Freitag, 14. September 2012

Jessie


Sie ließen es sich schmecken. Bei Pizza und Pasta trafen sie sich beim Italiener um die Ecke. Alte Klassenkameradinnen, waren sie in der Hauptschule in derselben Klasse gewesen. Sporadisch und spontan hatten sie sich verabredet, und das letzte Treffen im Winter bei knackig-kalter Kälte lag anderthalb Jahre zurück. An dem Zweiertisch am Fenster mit dem kreuzförmigen Rahmen hatten sie es sich gemütlich gemacht. In dem Aquarium vor der Wand blubberte das Wasser. Da sie sich über 30 Jahre kannten, wussten sie bestens über den anderen Bescheid.

„Der Kontrollzwang meines Mannes artet immer mehr aus. Er hat mir verboten, dass ich mich um Angelegenheiten rund ums Haus kümmere. Versicherungen, Strom, Wasser, Pläne vom Haus hat er im Heizungskeller eingeschlossen und den Schlüssel verschwinden lassen. Ich habe den Schlüssel aber gefunden und ihn nachgemacht. “

Die Ehe bestand eigentlich nur noch auf dem Papier. Begonnen hatte alles, als ihr Mann arbeitslos geworden war. Zur Untätigkeit gezwungen, tobte er sich in Haus und Garten aus. Dabei stellte er fest, dass seine Welt nie perfekt genug war. Die Regale hingen nicht haargenau im senkrechten Winkel. Die Tomatenreihen konnten noch optimaler stehen, um ein Stückchen länger von der Sonne beschienen zu werden. Die Wandflächen mussten perfekt eben sein, damit tapeziert werden konnte. Einkaufen, Kochen , Putzen, Waschen, Bügeln, nichts konnte sie ihm Recht machen. Selbst als er wieder Arbeit gefunden hatte, hörten seine Anfälle von Tobsucht nicht auf. Gemecker allenthalben, ständiger Streit um Kleinkram, auf Schritt und Tritt kontrollierte er sie. Nicht mit Fäusten, sondern verbal, mit Worten prügelte er auf sie ein. Sie sei schlampig, faul, inkompetent, eine schlechte Mutter, verschwende das Haushaltsgeld. Schrill und kreischend, redete ihre Stimme dagegen an. Ein Geschrei voller Misstöne, bei dem jeder nur noch verbal auf den anderen eindrosch.

„Wieso hast du diesen Ekel von Mann nicht längst verlassen ?“
„Vielleicht so ein letztes Stück Anne … „

Etwa sieben Jahre lang dauerte nun dieser Zustand des gegenseitigen Belauerns. Soweit es zu schaffen war, gingen sie sich aus dem Weg. Werkbank im Keller, Garten, Bücherecke, Küche, ihr Haus hatte genügend Raum, um ihr Zusammensein auf das allernötigste zu reduzieren. Dieses Geschrei voller Misstöne, das man bis in die Nachbarschaft hörte, war wohl auch Ausdruck ihres Überlebenswillens. Beklemmend, hatten die Streitereien wie eine stinkende, undefinierbare Masse ihre Spuren im Haus hinterlassen. In Schichtarbeit ging sie ihrem Job im Altenheim nach. Engagement und die Lust, anderen Menschen zu helfen, verlagerte sie in ihren Beruf.

In diesem schrecklichen Haus hatte sich jeder mit jedem verkracht. Das ständig gereizte Klima, Streit wegen Nichtigkeiten, all dies hatte sich genauso auf die Kinder übertragen. Pubertierend, begehrten sie auf, protestierten, rebellierten, brüllten ihre Eltern an, gingen notgedrungen in die Schule, schlossen sich in ihr Kinderzimmer ein, um von alledem nichts mitzubekommen. Dabei hatte sich auf diesem Schlachtfeld eine Koalition gebildet: der Vater und die kleine Tochter Anne waren so etwas wie Komplizen, die selbst einander misstrauten, die aber einte, dass sie ihrer Mutter bzw. Gattin  verabscheuten. Als Mutter hatte sie Angst, diese letzte Verbindung zu ihrer kleinen Tochter abzuschneiden.

„Hmm, schmeckt.“
„Meine Lasagne schmeckt auch vorzüglich…. „
Beide wohnten am anderen Ende des Ortes, so dass es geschehen konnte, dass sie sich monatelang im Ortszentrum nicht über den Weg liefen. Beide waren Ende 40, beide hatten einen Mann plus Kinder, die das pubertierende Alter überschritten hatten. In ihrem runden Gesicht hatten sich Falten gebildet, die etwas Geselliges hatten. Ihre roten Wangen leuchteten. Ihr kurz geschnittenes braunes Haar zeigte Andeutungen von Locken.

„Schön groß die Pizza. Lecker. Schmeckt. Der Rand ist schön kross.“
„Eigentlich bin ich gar nicht der Pizza-Fan. Pasta, Nudeln, esse ich lieber. Die Lasagne hier schmeckt besser wie die, die ich zu Hause mache.“

Die Dunkelheit hatte sich herab gesenkt. Während das matte Licht aus dem Lampenschirm unter der Decke nur mühselig herab fiel, brannten weiße, helle Flammen aus den beiden Kerzen.

„Was macht Jessie ?“
Das war ihre große Tochter, die vor einem halben Jahr volljährig geworden war. Ungefähr mit 15 kleidete sie sich nur noch schwarz, grelle Schminke, Lidschatten bis unter die Wimpern, Springerstiefel, sie rauchte, traf sich in der Gothic-Szene, hatte schnell einen Freund, war ständig unterwegs und sagte nie, wo sie war. Aufsässig wie ihre Schwester, passte sich zu Hause nicht an, machte, was sie wollte. Der Lärmpegel ihres Geschreis fügte sich nahtlos in die Streitereien der Eltern ein. Konserativ und an bürgerliches Aussehen gewöhnt, eskalierte der Streit mit dem Vater permanent. Bis sie auszog zu ihrem Freund. Daraufhin schaltete die Mutter das Jugendamt ein. Einweisung in ein Heim für schwer erziehbare Jugendliche, Rückkehr in die Familie, Rausschmiss durch den Vater, eigene Wohnung.

„Wovon lebt Jessie ?“
„Hat wohl Anspruch auf Hartz IV.“
„Hast Du Kontakt zu ihr ?“
„Nur dann, wenn sie Geld braucht. Das ist häufig der Fall. Eigentlich zynisch. Auf diese Art sehen wir uns öfter. Ich muss nur aufpassen, dass mein Mann nichts davon merkt. Er hat mir verboten, ihr Geld zu geben.“
„Schule ?“
„Seit der Oberstufe geht sie nicht mehr ins Gymnasium. Sie hat aber die mittlere Reife, so dass sie auch auf Ausbildungsplatzsuche gehen könnte.“

Was dachte sie ? Dass sie gerne ihre Tochter losgelassen hätte ? – aber nicht auf diese Art und Weise. Dass sie vor einem Scherbenhaufen stand ? Dass die Hoffnung zuletzt stirbt ? Sie starrte zu der Eingangstür des Restaurants, wo Gäste das Lokal verließen und wo die Jacken an der Kleidergarderobe lichter wurden. Sie war gefasst. Wenn es ernst wurde, presste sie die Falten über ihrem Kinn zusammen.

„Was sie treibt, ist ein Stochern im Nebel. Welche Freunde sie hat. Wo sie sich den ganzen Tag herum treibt. Längst habe ich keinen Einfluss mehr. Als ich sie vor drei Wochen gesehen habe, war sie dünn wie ein Strich. Als sie fünfzehn war, hatte sie schon einmal sehr wenig gegessen. Das hatte sich aber gebessert. Nun muss sie selbst mit ihrem Essverhalten klar kommen. Was willst Du machen ?“

Sie hatte aufgegessen, schob ihren Teller beiseite, wischte sich mit der Serviette den Mund ab. Für einen Moment versteinerten sich ihre Gesichtszüge, ihre Lippen bissen sich fest, doch dann wanderte ein Lächeln hinüber. Das langstielige Glas mit der fast schwarzen Farbe des Rotweins zeichnete im Kerzenschein scharfe Linien. Sie schüttete einen großen Schluck hinunter. Danach wusste sie nicht mehr, wie ihr zumute war: ob sie lachen oder weinen sollte, ob sie mit Demut ihr Schicksal ertragen sollte oder ob sie den Aufstand proben sollte. Sie lebte im Hier und Jetzt. Sie genoss den schönen Abend. Ein Stück Inseldasein mitten in der Zerstörung. Plötzlich kam sie sich so stabil vor, dass sie selbst einem Erdbeben hätte stand halten können.

„Letzte Woche rief Jessie mich an, dass ich sie um 8 Uhr auf ihrem Handy wachklingeln sollte. Um 10 Uhr sollte sie sich beim Tierarzt wegen einer Praktikumsstelle vorstellen. Aussehen, Kleidung, habe ich ihr noch gesagt, wie sie sich anziehen solle.“
„Hat geklappt ?“
„Weiß ich nicht. Ich hatte nur ihre Mobilbox dran, als ich sie auf dem Handy angerufen hatte.“

Ihr war klar, dass der Weg zu Jessie weit und schwierig war. Immerhin war dies ein weiterer Griff, an sie heran zu kommen. Mit einem Mal war sie da, diese Hoffnung, dass die Arbeitswelt Jessie eingeholt haben könnte. Dass sie sich dieser Arbeitswelt nicht verweigern würde. Und dass sich ein Stück Horizont oder Perspektive öffnen würde. Einstweilen hatte sie zufrieden festgestellt, dass sie in diesem Moment gebraucht wurde.

Freitag, 7. September 2012

Glockenturm


Das Thema liegt fast einen Monat zurück, welches ich aufgreife. Nova hat das Projekt „Glockentürme“ ins Leben gerufen, an dem sich Blogger beteiligen können. Ich habe in unseren Urlaubsfotos gekramt und einen Glockenturm an der Costa Brava in Spanien ausgegraben. Der Ort heißt San Marti d’Empuries und liegt ca. 50 km von der französischen Grenze entfernt.


Leider habe ich keine weiteren Fotos von der Kirche gemacht. Mehr könnt ihr unter der (leider !!!) katalanisch-sprachigen Homepage nachlesen. 

Samstag, 1. September 2012

romanische Kirche in Kircheib / Westerwald

Nicht nur die großen Dome oder Kathedralen faszinieren mich. Es sind genauso die kleinen, unscheinbaren Kirchen, die am Wegesrand liegen und die man gerne übersieht. Die romanische Kirche in Kircheib liegt abseits der B8, von Baumgruppen verdeckt. Üblicherweise rauscht man über die vielbefahrene Bundesstraße vorbei. Man muss abbiegen an einer Kreuzung, wo die Autos eines Gebrauchtwagenhändlers stehen, um dieses Kleinod entdecken zu können.



Pflastersteine führen zum Eingang der Kirche.





Die Kirche imponiert gerade wegen ihres kleinen Baukörpers.




Details wie Fenster und Eingangstüre fügen sich harmonisch zusammen.

Über Wiesen öffnet sich der Blick auf die Frontseite.

In meinem Kunstführer habe ich kaum etwas nennenswertes über die Kirche nachlesen lesen können. Außer dass die Kirche romanischen Ursprungs ist und dass im Inneren ein Taufstein aus dem 13.Jahrhundert steht. Leider ist die Kirche verschlossen. Daher genieße ich von außen ihre kleine Gestalt.

Freitag, 24. August 2012

Roll over Beethoven

Wer Bonn besucht, begegnet früher oder später Beethoven. Es gibt keinen Zweifel: kein Bürger Bonns ist berühmter, Beethoven ist das Aushängeschild, man begegnet Beethoven an allen Ecken. Bonn und Beethoven gehören zusammen, so wie der Dom und Köln, der Hafen und Hamburg, das Oktoberfest und München. Die Quelle der Verbundenheit ist Beethovens Geburtshaus: 1770 in der Bonngasse geboren, hat sein Geburtshaus alle Verwüstungen und Zerstörungen überdauert. Es hat auch überdauert, dass Beethoven bereits mit 22 Jahren Bonn verlassen hat - Richtung Wien, wo er die größeren Möglichkeiten musikalischen Schaffens gesehen hatte. Dennoch ist Bonn Beethoven treu geblieben. Beethoven ist zur Starallüre aufgestiegen. Noten und Partituren sind allgegenwärtig.


Beim Fotografieren des Geburtshauses habe ich einen höchst seltenen Moment erwischt, nämlich ohne Touristen.


Mitten im Herzen Bonns überragt Beethoven den Münsterplatz.


Vor der Beethovenhalle fügen sich Fragmente gekonnt zu seinem Kopf zusammen.




Auf dem Straßenpflaster, in der Fußgängerzonen und an Häuserwänden ist Beethoven ständig präsent.

Besonders schräg finde ich Beethoven in einer Pop-Art-Darstellung auf einer Häuserwand.

Das Dumme ist: ich mag überhaupt keine Klassische Musik. Weder Beethoven, noch Mozart, Brahms, Bach oder Händel. Wer meine Blogs kennt, weiß, dass mindestens einen elektrische Gitarre die Musik aufmischen muss. Violine, Geige, Klarinette, Flöte, Fagotte, Pauken, Trompeten, diese Klangwelt kommt mir vor wie von einem fremden Planeten. Was verbindet mich mit Beethoven ? Die neunte Sinfonie, an die ich mich noch lebhaft zurückerinnere aus meine Schulzeit, denn mein Musiklehrer zeigte durchaus pädagogisches Geschick. Im Original von Chuck Berry, haben Electric Light Orchestra die Neunte Sinfonie Beethovens aufgegriffen in "Roll over Beethoven". 


Dann geht es nach meinem Musikgeschmack weiter. Rock, elektrische Gitarre, es fetzt, Jeff Lynn schwingt sich von einem Gitarrenriff zum anderen. Mit dem Akkord aus der Neunten Sinfonie von Beethoven beendet Jeff Lynn "Roll over Beethoven". Das ist Beethoven, wie ich ihn mag.

Freitag, 17. August 2012

The Doors - People are Strange

... befasst sich mit Menschen. 



So fremd, aber doch vertraut. Menschen im Alltag beobachten, so wie sie sind, wie sie sich verhalten, wie sie gekleidet sind, wie sie sich bewegen. Gerne bin ich ein stiller Beobachter.


Menschen machen es sich im Park bequem.


Ohne Handy oder Smartphone geht gar nichts mehr.



Menschen vergnügen sich im Biergarten.


Reges Treiben herrscht im Bahnhöfchen - einem früheren Bahnhof der Schmalspurbahn.


Menschen lümmeln sich im Eiscafé herum.


Ich lasse mir mein Spaghetti-Eis schmecken.

Und beobachte dabei die Menschen. Ich lasse mir mein Eis auf der Zunge zergehen. Und ich summe dabei die Doors: "People are Strange".

Dienstag, 7. August 2012

Marcel Kerff


Man hielt sie bestimmt für Spinner. Auf Fahrrädern quer durch Frankreich. Hunderte von Kilometern am Stück. Auf Straßen, die noch halbe Feldwege waren. Bei regnerischem Wetter durch aufgeweichten Boden und Matsch. Ersatzteile organisieren, wenn über Kopfsteinpflaster Schläuche gleich reihenweise kaputt gingen. In normaler Straßenbekleidung: Schuhe mit Gamaschen, kurze Hose, Hemd und Jacke dürften segelartig im Wind geflattert haben.

1903 startete die erste Tour de France. Der Initiator und der Organisator war eine Sportzeitung, die sich dadurch eine Steigerung der Auflage erhoffte – was dann auch geschah. So wie heute, war Paris der Dreh- und Angelpunkt. Alpenpässe galt es schon zu erklimmen, 2.400 Kilometer waren insgesamt zu schaffen (heutzutage sind es 3.400 Kilometer). Neu war die Idee, die Gesamtstrecke nicht an einem Stück zu fahren, sondern in einzelnen Etappen, die dann zu einem Gesamtergebnis zusammengezählt wurden. Der Sieger Maurice Garin erzielte eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 25 km/h – was aus heutiger Sicht geradezu läppisch erscheint. 60 Rennfahrer nahmen teil, wovon 21 das Ziel in Paris erreichten. Einer von ihnen war der Belgier Marcel Kerff. 1903 sollte seine erste und letzte Tour werden, denn er war bereits 37 Jahre alt. Dabei erreichte er einen beachtlichen sechsten Platz. Wahrscheinlich war er danach in Belgien sogar so etwas wie ein Nationalheld.

Am 7. August 1914 sollte er zu einer tragischen Figur werden. Am 1. August 1914 hatte Deutschland Frankreich den Krieg erklärt, und der erste Weltkrieg hatte soeben begonnen. In einer feurigen Rede erklärte der Kaiser in Berlin, dass er nur noch Deutsche kenne. Das Volk jubelte ihm zu, die Begeisterung kannte keine Grenzen, eine überschwängliche Stimmung entlud sich.

Es galt, den Erzfeind Frankreich zu besiegen. Die deutschen Truppen sammelten sich bei Aachen. In Gemmenich in Belgien rissen die Soldaten am 4. August 1914 die ersten Schlagbäume nieder. Dass das Völkerrecht gegen die belgische Neutralität verletzt worden war, das war egal, denn Belgien war das Aufmarschgebiet gegen den großen Erzfeind im Westen. Als nächsten Meilenstein galt es, das Festungssystem von Lüttich zu erobern, das, in Beton verschanzt, mit insgesamt elf Einzel-Festungen eines der modernsten der damaligen Zeit war. Als Fußtruppen unterwegs, rechnete man in diesem Krieg noch in Tagesmärschen. Lüttich war 60 Kilometer von Aachen entfernt, also drei Tagesmärsche. Durch das Herver Land, durch den Voerstreek, durch das Maastal.

Zahlenmäßig hoffnungslos unterlegen, konnten die belgischen Truppen zunächst keinen nennenswerten Widerstand mobilisieren. Anstatt dessen versuchten die Belgier aus Hinterhalten als Partisanen oder als Franc-tireur – diese Kriegsform war im deutsch-französischen Krieg 1870/71 entstanden -  Widerstand zu organisieren. Die deutschen Besatzer griffen in aller Härte durch. Am 5. August 1914 kam es in den Orten Battice, Berneau und Visé zu Massenschießungen. Noch heute nennt sich die Hauptstraße von Berneau nach Visé „rue des fusillés“ (Straße der Erschossenen). Außerdem wurde die Stadt Visé angezündet und durch einen Brand vernichtet.

Merkwürdigerweise hatte Marcel Kerff von diesen schrecklichen Ereignissen kaum etwas mitbekommen. Er wohnte in Moelingen, quasi einen Steinwurf von der niederländischen Grenze entfernt. In niederländisches Gebiet waren die deutschen Truppen bislang noch nicht einmarschiert, denn sie strebten ja geradewegs auf ihren Erzfeind Frankreich zu. Daher dürfte er sich dort auch sicher gefühlt haben. All die Heckenschützen rieben sich ein Stück weiter Richtung Lüttich auf. Visé oder Berneau, das war noch 5-6 Kilometer entfernt. Auch den Brand von Visé hatte er möglicherweise nicht gesehen, da zwischen Moelingen und Visé noch ein hügeliger Ausläufer des Herver Landes verläuft. Die Truppen waren durchmarschiert, Kämpfte tobten erst weiter maasaufwärts bei Lüttich, in Moelingen, diesem verschlafenen Provinznest, gab es keine Heckenschützen.

In dieser Situation sollte ihn etwas treiben, was ihn den Kopf kosten sollte: Neugierde. Er setzte sich auf sein Fahrrad und erkundete die Umgebung. Da war jede Menge Ruhe und jede Menge Stille, so wie er sein Heimatdorf kannte. Anfang August war das Getreide geerntet, die Äpfel reiften an den Bäumen, Pflaumen lagen auf den Streuobstwiesen.

Alles war idyllisch und die Welt war in Ordnung. Trotz des ersten Weltkriegs. Mit seinem Fahrrad bog er auf die Straße von Maastricht nach Battice ein. Das Fahrrad glitt in die Ebene des Maastals hinein. Er war nicht irritiert, sondern neugierig, dass am Straßenrand eine halbe Zeltstadt aufgeschlagen war. Dazwischen schweres Gerät, Gewehre, auf dem Boden Stahlhelme.

Naiv wie ein kleines Kind, fuhr er weiter, um nachzuschauen, um sich diese Neuigkeit aus der Nähe anzusehen. Der erste deutsche Soldat, der ihn erwischte, fuhr ihm ins Gesicht.

„Moment mal …
… was macht der denn hier ????
… hat der ein ganzes Regiment von Heckenschützen im Schlepptau ???
… besser, wir gehen auf Nummer sicher …
… bevor wir vor die Hunde gehen

… machen wir ihn ALLE !!!“

So könnte ungefähr die Reaktion der deutschen Soldaten ausgesehen haben. Er wirkte verdächtig – vielleicht sogar wegen des Gefährts auf zwei Rädern, welches in dieser Kriegssituationen vollkommen fehl am Platze war.

Am 7. August 1914 erhängten sie Marcel Kerff, weil sie Angst hatten, er könnte andere Heckenschützen mobilisieren, die dann wiederum die deutschen Soldaten aus dem Hinterhalt oder in der Nacht erschießen könnten. Marcel Kerff war der falsche Mann zur falschen Zeit am falschen Ort.

An der Straße von Maastricht nach Battice haben seine Nachfahren Marcel Kerff ein Denkmal gewidmet. Ein steinernes Kreuz in der Form von Baumstämmen. Für einen Radrennfahrer der Tour de France der allerersten Stunde.


Donnerstag, 2. August 2012

Verplempert, vergammelt, verpennt ...


… diese Formulierung hat mich in Perdita's Blog nicht losgelassen. Perdita’s Geschichte ist tragisch, denn sie leidet an Krebs. Gottseidank erfreue ich mich bester Gesundheit. Aber: verplempert, vergammelt, verpennt, das gilt genauso für meine eigene Biografie. So manche Zeitfresser kann ich aufzählen, die nutzlos das Zeitkontingent meines eigenen Lebens haben verstreichen lassen.

Nachdem ich die 50er-Altersmarke überschritten habe, neige ich stärker zu Rückblicken. Und bei diesen Rückblicken stoße ich auf Ineffizienzen bei Umgang mit der Zeit, die Identifizierung von unnützen Zeitfressern. Aristoteles definiert die Zeit als einzelne Augenblicke und als Zeit als solcher. Die Augenblicke stehen für sich, erst die Zeit verbindet sie zu einer Linie, die uns, wann immer wir an sie denken, an ihr Ende erinnert …. Ich versuche, die Augenblicke in ihrer Einzigartigkeit wahrzunehmen, und noch viel lieber schaue ich nach vorne, ich schmiede Pläne, was ich alles mit der noch zur Verfügung stehenden Zeit anfangen kann.

Verplempert, vergammelt, verpennt, wie ich in meinen jüngeren Jahren mit der Zeit umgegangen bin, das beschreibt einigermaßen treffend Pink Floyd in ihrem Stück „Time“, welches sich auf der LP „Dark Side of the Moon“ (1973) wiederfindet:

Tickend zerrinnt die Zeit eines langweiligen Alltags 
Du verplemperst und verschwendest gedankenlos die Stunden 
Lungerst herum in deinem Revier der Großstadt 
Und wartest auf irgendeinen, der dir weiter hilft
Müde vom Liegen in der Sonne 
bleibst du im Haus, um auf den Regen zu starren
Du bist jung, das Leben lang, 
und es gilt, Zeit totzuschlagen 
Und dann, eines Tages stellst du fest, 
zehn Jahre sind vorbei 
Niemand gab dir das Signal, loszurennen
du hast den Start verpasst. 

In jungen Jahren war sehr viel Orientierungslosigkeit dabei. Die Suche nach einer Ideologie. Die Suche nach einem geistigen Fundament, auf das ich meinen Lebensentwurf aufsetzen konnte. Zu vieles war polarisiert in Kommunismus und Kapitalismus. Die Lehren der Kirche waren mir zu fernab der Realitäten. Es dauerte, bis ich Bindungen und Beziehungen aufgebaut hatte. Oberflächlich an den Themen kratzend, war ich mir bis dahin vorgekommen wie in Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“: zu belanglosen Gesellschafen gehörend, belanglose Menschen kennenlernen, die über belanglose Themen redeten. Das Geplauder in dieser Gesellschaft war leer, und die Zeit ließ sich nicht modellieren, um daraus einen Inhalt formen.

Auch danach hatte ich mich zu oft verzettelt, weil mein Ziel nicht genau genug umrissen war. Es kommt derjenige schneller am Ziel an, der genau weiss, was er will. Zu oft und zu intensiv habe ich mir die Dinge links und rechts des Weges angesehen. Manchmal ist mir auch eine grundlegende Vision abhandengekommen.

Verplempert, vergammelt, verpennt, meine handwerklichen Fähigkeiten können auch einen Beitrag dazu leisten. Handwerklich nicht mit allzu vielen Talenten gesegnet, habe ich mit familiärer Unterstützung insgesamt acht Jahre einen Altbau renoviert mit dem Ergebnis, dass dieser für unsere familiären Bedürfnisse nicht erweiterbar war. Diesen Altbau haben wir schließlich 2008 verkauft und sind in ein ausreichend großes Haus umgezogen. Diese acht Jahre Renovierung (minus Zeiten, in denen es auch mal Pause beim Renovieren gab) waren sozusagen umsonst.

Erst vor einigen Jahren habe ich begonnen, die Dinge zu tun, die ich wirklich gerne tun möchte. Was über Jahrzehnte hinweg als Traum herum gegeistert ist, auch zu machen. Sozusagen ein Stück Selbstverwirklichung. Wie Ernst Bloch es in seinem Werk „Das Prinzip Hoffnung“ formuliert: Träume bewusst machen, leben in er-leben umwandeln, den Augenblick be-greifen und er-greifen. Bereits in den 80er Jahren hatte ich mehr oder weniger umfangreiche Literatur gelesen, Zeitungsberichte und Reportagen, Geschichtliches und Philosophisches, Romane und Erzählungen, Biografien und Sachbücher. Doch irgendwie meine Lehren und Schlüsse daraus gezogen, das hatte ich kaum.

Ich habe lernen müssen, mit Restriktionen umzugehen. Bereits Kant hatte in seinen Schriften zur Metaphysik festgestellt, dass die Zeit an für sich eine Restriktion ist. Der Mensch kann nicht mehrfach gleichzeitig handeln. Es muss also ausgewählt werden, welches Zeitkontingent wie verwendet wird. Geld ist die nächste Restriktion, dann folgt das Beziehungsgeflecht rund um Familie und Freundeskreis. Dies ist schätzungsweise die schwierigste Ebene der Restriktionen: Alter, Krankheit, Umgang mit Konfliktsituationen, Probleme bei der Erziehung, … Letztlich sind wir alle Teil einer Gemeinschaft, und übermäßig ausgeprägte Egoismen hinsichtlich der Zeitverwendung sind da fehl am Platze.

Verplempert, vergammelt, verpennt. Niemand wünscht sich, so aus der Umlaufbahn geworfen zu werden wie Perdita. Im Kampf gegen den Krebs wünsche ich ihr ganz viel Kraft und ganz viel Durchhaltevermögen !

„Carpe diem“: ich versuche, meine Zeit bewusst zu erleben, zu genießen und möglichst auch zu gestalten.

Um dem zu entkommen, was Pink Floyd schon fast grausam beschreibt:

Also rennst du und rennst, um
die Sonne zu fangen, die sinkt, 
Und du rennst im Kreis, nur um hinter dir selbst wieder aufzutauchen
Die Sonne ist noch ziemlich die selbe, doch du bist älter, 
mit kürzerem Atem und einem Tag näher dem Tod.