Montag, 8. Dezember 2014

neues Layout

So manchem Leser ist sicherlich aufgefallen, dass ich fleißig am Layout meines Blogs herum gewerkelt und herum gebastelt habe. Mir selbst kam der Hintergrund zu unruhig vor und die Themen, über die ich schreibe, zu unübersichtlich strukturiert. Zumal diese auch sehr heterogen sind, angefangen bei Rennradtouren über typisch Rheinländisches bis hin zu meinen Gedankenexperimenten, die ich lose in alle unterschiedlichen Richtungen schweifen lasse. Feststellen musste ich auch, dass all die familiären Dinge, über die ich anfangs in Tagebuchform geschrieben habe, nicht mehr so richtig in dieses Umfeld passen. "Panta rhei", alles fließt, so hatte einst Demokrit gesagt. Das dürfte auch für meinen Blog gelten, dass die Themen ständigen Veränderungen unterworfen sind. Es wäre vielleicht schön, wenn ich das eine oder andere Feedback bekommen könnte, wie mein Blog in seiner Struktur und seinem Aussehen auf den Leser wirkt (weniger die Inhalte). Über den einen oder anderen Hinweis, wo ich meinen Blog verbessern könnte, würde ich mich freuen.

Woran ich jedenfalls verzweifelt bin, das ist die Gestaltung der obersten Menüzeile. Irgendwie schaffe ich es nicht, in der Layout-Gestaltung der Blogspot-Software nebeneinander liegende Menüpunkte darzustellen. Die Menüpunkte  "Startseite; wer bin ich ?; worüber schreibe ich ?, ... " kriege ich nur untereinander dargestellt, dazu lassen sich die einzelnen Textfelder nicht separieren und mit dem dazugehörigen Text verlinken.

Mein Wunsch wäre es, eine Menü-Ziele in einer solchen Form darzustellen:






Kann mir jemand dazu einen Tipp geben ?

Unter "Text konfigurieren" habe ich versucht, die Menüzeile zu gestalten. Dabei bin ich fast wahnsinnig geworden, weil es nicht so geklappt hat, wie ich es mir vorgestellt hatte.


Ich gehe davon aus, dass es andere Gestaltungsformen gibt, die ich noch nicht kenne.

Vielen Dank vorab für die Mithilfe.


Freitag, 5. Dezember 2014

Bruttosozialprodukt

Angenommen, wir hätten die Freiheit, unseren Beruf nicht nach rationalen Kriterien auszuwählen. Also: Einkommen, Karriereplanung, Attraktivität des Arbeitgebers, Sicherheit des Arbeitsplatzes, wie interessant die Tätigkeit ist oder inwieweit die Tätigkeit zu den eigenen Fähigkeiten passt, das könnten wir alles ausblenden. Wenn wir diese Kriterien beiseite schieben, dann reduziert sich die Berufswahl auf das, was den Menschen aus seinem Inneren antriebt. Völlig losgelöst, würde er dann nach seiner eigenen inneren Berufung streben. Schul- und Studienabgänger sollten sich demnach nicht auf den Arbeitsmarkt, auf Stellenangebote und auf die eigene Karriereplanung stürzen, sondern sich eher in die Rolle eines Schatzsuchers begeben, der mit einem Metalldetektor den Boden abtastet, der auf Signale horcht und voller Freude losgräbt, wenn ihn die Ahnung eines Schatzes erreicht hat.

Die Verwerfungen können im Verlaufe des Arbeitslebens gewaltig sein, wenngleich durch Vorschriften des Arbeitsschutzes, den Einsatz von technischen Hilfsmitteln und ein verschärftes Umweltbewußtsein die Arbeitsplätze an für sich humaner geworden sind. Arbeitsteilig, eingepackt in Hierarchien, mit hoch spezialisiertem Fachwissen, mit ständigem Druck auf die Aufgaben, mit hoher Flexibilität in bezug auf die Anforderungen, lenkt die Arbeitswelt den Menschen in rigide Bahnen. Im Verlauf von Jahrzehnten können die Verwerfungen riesig sein, wenn anstelle von Freude und Vorfreude bei der Schatzsuche Ernüchterung herrschen angesichts verloren gegangener Lebensträume, einem Zeitgefühl, dass sich zwischen Powerpoint-Präsentationen, Meetings und endlosen Zahlenkolonnen zerstreut hat, und einem beschämenden Gefühl der eigenen Selbstwahrnehmung.

Genau auf die Suche nach solchen Verwerfungen hatte sich der Schweizer Schriftsteller Alain de Botton in seinem Buch „Freuden und Mühen der Arbeit“ gemacht. Neben Bürowelten, globalen Wertschöpfungsketten oder einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft im Rücken des Londoner Tower begleitete er in einem Kapitel einen Berufsberater, der insolvente Firmen aufsuchte oder auf Messen präsent war. Oder Menschen gingen aus eigenem Antrieb auf ihn zu, weil sie sich beruflich umorientieren wollten. Der Berufsberater nahm sich Zeit für seine Kunden, ganz im Sinne des Psychologen Abraham Maslow, dessen Spruch er sich über die Toilette gepinnt hatte: „Zu wissen, was wir wollen, ist nicht normal, sondern das seltene und nur mühevoll zu erringende Resultat einer psychologisch recht komplexen Leistung.“

Es überraschte mich nicht, dass bei sich bei so viel Einfühlungsvermögen die Fälle häuften, dass Angestellte ihren Job kündigten, um den Neigungen nachzugehen, zu denen sie sich tatsächlich berufen fühlten. So kündigte eine 37 jährige Abteilungsleiterin in einer Steuerberatungskanzlei ihren Job, um eine Tätigkeit in einem Verein gegen Obdachlosigkeit und Wohnungsnot zu beginnen. Der Berufsberater hielt Seminare ab über das Selbstvertrauen, um den Teilnehmern zu vermitteln, wie stark sie doch waren, welche ungeahnten Kräfte in ihnen steckten und dass sie Ziele suchen sollten. Und dass sie diese verwirklichen sollten in ihrer eigenen Geschichte, in der sie selbst der Drehbuchautor waren.

In der Tat, die Aktivitäten des Berufsberaters, die Persönlichkeiten, Lebensgeschichten und die daran hängenden Arbeitswelten komplett neu definierten, könnten in einer Massenflucht ausarten. Ungefähr so wie gegen Ende des Ersten Weltkriegs, als russische und habsburgische Soldaten demoralisiert Fahnenflucht begingen, in Massen zum Feind überliefen und so zum Untergang des Zarenreiches beziehungsweise der K.u.K.-Monarchie beitrugen. Dabei habe ich noch nicht einmal all die Billig-Jobs betrachtet, die schätzungsweise aus rein ökonomischer Not – überwiegend Frauen – diese Form des Lebensunterhaltes betreibt. Der Fensterputzer, die Supermarktkassiererin, die Telefonistin, die Kunden vom Wechsel des Stromanbieters überzeugen soll, oder die Servicekraft in einer Fast-Food-Kette, werden ihren Job eher in Ausnahmefällen als Freude und Vorfreude bei einer Schatzsuche empfinden,  wenn sie für wenig Geld die hohe Kunst beherrschen müssen, mit den Launen ihrer Kunden in allen Lebenslagen umzugehen.

Ich gehe davon aus, dass eine potenzielle Massenflucht zum großen Teil zu den künstlerischen Berufen einsetzen wird. Aus uns würde ein Volk von Dichtern, Denkern, Schriftstellern, Sängern, Rockmusikern, Malern, Grafikern, Fotografen, Schauspielern, Drehbuchautoren und Kabarettisten. Und natürlich Handwerkern, bei denen eine scharfe Trennlinie schon Wirklichkeit ist. Zu Hause wird mit viel Liebe und Fleiß gewerkelt, wenn Badezimmer renoviert werden, wenn tapeziert wird oder wenn Terrassen neu gestaltet werden. Am Arbeitsplatz werden die Aufgaben eher in lästiger Routine und ohne Freude abgearbeitet, wenn eine Klimaanlage in einem Großraumbüro instandgesetzt wird, wenn Fassadenelemente gestrichen werden oder eine Flachdachkonstruktion abgedichtet wird.

Aber ich denke, unser ökonomisches System hält solche Wanderungsbewegungen aus, dazu ist es zu stabil. Es verspricht Wohlstand, das hatte bereits Adam Smith in seinem wegweisenden Werk „Wealth of Nations“, das 1776 erschien, festgestellt. Er entwickelte ein Modell, in dem sich in einem Wirtschaftskreislauf der Wohlstand über Arbeitsteilung, optimaler Güterversorgung und Wachstum verbesserte.

Grundlage dafür war die Fabrikproduktion, in der Arbeitsschritte aufgeteilt wurden, Maschinen eingesetzt wurden und Tätigkeiten spezialisiert wurden. Dadurch wurde die Produktion gesteigert, die Wirtschaft wuchs, indem sie neue Absatzmärkte fand, die Einkommen stiegen. Trotz Massenverelendung in der Frühphase der industriellen Revolution, trotz Aufschwungphasen, die zwei Weltkriege nach sich zogen, trotz Klimadiskussion, die wir momentan erleben und trotz Rezessionen in den 1980er und 1990er Jahren, gelten Adam Smiths Theorien in ihren Grundsätzen bis heute. Wirtschaft ist ein Kreislauf, auf den alles einzahlt. Der Mensch wird zum Konsumenten, indem er Güter auf Märkten nachfragt. Dabei wird er zum Typ des „homo oeconomicus“, da er seinen Nutzen beim Güterkonsum maximieren will. Durch den Verbrauch entsteht wiederum Wohlstand, der auf volkswirtschaftlicher Ebene einen Gewinn abwirft. Dieser Kreis dreht sich vom Prinzip her bis heute weiter, da unsere Wirtschaft – letztlich dank Exporten in alle Welt – ungebremst wächst.

Dichter, Denker, Schriftsteller, Sänger, Rockmusiker, Maler, Grafiker, Schauspieler, Drehbuchautoren, Kabarettisten werden daher weiterhin Nischenexistenzen bleiben. Größere Aufstände wegen Verwerfungen innerhalb der Arbeitswelten sind daher nicht zu erwarten. Gleichwohl zollen die Arbeitsteilung, die nie das fertige Werk erscheinen läßt, globale Wertschöpfungsketten, die bessere Standards von Arbeits- und Umweltschutz weg verlagert, und ein Zwang zur Kosteneinsparung, der in manchen Firmen an Terrorismus grenzt, ihren Tribut.

Da die Aussteiger oder Nischenexistenzen in ihrer Anzahl sehr klein sind, sind die Auflösungstendenzen unseres ökonomischen Systems eher marginal. Wir werden daher alle weiterhin am Bruttosozialprodukt beitragen. Auch in diesem volkswirtschaftlichen Begriff lebt Adam Smith mit seinen Theorien fort, da das Bruttosozialprodukt in den 1940er Jahren als Meßzahl für den Wohlstand entwickelt wurde. Wir definieren uns über unseren Wohlstand. Wir selbst werden zum Bruttosozialprodukt, wenn wir aus dem Kreislauf des Wohlstands nicht ausbrechen können.

Samstag, 8. November 2014

Grundriss einer romanischen Kirche

Den Hinweisen eines Hobby-Historikers ist es zu verdanken, dass im Stadtteil Niederholtorf die Grundmauern einer romanischen Kirche aus dem 11. Jahrhundert frei gelegt wurden. Dieser Heimatforscher hatte am Rande des Siebengebirges ein sehr altes Gemäuer im Erdboden entdeckt, und er glaubte daran, dass der Bau des Gemäuers sehr viele Jahrhunderte zurück lag. Daraufhin informierte er das Rheinischen Amt für Denkmalpflege, die Ärchäologen gruben und sie wurden auch fündig. In ein Meter Tiefe gruben sie zwei Skelette aus. Daraufhin bestimmte die Universität Kiel mit Hilfe einer Radiokarbonuntersuchung das Alter der Skelette. Das Ergebnis war eine faustdicke Überraschung. Die Skelette, wovon eines einem vierjährigen Kind gehörte, datierten auf das Jahr 1024. Ebenso wurde die Gemäuer im Erdboden freigelegt; diese wurden auf das 11. Jahrhundert geschätzt. Der Grundriss der Mauern entsprach einer romanischen Kirche. Gleichzeitig wurde festgestellt, dass die Mauern im 13. Jahrhundert abgerissen wurden, wobei die Steine für umliegende Höfe und Wohngebäude genutzt wurden. Vermutlich, weil die romanische Kirche nur dreihundert Jahre existiert hat, taucht diese in keinerlei Besitzverzeichnissen von Abteien, Höfen, Herzögen, Grafen oder Königen auf. Die Kirche hat aber nachweislich an dieser Stelle am Rande des Siebengebirges gestanden.


An dieser Stelle ist das Kindergrab mit einer Grabplatte markiert.




Der Grundriß der Kirche ist mit Steinplatten markiert.



Sonnendurchflutet, ist das Gesamtbild beeindruckend.

Montag, 3. November 2014

Kaya Yanar - Live im E-Werk Köln

Raum, Ort, Zeit mussten stimmen. Es machte die Schaffenskraft von Orten aus, wo er gut drauf war, wo der Funke zum Publikum übersprang, wo sich eine magische Verbindung aufbaute, wo sich die Momente seiner Komik entluden und beim Publikum ankamen. Halle, Lichteffekte, die Anordnung von Stuhl- und Platzreihen, der Klang seiner Stimme, verstärkt im Widerhall zwischen Wänden und Decken, nacktes Zielgelmauerwerk, unromantische Stahlträger, die die Decke stützen. Das E-Werk in Köln-Mülheim, bis Mitte der 1980er Jahre befand sich dort das Umspannwerk des Elektro-Konzerns Felten & Guillaume, danach wurde die Fabrikhalle zur Veranstaltungshalle umgebaut. Genau an diesem Ort, an dem einst geschuftet, geackert und gearbeitet wurde, kam Kaya Yanar auf Touren. Seine Pointen saßen, und das Lachen des Publikums hörte nicht auf.

Kaya around the World, das war die Show, die uns letzten Samstag erfreute. Irgendwie hatte es sich auch in diesem Herbst ergeben, dass sich die Termine für die Comedy-Shows knubbelten. Am 24. August war es Bernd Stelter, am 4. Oktober Mario Barth, schließlich am 25. Oktober Kaya Yanar.

Und Kaya schwärmte davon, wenn sich die Gelegenheit ergab, dass ihm sein Fernsehsender RTL den einen oder anderen Drehtermin rund um den Globus besorgte. In seiner Rolle, in fremde Herren Länder mit fremden Sprachen verfrachtet zu werden, fühlte er sich als Türke sichtlich wohl. Es geschah in New York, wo er ganz zufällig in der Vorweihnachtszeit gelandet war. US-Amerikaner müssen sich zu wahren Neurotikern entwickeln, wenn es um Weihnachtseinkäufe geht. In der Drehtüre eines Warenhauses geriet er aneinander, zu zweit stand er mit einem jungen Herren zusammen, der mit seinen Ellbogen herum fuchtelte, pausenlos auf seinem Smartphone herum plärrte und sich nicht darum scherte, wo seine Beine standen. „You fucking american guy“ entglitt es schließlich Kaya, als ihm das Zusammengequetsche zu brenzlig wurde. Danach bäumte sich sein Gegenüber auf, er ballte seine Fäuste zusammen, sein drohender Blick durchbohrte ihn. Daraufhin zuckte Kaya seinen Kugelschreiber aus der Hosentasche, zeigte ihm diesen und der Amerikaner rannte weg, so weit er konnte. Womöglich hatte er James-Bond-Filme gesehen, in denen kleinste Technik in Kugelschreibern gewaltige Explosionen verursachen konnte.

Diese Leichtigkeit und Unbeteiligtheit, diese Neugierde in seinen Fernsehauftritten in „Was guckst Du“, das wirkte locker, leicht und gekonnt in all seinen sprachlichen Verwandlungen. Reiseangebote „All Inclusive“ in Anthalya an der türkischen Riviera. Russen waren ihm aufgefallen, wie sie, angeregt durch das ganztägige Speiseangebot, sich der Völlerei hingaben. Das inspirierte ihn, erst einmal mehrere Minuten pausenlos nur noch Russisch zu reden, mit solchen Wortschwallen, dass das Publikum sprachlos war. Und er brachte China unter in seiner Komik. Mit RTL hatte er einen Drehtermin, um mit Koala-Bären gefilmt zu werden. Abends im Hotel an der Bar sprach der Barkeeper ein paar Wortfetzen Deutsch, aber mit einem „L“ anstelle „R“, wie man es gemeinhin von Chinesen kennt. Dabei musste sich sein Verstand verbiegen, wenn er kein „Türke“, sondern ein „Tülke“ war. Zu seinem eigenen Erstaunen lernte schließlich der chinesische Barkeeper nach mehreren Tagen die korrekte Aussprache von „Türke“.

Sein Auftritt war wie eine Metamorphose, in der er sich dauernd selbst verwandelte. Er bedauerte, dass Französisch eine derjenigen Sprachen sei, die er nicht sprechen könne. Dabei überzeugte seine Selbstverwandlung. „Mon dieu“ oder „au revoir“, französischen Wortpassagen kamen kaum vor. Anstatt dessen schweifte er aus in dem französischen Akzent, er ahmte die Wortmelodie nach und vergaß beharrlich beim Buchstaben „H“ die Aussprache. Wenn er ins Schweizerdeutsch wechselte, konnte er von seiner Schweizer Freundin lernen. Mit der Türkei verband er sommerliche Temperaturen, er suchte die Wärme und mied die Kälte, so dass er mit Skifahren ganz und gar nichts anfangen konnte. Dennoch krempelte seine Freundin ihn um und brachte ihn auf die Ski-Piste. Er hakte sich daran fest, wieso er eine Skibrille für 150 Schweizer Franken kaufen müsse, während er die restliche Ausrüstung leihen konnte. Wozu eine Skibrille, wenn er ohnehin mit dem Skifahren nichts anfangen konnte ? Den Disput mit dem Verleiher erzählte er in Schweizerdeutsch – das war so viel Komik in Situation und Sprache, die man Live erlebt haben muss.

Kaya Yanar ließ nicht aus, die Verbindung zu seinen Wurzeln zu schlagen. Er sprach mir aus meinem eigenen Herzen, dass man mit Lateinisch nicht allzu viel anfangen könne im Leben – mit wenigen Ausnahmen von Medizinern oder Botanikern, denen die lateinischen Pflanzenbezeichnungen auf der Zunge zergingen. Er orientiere sich lieber daran, was man machen könne und bewegen könne. Er sei mehrfach verortet, in Deutschland und der Türkei. Er fühle sich sogar als Weltbürger – ein wenig im Sinne von Goethe – wobei seine Standbeine in Deutschland Frankfurt und Köln waren. In Frankfurt war er aufgewachsen und hatte Abitur gemacht – und an seinem Gymnasium hasste er Lateinisch wie die Pest. 1999 war er in Köln im Küppers-Biergarten entdeckt worden, der heute nicht mehr existiert. Seitdem führte ihn RTL regelmäßig nach Köln.

Als die Show vorbei war, gingen an diesem 25. Oktober die Lichter im Kölner E-Werk aus und dann, hell durchflutet, wieder an. Es war Tradition, dass ihn die letzten Live-Auftritte im Jahr nach Köln führten. Arbeiter und Fabriken gehörten für ihn zur Bodenständigkeit. Das durchdrang auch seine Komik, die nichts kompliziertes war. Und der sich jeder, ganz einfach und leicht, nähern konnte. Auf der ganzen Welt.

Montag, 4. August 2014

Anna von Bayern - Wolfgang Bosbach "Jetzt erst Recht !"

Mir erging es anders als Wolfgang Bosbach.

Besuch bei der Gastroentologin. Ich war gelöst, als ich im Zimmer der Ärztin saß, die meine Darmspiegelung vorgenommen hatte. Ich dachte an nichts schlimmes, ich war erleichtert, dass das unangenehme Verschlingen von Massen an Flüssigkeit vorbei war. Das Foto einer blonden Schönheit lächelte mir aus einem hölzernen Rahmen von der Wand entgegen. War es ihre Tochter ?

„Alles in Ordnung. Kein Polyp“ teilte mir die Ärztin das Ergebnis mit. In diesem Moment war ich noch erleichterter, zumal sich sporadisch und zeitlich begrenzt Blut in meinen Stuhlgang hinein gemischt hatte.

Das war anders bei Wolfgang Bosbach, Vollblutpolitiker, ein Unruheherd, ständig in Bewegung. „Es darf keinen Stillstand geben, sonst schlafe ich ein“ so beschreibt er seine Antriebsmechanismen. Zwischen Wahlterminen, Sitzungen, Redeveranstaltungen und Fernsehauftritten bleibt da kaum Zeit für eine regelmäßige Krebsvorsorge. 2010 Krebsoperation an der Prostata. Da hieß es, er hätte noch eine Lebenserwartungszeit von 23 Jahren. Doch ein Jahr später war alles komplett anders. Wie ein Streuselkuchen war sein Körper voller Krebs, das stellten die Onkologen in einer Computertomografie fest. Nun unterzieht sich Bosbach, 62 Jahre alt, in Intervallen einer Strahlentherapie, um überhaupt noch ein paar restliche Lebensjahre für sich zu haben. Und das bei unverändert hoher Taktung.

In meinem Blog befasse ich mich weniger mit politischen Themen. Im Tagesgeschäft der Massenmedien wird so viel über Politik berichtet, kommentiert und kritisiert, dass ich nicht unbedingt meinen eigenen Senf dazu geben muss. Dafür befasse ich mich gerne mit allem, was aus dem Rheinland kommt. Und bei Wolfgang Bosbach kann man den rheinischen Tonfall nicht überhören. Freundlich, bestimmt, kurzweilig, mit klaren Standpunkten und hoher Sachkenntnis habe ich ihn stets wahrgenommen, kurzum: ein sympathischer Zeitgenosse.

Die Bild-Journalistin Anna von Bayern hat über mehrere Monate den Spitzenpolitiker begleitet. Ihre Einblicke ins politische Tagesgeschäft sind stets spannend, anekdotenhaft geschrieben, verzahnt zwischen dem Berufspolitiker und seiner Familie. Machtstrukturen schillern durch. Diese sind mehr starr als beweglich: aus Wahlergebnissen, aus Koalitionsverträgen, aus den Verhältnissen im Bundestag/Bundesrat, aus Besetzungsoptionen durch die Landesverbände der Parteien, vorbestimmt durch Kenntnisse und Fachwissen, das Verhältnis zur Bundeskanzlerin spielt naturgemäß auch eine Rolle – und dieses ist tendenziell nicht schlecht, aber nicht gut genug. So ergab es sich, dass er sein Lebensziel, nämlich einmal Minister zu werden, nicht erreichte, worüber er sich nicht beklagt.

Es empfiehlt sich, auf der richtigen Seite zu stehen, das sagt Wolfgang Bosbach. Für offene Meinung, unbedachte Rede oder Ironie ist nur bedingt Platz, das sind seine Erfahrungen im Politikgeschäft. Anna von Bayern zitiert die Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel, um dies zu verdeutlichen: „Die Demokratie darf nicht zu einer Herrschaft von wenigen Meinungen werden, in der die Führung der Masse diktiert, was gilt. Die Führung ist dabei auf ihre eigenen Interessen, ihrem persönlichen Nutzen und dem Erhalt der Machtstruktur ausgerichtet. Die Ziele der Gruppe, die von ihr dominiert wird, geraten in den Hintergrund. Diese Elite führt keine inhaltlichen Debatten mehr … Diese Elite glaubt, auf die großen Diskurse über die Fragen unserer Zeit zu verzichten. Stattdessen werden die Debatten in Randthemen geführt, wo die Elite sich mit großen Kraftanstrengungen profiliert.“ Dieses Schema passt auf die Machtstrukturen einer Angela Merkel, aber auch auf andere Bundeskanzler.

Der Weg hinein die politische Karriere des Wolfgang Bosbach war ungewöhnlich, denn er begann sein Berufsleben als Einzelhandelskaufmann bei der er Konsumgenossenschaft Köln eG/Coop West AG in Köln, wo er später Supermarktleiter wurde. Das merkt man bei diversen Fernsehauftritten, dass er kein Standardrepertoire von Floskeln herunter betet, sondern kundenorientiert auf Sachfragen  eingeht, mit den Gesprächspartnern redet und einen gemeinsamen Dialog führt. Und dies mit den Stärken eines Rheinländers: er behandelt andere mit Respekt, er kann Menschen nehmen, wie sie sind, mit Humor löst er spannungsgeladene Situationen.

Über die Kommunalpolitik  in Bergisch Gladbach schaffte er es in den Bundestag. 1994 wurde er Bundestagsabgeordneter, seit 2009 verantwortet er gemeinsam mit 37 Abgeordneten den Innenausschuß. Dort beackert er innenpolitische Themen, genauer gesagt, innere Sicherheit, Ausländer, Asylverfahren, Katastrophenschutz, Datenschutz und IT-Sicherheit.

Die Partei von Wolfgang Bosbach habe ich nie gewählt, doch seine konserative Einstellung ist mir nicht unsympatisch. „Multikulturelle Gesellschaft“, das war ein Schlagwort der 1990er Jahre, ein Stück überlebte Hippie-Bewegung und Musikfestivals, auf denen man nach den Rhythmen der ganzen Welt tanzte. Die Welt sollte ein kleines Dorf sein, fremde Kulturen sollten uns inspirieren.

Das ist definitiv gescheitert, weil sich Parallelgesellschaften gebildet haben, die sich abschotten, mit Integration nichts zu tun haben und Angriffspunkte für rechtsextremistische Tendenzen bilden. Dazu kommen islamische Gotteskrieger, die solche Parallelgesellschaften mobilisieren und Bomben und Terror importieren wollen.

Von den Träumen einer multikulturellen Gesellschaft habe ich mich längst verabschiedet. In der Zuwanderungskommission versucht Bosbach dagegen zu halten. Ausländer müssen sich einordnen in die kulturellen Lebensverhältnisse, sie müssen an Deutschkursen teilnehmen. Das Zuwanderungsgesetz wurde überarbeitet mit der einen Stoßrichtung, dass ein Straftatbestand der illegalen Einwanderung eingeführt wurde und mit der entgegengesetzten Stoßrichtung, dass die Fälle der Duldung weiter gefaßt wurden, weil sie sich über den Arbeitsmarkt integrieren können. Zudem konnte sich in einigen Ländern sich das Kopftuchverbot in öffentlichen Ämtern durchsetzen. Andere Vorstöße, wie die Vorratsdatenspeicherung, den elektronischen Fingerabdruck in Ausweisen oder umfassendere Observationen durch das Bundeskriminalamt, konnte er nicht durchsetzen. Wolfgang Bosbach meint dazu kurz und knapp, dass er an maßgeblicher Stelle mitgearbeitet hat, nicht mehr und nicht weniger. Über sich ergehen lassen musste er all die Ermittlungspannen bei der Aufklärung der NSU-Mordserie. Dauerthema wird für lange Zeit die NSA-Überwachung sein.

Um alle Themen zu besetzen, übt er sich im Kunststück der Multipräsenz. „Es darf keinen Stillstand geben, sonst schlafe ich ein“ mit dieser Einstellung nimmt er seine Lebensaufgabe in der Politik wahr. Das geht so weit, dass er seine Präsenz in den Massenmedien über seine Gesundheit stellt. Er geht keinem Mikrofon aus dem Weg und bremst für keine Kamera. So sank im März 2013 seine Herzleistung auf unter 10 Prozent, ein neuer Herzschrittmacher samt Defibrillator gegen den plötzlichen Herztod musste eingepflanzt werden. Schon zwei Tage später saß er im Fernsehen und stellte sich Fragen in einer Talkrunde bei Sabine Christiansen.

 „Jetzt erst Recht“ beschreibt den Kern eines Politikers, der offensiv mit seiner Erkrankung umgeht und als Allroundgenie in allen Ecken der Innenpolitik mitmischt. So leicht gibt er nicht auf.  Mit seiner Krankheit blickt er nach vorne. „Wenn Du mit der Krankheit fertig bist, stehst Du ebenfalls die Probleme in der Politik durch“ so sieht er seinen Krebs nicht als Hemmnis, sondern als Antriebsriemen.

Er lebt intensiver und zitiert dabei die Toten Hosen: „An Tagen wie diesen wünscht man sich Unendlichkeit“.

Sonntag, 1. Juni 2014

Altäre in der Pfarrkirche St. Nikolaus in Königsfeld/Eifel

Die Jahreszahl vor der Eingangstüre hatte mich neugierig gemacht. 1226, das war der romanische Kirchenbau, doch danach sah St. Nikolaus in Königsfeld ganz und gar nicht aus. Gerne besichtige ich Kirchen, wenn sie interessant und vor allem alt aussehen. Ich trat ein, und auch von innen registrierte ich, dass der Umbau im neugotischen Stil aus dem Jahr 1912 die romanischen Stilelemente dominierten, die sich im Chor wiederfanden. Was mich aber anzog, waren weniger die Reste romanischen Baustils, sondern die Altäre.


Der Hochaltar mit der freistehenden Altarwand stammt aus dem Jahr 1912.


Selten ist die Form des aus runden Bögen geschnitzten Marienaltars.


Aufwändig gestaltet ist der Aufsatz des Nikolausaltars.


Dem Heiligen Maternus, das war der erste Bischof in  Köln, wurde ein Altar geweiht, da er auf seinem Weg von Köln nach Trier in der Nähe von Königsfeld übernachtet hatte.

Mittwoch, 28. Mai 2014

Agnostizismus

Im Gerichtssaal kam es zum Eklat.

Regungslos sackte Murat K. in seinem Stuhl zusammen und krallte sich in seiner gefütterten Winterjacke fest. Seine Finger zupften an dem buschigen Bart, der in seinem Gesicht wie Unkraut wucherte, als der Richter das Urteil verlas. Die Revision wurde abgelehnt. Murat K., rechtskräftig verurteilt, das war im Oktober 2012, einem Polizisten hatte er mit einem Küchenmesser in den Oberschenkel gestochen, als dieser sich dem prügelnden Mob aus ProNRW und Salafisten entgegen stellte. Dann stieg der Zorn in ihm auf, sein Gesicht wurde feuerrot, er schmetterte den Richtern seinen Hass entgegen, so wie bei seiner Verurteilung vor anderthalb Jahren. ProNRW habe Mohammed-Karikaturen gezeigt, dies beleidige alle Moslems, Recht und Gesetz würden dieses Unrecht decken, die Polizei hätte bestraft werden müssen. Hass und Feindschaft würden gesät, wenn die Verantwortlichen nicht die Regeln des Islams annehmen würden. Schließlich packte er ein Grundgesetz, schleuderte es auf den Boden und trat mit den Füßen darauf herum.

So wie andere abends durch die Fernsehprogramme zappen, von Soap-Opera zu Dokumentation, von Krimi zu Quiz-Shows, von politischen Sendungen zu Reisereportagen, so zappe ich gerne auf meinem Internet-Radio herum. "Das philosophische Radio", freitags von 20.05 Uhr bis 21.00 Uhr auf WDR5, hat es mir angetan. Jürgen Wiebicke moderiert, da höre ich gerne zu, er lädt einen Experten ein und die Zuhörer können fleißig ihren Senf dazu geben. Es geht da um das radikal Böse im Menschen, vom Recht auf Nichtwissen in unserer Informationsgesellschaft oder welche Strategien man gegen die Knappheit der Zeit entwickeln kann.

Bei diesem Thema hatte ich zunächst weggehört, weil ich falsch zugehört hatte: Agnostizismus. Ich hatte gehört: Atheismus. Beides hängt wiederum zusammen, und die einzelnen Begriffe sind doch etwas komplett anderes. Das Wort „Agnostizismus“ kommt aus dem Griechischen, wobei die Vorsilbe „a“ für die Verneinung steht und „gnoein“ wissen bedeutet. 400 vor Christus erwähnt Protagoras erstmals den Agnostizismus, weil er keine Möglichkeit sieht zu wissen, ob Götter existieren oder nicht.

Erst im 19. Jahrhundert greift ein Biologe, das ist Thomas Henry Huxley, die Idee des Agnostizismus wieder auf und verbindet ihn mit dem Gottesbeweis. Die Menschen glauben an Gott – dann gehören sie einer Weltreligion an – oder sie glauben nicht an ihn – dann sind es Atheisten. Der Biologe verknüpft die naturwissenschaftliche Sichtweise mit dem Gottesbeweis: die Naturwissenschaft wird nicht beweisen können, ob es Gott gibt oder nicht, daher ist der Atheismus die falsche Gegenposition zum Glauben an Gott. Diese Gegenposition ist vielmehr das Nicht-Wissen oder die fehlende Urteilskraft des Menschen, den Dingen richtig auf den Grund zu gehen, um aus dem Status des Halb-Wissens heraus zu finden, nämlich der Agnostizismus.

Ich selbst staune, dass die Dinge, an die wir glauben, zahlreicher sind, als ich vermutet hatte. Glaube wird jeder mit Kirche und Religion verbinden, aber die spirituelle Dimension, Wahrheitsfragen, Nicht-Erklärbarkeit, Visionen eines Propheten, das Zusammenfinden in einer Gemeinschaft, Richtlinien wie die zehn Gebote: unabhängig davon, ob der Glaube auf einen Gott gerichtet ist, haben sich solche Konstrukte im Alltag durchaus verbreitet. Der Agnostizist fällt dann dadurch auf, dass er keine Position bezieht. Es ist sein freier Wille zu entscheiden, mit welchen Dingen er sich befasst. Er sucht sein eigenes Glück, indem er die einen Dinge ignoriert und die anderen Dinge, die es ihm Wert sind, teilt und sich in eine Gemeinschaft des Glaubens einbringt. „Leben und leben lassen“, in diesem Grundsatz könnte man diese Lebenseinstellung zusammen fassen.

Ich schaudere selbst, zu welchen Schrecken ein falsch verstandener oder fanatischer Glaube fähig ist. Erst waren es die Kreuzzüge, in denen der christliche Glaube Angst, Schrecken und Kriege verbreitet hat. In der Renaissance waren es Protestanten und Katholiken, die Kriege gegeneinander geführt haben. Nun ist es läppische dreißig Jahre her, seitdem sich in Ulster und Nord-Irland die letzten Protestanten und Katholiken die Köpfe eingeschlagen haben.

Der 11. September 2001 löste eine Initialzündung aus. Betrachtet man die Zahl der Kirchenaustritte, so geht die Gemeinschaft der gläubigen Christen kontinuierlich zurück. Dieses Defizit an religiösem Glauben füllt nun der Islam aus. Mehr noch: in der Perspektivlosigkeit von heruntergewirtschafteten Staaten lassen sich islamische Gotteskrieger rekrutieren, die in ein straff organisiertes System eingebunden werden, weltweit vernetzt sind und die vereint werden durch den Hass gegen das Christentum und die westliche Welt.

Der Glaube hat die Flugzeuge in das World Trade Center gesteuert, der Glaube hat die Feuerwehrmänner, die in Schutt und Asche nach Überlebenden gesucht haben, zu Helden gemacht. Der Glaube hat den Krieg gegen Afghanistan angefacht, um den Lenker islamischen Terrors, Osama bin  Laden, zu finden. Und der Glaube hat Geduld und Ausdauer bewiesen, um so lange nach dem Versteck zu suchen, um den Inbegriff des bösen Glaubens, Osama bin Laden, schließlich in Pakistan zu finden.

Das Gedankengut eines Murat K. ist in die Köpfe so mancher Islamisten, Salafisten und wie sie alle heißen, gewandert. So wie er, rücken die Gotteskrieger aus den Elendsvierteln in Islamabad, Kairo oder Algier aus, um die böse westliche Welt zum besseren Glauben des Islams zu überführen. Murat K. bereut nichts. Er würde wieder so handeln. Sollte sich die Polizei in den Weg stellen, würde er wieder zustechen.

Glücklicherweise sind Murat K. und seine Gesinnungsgenossen eine Randerscheinung. Die Islamisierung unserer Gesellschaft schreitet zwar voran, doch 99% der Moslems haben mit dem Gedankengut eines Murat K. nichts gemein. Christen und Moslems leben spannungsfrei miteinander, das beweist der Alltag, weil sie die Religion des anderen nicht verstehen müssen - was auch eine Form des Agnostizismus ist.

All die Ismen des 20. und 21. Jahrhunderts setzen auf Glauben und Weltanschauung auf, sie haben Massen mobilisiert, die durch Führer willenlos gelenkt wurden. Der Nationalsozialismus hat kein tausendjähriges Reich gebracht, sondern den Völkermord an den Juden. Kapitalismus und Kommunismus haben die Welt in Gut und Böse aufgeteilt. Auch der Kommunismus hat seinen Teil am Völkermord beigetragen, als 1975 bis 1979 auf den „killing fields“ in Kambodscha nicht kommunistisch gesonnene Menschen systematisch ermordet wurden. Mit dem Mauerfall 1989 ist die Ära des Kommunismus zu Ende gegangen, aber glaubt die Weltbevölkerung seitdem nur noch an den Kapitalismus ?

James Bond, Geheimagent 007, hat es gewagt. In den Zeiten des Kalten Krieges hat er dem Kommunismus getrotzt, mutig, kühn, gewagt, hat er es mit den Feinden in Rußland und Afghanistan aufgenommen.  Ausgefeilte Technik hat ihn aus brenzligen Situationen herausgebracht. Er ist zum Retter der Welt geworden, der verhindert hat, dass im entscheidenden Moment die Welt durch eine Atombombe ausgelöscht worden wäre. Zwölf Romane hat Ian Flemming geschrieben, in seiner Rolle als Agent des britischen Geheimdienstes, hat er James Bond zur Glaubensfigur gegen den Kommunismus verewigt.

Der Glaube polarisiert, er läßt nur noch die Wahl zwischen Gut und Böse. Das ist so wie beim Fußball. Fans tun sich zusammen, pflegen ihr Gemeinschaftsgefühl, marschieren ins Stadion, schwenken Fahnen und feuern ihre Fußball-Mannschaft an. Sie glauben daran, dass ihre Mannschaft das Spiel gewinnen wird. Es gibt einen klar umrissenen Feind, der als gegnerische Mannschaft auf dem Platz steht. Wenn alles gut läuft, dann gewinnt eine Mannschaft (oder das Spiel geht unentschieden aus), und anschließend sind die einen Fans todtraurig und betrübt und die anderen Fans im siebten Fußballhimmel oder auch beide Fanblöcke zufrieden. Wenn es schlecht läuft, dann gibt es Randale, so wie zuletzt in der 2. Fußball-Bundesliga beim Abstiegsduell Dynamo Dresden gegen Arminia Bielefeld. Als Dresden 2:0 zurücklag, explodierten Böller auf dem Spielfeld, Leuchtraketen wurden auf den Rasen geschossen. Als das Spiel aus war und Dresden nach einer 2:3-Niederlage in die 3. Liga abgestiegen war, drohten Fans von Dynamo Dresden auf einem Plakat: „Ihr habt eine Stunde Zeit, um unsere Stadt zu verlassen.“ Nachdem sie sich geduscht und angezogen hatten und aus ihren Umkleidekabinen das Stadion verließen, musste die Polizei herhalten, um die Spieler beider Mannschaften vor dem Mob randalierender Fußballfans zu schützen. 

Beim Fußball versteht sich Agnostizismus von selbst, weil es dort nichts zu verstehen gibt. Klar, der Trainer gibt den Spielern eine Taktik an die Hand, seine Mannschaft hat einen guten oder schlechten Tag erwischt, der Rest ist Kampf, Einsatz, Übung, Training, Schnelligkeit, Technik, Teamfähigkeit, Herz, Leidenschaft. Rational zu verstehen, Urteile zu bilden, im Sinne einer Erkenntnistheorie, gibt es nicht beim Fußball. Kurz gesagt: 22 Spieler rennen dem Ball hinterher und in wessen Tor der Ball am häufigsten landet, diese Mannschaft hat verloren.

Agnostizismus ist eine natürliche Einstellung, die andere Fußball-Fans ihren Leiden oder Freuden überläßt. Neutralität, Mäßigung, nicht wissen, den anderen nicht bekehren wollen, ihn so lassen, wie er ist, sich selbst nicht als Heilsbringer verstehen: von solchen Einstellungen könnte unsere Gesellschaft profitieren, um einen falsch verstandenen oder fanatischen Glauben zu entschärfen.