Donnerstag, 26. April 2012

der Selbstmord des Lieven Deflandre


Auf der Seite meines Blog-Freundes Pascaldigital aus Belgien habe ich gelesen, dass sein Facebook-Freund Lieven Deflandre gestorben ist.

Für Pascaldigital war es eine der Facebook-Freundschaften, was für mich Blog-Freundschaften sind: in der virtuellen Dimension des Netzes, ohne persönlichen Kontakt, man schreibt sich Posts hin und her. Im Netz ergeben sich Puzzle-Stücke der Persönlichkeit, doch letztlich versteckt man sich in der Anonymität.

Lieven Deflandre war nicht einmal sein richtiger Name, sondern sein Pseudonym. Der Tod eines Pseudonyms ? Lieven lebte alleine in einem Appartement in Gent. Da sein Appartement seit November 2011 renoviert wurde, musste er in eine Baracke mit schlechter Wohnqualität umziehen.

Lievens letzter Facebookeintrag datiert vom 13. Februar. Nachdem Posts von Facebookfreunden, die er danach erhielt, unbeantwortet blieben, meldete sich am 8. März erstmals eine Facebook-Freundin, was mit ihm los sei und dass er über Facebook ein Lebenszeichen von sich geben wollte. Am 2. April wurde er schließlich tot in seiner Ausweich-Baracke aufgefunden. Er hatte Selbstmord begangen.

Lieven Deflandre hieß eigentlich Lieven Vromman. Da er weitestgehend seine Kontakte über Facebook pflegte, luden seine Geschwister alle Facebook-Freunde zum Begräbnis mit anschließendem Umtrunk ein. Dort fanden sich eine Reihe von Facebook-Freunden zusammen (unter ihnen Pascaldigital), und im Nachgang, erst durch Lievens Tod, lernten sie sich in der Anonymität des Facebook-Daseins kennen. Seine Texte, die er geschrieben hatte, wurden vorgelesen. Seine gemalten Bilder wurden gezeigt. Musik, die er gerne gehört hatte, wurde gespielt. Darunter war jede Menge spanische Musik, denn er war leidenschaftlich gerne nach Spanien gereist. Einige Facebook-Einträge sind auch vollständig in Spanisch geschrieben.

Lievens Grundstimmung ist pessimistisch, und an mehreren Stellen dringt sein Hang zur Depression durch.

Trotzig, zynisch, treffsicher, intelligent und stilistisch anspruchsvoll sind seine Einträge in Facebook. Hier ist eine Auswahl:

„Lieven geht in die schlafende, zerfallende, im Koma liegende Stadt auf der Suche nach einer Lackiererei, die offen ist auf diesem elenden Tag, auf der Suche nach schwarzer Farbe um seinen dunkelsten Albträumen Gestalt zu geben …“

„Kein Mensch ist intelligent genug, um seiner eigenen Dummheit zu entkommen …“

„Vergebung ist eine richtige Tugend für das christliche Volk. Nihilisten verziehennie und vergessen nichts. Sie sind glühend heiß vor ihrem ewigen Feinde… „

„Die Welt ist hübsch, das Leben ist schön, aber alles ist schade wegen all den langweiligen Menschen, die einem über den Weg laufen … „

Ab und zu ging Lieven in einem Eck-Café ein Bier trinken. Dort hatte er sich darüber beklagt, dass es „überlief von Schamanen, die ihre Seele in der Toilette verloren und nach fünf Stunden ein bewusstseinserweiterndes Gift – genannt Jupiler (belgische Biersorte) – ausgekotzt hatten, um sich selbst und ihre schwache Seele zu reinigen.“

Einer seiner letzten Facebook-Einträge war, dass Dichter eine der schwersten Berufe der Welt ist und ein ständiges Gefecht mit der Sprache, einer Pistole und einer Flasche Bier. Ein wenig denke ich dabei an Hemingway, der depressiv war und vor lauter Angst vor Einfallslosigkeit und Erfolgslosigkeit schließlich Selbstmord beging.

Am 2. April wurde Lieven tot in seiner Baracke aufgefunden.

Ruhe in Frieden !

Donnerstag, 22. März 2012

Behörden

In den Gängen hatte sich der Mief der letzten zwanzig Jahre angesammelt. Ich befand mich im Bürgerbüro, das war vor etwas mehr wie einem Jahr. Das Viereck des Gangs zerfloß ins Ziellose, die weiß gestrichenen Wände ödeten mich an, einfallslos strich die graue Maserung über die Steinfliesen, die Atmosphäre war steril wie in einem Krankenhaus. Die Sitzbänke waren in einem einfachen Stil gehalten, hellbraunes, abgewetztes Holz, ausdruckslos, ich kam mir vor wie in einem Wartezimmer einer Zahnarztpraxis. Zwischen dem Knäuel von anderen Menschen, die ihr Anliegen in der Stadtverwaltung erledigen wollten, hatte ich einen freien Sitzplatz gefunden. Die rote Lichtanzeige über den drei besetzten Bürgerbüros signalisierten, dass gewartet werden musste. Auf dem Türschild las ich „An- und Abmeldungen, Pässe und Ausweise, Melderegister, Führungszeugnis, Beglaubigungen, Gewerberegisterauskünfte, Führerscheinangelegenheiten.“

Nach einer Wartezeit, die ich länger vermutet hatte, trat ich ein. Der Mitarbeiter, der mein Anliegen entgegennahm, passte nicht ganz in diese steife und erstarrte Bürolandschaft hinein: lässig schlängelte sich der Kragen seines Poloshirts um seinen Hals, seine schwarze Jeanshose saß tadellos. Über dem schmalen Streifen seiner Koteletten reichte sein struppiges Haar über seine Ohren. Ein braun umrandeter Bilderrahmen mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern verschönerte den Schreibtisch des Mittdreißigers.

Ein Gang zum Wandschrank, ein Griff in eine Heftmappe, den Antrag auf das begleitete Fahren unseres Sohnes war ich losgeworden, die Antragsunterlagen konnten an die zuständige Führerscheinstelle weiter gereicht werden.

Wenn ich mich an die Zeiten zurück erinnere, dass ich selbst in einer Behörde gearbeitet habe (es war nicht die Stadtverwaltung), ereilen mich Wahnvorstellungen. Das war bis ungefähr Ende der 80er Jahre.

Eine zeitlang war ich damals in der Hausverwaltung tätig. Wir durften kaum etwas selber machen, sondern bekamen alles vorgeschrieben. „DADASt“ hieß ein merkwürdiges Kürzel, im Langtext war dies die „Dienstanweisung für die Dienstausstattung“. Da bekam man bis ins kleinste Detail bis auf Marke und Typ vorgeschrieben, welche Schreibtische, Kleiderschränke, Wandschränke, Garderobenständer oder Papierkörbe in den Büros zu stehen hatten, aus welchem Material der Fußboden zu verlegen ist oder in welchem Jahresabstand Wände neu gestrichen werden dürfen oder wie der Anstrich genau auszusehen hat.

Das Malheur ging noch weiter: nicht nur wurde einem alles vorgeschrieben, sondern man bekam für das, was man rund um die Gebäude bezahlen musste, viel zu wenig Geld. Beispielsweise Energie. Über mehrere Jahre erlebte ich, dass wir für Strom, Gas, Heizöl, Wasser viel zu wenig Budget bekamen. Eigentlich hätten ab etwa September alle Lichter ausgehen müssen, weil wir keinen Strom mehr bezahlen konnten. Oder ab dem Herbst hätten wir frieren müssen, weil wir unsere Gasrechnungen nicht mehr bezahlen konnten. Nach mehrfachem Hickhack und Hin und Her bekamen wir dann  zusätzliche Geldmittel. Aber ohne Lerneffekte, denn im Folgejahr bekamen wir erneut zu wenig Geld, und jedes Jahr wiederholte sich dieses Spielchen, dass wir um Geld betteln mussten.

Das schlimmste war, dass die meisten es aufgegeben hatten, selbst zu denken, weil alles von oben vorgeschrieben wurde. Die Intelligenz beschränkte sich darauf zu wissen, was wo steht. Gab es einen solchen seltenen Fall, dass irgendwo etwas nicht geregelt war, musste jemand es nach oben reichen, damit jemand anders es regelt. Der Versuch, selbst zu denken, wäre ohnehin bestraft worden: wenn man es versuchte, kam es stets so, dass von oben anders entschieden wurde, eigene Denkansätze wanderten früher oder später in den Mülleimer.

Ämter und Amtsbezeichnungen erhielten in diesem Umfeld besondere Aufmerksamkeit. In Frühstücksrunden oder Gesprächen bewegten diese Themen alle: wie der Planstellenkegel aussieht, wie die Arbeitsplätze bewertet werden, wann wegen Zurruhesetzung welche Arbeitsplätze frei werden, welches davon Beförderungsdienstposten sind, wann mit Beförderungen zu rechnen ist. An jedem Türschild prangerten die Amtsbezeichnungen, und wenn man wusste, wie alt der Kollege war und welchen Familienstand er hatte, dann kannte aufgrund der Besoldungstabellen des öffentlichen Dienstes jeder sein Gehalt.

Es war schwer, sich diesem Trend zu entziehen, einzurosten oder dass das eigene Denken in bestimmte Bahnen gelenkt wurde. Der Kreativität beraubt, gab es sogar Kollegen, die zum  Alkoholiker geworden waren.

In unserem Freundeskreis haben wir auch Bekannte, die in einer Behörde arbeiten. Wahrscheinlich sind sie dazu übergangen, im Dienst das Denken den Pferden zu überlassen und sich nach Feierabend selbst zu verwirklichen. Möglicherweise haben auch die Ermessensspielräume im Zeitverlauf zugenommen, so dass eigenes Denken mehr gefragt ist. Zurück gesprungen zu unserer Stadtverwaltung, stelle ich mir es trotzdem schwierig vor, Bereiche wie Personalausweise oder Meldewesen mit spannenden Aufgaben anzureichern. Diese behördentypischen Bereiche sind wohl immer noch so, wie ich es anderswo bis Anfang der 90er Jahre kennengelernt habe: ablegen, reinschieben, weg damit, Routinekram. Staatliche Aufgaben, ohne sich damit identifizieren zu können.

Aus eigener Erfahrung habe ich einen Lichtblick erlebt: das Finanzamt. Die haben bei uns auch ein solches Bürgerbüro, und die Kollegen vom Finanzamt sind fit und helfen, wo sie können. Anders wie bei Personalausweisen, ist das Steuerrecht viel dynamischer und auch breiter gefächert. Das alleinige Wissen, was wo steht, reicht nicht aus. Und ständig überholt sich dieses Wissen. Die Rechtsprechung kommt kaum nach, sämtliche Einzelfälle mit detaillierten Regeln zu hinterlegen.

Mit seinen Denkmustern kommt mir das Finanzamt schon geradezu modern vor.

Mittwoch, 21. März 2012

altes Tagebuch

Der Umschlag ist bereits in zwei Teile zerfallen und hat dennoch seine Schönheit bewahrt. Angekratzt an den Ecken, heben sich Birnen, Erdbeeren und rote Weintrauben auf dem Umschlag von dem hellen Hintergrund ab. Vom Zahn der Zeit angefressen, hat das Tagebuch in unserer Schrankkommode geschlummert.

Ich nehme das Tagebuch. Momente der Rührung überfallen mich, in den alten Seiten herumzublättern. Seite für Seite spüre ich zwischen meinen Fingern, das federweiche Papier kommt mir zerbrechlich vor wie Kristallglas.

Ich lande im Jahr 1994. Wie ein Film läuft die damalige Zeit vor meinen Augen ab. Unzufrieden war ich in meinem Job. Meine Aufgaben waren weg rationalisiert worden. Körperlich saßen wir noch an unseren Arbeitsplätzen, und niemand konnte uns sagen, ob wir von der Bildfläche verschwinden sollten oder ob wir neue Aufgaben bekämen.

Es ist nicht nur Erinnerung oder Emotion, sondern auch meine Handschrift, die mich im Tagebuch verblüfft. Seit fast zehn Jahren bin ich dazu übergangen, mein Tagebuch, welches ich ständig verfeinert habe, am PC zu schreiben. In der letzten Zeit ist die Form des Tagebuches zunehmend in Blogs übergegangen, wobei Internet und PC für mich dasselbe ist.

Handschrift zu PC: ich stelle fest, dass sich Welten gegenüber stehen, die ungefähr so weit auseinander liegen wie die Erde vom Mond oder wie Mozart zu Deep Purple. Die Handschrift, dies ist Ausdruck der eigenen Persönlichkeit: das ist Eleganz, Geschmeidigkeit, Schwung, Stil, Maß, Proportion in jedem Wort.

Jedes Wort mit der Hand zu schreiben, wäre mir heute viel zu aufwändig. Beinahe, möchte ich behaupten, habe ich es verlernt: ich würde nur noch kraxeln, unleserlich, schnell die Buchstaben dahin schmieren, weil ich keine Geduld mehr habe und weil ich das Endergebnis sehen möchte: den fertigen Text.

Freilich: ein Stück weit habe ich beim Bloggen beibehalten, mit der Hand zu schreiben. Im Kopf schwebt mir eine Idee vor. Aus der Idee muss ein Thema extrahiert werden. Um einen Blog zu schreiben, müssen Querbeziehungen dargestellt werden, Details müssen herausgearbeitet werden, all die Bilder, die im Kopf herum schwirren, müssen geordnet, sortiert, neben einander gestellt werden. So etwas klappt nicht am PC in Word oder Excel. Dieses ungeordnete Gebilde muss ich mit der Hand auf einen Zettel aufmalen. Details muss ich hinein zeichnen. Wie bei einem Baum muss sich eine Struktur herausschälen: die Grobstruktur – das ist der Stamm – und die Feinstruktur – das sind die Äste. So ein Konzept erstellen, das kann ich nur über meine Handschrift.

Struktur, Abschnitte, Tage, handgeschrieben sieht die Form des Tagebuches aus dem Jahr 1994 vollendeter aus wie in meinen heutigen Blogs. Die Gefühle, ob ich traurig oder fröhlich war, ob ich gut oder schlecht drauf war, spiegeln sich nicht nur im Text, sondern auch in der Handschrift. Alte Tagebücher sind Ausdruck der Tagesstimmung, der Leidenschaft, in jedem Wort. Alte Tagebücher sind Kostbarkeiten.

Donnerstag, 23. Februar 2012

Testkäufer

Wozu diese Dauerberieselung ? Pausenlos flimmerte der N-TV-Nachrichtenticker hinter dem Postschalter, ungehemmt spuckte der Flachbildschirm Nachrichten aus. Ich wurde darüber informiert, dass die USA die Opposition in Syrien unterstützen wollte, in der Koalition gab es wieder einmal Krach wegen Joachim Gauck. „Verbaselt“ hatte der FC Bayern München sein Champions-League-Spiel, denn er hatte beim FC Basel 1:0 verloren.

Wieso genau im Blickfeld des Postschalters ? Angewidert und belästigt fühle ich mich, dass der Flachbildschirm nun Werbesprüche hervorzauberte: dass ich den Umzugsservice der Post nutzen sollte, dass der Wechsel des Stromanbieters zu Yello ganz einfach war oder dass es eines meiner tiefsten und innersten Bedürfnisse war, mich von meinem Postbank Finanz Center beraten zu lassen.

Glücklicherweise war ich heute schnell an der Reihe – ohne Warteschlange. Zum Schalter vorgearbeitet hatte sich eine junge Dame, die ihren Kinderwagen zurecht gerückt hatte und mit anhimmelndem Blick ihren bombenfest schlafenden Säugling betrachtete.

„Ein Testkäufer“
hörte ich zwei Postangestellte hinter dem Schalter tuscheln.

„Habe ich lange keinen mehr gesehen. Montag war das. Die haben sie nicht mehr alle. In der Teambesprechung stellte unser Chef das so dar, als sei dies das wichtigste auf der Welt … „

Als sich die Dame mit dem Kinderwagen weggedreht hatte, war ich an der Reihe. Über die Postangestellten kann ich nicht meckern. Sie sind bestimmt, offen, meistens freundlich, ich habe sie kaum schlecht gelaunt erlebt und bei alledem, was ich von ihnen wollte, haben sie mir immer weiterhelfen können.

Ich zückte meinen Brief auf die Schaltertheke. Frankieren, bezahlen.

„Haben Sie eigentlich ein Girokonto bei der Postbank ?“
fragte der junge Mann mit dem Lockenkopf und der viel zu steifen, schräg gemusterten schwarz-gelben Krawatte fleißig drauf los.

Ich war irritiert und im ersten Moment sprachlos. Wieso musste ich mich rechtfertigen, dass ich bei einer anderen Bank als bei der Postbank mein Girokonto hatte ? Das ging doch den Angestellten, der mich gerade angesprochen hatte, überhaupt nichts an ? So wie es ihm auch egal war, ob ich bei ALDI, LIDL, Netto oder sonstwo einkaufte.

„Mein Girokonto bei der Postbank habe ich seit 2 Jahren gekündigt“ entgegnete ich.
Um weiteren Rechtfertigungsarien zu entgehen, schob ich nach:
„Sie sind zu teuer. Ich habe zu einer Bank gewechselt, da bekomme ich die Kontoauszüge kostenlos zugesandt, die Kreditkarte ist kostenlos, ich bekomme Guthabenzinsen aufs Girokonto, für den Dispokredit zahle ich 9% Zinsen. Das können Sie mir nicht bieten.“

„Das ist bestimmt eine Online-Bank, bei der Ihr Konto ohne persönliche Beratungsmöglichkeit und ohne jegliches Filialnetz geführt wird“ ließ er nicht locker. In Teilen hatte er Recht. Ich hatte aber aus Überzeugung meine Bank gewechselt. Und ich hatte keinerlei Lust, mit ihm darüber herum zu palavern.

„Stimmt nicht ganz“ entgegnete ich und kehrte mich wortlos vom Postschalter ab.

Im nachhinein deprimierte mich die Situation. Ein unbekannter, anonymer Testkäufer hatte die Gesprächslawine ins Rollen gebracht. Der Postangestellte hatte den Testkäufer nicht auf die Vorzüge eines Girokontos bei der Postbank angesprochen.

Die Unterhaltung empfand ich als verquer: im Smalltalk versucht man bisweilen, seine Mitmenschen mit aufmunternden Floskeln zu erheitern, man wahrt die Form und die Freundlichkeit. Das war kein Smalltalk, sondern Hard-Talk, knallhartes Geschäft, mich mit den Produkten der Postbank beglücken zu wollen.

Ich dachte an der Begriff einer Win-Win-Situation. Eben hatte ich das Gegenteil erlebt, eine Loser-Loser-Situation. Gewinnen konnte der Postangestellte nicht, denn die Anzahl der gewonnenen Kunden für ein Girokonto dürfte wohl im niedrigen einstelligen Bereich liegen. Ich war auch kein Gewinner, denn das Gespräch war ohne Sinn und Inhalt und die Kundenbeziehung mit mir war aufs Erste ruiniert.

Vielleicht hatten andere Kunden am Postschalter mehr Glück. Wenn jemand auf die Idee käme, die Testkäufer langsam von der Bildfläche verschwinden zu lassen.

Dienstag, 14. Februar 2012

Kreuzgang


Bonner Münsterkirche


Hinweistafel Kreuzgang



 Kreuzgang

                                                      
Details

 

 Kreuzgang von innen

Die Insel der Ruhe liegt nur einen Steinwurf entfernt vom pulsierenden Geschäftsleben der Fußgängerzone. Wirft man den Stein in die eine Richtung, träfe man die protzige graue Fassade der Commerzbank, in der anderen Richtung könnte man im Maredo nach Herzenslust schlemmern, bevorzugt Steaks aus aller Welt.

Der Kreuzgang ist ein unscheinbares Anhängsel an der Bonner Münsterkirche. In ihrem Schatten, überragt durch die fünf großen Kirchtürme, abgeschirmt durch den Gebäudekomplex des Münster-Karrées, breitet sich der Kreuzgang in aller Geruhsamkeit aus. Der Kreuzgang der Bonner Münsterkirche zählt zu den am besten erhaltenen romanischen Kreuzgängen nördlich der Alpen. Erbaut im 12. Jahrhundert, blieben wesentliche Teile nach einem Umbau im 13. Jahrhundert bis heute erhalten.

Bei Kreuzgängen denke ich unvermittelt an große, bedeutende Klöster. Beispielsweise an Maulbronn oder Cluny in Burgund. Erste Klostergemeinschaften hatten sich gebildet, als sich Eremiten abseits der Zivilisation zusammenscharten und Gemeinschaften bildeten, die sich an Idealen wie Enthaltsamkeit oder Besitzlosigkeit orientierten. Diesen Gemeinschaften wurden in Orden zusammengefaßt, die ersten Klöster entstanden.


Von der Welt abgekehrt, bildeten sich eigene Prinzipien und Regeln heraus. Dabei hat der Benediktinerorden – der erste große bekannte christliche Orden – insgesamt 73 Regeln formuliert: http://www.kloster-ettal.de/BenediktvonNursia/sites/regula/vitabenedicti_rb_kapuebersicht.html .In späteren christlichen Orden wie den Zisterziensern, den Trappisten, den Dominikanern usw. gab es ähnliche Regelwerke. All diesen Regelwerken gemeinsam war die Armut, die Besitzlosigkeit, der Glaube an Gott, das Gebet oder die Kontemplation, die Einbindung in die Klostergemeinschaft, die Führungsrolle des Abtes usw.

Dabei war der Kreuzgang der Mittelpunkt des Klosterlebens. Dort traf sich die Mönchsgemeinschaft, er war der Mittelpunkt zwischen den umfassenden Ländereien und den Wirtschaftsgebäuden. Man widmete sich dem Gebet, die Mönche wurden unterrichtet, man tauschte sich aus. Nicht zu unterschätzen war die Bedeutung der Klöster, indem sie das Wissen aus der Antike erhielten. Nicht zuletzt ihren Abschriften ist es zu verdanken, dass die Werke von Aristoteles oder Platon überliefert wurden.

Der Kreuzgang des Bonner Münsters hatte eher eine repräsentative Funktion. Geistliche trafen sich dort auch und beteten, doch das Stiftsleben im Bonner Münster war letztlich kein Kloster. Die Schönheit des Kreuzgangs kann sich aber im Vergleich zu bedeutenden Klöstern wie Maria Laach oder Reichenau am Bodensee sehen lassen.

Der Kreuzgang ist auch heute noch eine Stätte der Besinnlichkeit. Kontemplation, Ruhe, zu sich selbst finden, das kann man hier. Leider bin ich zeitlich so streng getaktet, dass ich kaum hierhin finde. Wenn ich diese Zeit brauche, suche ich andere, näher gelegene Stellen – um in mich zu kehren.

Dienstag, 7. Februar 2012

Interview mit Gernot Böhme

In der Badischen Zeitung vom 28. Januar habe ich ein Interview mit Gernot Böhme gelesen. Gernot Böhme ist Philosoph, er bezeichnet sich als Alt-68er und hat ursprünglich Naturwissenschaften studiert (Mathematik und Physik). 1977 wurde er Professor der Philosophie an der TU Darmstadt und er leitet nun das Institut für Praxis der Philosophie.

Die 68er-Bewegung hat aus seiner Sicht im nachhinein nichts bewegt, und in seinem Interview bezieht er Stellung zu Veränderungen in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft.

Dies sind seine Thesen zur Veränderung:

Die großen politischen und sozialökonomischen Fragen ändern sich nicht. Im Kleinen, in regionalen Projekten und Bürgerinitiativen lässt sich etwas verändern.

Für das Große muss man resignativ sagen, es ist eine völlige Illusion zu glauben, dass wir unser politisches und wirtschaftliches System auf absehbare Zeit verändern werden.

Der erwachsene Mensch muss sich um sich selbst kümmern und sich selbst entwickeln. Ich würde dabei aber eher von Entwicklung reden als von Veränderung. Die eingefahrenen Verhaltensweisen des Menschen muss man ändern, das ist richtig.

Der Zugang vom Konsumenten her ist der richtige. Aber auch da bin ich der Meinung, dass das ein Ansatz im Kleinen ist. Man kann einen Familienstil im Konsum entwickeln, das kann in Summe vielleicht sogar eine allgemeine Wirkung haben, wenn sich viele anstecken lassen. Aber man bekommt dadurch das System von Politik und Wirtschaft nicht in den Griff.

Veränderungen gehören nicht zum Wesen der Politik: sie kommt nicht zur Vernunft, sondern muss zu ihr getragen werden.

Wir setzen Veränderungen zu sehr mit Steigerungen und Verbesserungen gleich. Deshalb sind die wirklich nachweisbaren großen Veränderungslinien technischer oder wirtschaftlicher Natur. Da erleben wir diese Steigerungskurven.

Angesichts der rapiden Veränderungen, die uns gerade auf dem Gebiet der Technologie dauernd bedrängen, wünsche ich uns eher eine Bewahrung.

Bewahrung von Humanität: Wir müssten eigentlich darauf drängen, das, was das menschliche Dasein ausmacht, im Prinzip gleich bleiben zu lassen, es geradezu vor Veränderungen zu beschützen.

Bei den Menschenrechten ist die moralisch-juristische Existenz geschützt worden. Eine leibliche Existenz stand gar nicht zur Debatte. Aber auf diesem Bereich ist die Menschenwürde heute bedroht, vor allem durch biologischen, medizinischen und technologischen Fortschritt.

Die persönliche, gesellschaftliche, moralische Motivation muss da ansetzen, wo man steht, das heißt in den erreichbaren Verhältnissen.. Dort muss man lernen, Veränderungen zu initiieren. Das funktioniert ja auch, vielleicht mit der Perspektive der Ansteckung anderer Gruppen und einer langfristig größeren Wirkung.

Seine Thesen entsprechen in großen Teilen dem, was ich selbst persönlich erlebt habe. Im Kleinen, in der Familie, im Verein usw. gibt man sich zum Teil sehr viel Mühe, Dinge zu verändern. So pflanzen wir in unserem Nutzgarten eigenen Salat und eigenes Gemüse, und wir finden durchaus Nachahmer. Auf dem großen Parkett hingegen werden gesellschaftliche und politische Machtpositionen ausbalanciert, was mit den Veränderungen im Kleinen nichts zu tun hat.

Größere Veränderungen von oben - entstanden aus dem Veränderungswillen im Kleinen – sind eher selten. Dies ist dann ein Umsturz oder eine Revolution. Das gab es in der damaligen DDR 1989. Kleine Revolutionen sind für mich der Atomausstieg nach der Reaktor-Katastrophe von Fukushima, das auf der Kippe stehende atomare Endlager in Gorleben oder das, was die Frauenbewegung erreicht hat. Dort sind die Bewegungen im Kleinen entstanden, denen die Veränderungen im Großen gefolgt sind. Leider kommt dies in Summe zu selten vor, trotzdem sehe ich Gernot Böhms Thesen zur Veränderung nicht ganz so pessimistisch.

Aus eigener Erfahrung kann ich bestätigen, dass die Geschwindigkeiten der Veränderung nicht zusammenpassen. Was durch technologische Entwicklungen getrieben ist, kann eine ungeheure Dynamik entfalten. Der Mensch verändert sich hingegen in kleinen Schritten, ganz langsam, Stück für Stück.

Letztlich sollte der Mensch das Maß aller Dinge bleiben – wie einst der griechische Philosoph Sokrates gesagt hatte.

Donnerstag, 2. Februar 2012

Abriss


Das Einzelschicksal kenne ich nicht. Das Haus steht leer, man hat es vergammeln lassen. Um das Unkraut hat man sich nicht gekümmert. Nun wuchert es an der linken Fensterfront hoch. Im Dornröschenschlaf dämmert dieses Haus vor sich hin und wartet auf den Abriss. „Hier entstehen demnächst hochwertige Eigentumswohnungen mit Aufzug“,  so verheißt das Plakat das Schicksal dieser Immobilie. Ein Bauzaun ist ein erster Vorbote des kommenden Abrisses …

Eine ehrwürdige Vergangenheit sieht man dem Haus an. Dieser Altbau, ein stolzes Bürgerhaus, prächtig hätte es aussehen können, wenn man eine Renovierung zustande gebracht hätte. Viel Mühe und Detailarbeit hatte man in das Haus hinein gesteckt: die geschwungenen Bögen des schmiedeeisernen Zaungitters, die sorgfältig ineinander geschichtete Ziegelsteinfassade, der Giebel. So geschwungen, wie die Form des Giebels nach oben gleitet, erinnert er sogar an Hansestädte wie Lübeck, Stralsund oder Brügge. Hohe Decken müssen dem Altbau ein behagliches Wohngefühl verliehen haben. Zu renovieren, war wahrscheinlich zu aufwändig und teuer. Nun sieht dieses stolze Haus dem drohenden Abriss entgegen.

In einer Top-Lage in Rheinnähe, soll die Immobilie als Neubau wieder zu neuem Leben erweckt werden. Käufer, die speziell den Rheinblick begehren, müssen bei einer solchen Immobilie da wohl eine Stecknadel im Heuhaufen suchen. In Blickweite fließt der Rhein gemächlich dahin. In der einen Richtung kann der freie, ungetrübte Blick zum Siebengebirge schweifen. In der anderen Richtung stoßen in der Rheinaue die Türme des Posttowers und des Abgeordnetenhauses heraus, dahinter buckelt sich der Kottenforst in die Höhe. Die Lage ist phantastisch. 5 Gehminuten benötigt man zu Geschäften und Supermärkten. In dem beschaulichen Ortskern können sogar einige alte, herausgeputzte Fachwerkhäuser bestaunt werden. Liebes Käuferherz, was willst du mehr ?

Ich kann nur spekulieren, wieso es zu dem Hausverkauf gekommen ist. Vielleicht ist der Bewohner gestorben, und die Kinder wohnen in einer entfernten Ecke der Republik. Vielleicht hat der Bewohner in einem Pflegeheim gewohnt, und die Immobilie ist für den Unterhalt im Pflegeheim draufgegangen. Vielleicht haben sich auch Dramen in dem Haus abgespielt: Schulden, Insolvenz, die Eigentümer konnten die Hypothek nicht mehr bezahlen, und sämtliche Versuche scheiterten, das Haus zu halten. Oder Zank, Streit, Ehescheidung: die Eheleute hatten den Ort des ständigen Zankes so satt, dass sie ihn nur noch wegwerfen wollten.

Das Umfeld der für den Abriss bestimmten Immobilie kann sich sehen lassen. Nebenan protzt eine prächtige Villa, umgeben von einem reichen Baumbestand. Kiefern wachsen in den Himmel und reichen bis zur Straße. In der anderen Richtung versteckt sich auf einer Anhöhe die katholische Kirche: mit seinem geduckten Turm aus der romanische Epoche fügt sich die Rheinpromenade zu einem harmonischen Gesamtbild zusammen. Neu gebaute Eigentumswohnungen stören allenfalls punktuell.

An den neu gebauten Eigentumswohnungen wird so mancher verdienen. Allen voran Baufirmen, Architekten, Ingenieure, Notare. In ähnlichen Lagen gibt es Eigentumswohnungen, die mit 80 qm Wohnfläche für 225.000 € angeboten werden. Wenn 8-10 Eigentumswohnungen auf dem Grundstück untergebracht werden können, verdient ein Makler nicht unerheblich daran. Dies macht etwa 60.000 – 65.000 € aus, wenn der Makler den üblichen Satz von 3% Provision abkassieren kann. Abziehen muss man zwar Kosten für Büro, Einrichtung und Sekretärin, danach bleibt trotzdem ein erklecklicher Anteil übrig. Für einen Porsche wird dies nicht reichen, aber für einen Van oder für eine Fernreise reicht dies allemal. Und ein Makler verkauft ja nicht nur diese eine Immobilie.



An dem abgerissenen Haus werden Erinnerungen haften bleiben. Da kann ich nur spekulieren. Kinder werden in dem Haus aufgewachsen sein. Man wird sich gefreut und gelacht haben. Man wird Geburtstage gefeiert haben. Bei Familienfesten hat man getrunken, gegessen und gelacht. Möbel, vielleicht antike Möbel haben zur Inneneinrichtung gehört. Vielleicht wären die Kinder gerne zu dem Ort zurückgekehrt, wo sie aufgewachsen sind. Geht nicht mehr. Abgerissen.