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Freitag, 23. Januar 2015

Zivilcourage

Burkan Ilhan wurde zum Helden. Köln-Bocklemünd vor einer Woche. In einem Stadtbezirk voller Häuserblocks aus Mietwohnungen half Burkan Ilhan (22) gerade seinem Vater beim Renovieren, als er Hilferufe auf der Straße hörte. Ein Pulk von Schlägertypen wollte über einen Familienvater mit seinem Sohn herfallen, doch dies verhinderte Burkan, indem er diese gemeinsam mit Vater und Bruder vertrieb. Das Angebot einer Nachbarin, die Polizei zu rufen, winkte er ab. Das war ein folgenschwerer Fehler, denn die zehn bis fünfzehn Schläger kamen zurück und bestraften den jungen Mann für seine Zivilcourage. Mit Messern und Böllern bis an die Zähne bewaffnet, schlugen sie mit einem Metallpfosten auf ihn ein. Schwer verletzt überlebte Burkan, nachdem die Ärzte den zertrümmerten Schädel mit einer Stahlpatte zurecht flicken konnten.

Als sein Gesundheitszustand nach einer Woche stabil war, trat er als Held vor die Kamera. Sein Verhalten habe Sinn gemacht, weil es einem guten Zweck gedient habe. Er würde immer wieder so handeln. Sein Handeln sei richtig  ein kleiner Schritt für die Menschheit. Und er hätte auch keine Angst gehabt.

Solche Situationen sind mir erspart geblieben, glücklicherweise, dass ich entscheiden musste zwischen Zivilcourage und Wegschauen. Ich muss zugeben, wahrscheinlich hätte ich weggeschaut oder mir auf einer logischen Ebene zurecht konstruiert, dass alles gut wird, dass keinerlei Gefahr besteht oder dass andere höhere Zufälle alles richten werden. Und damit hätte ich auch nicht alleine gestanden, denn mit der Anonymität unserer Gesellschaft schwindet auch die Verantwortung oder die Fähigkeit zu Empathie, dem Einfühlungsvermögen, sich in einen anderen Menschen hinein versetzen können. Ebenso wurde in Experimenten mehrfach beweisen, dass bei Belästigungen und Übergriffen in Fußgängerzonen alle vorbei spazieren und niemand eingreift. Die Zivilcourage des Burkan Ilhan kann nicht hoch genug bewertet werden.

Mich erschreckt die Umkehrung des Heldentums. Häuserblocks wie diejenigen in Bocklemünd-Mengenich sind Normalität, sie gelten nicht als soziale Brennpunkte, die durch Hartz IV oder spezifische Armutsstrukturen geprägt sind. Ein hoher Ausländeranteil ist genauso normal vielen Stadtteilen Kölns. Kann man sich noch ruhigen Gewissens auf die Straße begeben ? Überall in Köln habe ich mich sicher gefühlt, selbst im Problemviertel Chorweiler. Diese Zeiten scheinen nun vorbei zu sein. Heldentum scheint sich auch über Gewalt zu definieren. Je wehrloser die Opfer und je unmotivierter die Tat, diese Täter kann sich genauso mit dem Titel eines Helden brüsten. Wir brauchen mehr Helden vom Schlag eines Burkan Ilhan. Sonst droht, dass der Mob sich auf der Straße wie Ungeziefer ausbreitet.

Freitag, 2. Mai 2014

Generation 1964


Zugegebenermaßen, ich schaue über ihn hinweg, wenn ich Fahrt aufnehme und an ihm vorbeiradele. In Schweigen gehüllt, verhakt sich seine Metallskulptur auf dem Gehweg. Sperrig, verknoten sich seine Gesichtszüge, seine tief liegenden Augen grübeln vor sich her.

Ja, das Gesicht unseres ersten Bundeskanzlers packt all sein Ausdrucksvermögen zusammen. Aber was hat Konrad Adenauer und die 1964er-Generation gemeinsam ? Ungefähr so viel wie die CDU mit den Grünen oder die FDP mit der Mindestlohndebatte. Die Berührung entstand, da meine bessere Hälfte, mein Bruder und andere Freunde der 1964er-Generation angehören. Im letzten Jahr war ein durchschlagender Erfolg, dass ich als Geburtstagsgeschenk zum 50. Geburtstag eine Gruppenführung durch das unterirdische Köln organisiert hatte und das Geburtstagskind dazu eingeladen hatte. Gestern war es eine Führung durch das frühere Bonner Regierungsviertel, bei der wir lange an der Metallskulptur von Konrad Adenauer verweilt hatten.

Generationen definieren sich über Gegensätze. Generationen wollen sich abgrenzen, neue Denkansätze wagen, der Zeitgeist verändert sich. Ich habe den Zenit des 50. Geburtstages bereits überschritten, und es ist sogar Konrad Adenauer, der mich mit den Nachwehen seiner Ära in meiner Jugend geprägt hat. Die 68er-Bewegung war entstanden, weil die Politik von Konrad Adenauer in den Denkkategorien von Kommunismus und Kapitalismus, von  Böse und Gut, von Ost gegen West erstarrt war. Auf diesem Boden entstand das Denken der 68er Bewegung.

Dieser Geist wirkte bis in die 1970er Jahre nach, obschon ich selbst nie demonstriert habe oder auf die Straße gegangen bin. Alles war gut, was revolutionär klang. Ich befürwortete die Thesen eines Karl Marx, Che Guevara oder Fidel Castro, weil sie einen echten Gegenentwurf zum Bild des Kapitalismus darstellten. In der Schule wurde ich aber auch mit dem Positivbild des Kapitalismus konfrontiert, als das magische Quadrat des Stabilitäts- und Wachstumsgesetzes aus dem Jahr 1967 gelehrt wurde. Kapitalismus ist gut, wenn sich Preisniveau, Beschäftigung, Außenwirtschaft und Wirtschaftswachstum im Gleichgewicht befinden. Die Regierungen handelten nach diesem Prinzip, um das Wohlstandsniveau zu maximieren. Während der Regierungszeiten von Willy Brandt und Helmut Schmidt bröckelte die Vollbeschäftigung ab, aber in meiner Generation reichte es, um relativ unkritisch eine Lehrstelle und eine Beschäftigung am Arbeitsmarkt zu bekommen.

Für die 1964er-Generation hatten sich die Rahmenbedingungen geändert. Die Lehrstellensuche auf dem Arbeitsmarkt, das haute noch hin. Aber danach ? Die 1964er-Generation geriet in die politische Zeitenwende hinein, die den Wechsel in die Ära eines Helmut Kohl einläutete. 1983 inszenierte er eine geistig-moralische Wende, wobei sich die instabile Arbeitsmarktsituation eher verschlechterte als verbesserte. Die Vollbeschäftigung war längst Vergangenheit, die Zyklen der ökonomischen Rahmenbedingungen verkürzten sich, und wegen der hohen Lohnkosten wanderten Unternehmen zunehmend ab. Die Suche nach einer Beschäftigung wurde deutlich mühseliger. Ein Arbeitsvertrag konnte zur Hängepartie werden oder auch in die Arbeitslosigkeit führen, wenn er nicht zustandekam.

Auch ideologisch ist die 1964er-Generation anders geprägt. Es wurde demonstriert, aber das war kein all-umfassender Schlag gegen die Facetten des Kapitalismus oder gegen einen Vietnam-Krieg, in dem USA immer brutaler gegen einen Zwerg auf dem Weltglobus ihren Krieg führten. Die verknöcherte Gesellschaft, die ein Rudi Dutschke angeprangert hatte, hatte sich teilweise aufgelöst, weil mehr und mehr Nazis, die sich in Führungspositionen wieder fanden, verstorben waren oder in die Altersdemenz gewandert waren.

Der Protest war punktuell. So anläßlich des NATO-Doppelbeschlusses 1982, als speziell auf den Wiesen des Bonner Hofgartens Hunderttausende demonstrierten. In der 1980er-Jahren kam eine neue Bewegung dazu, das war die Umweltbewegung, die neue Felder der Demonstration besetzte. Sie nahm die Gedanken des Club of Rome auf, dass Wirtschaftswachstum an Grenzen stieß und ein Übermaß an Umweltzerstörung hinterließ. Die 1964er-Generation rebellierte gegen saurer Regen, Plastikmüll, Dioxinskandal, Startbahn West und vor allem Kernenergie, und sie schaffte es, die Planung von Atomkraftwerken in Wyhl, Kalkar, Wackersdorf oder Mülheim-Kärlich zu stoppen.

Die 1964er-Generation hat Zeichen gesetzt. Mit der 68er-Bewegung verbinde ich noch Revolution, weil all die Machtgebilde, die uns über die Politik oder die Wirtschaft vor die Nase gesetzt werden, umgestürzt werden sollten. Mit der Aufbruchstimmung der 68er-Bewegung verband ich vor allem sehr viel Freiheit.

Die 1964er-Generation ist mit Raumschiffe Enterprise und Bonanza aufgewachsen, mit Captain Kirk und Little Joe. Diese Helden lebten auch ihre Freiheit, aber sie stellten die Rahmenbedingungen unserer Gesellschaft weniger in Frage. Sie fügten sich wieder in enge, heimische Strukturen hinein. Sie waren Abenteurer im Weltall oder auf der Ponderosa Ranch. Sie bereisten die Welt, um ein globales Denken zu erlernen.

Sie waren pragmatisch, ein Stück zurückfallend, wie Konrad Adenauer es war, der die Machtverhältnisse in der Wirklichkeit akzeptiert hatte. Das war Anpassung in kleinen Schritten, aber keine Revolution. Mit den Veränderungen hat so mancher bei sich selbst angefangen. Die 1964er-Generation geht sensibler mit der Umwelt um. Sie leben vor und zielen auf das Verhalten ihrer Mitmenschen, um die Welt in kleinen Schritten zu verändern. Auf ihre Art und Weise haben diejenigen, die in diesem Jahr ihren 50. Geburtstag feiern, ihre Größe. Karl Marx, Che Guevara oder Fidel Castro werden sie weniger verinnerlicht haben.

Der Zyklus von Gruppenführungen und 50. Geburtstagen wird sich im Sommer fortsetzen. Dann habe ich eine Gruppenführung durch Maastricht/Niederlande organisiert. Die Häufigkeit von 50. Geburtstagen dürfte jedenfalls so hoch wie nie sein. Denn der Jahrgang 1964 ist als Baby-Boomer der geburtenstärkste Jahrgang in der Geschichte der Bundesrepublik.

Herzlichen Glückwunsch an all die 50-jährigen Geburtstagskinder in diesem Jahr !

Freitag, 11. April 2014

Chemie-Unfall

Die gute Nachricht vorweg: es ist glimpflich ausgegangen.

Chemie ist mir suspekt, solange ich sie kenne. Nicht in der Schule, denn ich hatte Chemie sogar als Abiturfach, und all die Experimente mit Knalleffekten und viel Rauch brachten eine Abwechslung in den Unterricht, so dass sie andere Schulfächer gelangweilt aussehen ließen.

Die Skepsis kam, als ich nach Köln gezogen war. Ich erkundete nicht nur die pulsierende Domstadt, sondern auch, wie es drum herum aussah. Das war nicht immer hübsch, denn ich erfuhr, dass linksrheinisch ein Industriegürtel wie ein Halbkreis die Millionenstadt einschnürte, so dass die grüne Lunge von Köln eher in der Parkanlagen des Militärrings zu finden war als außerhalb. Und dieser Industriegürtel steckte auch voller Chemie.

Zuerst stieß ich auf die Bayer-Werke in Dormagen. Eigentlich wollte ich das kleine Städtchen Zons mit seiner Stadtmauer kennen lernen, das liegt auf der linken Rheinseite auf halber Strecke zwischen Köln und Düsseldorf. Ich fuhr mit dem Finger über die Landkarte, wählte die B9 von Köln nach Düsseldorf, um gemächlich und in Ruhe mit dem Auto zu fahren.

Doch dann, hinter der Stadtgrenze von Köln, marschierten die Bayer-Werke auf, als künstliche Welt aus lauter Kesseln, Rohren, Dampf, Abgasen und Schornsteinen. Die geballte Ladung von Chemie schlug wie ein Hammer auf meine Gefühlswelt ein. Eisenbahngleise schlängelten sich durch das Gelände. Waggons warteten darauf, dass etwas mit ihnen geschah. Doch was geschah, war unsichtbar, versteckte sich hinter Bandwurmformeln, hatte eine Geheimsprache, die sich so abschottete wie Ärzte mit lateinischen Fachbegriffen,  und die Produktion spielte sich in all den Kesseln und Rohren ab. Ein unsichtbares Geheimnis wanderte durch ein undurchschaubares System von Kesseln, bis es zum Schluß in den Kessel eines Eisenbahnwaggons oder eines LKWs wanderte. Und in umgekehrter Reihenfolge fuhren massenweise LKWs mit Kesseln durch die Werkstore. Die Bayer-Werke in Dormagen waren ein Schock. Jahre später kam ich an den Bayer-Werken in Leverkusen vorbei, wieder später an den Chemiefabriken in Köln-Merkenich, Köln-Godorf und Wesseling.

Die Chemie-Katastrophe von Seveso im Rücken, die 1976 geschah, wähnte ich mich auf einem Pulverfaß, als wir 1988 in diese Gegend zogen, Luftlinie zehn Kilometer von Wesseling entfernt. Sollte uns eine Chemie-Katastrophe um die Ohren fliegen, hätte ein strammer Westwind eine Giftwolke geradewegs auf uns zugeweht. Skeptisch schaute ich nach Westen, ob an den rauchenden Schornsteinen in der Ferne nichts ungewöhnlich war. Mit unserem Wohnort war ich gezwungen, mich mit der Chemie zu arrangieren. Wie normal dies war, verblüffte mich. Meine Skepsis wich einer Sicherheit, dass die Schornsteine vor sich her rauchten, friedlich, ohne dass es nur einen Anschein haben könnte, dass etwas schlimmes passieren könnte. Bis zum letzten Montag. Das dauerte immerhin 26 Jahre, bis die Dinge aus dem Ruder liefen.

Sämtliche chemischen Anlagen werden in bestimmten Zyklen gewartet, darunter auch Rohrleitungen. Während der Wartungsarbeiten wurde ein Rohr beschädigt, das zur Elektrolyse führte, so dass Chlorgas entwich. Chlorgas schädigt die Atemwege und kann in hohen Konzentrationen tödlich sein. In Ersten Weltkrieg wurde Chlorgas als chemischer Kampfstoff eingesetzt. Die Vorgaben des Katstrophenschutzes zwingen die Verantwortlichen dazu, in einem solchen Fall Katastrophen-Alarm auszulösen.

Mich ereilte die Nachricht, als ich gegen 21 Uhr vom Einkaufen aus dem Supermarkt zurückkehrte. Türen und Fenster schließen, war meine Frau über What’s App gewarnt worden. Ob ich etwas in der Luft gerochen hätte. Ob ich die Sirene gehört hätte. Ich verneinte beides. Alles kam mir so normal vor wie an jedem anderen x-beliebigen Tag. Meinen Laptop hochzufahren, um mich über Details zu informieren, hätte ich mir sparen können, denn gleichzeitig kam die Entwarnung. Das Leck im Rohr sei abgedichtet worden und die Konzentration von Chlorgas in der Luft sei unkritisch. Zu keinem Zeitpunkt habe Gefahr für die Bevölkerung bestanden.

Es war also glimpflich ausgegangen. Die nächsten Jahre und Jahrzehnte wird sich meine Einstellung nicht ändern, dass Werksfeuerwehr und Katastrophenschutz in unseren Chemiefabriken ihren Job machen. Rohrleitungen und Kessel rosten mit zunehmendem Alter vor sich hin, und mit deutscher Gründlichkeit und peinlich genau achten die Verantwortlichen darauf, dass Schadstoffe und Giftcocktails unsere Gesundheit nicht gefährden.

Dennoch habe ich herumgeblättert, welche Unfälle sich in den letzten Jahrzehnten um uns herum in Chemiefabriken ereignet haben.
  •      1968 kommt es im DDR-Chemiekombinat Bitterfeld beim Entweichen von Vinylchlorid zu einer Explosion, bei der 42 Arbeiter sterben
  •       1974 brennt es in der Chemiefabrik Flixborough in England; der Brand erfaßt eine Rohrleitung mit Cyclohexan, die mit einer Wucht von 45 Tonnen TNT explodiert; neben den 28 Toten wird auch ein Teil der umstehenden Gebäude beschädigt
  •       1976 breitete sich eine Giftwolke von Dioxin, die aus einem Ventil in der italienischen Chemiefabrik in Seveso entweicht, auf einem 6 Quadratkilometer und dicht besiedelten Gebiet aus; die Bevölkerung wurde erst acht Tage später über den Chemie-Unfall informiert
  •       2001 explodieren auf der Deponie einer Düngemittelfabrik in Toulouse in Frankreich 100 Tonnen Ammoniumnitrat; auch hier wird neben den 31 Toten ein Teil der umliegenden Gebäude beschädigt
  •       2002 explodiert wegen eines undichten Ventils in einer Firma für technische Gase in Ludwigsburg ein Sauerstofftank; ein Arbeiter wird getötet
  •       2012 bricht in Marl auf einem Chemiegelände mit 100 Produktionsanlagen ein Großbrand aus; zwei Arbeiter werden getötet
  •       2013 reinigen die beiden Fahrer den Tank ihres LKWs in Moers, als Dibutylphthalat in den Tankraum eindringt; die beiden Fahrer sterben an Vergiftung

Ich glaube, eine gewisse Lernkurve aus der Anzahl der Toten auf der Zeitschiene heraus zu lesen. Die Verantwortlichen sind sensibilisiert, die Sicherheitskonzepte greifen. Speziell in Deutschland fehlen glücklicherweise diejenigen Fälle, dass bei Chemie-Unfällen die Bevölkerung Schaden genommen hat. Wenn eine Giftwolke aus einem Chemiewerk entweicht, dann kommen alle glimpflich davon, weitestgehend.

Die Chemie bleibt aber ein Pulverfaß. Mit dem Outsourcing globalisieren sich die Katastrophen. Die großen Chemie-Katastrophen ereignen sich nicht mehr vor unserer Haustüre, sondern auf dem restlichen Globus. So explodierte 2005 in Jilin in China  eine Ölraffinierie. Außer dass fünf Arbeiter starben, flossen 100 Tonnen Benzol und Nitrobenzol in den Songhua-Fluss. Mehrere Millionen Menschen konnten bis auf weiteres nicht mehr mit Trinkwasser versorgt werden.

Die gute Nachricht für uns in Deutschland ist: solche Umweltkatastrophen in einem solchen Ausmaß wie in China sind bei uns eher unwahrscheinlich. 

Montag, 10. Februar 2014

die Macht der Dummheit

Wenn sich die Menschenmenge in der Fußgängerzone an mir vorbei schiebt, wenn ich in die netten, hübschen und lächelnden Gesichter hinein blicke, und wenn ich schaue, was unsere Mitmenschen so antreibt, dann frage ich mich: sind die noch richtig bei Verstand ? Acht Millionen Fernsehzuschauer haben den Einschaltknopf an ihrem Fernseher gefunden – oder sie haben es nicht gewagt, die Glotze auszuschalten - , als die letzte Staffel des Dschungelcamps lief. Wenn ich dann die jüngere Altersgruppe – das sind die 14- bis 49-jährigen - herausfiltere und weiß, dass mehr als 50 Prozent diese Ekel-Sendung gesehen haben, dann stelle ich mir die Frage: leidet unsere Bevölkerung an einer kollektiven Verblödung ?

Die Macht der Dummheit, unter dieser Überschrift hatte der französische Philosoph André Glucksmann 1985 das Wesen der Dummheit untersucht. Den Grundsätzen der Aufklärung zum Trotz – beispielsweise Kant: „habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen !“ – breitet sich die Dummheit wie eine Seuche aus. Dummheit ist subtil. Nicht nur das Dschungelcamp, auch anderer Reality-Schrott wie „Das Super-Talent“, „Germany’s Next Top Model“ oder „Bauer sucht Frau“ bahnen der Dummheit ihren Weg. „Dummheit besitzt Glanz, sie hat Phantasie, ihre Macht ist trügerisch, aber auch aktiv; und sie vermag Illusionen zu erwecken und das Dasein auf ihre Weise in Szene zu setzen … „ dies stellte André Glucksmann fest.

Wie schön, dass Blogger-Netzwerke funktionieren. Weil Tinny Mey neugierig war und weil Nova recherchiert hatte, wissen wir, wieviel Gage die Kandidaten des Dschungelcamps bekommen haben. Ich war sprachlos, dass Michael Wendler, den vorher schätzungsweise kaum jemand gekannt hatte, 125.000 € vertraglich vereinbart hatte.

Ich war sprachlos, zumal ich anderweitig gegoogled hatte, dass Til Schweiger als Tatort-Kommissar eine Gage von 100.000 € zustand. Wolfgang Stumph („Stubbe“) hatte zuletzt in einem Radio-Talk gesagt, dass er früher einen Werbespot für 75.000 € abgelehnt hatte, was der Gage für ein paar Filme entsprochen hätte. Wolfgang Stumph rangiert somit deutlich unterhalb der 100.000 €-Grenze.

Verkehrte Welt ? Das Schrott-Format ist billiges Fernsehen, es kann schnell produziert werden, angereichert mit Schlüssellochgeschichten und Intimitäten. Der Erfolg ist mathematisch berechenbar und funktioniert nach der Logik „Gewinn gleich Werbeeinnahmen mal Einschaltquote minus Produktionskosten“. Eigentlich kann ich nicht mitreden, weil das Dschungelcamp so unterhalb meines eigenen Niveaus liegt, dass ich es niemals einschalten werde. Die Form des Ekel-TV ist neu. Das geht gegen die Menschenwürde. In 40.000 Kakerlaken einzutauchen, übersteigt unser aller Vorstellungsvermögen. Es ist irrational, wieso rund 8 Millionen Zuschauer den Einschaltknopf gefunden haben. „Die Menschen bemerken, dass sie gegen ihre eigenen Intentionen handeln, und zwar mit einer Selbstgefälligkeit, die sie zu glücklichen Trotteln machen …“ dies merkte André Glucksmann an, ohne dass es 1985 bereits ein Dschungelcamp gegeben hätte.

Der Vergleich von Til Schweiger und Wolfgang Stumph zu Michael Wendler ist absurd. Die einen verkörpern eine schauspielerische Leistung mit tollen Charakterdarstellungen, der andere sozusagen Nichts und Leere, dessen innere Energie deckungsgleich mit der Gage sein dürfte. In solch einem TV-System des Reality-Schrotts werden wir als Zuschauer geradezu dazu erzogen, qualitativ gutes Fernsehen mit der Lupe suchen zu müssen, während wir nach der Quoten-Logik mit Schrott-TV überschwemmt werden. „Dummheit breitet sich aus, anonym, beständig, dominant. Sie behauptet sich kraft ihrer eigenen Mittel, setzt beharrlich den Weg ihrer Logik fort, funktioniert unwillkürlich wie die Ursache ihrer selbst“, so hat André Glucksmann die Wirkungsbeziehungen beschrieben.

Nicht uninteressant ist der untere Rand der Gehaltsskala. Das sind immerhin noch 15.000 € bei Julian Stöckel, den als Designer oder Schauspieler sowieso vor dem Dschungelcamp niemand gekannt hat. Mit solchen Reality-Shows hat sich der neue Typ eines C-Promis etabliert. Auch hier haben sich die Beschäftigungsverhältnisse umgekehrt. Sie schauspielern, singen, modeln; aber in Filmen, in der Hitparade oder auf Laufstegen wird man sie nicht finden, weil sie das Format dazu nicht haben. Anstatt dessen hangeln sie sich von Gelegenheits-Auftritt zu Gelegenheits-Auftritt. Jenny Elvers hatte als C-Promi angefangen, sich dank der Boulevardpresse zum B-Promi hoch gearbeitet, bis sie abstürzte. Die C-Promis bereichern dann das „Perfekte Promi-Dinner“ bei VOX, sie nehmen an Quiz-Shows teil oder sind Star-Gast bei der Eröffnung von Discotheken. Mit solchen Gagen hangeln sie sich gut durchs Leben.

Verkehrte Welt ? Auch hier fällt der Vergleich mit der Seriösität vernichtend aus. Wer eine Schauspielschule besucht hat und auf städtischen Bühnen Dramen von Goethe, Schiller, Brecht, Lessing oder Büchner spielt, der dümpelt dank der chronisch leeren öffentlichen Kassen zwischen 2.000 € und 4.000 € brutto im Monat. Goethe und Schiller setzen ein intellektuelles Niveau der Zuschauer voraus, sie vermitteln Botschaften und zwingen den Zuschauer zum Nachdenken.

Doch dieses Niveau des Geistes vermag kaum noch unsere Köpfe zu durchdringen. Der Geist baut sich indes ab in der Trivialität von Gesprächsinhalten und der Gier nach Sensationen. „Idiotie ist eine feste Wahnvorstellung, unzählige Tagesdummheiten als Episoden aneinander zu reihen … „ so urteilte André Glucksmann. Er setzte noch hinzu: „Was gibt es komischeres als einen zum chronischen Hampelmann degradierten Menschen ?“

Ich ringe nach Erklärung der Unmöglichkeit, dass sich 8 Millionen Zuschauer das Dschungelcamp angetan haben. Zynismus und Pessimismus eines André Glucksmann erheben ihre Faust und treten der Macht der Dummheit entgegen. Die Menschen sind nicht weit davon entfernt, ihren eigenen Verstand zu entsorgen.

Montag, 27. Januar 2014

Paragraphen

Piet Klokke, der Kabarettist, antwortete in einem Radio-Talk auf die Frage, welches die größte Leistung seines Lebens gewesen sei: die amerikanische Unabhängigkeitserklärung von 1776 vollständig rezitieren zu können. Das war in seiner Abiturprüfung, in der das Fach Geschichte sein absoluter Schwachpunkt war. Er hatte auf Lücke gelernt, und er hatte Glück, dass das Gelernte zum Abiturthema wurde. Er bestand mit Bravour. Was für Piet Klokke die amerikanische Unabhängigkeitserklärung, das waren in meinem Studium die Rechtswissenschaften. Zwei Leistungsscheine musste ich im Grundstudium schaffen, und seitdem es Paragraphen gibt, stehe ich mit ihnen auf Kriegsfuß. Nicht mit Bravour, sondern mit Ach und Krach (und wahrscheinlich jede Menge Glück) bestand ich. Zweimal 4,0 ließen mich in einen Himmel höchster Gefühle schweben.

Bis heute ist mir diese juristische Denkweise verquer. Mein Verstand sperrt sich dagegen, in Gesetzen und Paragraphen herum zu suchen, was wie wo für welche Sachverhalte geregelt ist. Ich betrachte Gesetzesvorschriften als künstlich aufgeblähte Konstrukte, in wirrem und kompliziertem Deutsch, gekünstelte Wortblasen, wie niemand auf der Straße redet. Bandwurmsätze wollen nicht enden, Verweise auf andere Paragraphen führen einen in die Irre.

Wieso ich mich mit Recht und Gesetz befasse ? Meinem Interesse zuwiderlaufend, habe ich eine gewisse Dominanz von Prozessen und Gerichtsentscheidungen in unserer Tagespresse festgestellt. Bundesweit beschäftigt unser Justizapparat rund 150.000 Menschen, das ist nicht wenig. Dass Menschen ihre Streitereien und Zankereien vor Gericht austragen müssen, dadurch erhält ein Heer von Rechtsanwälten ihre Existenzberechtigung.

Zuletzt haben mich drei Gerichtsverfahren in unserer Tageszeitung ins Grübeln gebracht:

Fall 1:
Ein Ehepaar hatte ihre Nachbarn auf Unterlassung verklagt, weil deren behinderte Tochter zu viel Lärm machte. Eine Stunde lang morgens und vier Stunden abends, brüllte sie, schlug, schimpfte, fluchte, bevor bzw. nachdem sie in der Behindertenwerkstatt gewesen war.


Fall 2:
Anwohner hatten gegen einen geplanten Bahntrassenradweg geklagt, weil sie feuchte Keller befürchteten (Asphaltweg liegt höher als die Keller) sowie ihre Intimsphäre bedroht sahen (Radler können in Gärten hinein sehen).


Fall 3:
Bei der Eröffnung einer Sportsbar kam es zu einem Gerangel unter Fotografen. So als ob Paparazzis dem britischen Königspaar hinter her jagen würden, wollten Fotografen den besten Platz erhaschen. In diesem Gerangele verpasste ein Fotograf einem anderen einen Faustschlag. Vor Gericht wollte der geschlagene Fotograf Schadensersatzansprüche wegen Körperverletzung geltend machen.

Ich habe den virtuellen Ausflug in die Gerichtskanzleien gewagt. Im Internet habe ich in den Themen gestöbert, für was sich Menschen, die voll bei Verstand sind, vor Gericht herum streiten und herum zanken. Ich bin amüsiert und entsetzt zugleich. Den Alltag von Richtern und Rechtspflegern stelle ich mir jedenfalls nicht langweilig vor.

Es findet sich manches Kurioses unter den Gerichtsurteilen. „Wer in Afrika mit einer Banane herum läuft, dem kann es passieren, dass er von einem Affen gebissen wird“  so urteilte das Amtsgericht Köln zu einem Urlaub in Kenia. Ein Urlauber hatte eine Banane aus dem Frühstücksraum mitgenommen, um sie tagsüber zu verzehren. Auf dem Weg zum Hotelzimmer tauchte ein Affe auf, krallte sich die Banane und biß dem Urlauber in den Finger, weil er die Banane nicht hergeben wollte. Es ist nicht unüblich, dass in Afrika Affen frei herum laufen, mit dieser Begründung wies das Amtsgericht die Klage auf Schmerzensgeld gegen den Reiseveranstalter ab.

„Straßenfeste müssen nicht zwingend von Sicherheitsdiensten überwacht werden“, das befand das Amtsgericht Oldenburg. Als beim „Störtebecker Straßenfest“ eine Rock’n’Roll-Band spielte, stellte ein besoffener Gast zwei Biergläser auf die Lautsprecher. Als ein Mitglied der Band ihn aufforderte, die beiden Biergläser dort wegzustellen, schmiss der Gast ihm die beiden Biergläser ins Gesicht. Der Musiker wollte Schmerzensgeld gegen den Veranstalter des Straßenfestes geltend machen (und nicht gegen den Gast). Der Veranstalter muss weder für eine massive Polizeipräsenz sorgen, noch Sicherheitsdienste engagieren, das sagte das Gericht, so dass der Gast für den Schaden blechen muss und nicht der Veranstalter.

Das Amtsgericht Bonn hatte die Ehre, sich mit Katzen beschäftigen zu dürfen. Im Kleingedruckten des Mietvertrages stand, dass Haustiere mit Zustimmung des Vermieters gehalten werden dürfen. Mieterin und Vermieter redeten aber nie miteinander, bis der Vermieter nach anderthalb Jahren erstmalig in der Wohnung Mieterin samt Katze erblickte. Er bestand auf Beseitigung der Katze. Doch der Richter hatte ein Einsehen mit der Welt der Vierbeiner und die Katze durfte bleiben, weil der Vermieter sie anderthalb Jahre geduldet hatte.

Sogar der Kölner Karneval war Gegenstand von Gerichtsstreitigkeiten. Einem Besucher des Rosenmontagszuges wurde ein Schokoriegel ins Gesicht geworfen, worauf er Schmerzensgeld forderte. Der Kläger muss ein extremer Ignorant gewesen sein, denn das Amtsgericht Köln bügelte ihn schnell ab, dass das Werfen von Süßigkeiten beim Rosenmontagszug üblich, erwartbar und eine Jahrhunderte alte Tradition ist. Im Sinne des Bürgerlichen Gesetzbuches stellen Kamelle keine Gefahrenquelle dar.

Recht und Gesetz sind ungefähr so alt wie die Menschheit selbst. Schon das römische Recht regelte Eigentum, Besitz und Bürgerrechte. Wesentlich später, nach der französischen Revolution, kamen im wesentlichen Freiheits- und Grundrechte dazu. Damit betrunkene Autofahrer bestraft werden, damit wir nicht alle gleichzeitig bei Rot über die Ampel fahren, damit uns Verkäufer nicht irgendwelchen Schrott andrehen, dazu brauchen wir Recht und Gesetz. Viele Streitigkeiten, die vor Gericht ausgetragen werden, haben im Kern sicherlich ihre Berechtigung.

Doch in einigen Fällen, die ich oben beschrieben habe, reagieren Menschen gereizt, als wolle man ihnen Böses. „Kniesbüggel“, so beschreibt man diesen Menschentyp auf Kölsch, der stets schlecht gelaunt ist. In einer Abwehrhaltung will er seine Umwelt von sich wegschieben, er ist leicht gekränkt und eingeschnappt.

Der Gang zum Rechtsanwalt ist dann gleichzeitig ein Gang zum Psychologen. Rechtsanwälte nehmen dann die Kommunikation auf, zu der ihr Klient nicht fähig ist. Das ist bequem, wobei der Streit auf die rein formale Ebene von Paragraphen gehoben wird. Rechtsanwälte können sich dann in diesen aufgeblähten Konstrukten von Gesetzen und Gerichtsentscheidungen bewegen, die kein normal Sterblicher versteht. Dahinter kann sich solch ein „Kniesbüggel“ verstecken. Er wird sogar aufgewertet, weil er sich solch einen Experten für diese höherwertige juristische Materie leisten kann.

Bisweilen wird er zusammenschrumpfen wie ein Uli Hoeness bei seiner Steuerhinterziehungs-Affäre. Er wird jegliche Kommunikation einstellen, er wird aufhören zu reden. Sofern er zurück schlägt, überläßt er das seinen Anwälten. Sofern diese Menschen eine Machtposition innehaben, sind das wahrlich unangenehme Zeitgenossen.

Samstag, 23. November 2013

what's app


Ich lebe hinter dem Mond. Auf meinem Smartphone kriege ich es gerade auf die Reihe, zu telefonieren, im Internet zu surfen oder meinen E-Mail-Eingang zu sichten. Wenn ich eine SMS schreibe, zappeln meine Finger dermaßen nervös über die Tasten, dass ich mit Ach und Krach eine halbwegs richtige Nachricht abgesendet bekomme.

What’s app für meine Göttergattin zu installieren, wurde zur Herausforderung.  Als ich auf der Internetseite den grünen Button „installieren“ betätigte, weigerte sich das grüne Feld beharrlich, so etwas wie eine Installation zu starten. Mir fiel ein, dass wohl als erstes ein Google-Konto eröffnet werden musste. Sieben oder acht Installationsschritte waren zu bewältigen. An den Nerven zehrten die Geschäftsbedingungen und Datenschutzbestimmungen, deren Länge mich erschlug. Falsch gesetzte Haken drohten die Installation fehlschlagen zu lassen. All die Fehlermeldungen und Installationsschritte, die einfach stoppten, brachten mich zur Verzweiflung, bis ich es dann doch geschafft hatte.

Ich lebe trotzdem hinter dem Mond, die besten Apps nicht zu kennen. What’s app war in unseren spärlichen Frühstücksrunden bei der Arbeit ein heißes Thema. Jung und dynamisch nutzt what’s app, während alt und vergreist ohne what’s app gut im Alltag klar kommt. 

„Mich dürft ihr nicht fragen, ich habe keine Ahnung … „ registrierte ich zufrieden, als sich ein gleichaltriger Arbeitskollege outete. Er kannte what’s app bestens, denn seine Göttergattin tobte sich endlos während des abendlichen Fernsehprogramms darauf aus. Bisweilen grenzte dies an Unverfrorenheit, denn die Gespräche zwischen den beiden versickerten zwischen Smartphone, what’s app und Gesprächsfetzen, die von dem Tippen auf der Tastatur des Smartphones auseinander gerissen wurden. Schließlich verkroch er sich in einen Nebenraum, weil ihn die zerstückelten Dialoge nervten.

Es gibt keinen Zweifel, dass what’s app auch unser Leben verändert hat, aber auf sehr moderatem Niveau. What’s app kann sogar lustig sein. Videos wandern über what’s app hin und her. Wir beide lachen uns krumm und schief, wenn etwa eine Entführungsszene im Flugzeug ins Lächerliche gezogen wird und wenn Komisches über what’s app verbreitet wird.

Mit what’s app hat ein neues Wettrüsten der Mobilfunkkommunikation eingesetzt. Menschen werden in Gruppen aufgenommen, die Gruppen wachsen auf über zehn Personen an. Hin und Her vervielfacht sich in der Gruppe die Kommunikation. Es wird auf die Absendetaste gedrückt, was das Zeug hält. Einer meiner Arbeitskollegen gehört zu zehn what’s-app-Gruppen, bei denen innerhalb von zwei Stunden an die einhundert SMSn eingehen können. Schlimmer noch: es entsteht eine Gruppendynamik, dass von ihm innerhalb eines bestimmten Zeithorizonts eine Antwort erwartet wird. Willenlos ist er also seinem Smartphone und what’s app ausgeliefert.

So schlimm geht es bei uns zu Hause nicht zu. Ich hatte aber Gelegenheit mitzuerleben, wie dünn die Gesprächsinhalte auf what’s app sein können.

Beispielhaft und fiktiv habe ich bei uns zu Hause folgendes aufgeschnappt:

„Hat jemand aufgepasst, wie die Aufgabenstellung ist ?“
„Nööö … so richtig weiß ich das nicht.“
„Wir sollen mit allgemeinen Grundsätzen beginnen und mit Einzelbeispielen aufhören.“
„Ich habe das genau umgekehrt verstanden.“
„Wie bitte ?“
„Müssen wir überhaupt etwas machen ?“
„Kann mich mal jemand aufklären, über was ihr da redet ?“
„“Nööö … ich habe keine Ahnung.“
„Die Diskussion ist mir einfach zu blöd.“
„Ich bin dann mal weg.“
„Tschüss.“
„ Schönen Abend.“

Ein anderer Arbeitskollege klagt darüber, wie kurz die Kommunikation sein kann. „Hmmm“ … „Hey“ … oder „Hallo“ lauten gewisse Standardsilben, die kaum ein höheres Niveau erreichen. Er habe lernen müssen zu filtern, die Luftblasen der Mobilfunkkommunikation auszublenden, das wesentliche zu extrahieren.

Zu Hause habe ich festgestellt, dass sich what’s app und Bloggen sogar ergänzen können. Positiv gedacht, kehren in what’s app die Kommunikationsstrukturen wieder, der werthaltige Input kann sich vergrößern. Beim Bloggen habe ich prinzipiell dasselbe Problem, aus der Flut von Blogs das Lesenswerte heraus zu filtern, wichtiges von unwichtigem zu trennen und Luftblasen oder reine Selbstdarstellungen zu überlesen. What’s app oder Blogs sehe ich immer noch als Chance.

Man muss lernfähig sein, mit den modernen Formen der Mobilfunkkommunikation umgehen zu können.

Donnerstag, 31. Oktober 2013

SUVs

Quelle: Wikipedia
Die deutsche Sprache hat dieses englisch-sprachige Wort durcheinander gewirbelt. „Ess-Juh-Viii“ wäre die korrekte Aussprache, in Lautschrift [ ɛsjuːˈviː ]. Das steht für „sport utility vehicle“, was so viel wie sportlicher Geländewagen bedeutet. Ist das Wort aber Neutrum oder maskulin ? Heißt es „der“ SUV – wenn ein Geländewagen gemeint ist ? Oder „das“ SUV - wenn die Oberkategorie des Automobils gemeint ist ?

Egal. Weithin gelten SUVs als Angeber-Autos, als Sinnbild für die Dekadenz unserer Gesellschaft. Und dennoch erfreuen sie sich wachsender Beliebtheit. Dieses PKW-Segment hat Wachstumsraten von 17% pro Jahr, von denen die Automobilbauer anderswo nur träumen können. So strebt Audi zum Beispiel an, dass bis zum Jahr 2020 der Anteil der verkauften SUVs an allen PKWs 30% erreichen soll.

Bei seinem Auftritt in der Kölner Lanxess-Arena waren SUVs ein dankbares Thema für den Komiker Michael Mittermeier. Seine Grundsatzfrage war: Braucht man wirklich einen Geländewagen ? Seine Antwort: „Du brauchst mindestens einen Audi Q7, da der Eingangsbereich bei EDEKA zu unübersichtlich ist. Dann spürst Du beim Einparken nicht, wo Du drüber fährst. Ist da was ? Ein Eichhörnchen ? Hat jemand die Oma gesehen ? Wartet mal, wenn das Thema Sicherheit richtig entdeckt wird. Wenn der halbe Supermarkt mit Geländewagen voll geparkt ist, dann gibt es nur noch eine Wahl: ein Leopard2-Panzer. Ich habe im Katalog von Krauss-Maffei herum geblättert…“

Die Steigerungsform des Panzers hatte ins Schwarze getroffen. Die Häufigkeit, mit einem Panzer im Supermarkt einzukaufen, weicht nur minimal von der Häufigkeit ab, über ein Gelände zu fahren, für das die Fahrtechnik von SUVs ursprünglich konzipiert war. Wann fährt man denn einen SUV durch unwegsames Gelände ? Über kniehohe Baumwurzeln auf Waldwegen ? Durch tiefen Matsch ? Über Dünen ? Oder durch die Wüste ? Die Situationen gehen freilich gegen Null.
Quelle: Wikipedia

Es ist irrational, was SUV-Autofahrer antreibt. Das abgedrehte Snob-Image läßt sich bei manchen nicht verleugnen. Wer SUV fährt, gibt an, hat zu viel Geld auf der hohen Kante liegen, verhält sich wie ein Rambo im Straßenverkehr und schadet mit zu hohem Spritverbrauch der Umwelt.

Die Debatte ist in Internet-Foren längst entbrannt. So knüpft DOUNIAMOON auf www.faz.de mit der Überschrift „Hausfrauenautos“ nahtlos an Michael Mittermeier an. „Das sind die berühmten Eppendorfer Mummies, die kaum über den unteren Windschutzscheibenrand gucken können und die ihre Kinder mit dem Riesengefährt im 800 Meter entfernten Kindergarten fahren. Und weil sie grundsätzlich trotz Kameraführung und Signale Riesenprobleme haben, flott in mögliche Parkplätze einzuparken, stehen sie in zweiter Reihe.“

Meine Vermutung, dass nicht nur hoch bezahlte Manager solche Geländekisten fahren , stimmt nicht ganz. So gibt es zum Beispiel den Renault Koleos unter 30.000 € zu kaufen, während ein VW Tuareg nicht unter 50.000 € zu haben ist. Der Preis für einen Porsche Cayenne beginnt bei 60.000 €, ein Audi Q7 bei 83.000 €. Es wird sich nicht leugnen lassen, dass die Käufer zum Teil Top-Manager, Filmstars, Firmeninhaber, Fußball-Bundesliga-Spieler, Investment-Banker oder andere Top-Verdiener sind.

Die Käufer brauchen einen Fimmel, einen Hang zur technischen Faszination. Der SUV ist kein praktisches Auto, mit dem man von Ort A nach Ort B fährt, sondern alleine seine Erscheinung vor dem eigenen Haus sorgt für Aufsehen. Zu der Kaufentscheidung schreibt MEIER LANSKY auf www.derstandard.at:

„Die Diskussion, warum jemand einen SUV braucht oder nicht, ist unnötig wie ein Kropf. 
Man "braucht" keinen SUV, man "will" einen. 
Man "braucht" keinen Sportwagen, man "will" einen. 
Man "braucht" keinen Hund, man "will" einen. „

Auch (°) (°) steht auf demselben Forum zu seinen Irrationalismen: „Wie bei SUV gibt es kein vernünftiges Argument für grosse Brüste, trotzdem wollen viele welche in den Händen halten. 80% unserer Zivilisation findet ohne "vernünftige Argumente" statt. „

Ich fühle mich bestätigt, dass SUVs ein Sinnbild unserer dekadenten Gesellschaft sind. In dem Bestseller von Jörg Schindler sind SUVs ein Indiz unserer Rüpel-Republik, der die üblichen zwischenmenschlichen Umgangsformen abhanden gekommen sind. Unser heiliger Besitz soll bei Aufprallen und Zusammenstößen keinen einzigen Kratzer abbekommen, was bei gepanzerten Limousinen wie SUVs sichergestellt ist. Also Abschottung, Gegeneinander statt Miteinander, Egoismen als Selbsterhaltungstrieb. Auf solch eine Basis lässt sich in der Tat keine Gesellschaft aufbauen.

Quelle: Wikipedia
SUV-Besitzer winken ab. Einkommen haben auch etwas mit Selbstständigkeit und Unternehmertum und Risiko zu tun. Dazu äußert NO COMMENT: „Ich halte die SUV-Diskussion für 100% Neid-basierend. Keiner regt sich über Lieferwagen, hochbauende PKWs, Vans, LKWs auf, die einem die Sicht noch mehr versperren.“ GRETEWEISER setzt auf www.taz.de einen drauf: „Ist doch toll, dass Otto-Normal-Autofahrer die SUVs als Feindbild hat. Wer über andere schimpft, braucht sich nicht mit sich selbst und dem eigenen Verhalten beschäftigen.“

Die Debatte macht krank. Arm gegen Reich, Freiheit gegen Beschränkungen, Individualismus gegen Gemeinschaft. Besessen und Technik verliebt, sind die SUV-Autofahrer von einem Virus des bequemen und sicheren Autofahrens infiziert worden. Und niemand soll sie bitte dabei stören. Jedem das seine. Diese individuelle Freiheit ist sogar in Artikel 2 Bestandteil unseres Grundgesetzes geworden.

Grenzenlose Freiheit. DL8WAA summiert diese Freiheit bei www.faz.net unter der Überschrift "In gewissen Kreisen gehört der sportliche Geländewagen einfach zum hedonistischen Lebensstil". Er selbst blieb lieber mit beiden Füßen auf dem Boden: „Ach wie bin ich froh, dass ich nicht zu den "gewissen Kreisen" gehöre und dass ich erst bei Wikipedia nachschauen musste um zu lernen, was "hedonistisch" bedeutet. Mein Geld investiere ich lieber in bleibende Werte, mache mir und meiner Familie das Leben dadurch viel bunter und tue noch etwas für meine Altersversorgung.“

Das denke ich mir auch.


Sonntag, 28. April 2013

E-Tankstellen

Zuletzt entsetzte mich die Schlagzeile in den Nachrichten, dass in rund sieben Jahren Öl und Gas zur Neige gehen werden. Danach würden Öl- und Gaspreise dramatisch steigen. Dabei wurde das Szenario angenommen, dass das Fracking wegen der Gefahren für das Grundwasser nicht umsetzbar ist - was mir nicht unrealistisch erscheint. Elektroautos sind bei steigenden Ölpreisen durchaus eine Alternative. Mit der Stromproduktion in unserem Land werden wir unabhängig von der Ölförderung in anderen Ländern. Da könnte sogar der gute alte Steinkohlebergbau wieder belebt werden. Noch sind Elektroautos zu teuer und die Batterietechnik ist noch nicht ausgereift. Sofern die Ölpreis kräftig steigt und Elektroautos in die Massenproduktion gehen, könnte sich dies ändern.




Ich war erstaunt, dass die RWE Autostrom ein flächendeckendes Netz für E-Tankstellen anbietet.





Da die Stadtwerke eigenen Strom produzieren, laufen Untersuchungen, wegen der niedrigeren Gestehungskosten Busse auf Elektroantrieb umzurüsten.






Bei meiner eigenen Firma gibt es ebenso ein Projekt, Elektrofahrzeuge in unsere Fahrzeugflotte aufzunehmen.

Samstag, 2. Februar 2013

Mobilfunk

Jede Sekunde ausnutzen. Nichts verpassen. Rund um die Uhr und unterwegs erreichbar sein. Im Netz sein. Nachrichten lesen, Nachrichten empfangen und Nachrichten senden. Es ist schon toll, was die Mobilfunktechnologie kann. 


Allerdings nervt mich in Bus und Bahn der Typ des Informations-Junkies.


Smartphones kann man an jeder Straßenecke kaufen - in Innenstädten fast so häufig wie Brot oder Grundnahrungsmittel.


Es gibt keinen Zweifel: sie sehen todschick aus und sie sind ein Wunderwerk der Technik.


Und die Mobilfunktechnologie schreitet weiter voran: LTE kann Datenmengen von mehreren Einhunderttausend Bytes übertragen.


Die Suche nach der Mobilfunktechnik hat mich auf die Dächer geführt. Des öfteren habe ich sie auf Bürotürmen gefunden.



Antennen und Übertragungstechnik recken sich in die Höhe. 


Auch auf Wohnhäusern sind sie zu finden.


Im Licht der Wolkenfetzen geben sie ein surreales Gebilde ab.



Auf einem Posthof habe ich sogar einen frei zugänglichen Mobilfunk-Mast gefunden.

Samstag, 27. Oktober 2012

Grundschule


Dies ist nicht die Grundschule, die unser kleines Mädchen besucht, sondern diejenige in unserem Nachbarort. Der Schulweg ist ein Stück Vertrautheit. In der Grundschule werden Weichen für das restliche Leben gestellt. Die Klassenlehrerin ist Vertrauensperson und Kümmerer – jedenfalls in unserer Klasse. Man lernt in der Klassengemeinschaft. Es ist eine prägende Phase im Leben eines jeden Menschen. Da ich diese emotionale Ebene betrachte, habe ich zur Grundschule in unserem Ort eher positive Assoziationen. Vor mehreren Wochen war ich aber in der Grundschule unseres Nachbarortes. Die positiven Assoziationen waren mit einem Mal weggeblasen. Die Tristesse überwog. Mir wurde bewusst, wie platt und einfallslos Schularchitektur sein kann.



Die Türen haben nichts Einladendes, sondern sind nur Bestandteil eines funktionalen Gebildes.


Die Funktionalität wird kaum durchbrochen. Bei Schule und Funktionieren denke ich an Pink Floyd „Another Brick in the Wall“: we don’t need no education, we don’t need no thought control …




Dreh- und Angelpunkt ist der Schulhof. Was sollen diese breiten Straßenmarkierungen ? Die Schüler auf den rechten Weg führen ? Mich nerven sie jedenfalls als Betrachter.


Solche Fassaden findet man als Kopie wahrscheinlich an einer Unmasse anderer Grundschulen bzw. Schulen.


Diese Säulen sind ebenfalls einfallslos und langweilig.



Mülleimer und Fußmatten - wieder diese Reduzierung auf das Zweckmäßige, was notwendig ist.


Für ein wenig Auflockerung sorgt dieses Klassenfoto.


Diese Hinweistafel auf das Bildungspaket verbinde ich mit Bürokratie. Die Grundschule bewegt sich auf Augenhöhe mit der Bürokratie, mit deren Ineffizienz und deren verzweifelten Versuchen, die Bedürfnisse ihrer Bürger zu erreichen.

Unser kleines Mädchen ist genug damit beschäftigt, Rechenaufgaben zu lösen, Sätze zu schreiben und ihre Schulbücher zu lesen. Mit Freude ist sie beim Lernen dabei. Das finde ich das wichtigste. Unabhängig davon, wie die Schularchitektur aussieht.