelt, doch am Rhein schieden sich die Geister: am rechten Ufer des Rheins endete das Imperium der Römer, denn dort begann die Barbarei – das waren die germanischen Stämme. So lagen die Römerlager Koblenz, Bonn, Köln, Neuss und Xanten auf der linken Rheinseite längs des Rheins. Darüber hinaus war das Rheinland ein loses Gebilde, das sich über Straßenverbindungen nach Aachen und Maastricht oder nach Nijmegen zusammenfügte.

Die Wurzeln der geografischen Bezeichnung des Rheinlandes liegen rund 1.700 Jahre später – in Form des Rheinbundes in der napoleonischen Epoche. Nach seinem Desaster in Waterloo musste Frankreich 1815 den Rheinbund an Preußen zurückgeben. Die Preußen schufen zwei Verwaltungsbezirke aus dem wieder einverleibten Rheinbund – ein Bezirk war Köln zugeordnet, der andere Koblenz. Ab 1830 sprachen die Preußen von diesem Gebiet als „Rheinland“, welches im Bereich des Bezirks Koblenz nicht nur bis Trier und in den Hunsrück, ja, sogar bis ins Saarland nach Saarbrücken reichte.  

Zählt Saarbrücken zum Rheinland ? Ich bewege mich lieber in eine andere Richtung, zur Dichtung, Poesie und Kunst. Taugt die Anziehungskraft für Künstler eher, die Standorte des Rheinlandes festzulegen ? Der Rhein hatte Scharen von Dichtern und Denkern angezogen: Karl Simrock, Ernst Moritz Arndt, Gottfried Kinkel, Ferdinand Freiligrath, Friedrich Schlegel oder Heinrich Heine, ja, sogar Goethe. Sie nannten sich Rheinromantiker und beispielhaft sei hier Clemens Brentano zitiert:
Das ist der heil’ge Rhein
Ein Herrscher, reich begabt,
Deß’ Name schon, wie Wein,
Die treue Seele labt,
Es regen sich in allen Herzen
Viel vaterländ’sche Lust und Schmerzen,
Wenn man das deutsche Lied beginnt
Vom Rhein, dem hohen Felsenkind.
Wir wollen ihm auf’s neue schwören;
Wir müssen ihm, er uns gehören.
Vom Felsen kommt er frei und hehr;
Er fließe frei in Gottes Meer !

Copyright Sammlung Rheinromantik
Klingt doch schön, wie sich Brentano vom Rhein inspirieren ließ ? So vernetzt, wie diese Rheinromantiker unterwegs waren, durchs Ahrtal, quer durch die Eifel oder quer durch den Niederrhein, entspricht dieses poetische Verständnis durchaus dem, worüber ich gerne als „rheinland-blogger“ schreibe. Ich finde allerdings keine Belege dafür, ob diese Rheinromantiker an den rheinischen Orten unterwegs waren, worüber ich etwas gepostet habe – wie etwa Monschau, Kamp-Lintfort oder Wassenberg.

Egal. Mein Selbstverständnis, wo mein Rheinland liegt, kommt von innen heraus. Trier oder Saarbrücken zähle ich nicht zum Rheinland. Weite Teile der Eifel sehr wohl. In der Richtung des Westerwaldes bin ich mir unsicher: ja, Altenkirchen, soweit habe ich es mit dem Rennrad geschafft; Linz am Rhein liegt nicht weit weg von Altenkirchen. Ich weiß definitiv nicht, wo ich im Westerwald die Grenze ziehen soll. Im Westen sind die Grenzen zu den Niederlanden und zu Belgien eindeutig (so dass Aachen genauso eindeutig zum Rheinland zählt). Genauso wie der rheinische Teil im Bindestrich-Land Nordrhein-Westfalen mit der Trennlinie nach Westfalen.

Das ist ein Stück Standortbestimmung. Zur eigenen Identität und zum Bloggen.

Mittwoch, 13. März 2013

Glockentürme (10): Madame Bovary und die Kathedrale von Rouen / Frankreich


Ihre Liebe begann unter einem Glockenturm.

Emma hatte Léon schon vor vielen Jahren kennen gelernt, als sie und ihr Mann Charles ihr Haus in Yonville in der Picardie gekauft hatten. Er war Notariatsgehilfe. Als der Notar sie zu einem Abendessen eingeladen hatte, erzählten sie sich dieses und jenes. Sie waren sich sympathisch, und Emma spürte, dass Leidenschaft und Gefühle entflammt worden waren.

Sie, Emma, sie war die „Madame Bovary“ in Gustave Flaubert’s Meisterwerk. Tanz und Vergnügen, Bälle und rauschende Feste, gesellschaftliche Anerkennung und aufregende Ereignisse – das vermisste sie in der Provinz Nordfrankreichs. Sie war extrovertiert und wollte unter Menschen. Sie wollte neue Horizonte entdecken und gab sich nicht mit dem zufrieden, was sie hatte. Der Dorfalltag war so langweilig wie ihr Ehemann Charles: als Landarzt verkörperte er ein Mittelmass, er brauchte seinen strukturierten Alltag, er fand sich in den vertrauten dörflichen Strukturen zurecht. Er suchte die Ruhe und zog sich gerne zurück. Kurzum: ihre Lebensentwürfe passten nicht zueinander.

Mit ihren Abenteuern der Liebe suchte Emma diesem tristen Alltag zu entkommen. Nach ihrer ersten Begegnung hatten sie sich aus de Augen verloren, denn Léon war nach Paris gezogen. Dort studierte er Jura. Zufälligerweise, als sie mit ihrem Ehemann eine Theatervorstellung in Rouen besuchte, traf sie Léon. Er hatte mittlerweile sein Jura-Studium beendet und lernte bei einem Richter die Rechtspflege in der Départements-Hauptstadt der Normandie.

Charles war ein fürsorgender und besorgter Ehemann, der die Liebschaften seiner Ehefrau nicht im Auge hatte. Als Emma Interesse auf Klavierspielen zeigte, schickte er sie regelmäßig nach Rouen, um Klavierunterricht zu nehmen. Doch sie lernte kein Klavier, sondern traf sich mit ihrem Liebhaber.

Um 11 Uhr an der Kathedrale. Als Treffpunkt für das Rendez-vous hatten sie die gotische Kathedrale ausgewählt, eine der Glanzpunkte des Kathedralbaus in Nordfrankreich. Léon war aufgeregt und schon zwei Stunden früher stand er vor dem Hauptportal. Endlich kam sie. Sie lagen sich in den Armen, sie küssten sich ohne Ende und ihre Leidenschaft füreinander wollte nicht aufhören. Ein Schweizer drängte sich auf, sie durch die Kathedrale zu führen. Emma und Léon schafften es nicht, ihn abzuwimmeln.

Er erzählte über die Glocke der Kathedrale von Rouen:
„Das hier ist der Umfang der berühmten Glocke des Amboise. Sie wiegt vierzigtausend Pfund und hat ihresgleichen nicht in Europa. Der Meister, der sie gegossen hat, ist vor Freude gestorben …“
Der Schweizer bot ihnen an, den Glockenturm zu besteigen. Doch sie lehnten ab, Léon gab dem Schweizer ein großes Silberstück, sie verließen die Kathedrale durch das Hauptportal. In einer Pferdekutsche wollten sie für sich alleine sein. Ziellos fuhr die Pferdekutsche durch Rouen. In höchsten Sphären schwebend, ließen sie die Stadt mit ganz vielen Fachwerkhäuser vorbei gleiten.

Diese Rendez-vous’ konnten sich wiederholen, denn einmal wöchentlich hatte Emma Klavierunterricht in Rouen, und einmal wöchentlich konnten Emma und Léon ihre heiße Leidenschaft und Lust ausleben. Charles schöpfte nicht den geringsten Verdacht. Die Begegnungen häuften sich, denn Léon kam auch nach Yonville. Außerdem schrieben sie sich leidenschaftliche Briefe. Und Charles ? Mit einer fingierten Quittung bezahlter Klavierstunden belog sie ihn. Charles ließ sie sogar in Rouen übernachten. Ihre Betrugsmanöver, sich heimlich zu treffen, wurden immer ausgefeilter. Schließlich war es ein einziges Lügengebäude, in das Emma schlüpfte. Sie verstand es, sich zu verstellen und ihrem Mann etwas vorzuspielen, so dass Charles nichts mitbekam.

Flaubert (geboren 1821, gestorben 1881) habe ich genossen. Madame Bovary gehört sicherlich zu den Klassikern der Weltliteratur, auf Augenhöhe mit Goethe oder Schiller. Mit seinem Stil, Charaktere und Verhaltensweisen in den Vordergrund zu stellen, ähnelt er Balzac, der ungefähr zu derselben Zeit gelebt hat. Ähnlich wie bei Balzac, sind es böswillige, verschwendungssüchtige, dreiste, kühne oder machtbesessene Charaktere, aus denen sich tragische Einzelschicksale entwickeln. Flauberts Stil lebt zudem mit der Bodenständigkeit, die Menschen auf der Straße in dem Dorf in der Picardie in vielerlei Einzelheiten und Facettierungen zu beschreiben. Scheinbar belanglose Alltagsszenen bindet er in die Dramatik des Geschehens ein.

Der hemmungslose und in aller Offenheit beschriebene Ehebruch der Madame Bovary brachte Flaubert zunächst vor Gericht. Wegen des Verstoßes gegen die guten Sitten sollte er verurteilt werden, doch mit seiner eigenen Redegewandtheit wusste er sich zu verteidigen, so dass das Verfahren eingestellt wurde.

Es war erneut ein Glockenturm, der Emma einsichtig werden ließ.
„Wenn es irgendwo auf Erden ein Wesen gab, stark und schön und tapfer, begeisterungsfähig und liebeserfahren zugleich, mit einem Dichterherzen und einem Engelskörper, ein Schwärmer und ein Sänger, warum war sie ihm nicht zufällig begegnet ? Ach, weil das eine Unmöglichkeit ist ! Weil es vergeblich ist, ihn zu suchen ! Weil alles Lug und Trug ist. Jedes Lächeln verbirgt immer nur das Gähnen der Langeweile, jede Freude einen Fluch, jeder Genuss den Ekel, der unvermeidlich folgt !“
Sie saß auf der Bank an einem Kloster. Als Emma zu sich kam, schlug die Klosterglocke viermal.

Emma hatte sich längst übernommen. Vierundzwanzig Stunden rund um die Uhr war sie damit beschäftigt, die Architektur ihres Lügengebäudes so zurecht zu rücken, dass ihr Ehemann nichts von ihrer heimlichen Liebe bemerkte.

Sie lebte über ihre Verhältnisse, über ihre Finanzen hatte sie längst den Überblick verloren, der Schuldenberg häufte sich an. Unter dem massiven Druck ihrer Schulden – das Haus der Eheleute drohte zwangsversteigert zu werden – beendete sie die Beziehung zu Léon.

Das Ende war tragisch: Gläubiger und Schuldscheine und die Zwangsversteigerung des Hauses im Nacken, beging sie Selbstmord, indem sie sich vergiftete.

Herzlich bedanken möchte ich mich bei Anna, die mir erlaubt hat, ihre Fotos von der Kathedrale von Rouen auf meinem Blog zu zeigen.

Dienstag, 26. Februar 2013

die Toilettenfrau


Ihr Arbeitsbereich erstreckte sich übersichtlich auf wenigen Quadratmetern. Praktisch und bequem, könnte man meinen, passte der weiße Bistrot-Tisch neben dem Waschbecken. Eine Blumenvase mit Narzissen hob das Ambiente des stillen Örtchens. Sie sorgte dafür, dass alles blitzblank und sauber war und schön duftete. Putzmittel, WC-Reiniger und Klobürste griffbereit, stand ihr Arbeitsplatz im Zentrum menschlicher Bedürfnisse. Und ab und an klangen die Münzen auf dem flachen Porzellanteller.

Ein Arbeitsplatz als Toilettenfrau ? Es hatte sie Überwindung gekostet. Und es kostete sie Tag für Tag Überwindung. Wäre sie doch nicht so faul gewesen ! Hätte sie doch die Hauptschule nicht geschmissen ! Nun, mit Mitte zwanzig, nachdem sie nichts auf die Reihe gekriegt hatte, sah sie keinen anderen Weg als zurück, zurück, zurück. Wo andere in ihrem Alter längst eine Lehre abgeschlossen hatten und im Beruf standen, führte ihr Weg zum Arbeitsmarkt nur zurück, zurück, zurück.

Ganz unten angekommen. Die Perspektivlosigkeit war ihr zu den Ohren heraus gekommen. Ein paar Euros selbst verdientes Geld in den Händen halten. Das Außenseiterdasein aufgeben und Teil der Gesellschaft werden. Nein, den ganzen Tag herum lungern und anderen auf der Tasche liegen, das wollte sie definitiv nicht.

Bewerbungen, Praktikum, Schule, Ausbildungsplatz, wenn etwas klappte, dann nur zeitweilig. Über ihren eigenen Schatten musste sie springen, als sie das Arbeitsangebot auf der öffentlichen Toilette der Stadt angenommen hatte. 7 € die Stunde, das war nicht so viel weniger wie als Reinigungskraft oder wie im Supermarkt Regale einräumen. Als ungelernte Kraft war die Auswahl der Arbeitsangebote ohnehin begrenzt. Putzen oder Toilette sauber machen, davor hatte sie sich nie geekelt. Der Job als Toilettenfrau hatte sie Überwindung gekostet. Das war hart an der Grenze zur Selbstverleugnung. Für solch einen Arbeitsplatz musste sie ihr Gehirn ausschalten. Anfangs schämte sie sich, dort sitzen zu müssen. Am liebsten hätte sie sich versteckt. Wenn Kunden kamen, schaute sie weg, irgendwo auf den Boden oder auf das sterile Weiß der Toilettentüre.

Wochenlang musste sie sich einreden, dass ihr Arbeit einen Wert macht. Sie nahm sich ein Beispiel daran, wie sie es im Haushalt ihrer Eltern gelernt hatte. Es war unstrittig, dass saubere sanitäre Anlagen einen Wert verkörperten. Sie ekelte sich vor dreckigen Toiletten, also sollte dies ihren Mitmenschen erspart bleiben.

Irgendwann kam der Punkt, da hatte sie sich mit diesem Job arrangiert. Auf dem stillen Örtchen war sie ihr eigener Chef. Mit Klobürste, Duftspray, Wischmob und Reinigungsmittel sorgte sie dafür, dass alles so schön fein sauber war, wie sie es zu Hause kannte. Mit ihren wachen blauen Augen begrüßte sie ihre Kunden. Manche kehrten wieder, und mit manchen hielt sie ein kleines Schwätzchen. Auf der einzigen öffentlichen Toilette im Zentrum der Stadt, war sozusagen ständig etwas los. Langweilig wurde es nie.

Ganz unten angekommen ? Sie schritt ein und wischte alles schön sauber, wenn bisweilen alkoholisierte Kunden neben das Urinalbecken zielten und stinkende Urinreste hinterließen. Hauptsache, die Kunden blieben friedlich. Bei Stadtfesten knubbelten sich die Menschen auf ihrem Arbeitsplatz. Das war in Ordnung, wenn Handgreiflichkeiten oder Schlägereien ausblieben.

Ganz unten angekommen ? Beinahe war es ihr gelungen, sich mit dem miserablen Image als Toilettenfrau abzufinden. Mental stand sie über diesem Niveau, das die Gesellschaft in die Schublade ganz unten einordnete. Doch den Nerv raubten ihr die allzu feinen Damen.

„Da drinnen ist es nicht sauber.“

Diese allzu feinen Damen schauten in die Ecken, nichts war ihnen gut genug, die Toiletten mussten so perfekt sauber sein wie ihre Gesichtsfarbe. Entsetzen lähmte ihr Gesicht, wenn sie selbst das kleinste Schnipselchen entdeckten.

„Für so etwas müssen wir noch fünfzig Cent zahlen !?!?“

Erst betrachteten sie ihren anschmiegsamen, festen Körper bis hinunter zu den flachen Wildlederschuhen, die weder lässig noch schick wirkten, sondern irgendwo dazwischen. Dann schauten sie auf die weiße Schürze der Toilettenfrau herab. Ihrem rundlichen Gesicht mit den leichten, mädchenhaften Zügen und würdigten sie kaum einen Blick.

„Da … „
Rollte das Kleingeld auf dem Teller dahin: Sie hatten es auf eine Art und Weise dahin geschmissen, so lästig, als ob sie es am liebsten in den Mülleimer entsorgt hätten.

Das waren Situationen, da hätte sie am liebsten ihren Job hingeschmissen. Sie selbst schritt mit Achtung und Würde durch ihr eigenes Leben. Es war schrecklich, wenn Mitmenschen ihre eigene Würde mit Füßen traten.

Freitag, 15. Februar 2013

Glockentürme (9) - der Glockenturm in Regniéville (Frankreich) als Mahnmal an den ersten Weltkrieg


Schon nach einem Monat war die Begeisterung in Starre übergegangen. Am 3. August 1914 hatte auf der Wilhelmstraße in Berlin das Volk gejubelt. „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche“, in einer flammende Rede hatte der deutsche Kaiser zu der Kriegserklärung Stellung bezogen. Die Menschenmassen waren außer sich, die Stürme der Begeisterung nahmen kein Ende. Alle wollten in diesen heiligen Krieg, in dem sich alle Nationen gegen das Deutsche Reich verschworen hatten.

Quer durch Belgien, dessen Neutralität sie verletzten, marschierten die deutschen Truppen immer tiefer nach Frankreich, bis die Schlacht an der Marne das schwindelerregende Tempo des Durchmarschs stoppte. Das war einen Monat später. Danach erstarrte der erste Weltkrieg in einem Stellungskrieg, in dem Geländegewinne nur in Metern verbucht werden konnten. Irrsinnige Materialschlachten entstanden, in denen die Feinde sich gegenseitig mit Mörsern, Granaten, Bomben, chemischen Kampfstoffen und mit der ganzen Tötungsmaschinerie bekämpften.

Neben den Kriegsschauplätzen im Norden – Ieper, Vimy oder des chemin des dames – war es vor allem Verdun, das als Symbol des Wahnsinns Eingang in die Geschichte gefunden hat. Der Ring von Festungssystemen, unterirdisch angelegt, mit Munitionsdepots, Lazaretten und selbst Bäckereien, setzte sich südlich von Verdun quer durch Lothringen fort.

Dort tobten die Kämpfe in derselben Erbarmungslosigkeit wie im Rest von Nordfrankreich. Im Gegensatz zu Verdun eroberten die deutschen Truppen bereits im September 1914 die Festung Saint-Mihiel – etwa 30 Kilometer westlich von Metz. Südlich von Saint-Mihiel erstreckten sich ausgedehnte Wälder, in denen der Stellungskrieg tobte, ähnliche Materialschlachten wie in Verdun geschlagen wurden und die Feinde sich gegenseitig neutralisierten.

Dörfer und Städte, die in diese Frontlinie hinein gerieten, sahen ähnlich zerstört aus wie manche Städte im Rheinland nach dem zweiten Weltkrieg – wo beispielsweise Düren zu 100% zerstört wurde. Diese totale Zerstörung ereilte im ersten Weltkrieg auch den Frontabschnitt in den Wäldern vor Saint-Mihiel. Darunter war auch das Dorf Regniéville.

Alleine der Stumpf der barocken Kirche ragte aus der Trümmerwüste heraus. Anderenorts entlang der Frontlinie wurden Glockentürme militärisch zweckentfremdet: mit ihrer Höhe ragten sie aus der Hügellandschaft hinter der Mosel heraus, und man nutzte sie als Beobachtungsposten. Man entfernte die Glocken; Dachziegel nahm man heraus, um die Lücken als Schießscharten zu verwenden; Maschinengewehre positionierte man auf der Plattform des Glockenturmes.

Nachdem Regniéville zwischen die Fronten geraten war, flohen die Bewohner in sichere Teile Lothringens – das war tiefer nach Westen oder Süden in das Mittelgebirge der Argonnen hinein. In einem Tagebuch berichtet ein französischer Soldat, wie im März 1915 die Gegend um Regniéville als militärisches Aufmarschgebiet diente. Zwischen zerstörten Dörfern und Städten klammerte sich der übrig gebliebene Stumpf des Glockenturms an seine Existenz und beobachtete das geschäftige Treiben, das an einen Ameisenhaufen erinnerte. Fahrzeugschlangen mit Waffen, Munition und Kanonen holperten über unwegsame Straßen. Die aufeinandergestapelte Munitionskisten erreichten mitunter die Höhe von Häusern, die nun zu Ruinen geworden waren. Aus den Schützengräben trugen die Sanitäter des Roten Kreuzes das Elend von Verwundeten und Toten in Sicherheit. Kompanien von Soldaten marschierten in ihre Stellungen, in umgekehrter Richtung kehrten andere Soldaten zurück.

Den harmonischen Klang der Glocke hatte der Krieg längst ausgelöscht. Dafür hallte in der Ferne der metallische Klang des Kanonendonners. Nervös, fast im Flüsterton, entluden sich Gewehrschüsse in kurzer Abfolge hintereinander. In der Ferne, wuchs der Lärm eingeschlagener Granaten mit einem dumpfen Knall an.

Als im November 1918 der zweite Weltkrieg zu Ende ging, war außer den kargen Resten des Glockenturmes nichts mehr von Regniéville übrig geblieben. Ob bzw. Wie Regniéville wieder aufgebaut wurde, entschied letztlich das Erzbistum in Toul. Es gab insgesamt drei Orte in Lothringen, in denen diese Orte mitsamt der Kirche in einem solchen Umfang zerstört waren, dass sich ein Wiederaufbau der Kirche nicht lohnte. Im Jahr 1920 entschied der Erzbischof von Toul, dass diese drei Orte (außer Regniéville waren dies Remenauville, Fey-en-Haye und Flirey) als Mahnmal an den zweiten Weltkrieg nicht wieder aufgebaut wurden. Die Kirchen wurden ebenso nicht wieder aufgebaut, wobei an derselben Stelle neue Kirchen in einem zeitgemäßen Stil gebaut wurden.

So wurde in Regniéville im Jahr 1920 eine Kapelle (anstelle einer Kirche) im neoromanischen Stil neu gebaut – mitsamt einem Glockenturm.

Der Glockenturm von Regniéville gehört heute zur Gemeinde Thiaucourt. Und in Thiaoucourt wurde eine der größten deutschen Soldatenfriedhöfe in Frankreich angelegt.

Ganz herzlich möchte ich mich bei Mam Léa für die ausgezeichnete deutsch-französische Zusammenarbeit bedanken, denn sie hat es mir erlaubt, ihre Fotos von Regniéville auf meiner Blog-Seite zu veröffentlichen.



Mittwoch, 13. Februar 2013

neue Digitalkamera


Ein kurzer Schnappschuss im Rheinau-Hafen in Köln. Den Harry-Blum-Platz wollte ich fotografieren. Harry Blum war Oberbürgermeister von Köln und starb im Jahr 2000 im Alter von 55 Jahren urplötzlich an einem Herzversagen. Eine traurige Geschichte, die in meinem Themenspeicher abgelegt hatte, um einen Post darüber zu schreiben. Doch das Objektiv meiner Digitalkamera stockte beim Herausfahren. Ich probierte es noch einmal, doch das Objektiv quälte sich ab, blieb auf halbem Wege stehen. Die Fehlermeldung „Objektivstörung“ erschien auf dem Display.

Zu Hause stellte ich entsetzt fest, dass sich die Objektivstörung den falschen Zeitpunkt ausgesucht hatte. Die einjährige Garantie war am 24. Januar abgelaufen, genau acht Tage später, am 4. Februar, hatte mich die  Objektivstörung gezankt. Da hatte ich wohl Pech gehabt. Ich rechnete zusammen: meine Digitalkamera nach Nikon schicken, Kostenvoranschlag erstellen, Objektivstörung beheben; die Wahrscheinlichkeit, beim Kaufpreis von 89 € zu landen, hielt ich für relativ hoch.

Also eine neue Digitalkamera kaufen. Später, falls die neue Digitalkamera dasselbe Schicksal ereilen sollte, wollte ich die alte Digitalkamera reparieren lassen, um damit – als Reserve - weiter fotografieren zu können.

Das war traurig, dass ich so denken musste. Die Digitalkameras, die ich bislang besaß, hatten eine maximale Lebensdauer von zwei Jahren, bis die erste Reparatur fällig war. Was waren das noch für Zeiten ! Die Rollei, die ich mir 1992 gekauft hatte, als noch niemand an Digitalkameras dachte, hielt sagenhafte fünfzehn Jahre, bis die Bilder einen Rotschleier oder Violettschleier oder Grauschleier bekamen, je nachdem, wie das Licht einfiel.

Die jetzige Nikon S3100, die ich mir rund einem Jahr gekauft hatte, damit war ich eigentlich super-zufrieden. Bequem und flach lag sie in der Hand; wenn man von Dunkelheit absieht, waren die Fotos schön gestochen scharf; Akku aufladen anstelle Batterien auswechseln, fand ich genial; die Tastenfolge: Auslöser, Zoom, Bilder ansehen, Bilder löschen, Blitz ein- und ausschalten kannte ich im Schlaf; schließlich: der Preis von 89 € war unschlagbar. Die Nikon S3100 hatte mich durchaus begeistert. Obsoleszenz, der Trend zu immer kürzeren Nutzungsdauern, ich tat mich schwer, mich damit abzufinden.

Bis zum Kauf der neuen Digitalkamera wurde mir schmerzlich bewusst, wie abhängig ich beim Bloggen von der Digitalkamera geworden war. Ich denke parallel in Worten und in Bildern. Am Anfang steht die Wahrnehmung, was ich tagtäglich sehe. Da setze ich bereits die Brille durch die Digitalkamera auf, aus welchen Perspektiven ich die Dinge betrachte, wie ich in Details hinein schaue, wie ich Hintergründe gestalte, wie die Farben zusammen passen, wie das Licht einfällt, welche Rollen Menschen einnehmen usw. Alleine beim Betrachten (mit Hilfe der Digitalkamera) setzen sich bereits vielfache Gedankenketten in Gang. Bisweilen sind diese Gedankenketten so intensiv, dass ich regelrecht „unter Strom“ stehe. Es muss heraus. Es muss niedergeschrieben werden. Oder es muss als Abfolge einzelner Fotos in Form und Inhalt gebracht werden.

Zirka fünf Tage ohne Digitalkamera durch die Gegend zu rennen, war ein höchst ungewöhnliches Erlebnis. Spontan – beispielsweise als der Rosenmontagszug vorbei war – konnte ich nichts für die Ewigkeit festhalten. Ich hätte gerne einfach drauf los fotografiert. Diese Unordnung, leere Bier- und Schnapsflaschen, kostümierte Jecken an allen Straßenecken, Clowns und Pappnasen, die in allen Schaufenstern als Dekoration aufgeklebt waren, vor dem Eingang einer Disko bildete sich eine lange Warteschlange. Die Motive verloren an Wirkung, weil ich sie nicht fotografieren konnte. Mein Blick wandelte auf einem seichteren Niveau an den Dingen vorbei.

Es ging auch so, ohne Digitalkamera. Das Schreiben meiner Posts war effektiv anstrengender. Aus der Digitalkamera und aus den Eindrücken schwirren gewöhnlich jede Masse Bilder in meinem Kopf herum. Ich muss sie greifen, um daraus Worte zu formulieren. Der Strom der Bilder war nun schmaler geworden. Das Greifen der Worte dauerte länger. Als ich die Wäscherprinzessin und den U-Bahn-Bau in Köln schrieb, hatte ich keine Digitalkamera zur Hand. Das waren reine Sachtexte. Recherchieren, recherchieren, recherchieren, eine gefühlte Ewigkeit hatten sich diese Posts in die Länge gezogen, bis ich die Worte gefunden hatte. Graffiti-Kunst: gerne hätte ich diesen Post aufgepeppt mit weiteren schönen Graffitis, und der Post kam mir irgendwie halbfertig und unausgereift vor.

Es hat mich überrascht, wie sehr mein Denken durch das Schauen durch die Digitalkamera gesteuert wird. Analogien werden gebildet, Zusammenhänge konstruiert, die Dinge werden in Abläufe und Bewegungen überführt, die Grenzen zwischen Schönem und Hässlichem verschwimmen. Ich fixiere mit der Digitalkamera, ich konzentriere mich auf einen Wesenskern, ich antizipiere, wie das Gesehene auf einen fremden Betrachter wirkt. Ich formuliere eine Botschaft, die entweder beim Betrachter ankommt oder auch nicht. Die Botschaft muss nicht in seine Denkschemata passen. Davon lebt die Bloggerei. Es freut mich jedes Mal, wenn sich der Betrachter oder der Leser mit der Botschaft auseinander setzt.

Wegen der einfachen Handhabung und meiner Zufriedenheit (trotz der Störung) bin ich der Marke Nikon treu geblieben. Diesmal ist es eine Nikon S6300, die einigen Schnickschnack wie 10 fach-Zoom, Bildstabilisator oder Full HD-Videos zu bieten hat. Die 123 € Angebotspreis werden ein Loch in unsere Haushaltskasse reißen. Ich werde sie intensiv nutzen und ich freue mich bereits jetzt auf all die Fotos. Es geht auch so, ohne Digitalkamera. Aber mit Digitalkamera werde ich wieder so richtig aufblühen.

Samstag, 2. Februar 2013

Mobilfunk

Jede Sekunde ausnutzen. Nichts verpassen. Rund um die Uhr und unterwegs erreichbar sein. Im Netz sein. Nachrichten lesen, Nachrichten empfangen und Nachrichten senden. Es ist schon toll, was die Mobilfunktechnologie kann. 


Allerdings nervt mich in Bus und Bahn der Typ des Informations-Junkies.


Smartphones kann man an jeder Straßenecke kaufen - in Innenstädten fast so häufig wie Brot oder Grundnahrungsmittel.


Es gibt keinen Zweifel: sie sehen todschick aus und sie sind ein Wunderwerk der Technik.


Und die Mobilfunktechnologie schreitet weiter voran: LTE kann Datenmengen von mehreren Einhunderttausend Bytes übertragen.


Die Suche nach der Mobilfunktechnik hat mich auf die Dächer geführt. Des öfteren habe ich sie auf Bürotürmen gefunden.



Antennen und Übertragungstechnik recken sich in die Höhe. 


Auch auf Wohnhäusern sind sie zu finden.


Im Licht der Wolkenfetzen geben sie ein surreales Gebilde ab.



Auf einem Posthof habe ich sogar einen frei zugänglichen Mobilfunk-Mast gefunden.

Freitag, 1. Februar 2013

Thea Dorn und Richard Wagner - die Deutsche Seele


Der Weg ist das Ziel – dies hatte kein Deutscher gesagt, sondern Konfuzius. Das Buch von Thea Dorn und Richard Wagner lädt ein zur Suche – was man so als typisch deutsch betrachtet. Griffig, nach dem Alphabet sortiert, bei A wir Abgrund beginnend und bei Z wie Zerrissenheit endend, hangeln sie sich durch.

Was man mit Deutschen verbindet. Nicht als Nation, nicht als Entstehungsgeschichte über Fürsten, Feldherrn, Krieger, Politiker, Staatsmänner. Diese kommen auch vor, aber eher am Rande. Die Großen der Geschichte kommen vor, aber sie haben sich unterzuordnen unter die Themen, die den Begriffen gleich gesetzt sind, Themen, die aus lauter Banalitäten bestehen, aus denen sich das Deutsche zusammensetzt. Der Weg ist das Ziel – das Buch ist eine Entdeckungsreise in Begriffswelten, von denen eine spannender ist als die andere.

Thea Dorn, sie ist Anfang 40 – ich kannte sie aus dem Literatur-Club des SWR-Fernsehens. Außer Büchern hatte sie u.a. Drehbücher für Tatorte geschrieben. Richard Wagner ist 1952 in Rumänien geboren und emigrierte Ende der 80er Jahre nach Deutschland.

Bis in die 80er Jahre war ich gehemmt, Deutscher zu sein. Mein eigenes Volk hatte ich als eine Ansammlung von Verklemmtheiten, Geheimnistuereien, Abschottungen, Kommunikationsunfähigen, konventionell Denkenden und auch Eitlen und Lobhudelnden kennen gelernt. Im Beruf lernte ich die Bürokratie kennen: dort herrschten Verhaltensweisen, die eher aus der Wilhelminischen Zeit stammten – Ordnung, Disziplin, Fleiß, Sparsamkeit waren angesagt. Was die Obrigkeit sagte, wurde gemacht; untertänig befolgte man deren Regeln; die Dinge wurden nicht in Frage gestellt; das Denken überließ man lieber den Pferden; man schottete sich ab und suchte sein Glück im eigenen familiären Kreis, an den man keinen anderen heran ließ. Dies waren meine Wahrnehmungen der Deutschen Seele, und ich war überhaupt nicht stolz darauf, Deutscher zu sein.

Hätte ich Thea Dorn und Richard Wagner dreißig Jahre früher lesen können, wäre mein Verhältnis zum Deutschsein bestimmt entspannter gewesen. Puppenhäuser und Weihnachtsmärkte, Schrebergarten und Kitsch, das liest sich vollkommen unaufgeregt und auch unpolitisch. Sie denken sich in Alltagsbegriffen vorwärts, mit denen jeder weithin etwas verbindet. Und innerhalb dieser Begriffswelt bewegen sie in ein intellektuelles Niveau hinein, das nicht die Bodenhaftung verliert – und dies finde ich spannend. Da geht die Suche in der deutschen Vergangenheit los. Querbeet und Querdenken: sie brillieren in Philosophie, Literatur, Geschichte, Mystik, Musik und so weiter. Sie bringen alles mit allem in Verbindung, und – wie durch ein textliches Wunder – passt auch alles zusammen. Thea Dorn und Richard Wagner haben mich bisweilen tief gerührt: wie das Puppenhaus vor dem Dreißigjährigen Krieg entstanden ist und wie die Kinder im Dreißigjährigen Krieg damit gespielt haben. Bier, Abendbrot, Dauerwelle, Strandkorb – sie arbeiten Begriffe ab, mit denen jedermann weithin etwas verbindet. Dabei durchdringen sie in Tiefenbohrungen all die Vielfalt und Facettierungen.

Speziell die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit nimmt ein handhabbares Maß an, ja, sie kommt mir sogar locker vor. In Fernsehberichterstattungen sehe ich demgegenüber eher verkrampfte Züge: die Reduzierung der Gegenwart auf Juden und Vertriebene, häufiges Wegsehen bei der Auseinandersetzung mit der eigenen NS-Vergangenheit, eine übersensible Reaktion, wenn ausländische Nationen auf unsere NS-Vergangenheit verweisen. Thea Dorn und Richard Wagner reduzieren das schwierige Thema Hitler auf Nebenrollen, die sie anekdotenhaft erzählen und mit ihrer spitzen Feder eine klare Standortbestimmung abgeben. Bei Mitläufern wie dem Philosophen Heidegger erheben sie mahnend ihren Zeigefinger.

Erfrischend ist ihr Stil, dass sie nicht nur Goethe, Schiller, Kant, Hegel, Heine oder Heinrich von Kleist aus dem Schlaf zitieren können, sondern auch Zeitgeist und Aktuelles erzählen. So teilen sie die Begeisterung der Massen für den Fußball – die Fußball-Weltmeisterschaften 1954 und 2006 erhalten genauso ihren Stellenwert wie die Fußball-Bundesliga. Ebenso begeistern sie sich für Lena Meyer-Landruth nach dem gewonnenen Eurovision Contest. Der Autobahn widmen sie ein eigenes Kapitel samt den unterkühlt-elektronischen Musikklängen der Düsseldorfer Gruppe Kraftwerk. In den Krimisendungen der Tatorte sehen sie das Prinzip des Föderalismus. Ekel Alfred alias Heinz Schubert sehen sie als Sparringspartner des Spießbürgers. Über all diesen Fernseh-Helden steht Winnetou bei den Karl-May-Festspielen.

In diesem Wälzer von 560 Seiten werde ich noch lange herum blättern. Es ist eines derjenigen Bücher in der letzten Zeit, die mich am stärksten bewegt hat.