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Freitag, 5. Dezember 2014

Bruttosozialprodukt

Angenommen, wir hätten die Freiheit, unseren Beruf nicht nach rationalen Kriterien auszuwählen. Also: Einkommen, Karriereplanung, Attraktivität des Arbeitgebers, Sicherheit des Arbeitsplatzes, wie interessant die Tätigkeit ist oder inwieweit die Tätigkeit zu den eigenen Fähigkeiten passt, das könnten wir alles ausblenden. Wenn wir diese Kriterien beiseite schieben, dann reduziert sich die Berufswahl auf das, was den Menschen aus seinem Inneren antriebt. Völlig losgelöst, würde er dann nach seiner eigenen inneren Berufung streben. Schul- und Studienabgänger sollten sich demnach nicht auf den Arbeitsmarkt, auf Stellenangebote und auf die eigene Karriereplanung stürzen, sondern sich eher in die Rolle eines Schatzsuchers begeben, der mit einem Metalldetektor den Boden abtastet, der auf Signale horcht und voller Freude losgräbt, wenn ihn die Ahnung eines Schatzes erreicht hat.

Die Verwerfungen können im Verlaufe des Arbeitslebens gewaltig sein, wenngleich durch Vorschriften des Arbeitsschutzes, den Einsatz von technischen Hilfsmitteln und ein verschärftes Umweltbewußtsein die Arbeitsplätze an für sich humaner geworden sind. Arbeitsteilig, eingepackt in Hierarchien, mit hoch spezialisiertem Fachwissen, mit ständigem Druck auf die Aufgaben, mit hoher Flexibilität in bezug auf die Anforderungen, lenkt die Arbeitswelt den Menschen in rigide Bahnen. Im Verlauf von Jahrzehnten können die Verwerfungen riesig sein, wenn anstelle von Freude und Vorfreude bei der Schatzsuche Ernüchterung herrschen angesichts verloren gegangener Lebensträume, einem Zeitgefühl, dass sich zwischen Powerpoint-Präsentationen, Meetings und endlosen Zahlenkolonnen zerstreut hat, und einem beschämenden Gefühl der eigenen Selbstwahrnehmung.

Genau auf die Suche nach solchen Verwerfungen hatte sich der Schweizer Schriftsteller Alain de Botton in seinem Buch „Freuden und Mühen der Arbeit“ gemacht. Neben Bürowelten, globalen Wertschöpfungsketten oder einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft im Rücken des Londoner Tower begleitete er in einem Kapitel einen Berufsberater, der insolvente Firmen aufsuchte oder auf Messen präsent war. Oder Menschen gingen aus eigenem Antrieb auf ihn zu, weil sie sich beruflich umorientieren wollten. Der Berufsberater nahm sich Zeit für seine Kunden, ganz im Sinne des Psychologen Abraham Maslow, dessen Spruch er sich über die Toilette gepinnt hatte: „Zu wissen, was wir wollen, ist nicht normal, sondern das seltene und nur mühevoll zu erringende Resultat einer psychologisch recht komplexen Leistung.“

Es überraschte mich nicht, dass bei sich bei so viel Einfühlungsvermögen die Fälle häuften, dass Angestellte ihren Job kündigten, um den Neigungen nachzugehen, zu denen sie sich tatsächlich berufen fühlten. So kündigte eine 37 jährige Abteilungsleiterin in einer Steuerberatungskanzlei ihren Job, um eine Tätigkeit in einem Verein gegen Obdachlosigkeit und Wohnungsnot zu beginnen. Der Berufsberater hielt Seminare ab über das Selbstvertrauen, um den Teilnehmern zu vermitteln, wie stark sie doch waren, welche ungeahnten Kräfte in ihnen steckten und dass sie Ziele suchen sollten. Und dass sie diese verwirklichen sollten in ihrer eigenen Geschichte, in der sie selbst der Drehbuchautor waren.

In der Tat, die Aktivitäten des Berufsberaters, die Persönlichkeiten, Lebensgeschichten und die daran hängenden Arbeitswelten komplett neu definierten, könnten in einer Massenflucht ausarten. Ungefähr so wie gegen Ende des Ersten Weltkriegs, als russische und habsburgische Soldaten demoralisiert Fahnenflucht begingen, in Massen zum Feind überliefen und so zum Untergang des Zarenreiches beziehungsweise der K.u.K.-Monarchie beitrugen. Dabei habe ich noch nicht einmal all die Billig-Jobs betrachtet, die schätzungsweise aus rein ökonomischer Not – überwiegend Frauen – diese Form des Lebensunterhaltes betreibt. Der Fensterputzer, die Supermarktkassiererin, die Telefonistin, die Kunden vom Wechsel des Stromanbieters überzeugen soll, oder die Servicekraft in einer Fast-Food-Kette, werden ihren Job eher in Ausnahmefällen als Freude und Vorfreude bei einer Schatzsuche empfinden,  wenn sie für wenig Geld die hohe Kunst beherrschen müssen, mit den Launen ihrer Kunden in allen Lebenslagen umzugehen.

Ich gehe davon aus, dass eine potenzielle Massenflucht zum großen Teil zu den künstlerischen Berufen einsetzen wird. Aus uns würde ein Volk von Dichtern, Denkern, Schriftstellern, Sängern, Rockmusikern, Malern, Grafikern, Fotografen, Schauspielern, Drehbuchautoren und Kabarettisten. Und natürlich Handwerkern, bei denen eine scharfe Trennlinie schon Wirklichkeit ist. Zu Hause wird mit viel Liebe und Fleiß gewerkelt, wenn Badezimmer renoviert werden, wenn tapeziert wird oder wenn Terrassen neu gestaltet werden. Am Arbeitsplatz werden die Aufgaben eher in lästiger Routine und ohne Freude abgearbeitet, wenn eine Klimaanlage in einem Großraumbüro instandgesetzt wird, wenn Fassadenelemente gestrichen werden oder eine Flachdachkonstruktion abgedichtet wird.

Aber ich denke, unser ökonomisches System hält solche Wanderungsbewegungen aus, dazu ist es zu stabil. Es verspricht Wohlstand, das hatte bereits Adam Smith in seinem wegweisenden Werk „Wealth of Nations“, das 1776 erschien, festgestellt. Er entwickelte ein Modell, in dem sich in einem Wirtschaftskreislauf der Wohlstand über Arbeitsteilung, optimaler Güterversorgung und Wachstum verbesserte.

Grundlage dafür war die Fabrikproduktion, in der Arbeitsschritte aufgeteilt wurden, Maschinen eingesetzt wurden und Tätigkeiten spezialisiert wurden. Dadurch wurde die Produktion gesteigert, die Wirtschaft wuchs, indem sie neue Absatzmärkte fand, die Einkommen stiegen. Trotz Massenverelendung in der Frühphase der industriellen Revolution, trotz Aufschwungphasen, die zwei Weltkriege nach sich zogen, trotz Klimadiskussion, die wir momentan erleben und trotz Rezessionen in den 1980er und 1990er Jahren, gelten Adam Smiths Theorien in ihren Grundsätzen bis heute. Wirtschaft ist ein Kreislauf, auf den alles einzahlt. Der Mensch wird zum Konsumenten, indem er Güter auf Märkten nachfragt. Dabei wird er zum Typ des „homo oeconomicus“, da er seinen Nutzen beim Güterkonsum maximieren will. Durch den Verbrauch entsteht wiederum Wohlstand, der auf volkswirtschaftlicher Ebene einen Gewinn abwirft. Dieser Kreis dreht sich vom Prinzip her bis heute weiter, da unsere Wirtschaft – letztlich dank Exporten in alle Welt – ungebremst wächst.

Dichter, Denker, Schriftsteller, Sänger, Rockmusiker, Maler, Grafiker, Schauspieler, Drehbuchautoren, Kabarettisten werden daher weiterhin Nischenexistenzen bleiben. Größere Aufstände wegen Verwerfungen innerhalb der Arbeitswelten sind daher nicht zu erwarten. Gleichwohl zollen die Arbeitsteilung, die nie das fertige Werk erscheinen läßt, globale Wertschöpfungsketten, die bessere Standards von Arbeits- und Umweltschutz weg verlagert, und ein Zwang zur Kosteneinsparung, der in manchen Firmen an Terrorismus grenzt, ihren Tribut.

Da die Aussteiger oder Nischenexistenzen in ihrer Anzahl sehr klein sind, sind die Auflösungstendenzen unseres ökonomischen Systems eher marginal. Wir werden daher alle weiterhin am Bruttosozialprodukt beitragen. Auch in diesem volkswirtschaftlichen Begriff lebt Adam Smith mit seinen Theorien fort, da das Bruttosozialprodukt in den 1940er Jahren als Meßzahl für den Wohlstand entwickelt wurde. Wir definieren uns über unseren Wohlstand. Wir selbst werden zum Bruttosozialprodukt, wenn wir aus dem Kreislauf des Wohlstands nicht ausbrechen können.

Montag, 29. April 2013

jenseits des Niedriglohnsektors

Es geht auch anders. Picot, Reichmann und Wigand beschreiben in ihrem Buch „Die grenzenlose Unternehmung“ (2005) eine virtualisierte Arbeitswelt über mehrere Prdouktionsstufen hinweg, in der die Arbeit eine neue Wertorientierung erhält. Arbeit geschieht im Spannungsfeld zwischen Produktionsstufen, der IT- und Kommunikationstechologie und dem Kunden. Der Arbeiter zeichnet sich durch Spezialwissen aus, er hat den Überblick über den Gesamtprozess und er versteht es, seine Kunden optimal zufrieden zu stellen.

Solch eine Tätigkeit, die Kundenzufriedenheit zu verbessern, weil er hinschaut, weil er seine Kunden kennt, weil er die Schwachstellen bei der Produktion oder Dienstleistungserstellung kennt, diese Tätigkeit liegt außerhalb des Niedriglohnsektors.

Friseure, Verkäuferinnen, Kassiererinnen, Reinigungskräfte, Altenpfleger, Taxifahrer, Lagerarbeiter, Postzusteller – diese Tätigkeiten fallen außerhalb dieses Rasters einer grenzenlosen Unternehmung, weil die Kunde-Kunde-Beziehung stark eingegrenzt ist. 

Die grenzenlose Unternehmung ist weiter gefaßt: die Tätigkeiten sind nicht zwingend standortbezogen, weil sie am Kunden ausgerichtet sind; die Grenzen des Unternehmens werden „gesprengt“, weil Tätigkeiten in einem virtuellen Raum zusammengelegt werden; Wissen wird miteinander vernetzt, um damit einen Mehrwert für den Kunden zuschaffen. Das ist eine durchaus reale Arbeitswelt, die sich beispielsweise auch in Bezahlungssysteme überführen lässt. Wenn die Kundenzufriedenheit hoch ist, dann ist die Bezahlung besser – und umgekehrt.

Viele Unternehmen schaffen es allerdings, sich diesem Prinzip der Wertschätzung gegenüber seinen eigenen Mitarbeitern zu entziehen. Das Beispiel der Alten- und Pflegebranche, das ich zuletzt thematisiert habe, zeigt, dass dort der Mitarbeiter zu einem reinen Faktor der Kosteneinsparung degradiert wird.

Dass die menschliche Ressource nicht allzu viel Wert ist, dazu gibt es in unserem Freundeskreis weitere Beispiele.
-          das Prinzip des Downsizing, dass Personal abgezogen wird, obschon die Arbeitsmenge gleich bleibt, ist durchaus beliebt; dies führt zu Überstunden, welche dem Unternehmen im Endeffekt nichts bringen –es sei denn, die Firma weigert sich, diese zu bezahlen
-          Outsourcing ist genauso ein beliebtes Mittel, niedrigere Löhne zu bezahlen; so sollte beispielweise eine Freundin in der Kantine im Krankenhaus in Wesseling outgesourced werden mit Lohneinbußen von ca. 20%; daraufhin suchte sie sich in einem anderen Krankenhaus eine gleich bezahlte Arbeitsstelle in der Kantine
-          Manche Mitarbeiter finden sich auf einem Arbeitsplatz, der als EDK = Ende der Karriere bezeichnet wird; Perspektiven gibt es dort nicht; man hat lediglich die Aussicht, auf einem schlecht bezahlten Arbeitsplatz ohne Zukunftsaussichten bis zum Ende seiner Karriere auszuharren

Schon der französische Philosoph Pascal hatte gesagt, dass unsere Natur in der Bewegung ist und dass völlige Ruhe der Tod ist. Ein anderer französischer Philosoph Diderot hatte gesagt, dass Routine gefährlich ist, weil sie in Monotonie umschlagen kann und zur Sinnvergessenheit führen kann. Routinehandeln tendiert dazu, in Selbstlauf überzugehen und den gestaltenden, fragenden, sinnbestimmten Menschen zu einer Restgröße zu degradieren.

Genau den Ausweg daraus sucht „Die grenzenlose Unternehmung“. Dieser Ausweg führt genau über die menschliche Ressource Wissen. Humankapital – so bezeichnet die Personalwirtschaft diese menschliche Ressource. Der Mensch an für sich stellt mit seinem Wissen bereits Kapital dar. Der Mitarbeiter kennt seine Kunden. Er kennt die internen Abläufe. Er trägt dazu bei, diese Abläufe zu verbessern. Er versucht, bestmöglich seine Kunden zufrieden zu stellen - und reißt sich sozusagen "ein Bein" für seine Kunden aus.

Menschen bilden bedeutet nicht, ein Gefäß zu füllen, sondern ein Feuer zu entfachen, so hatte Aristophanes um 450 v. Chr. Gesagt. Solch ein  Feuer lässt sich sicher nicht entfachen, wenn die Menschen ungefähr am Existenzminimum herum krebsen und nicht wissen, wie sie die Tage bis zum nächsten Gehalt überleben sollen. Geschweige denn, dass sie wissen, wie sie in städtischen Ballungsräumen Wohnraum bezahlen können oder sich einen Urlaub leisten können. Beim Dumping-Löhnen zerfleischen sich die Mitarbeiter sicherlich nicht für ihre Firma.

Ich kenne durchaus Bereiche – so in meiner eigenen Firma – in denen Prinzipien der Wertschätzung gegenüber den eigenen Mitarbeitern gelebt werden. Ein Stück grenzenloser Unternehmung finde ich dort wieder. So wie der deutsche Philosoph Fichte es beschrieben hat „angstlos, mit Lust und mit Freudigkeit arbeiten, und Zeit übrig behalten, seinen Geist und sein Auge zum Himmel erheben zu dessen Anblick er gebildet ist.“

Der Niedriglohnsektor wächst und wächst, gepushed von Leih- und Zeitarbeitsfirmen, die Massen an Intelligenz reinstecken, um Schlupflöcher für noch niedrigere Löhne zu finden.

Jenseits und diesseits des Niedriglohnsektors, das ist ein ständiges Ausbalancieren zwischen Staat und Marktwirtschaft.

Dienstag, 23. April 2013

städtische Seniorenzentren - Spielwiese für Dumping-Löhne ?


Ein Plakat der Linken Partei hatte mich in der Fußgängerzone aufmerksam gemacht. „Seniorenzentren: Leiharbeit als Normalzustand und zukünftig Billigarbeitskräfte aus Spanien“ – so lautete die Überschrift, die geradewegs in die Welt der Ausbeutung führte.

Ob Kellner, Lagerarbeiter, Friseur, Verkäuferin, Taxifahrer, Kindergärtner, Krankenschwester oder Altenpfleger: ich bin mir dessen bewusst, dass der Niedriglohnsektor politisch gewollt ist und dass er mit einer gesunkenen Arbeitslosigkeit allgemein befürwortet wird. Das Armutsniveau der Arbeitslosigkeit wird nun gegen das Armutsniveau bei Beschäftigung eingetauscht.

Doch kaum in einer anderen Branche wie bei den Pflegeberufen wird man ein solch zersplittertes Bild des Lohnniveaus finden. Friseure oder Taxifahrer werden je nach Betrieb und je nach Standort ungefähr gleich bezahlt – wenn man vom Ost-West-Gefälle absieht.

Bei Alten- und Pflegeheimen ist das anders. Im Idealfall wird nach den Tarifverträgen des öffentlichen Dienstes bezahlt. Die Gehaltstabelle beginnt bei einem examinierten AltenpflegerIn bei 2.300 €. Das kann man als angemessen betrachten. Wie anderswo wird nach Schlupflöchern gesucht, nicht nach den Tarifen des öffentlichen Dienstes zu bezahlen. Und davon gibt es reichlich.

Als dickstes Schlupfloch entpuppen sich die Kirchen. Um die hohen Personalkosten zu umgehen, geben Städte und Kommunen die Trägerschaft gerne an die Kirche ab. Die Kirche, das sind organisatorische Gebilde wie die Caritas, das Malteser-Hilfswerk oder die Diakonie. Die Kirchen haben ihre eigenen Tarifverträge, die nichts mit dem öffentlichen Dienst zu tun haben. Dabei berufen sich die Kirchen auf das christliche Prinzip der Nächstenliebe, welches entsprechende Gehaltsabschläge willentlich in Kauf nimmt. *

Die kirchlichen Träger bewegen sich ungefähr auf der Höhe des Mindestlohns, den der Gesetzgeber auf 8,75 € pro Stunde festgelegt hat (siehe hierzu auch Stellenausschreibung von Altenpflegern der Diakonie Essen bei der Arbeitsagentur). LeiharbeiterInnen aus der Ukraine, aus Litauen oder aus Asien (z.B. Phlippinen) können dieses Niveau noch unterbieten, also vier oder fünf Euro unterhalb des Mindestlohnes.

Selbst dieses Niveau kann unterboten werden – von Ein-Euro-Jobs. Diese sind zwar strengen Regularien unterworfen, aber im Pflegebereich herrscht Pflegenotstand. Für öffentliche Tätigkeiten, die dem Gemeinwohl dienen, können Hartz IV-Empfänger heran gezogen werden, die mit 1 € pro Stunde bezahlt werden Der Beruf des Altenpflegers befindet sich also in einem Spannungsfeld der Bezahlung: von 1 € (schlechteste Bezahlung) bis 2.300 € (beste Bezahlung nach dem Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes).

Wohl kaum irgendwo bei den Billiglöhnen gibt es eine solche Diskrepanz, welchen Stellenwert diese Tätigkeit hat und wie die Tätigkeit bezahlt wird. Altenpflege – das ist mentale Belastung ohne Grenzen bei gleichzeitiger Betreuung von 7-10 älteren Personen. Waschen, Anziehen, Unterstützung bei der Alltagsbewältigung, Begleitung bei täglichen Beschäftigungen, Arzttermine, die Altenpfleger müssen individuell auf die Bedürfnisse der alten Menschen eingehen – für mich persönlich ist es unvorstellbar, was Pflegekräfte tagtäglich leisten.

Bei solch einer Diskrepanz finden sich nur noch wenige, die einen solchen Job machen wollen. Man müht sich verzweifelt, den Pflegenotstand zu beheben. Es sollen mehr junge Menschen ausgebildet werden, aus noch ferneren Ländern der Erde sollen die Leiharbeiter kommen.

An die Wurzel des Übels, die Gehaltsstrukturen zu verbessern, will niemand ran. Im Saarland und im Raum Trier ist der Pflegenotstand soweit gekommen, dass eine Vielzahl von Altenpflegern zu besser bezahlten Arbeitsplätzen nach Luxemburg abgewandert ist. Die Ausbeutung in Deutschland ist an ihre Grenzen gestoßen. Diese Altenpfleger haben endlich wirkungsvoll dagegen protestiert, dass ihre Arbeitsleistung in einem Manchester-Kapitalismus zur völligen Wertlosigkeit degradiert wird.

Im Umfeld eines allgemeinen Lohn-Dumpings hatte das Plakat der linken Partei, auf den Pflegenotstand aufmerksam zu machen, seine Berechtigung. Leiharbeiter aus Spanien sind zur Dauererscheinung geworden. Oder Leiharbeiter aus der Ukraine, Litauen oder den Philippinien.

Marktpreise sind zu einem Wettbewerb der Armutssysteme verkommen. Der ungehemmte Kapitalismus hat Eingang in Alten- und Pflegeheime gefunden. Typisch ist, dass sich Kirche und Staat die Verantwortung für den Pflegenotstand hin- und herschieben. Niemand will Verantwortung dafür übernehmen, dass die Angehörigen optimal betreut werden und die Altenpfleger angemessen entlohnt werden.

Das Plakat der Linken hatte mitten in einen Wesenskern gezielt. Es ist diskutiert worden, die städtischen Seniorenzentren an einen anderen Träger auszugliedern. Die Entscheidung ist gegen eine Ausgliederung gefallen. Ab 2014 sollen die drei Seniorenzentren aber für 25 Millionen Euro saniert werden. Spätestens dann, wenn diese Umbaukosten auf die Bewohner umgelegt werden sollen, gehe ich davon aus, dass das Thema Ausgliederung wieder auf der Agenda stehen wird. Dann wird zu entscheiden sein: zahlen die Bewohner rund 500 € mehr an Heimkosten oder werden über eine Ausgliederung Dumping-Löhne realisiert, um diese Mehrkosten wieder aufzufangen.


* siehe hierzu auch WDR-Reportage von Eva Müller „Gott hat hohe Nebenkosten“

Samstag, 23. März 2013

Architektur aus Beton und Glas

… stößt mich normalerweise mit ihrem nüchternen und kalten Erscheinungsbild ab. Ich habe in der Stadt gesucht – nach verborgenen Reizen, ungewöhnlichen Strukturen und der Schönheit hinter kalten, abweisenden Fassaden. Die Vielfalt und die Detailblicke sind durchaus erstaunlich.


Die Kälte der Bürohausarchitektur stemmt sich gegen die wolkenverhangenen Himmel.



Blauer Himmel mit Schäfchenwolken spiegelt sich auf der Glasfassade.


Bäume mit kahlen Ästen wachsen in das Spiegelbild hinein.


Herauf- oder herabgelassene Jalousien lockern die Glasfassade auf.


Doppelt gemoppelt hält besser: Bürohausarchitektur spiegelt sich in der Bürohausarchitektur.


Knallgelb wirkt vor Glas provozierend.


Luxuskarossen von Geschäftsführern, Prokuristen oder Managern dürfen natürlich auch nicht fehlen.


Der Merzedes-Stern thront vor der sich absenkenden Sonne.


Die Eintönigkeit dieser Hochhausfassade verschwindet hinter der Struktur kahler Bäume.


Das totale Spiegelbild: ich und mein Fahrrad und der fließende Verkehr und die gegenüberliegende Straßenseite.


Der architektonischen Gestaltung sind keine Grenzen gesetzt: Glasfassade und moderne Kunst.



Die Glaspyramide haben sich die Architekten womöglich vom Louvre in Paris abgeschaut. 

Donnerstag, 22. November 2012

Scheinselbständigkeit

… diesen Artikel hatte ich aus einem alten Manager-Magazin-Heft, das ich entsorgt hatte, kopiert.

Unter neue Formen der Ausbeutung im Arbeitsleben ordnete ich dies ein, daher war mir dieser Artikel zu schade zum Wegwerfen. Oder: wie die menschliche Arbeitsleistung zum Objekt der Kosteneinsparung wird.

So diffus wie der Begriff, so diffus bewegen sich die Tätigkeiten der Scheinselbständigen in einer Grauzone. Während im klassischen Arbeitgeber-/Arbeitnehmerverhältnis alles im Arbeitsvertrag geregelt ist, so wird beim Scheinselbständigen alles, was Geld kostet, auf den Auftragnehmer abgeschoben – das sind vor allem die Sozialabgaben. Dieser ist auf dem Papier selbständig. Er bewegt sich aber nicht auf Augenhöhe mit anderen Selbständigen, die mit ihrer Tätigkeit ordentlich Profit erwirtschaften – wie etwa Architekten, Steuerberater, Rechtsanwälte, Notare. Denn er arbeitet ausschließlich für einen einzigen Auftragnehmer. Logistik; Transportgewerbe; Kurier- und Paketdienste; Subunternehmer auf Baustellen; Messe-, Garten- und Landschaftsbau; Interviewtätigkeiten für Marktforschungsinstitute; Regalauffüller in Supermärkten; ihr Anteil steigt stetig, doch die genaue Zahl kennt niemand.

In unserer Gesellschaft, in der die Gewinnmaximierung die Leitlinie sämtlichen unternehmerischen Handels ist, ist dies so gewollt. Schon Friedrich Engels hatte zur Lage der arbeitenden Klasse in England festgestellt, dass die Konkurrenz der vollkommenste Ausdruck des in der bürgerlichen Gesellschaft herrschenden Krieges Aller gegen Alle ist. In diesem Konkurrenzkampf versucht stets der schlechter bezahlte den besser bezahlten zu verdrängen. Karl Marx fügte dem hinzu, dass sich der Arbeiter in eine Ware verwandelt. Der Lohn für seine Arbeitsleistung tritt an die Stelle zwischenmenschlicher Beziehungen.

Scheinselbständige werden de facto ausgegrenzt. Sie gehören nicht zur Firma dazu. Die Firma hat zwar einen Job. Aber zwischen Firma und ihnen verläuft eine Trennlinie, denn mit den Kollegen der Firma haben sie offiziell nichts tun. Mit ihrem Einkommen sind sie schlechter gestellt, gegen Krankheit sind sie nicht abgesichert, ihre Urlaubsvertretung müssen sie selber organisieren, für Saison-schwache Umsatzzeiten müssen sie selbst etwas zurücklegen.

Als Adam Smith 1776 sein Grundwerk „Wohlstand der Nationen“ schrieb, forderte er, dass es eine unsichtbare Hand geben müsse, die sich schützend über das Marktgeschehen legt. Andererseits führe der Kapitalismus zu einer Verelendung der Massen und zu Arbeitsbedingungen, bei denen die Menschen im Endeffekt für einen Hungerlohn schuften müssten. Im Laufe der Jahrhunderte, mit der aufkommenden Arbeiterbewegung und mit dem Entwurf eines Sozialstaates, haben sich diese Zustände deutlich gebessert. Doch mittlerweile sorgt der Markt wieder dafür, dass die Löhne hierzulande mit den Niveaus in China, Indien, Brasilien, Mexiko, Polen, Rumänien oder Bulgarien konkurrieren müssen.

Die schützende Hand des Staates hat sich längst zurückgezogen. Der Staat reguliert nichts mehr, sondern überlässt die Handlungsfelder der Wirtschaft. Der Mensch, der auf Arbeitssuche ist, hat dann nur die Wahl zwischen Pest und Cholera. Entweder zu Hause sitzen und Hartz IV oder ein Niedriglohnniveau, das irgendwie versucht, mit China, Indien, Brasilien, Mexiko, Polen, Rumänien oder Bulgarien mitzuhalten. So wie zur Zeit der industriellen Revolution Mitte des 19. Jahrhunderts, wird der Mensch so viel arbeiten, um seine existenziellen Bedürfnisse sicherstellen. Er wird sich also auf solche dubiosen Konstrukte wie die Scheinselbständigkeit einlassen.

Der Enthüllungs-Journalist Günter Wallraf hatte dazu die Arbeitsbedingungen beim Paketdienst GLS recherchiert. Je mehr sich die Weihnachtszeit nähert, um so mehr boomt die Paketbranche. Der Fahrer, mit dem Günter Wallraf unterwegs war, erhielt monatlich 1.200 € brutto als Entgelt für seine Dienstleistung. Dieses Bruttoentgelt setzte sich aus einer Vergütung von 1,30 € je Paket zusammen, so dass je Arbeitstag etwas mehr als 40 Pakete zuzustellen waren. Um diese Stückzahl zuzustellen, war der Fahrer inklusive Beladung täglich von 5 Uhr bis 19 Uhr unterwegs. Dies entsprach einem Brutto-Stundenlohn von 3 €. Um diesen Brutto-Stundenlohn zu erzielen, durfte der Fahrer nicht krank werden und ihm stand auch kein Urlaub zu. Um bei Krankheit einen Arzt aufzusuchen, musste er sich krankenversichern lassen, was die 3 € weiter schrumpfen ließ.

GLS hat nach der Ausstrahlung in Stern TV einiges dementiert. Ich gehe aber davon aus, dass Günter Wallraf einen Kern von Wahrheit beschrieben hat.

Das Unverschämte ist: der Staat duldet diese neuen Formen der Ausbeutung, wobei als Nebeneffekt Scheinselbständige aus der Arbeitslosenstatistik verschwinden. Und dies verkauft der Staat dann als Erfolg.