Donnerstag, 31. Mai 2012

Ethik und Konsum

In regelmäßigen Zyklen flammt diese Diskussion bei uns zu Hause auf. Diesmal war es Kindersklaverei in der Elfenbeinküste. Kinder wurden als Sklaven gehalten und halfen auf den Kakaoplantagen bei der Ernte. Erbost waren wir alle und wollten keine Schokolade mehr essen und keinen Kakao mehr trinken.

Solche Themen finden sich auch in meinen Blogs wieder. So hatte ich über den ARD-Marken-Check berichtet, in dem Unternehmen wie H&M, Ferrero oder SATURN an den Pranger gestellt wurden. Regelmäßig geht es dort um menschenunwürdige Arbeitsbedingungen und Ausbeutung, insbesondere in der Dritten Welt. Den Fernsehbericht über Kindersklaverei in der Elfenbeinküste hatte ich vor, genauso in meinem Blog zu platzieren. Der Effekt wäre aber so gewesen wie bei unseren Diskussionen zu Hause: Vor Wut hätte ich gekocht. Auf die Firmen, die daran verdienen, hätte ich geschimpft. Danach wäre aber wieder alles verpufft und hätte seinen gewohnten Gang genommen. Bis der nächste Fernsehbericht ausgestrahlt wird und die Wirkung danach wieder verpufft. Wie ein Rad, das sich endlos dreht, aber nicht von der Stelle kommt.

Ethik und Konsum – als Verbraucher kann ich eigentlich Macht ausüben, für welchen Anbieter ich mich bei meinem Kauf entscheide. Bei näherem Hinsehen stelle ich aber fest, dass ich auf ein unentwirrbares Dickicht stoße. Und dass ich eher selten eine Kaufentscheidung nach den Kriterien der Vernunft treffen kann.

Klar: die Öko-Bewegung hat einiges bewirkt – so dachte in der Automobilindustrie in den 70er Jahren noch niemand an Katalysatoren, bleifreies Benzin oder Rußpartikelfilter. In der Textilindustrie gibt es mittlerweile weltweit ca. 100.000 Qualitätszertifikate, mit dessen Hilfe über alle Wertschöpfungsstufen die Umweltfreundlichkeit von Textilfasern bewertet wird. Fairtrade stellt sicher, dass Arbeiter in der Dritten Welt bei der Ernte von Bananen, Kaffee oder Kakao angemessen entlohnt werden – ohne Kinderarbeit. Bei uns im Rhein-Sieg-Kreis gibt es eine Ethik-Bank, die mit ihrem Kapital nur ethisch vertretbare Vorhaben finanziert.

Trotz dieser positiven Beispiele kriege ich als Verbraucher keinen Griff an meine Kaufentscheidungen. Zu viel Zeitaufwand geht drauf, um mir solche Informationen zu beschaffen. Schlimmer noch: die Botschaften stimmen nicht, denn es wimmelt nur so von Widersprüchen. Einerseits sponsert Ferrero Projekttage an Schulen, die gesunde Ernährung und Bewegung in den Vordergrund stellen, andererseits bezieht Ferrero seine Haselnüsse aus der Türkei, wo Kinder bei der Ernte helfen. Der Touristik-Konzern TUI wirbt mit nachhaltigen Hotels in Urlaubsgebieten und vergisst gleichzeitig die Betonwüsten an mediterranen Stränden, die er selbst mit aufgebaut hat. Der Energiekonzern RWE bietet Öko-Strom aus Laufwasserkraftwerken an und war in der Vergangenheit ein vehementer Verfechter von Atomkraftwerken.

Ethik und Konsum – das Dickicht nimmt kein Ende und die Verwirrungstaktik von Meinungsmachern und Konzernen scheint aufzugehen. Nicht mehr als Nischenexistenzen sind die positiven Beispiele, die glaubwürdig klingen und keine Doppelmoral betreiben. So eine Art Subkultur, Auflehnung, Randgruppe, aber keine Massenbewegung. An den Leitbildern großer Konzerne darf ich mich ohnehin nicht orientieren. All diese kleinen Ethik-orientierten Ansätze muss ich wie ein Puzzle zusammensetzen – bis ich zum Schluss merke, dass weit mehr als die Hälfte der Puzzlestücke fehlt. In den kleinen Bewegungen wird fleißig getreten und etwas bewegt, aber in Summe – im Großen – bleibt das Rad auf der Stelle stehen. Die globalisierte Wertschöpfungskette leistet ein übriges, um Ethik und Konsum zu verwässern. Wie die Warenflüsse um den Globus kreisen und welche Teile aus welchen Ländern in welchen Produkten landen, dazu bedarf es genauer Stücklisten, um dies festzustellen. Und diese hat der Verbraucher üblicherweise nicht.

Ethik und Konsum – zum Schluß manövriert sich der Verbraucher selbst ins Abseits. Der Einfluss von Faktoren wie Nachhaltigkeit auf die Kaufentscheidung wird wahrscheinlich überschätzt. Vergesslichkeit kennzeichnet die Masse der Verbraucher, denn man muss denken, um nachhaltig einzukaufen. Eltern aller Einkommensschichten kaufen asiatisches Billigspielzeug. Klamotten-Ketten wachsen, in denen sich Kunden für 30 € komplett einkleiden können. Apple meldet Absatzrekorde für iPhones und iPads, obwohl jeder weiß, dass Arbeiter sie zusammengeschraubt haben, die schuften müssen, bis sie zusammenbrechen. Bei LIDL, ALDI & Co nehmen die Warteschlangen kein Ende, wenn Montag morgens die Schnäppchenjagd eröffnet wird.

Ethik und Konsum – offensichtlich sind dies Welten, die nicht zusammenpassen. Da kann das Fernsehen noch so viele Markenchecks zeigen. Zuletzt war Adidas an der Reihe. Da können noch so viele Unternehmen an den Pranger gestellt werden – wegen Kinderarbeit oder sogar Sklaverei. Wieder erschreckt eine Fieberkurve der Empörung den Fernsehzuschauer. In gewohnter Heftigkeit wird bei uns zu Hause diskutiert – mehr passiert nicht.

Business as usual.

Dienstag, 29. Mai 2012

ESC

No Go – dieser Begriff, mit dem Beate meinen Blog zum Phantasialand kommentiert hatte, traf den Kern: meiden, sich fernhalten, nicht hinsehen. Für den ESC habe ich mich nie interessiert – was angesichts meiner musikalischen Vorlieben, die ich in meinem Blog zum Ausdruck bringe, folgerichtig ist.

No Go – diesem seichten Gedudele, das in diesem europaweiten Showzirkus daher plätschert, habe ich längst eine Absage erteilt. 1974: Abba entzündete mit Waterloo vielleicht noch eine bahnbrechende Wirkung, denn Abba wurde danach weltberühmt und landete einen Hit nach dem anderen. Melodie, Rhythmus und Eingängigkeit konnte man Abba jedenfalls nicht absprechen. 1976 herrschte bei mir blankes Entsetzen, als Brotherhood of Man mit „Kisses for me“ den ESC gewann. Das war zum Weghören, ein unterirdisches Niveau an Plattheit. Mir ist es bis heute ein Rätsel, dass solche Platten überhaupt verkauft wurden. 1982 wurde dann zum Horror-Trip: die Saarländerin Nicole gewann mit  „Ein bisschen Frieden“ den ESC, und seitdem schmeiße ich sämtliche ESC-Interpreten in denselben Topf wie Helene Fischer oder Andrea Berg.

Als Lena Meyer-Landruth vor zwei Jahren den ESC gewann, bewegte sie sich nach Jahrzehnten ein Stückchen oberhalb dieses unterirdischen Niveaus. Klar, sie punktete auch mit ihrem Aussehen, und Stefan Raab hievte sie mit seiner Geldmaschine so ins internationale Geschäft hinein, dass er wohl selbst auch kräftig mit dran verdiente. „Satellite“ klang frisch, jung und nicht so abgestanden wie die übrigen Eintagsfliegen auf dem großen Parkett des ESC. Am Rande registrierte ich sogar zufrieden, dass Lena mit „Bert, oh Bert“ die Sesamstraße aufmischte. Ernie war mit Bert beim Apfelpflücken verabredet, doch Bert war verschwunden. Anstatt dessen tauchte Lena auf. „Bert, oh Bert“, diese Variation von „Satellite“ singend, suchte sie Bert, bis er aus dem Nichts auftauchte.


Grillend und bei einem Faß Kölsch den Abend mit Freunden verbringend, verschwendete ich in diesem Jahr keinen Gedanken an den ESC. Zumindest am Samstag Abend nicht. Die Tage zuvor war dies einiges schwieriger. Beim Radio-Hören konnte ich dem kaum entkommen, wobei ich eine scharfe Trennlinie zwischen WDR2 und SWR1 feststellen musste. Während Roman Lob in WDR2 ungefähr so wichtig war die Brutsaison der Schellenente auf Rügen, nahm in SWR1 die Vorfreude auf seinen Auftritt in Baku kein Ende. Ich hätte nie vermutet, dass Rheinland-Pfälzer ein solches Gemeinschaftsgefühl entwickeln konnten. Sonst hatte ich dies nur vom 1. FC Kaiserslautern in Erinnerung – nun war es Roman Lob. Neustadt an der Wied – in verschiedensten Facetten wurde seine Heimat beschrieben. Neustadt an der Wied – das war nicht einmal so weit von NRW entfernt, in einem Zeitfenster von etwa fünf Stunden hätte ich locker dorthin eine Rennradtour machen können. Roman Lob hätte mich sicherlich nicht interessiert, eher das Wiedbachtal – das wirklich sehenswert war – oder ein 10%iger Anstieg über den Westerwald nach Linz.

„I’m standing still“, der Refrain bewegte mich nicht wirklich, in SWR1 blockierte dieses Stück regelrecht die Sendezeiten. Ich musste dieses Stück über mich ergehen lassen und ich lernte, was ein Ohrwurm ist. Dieser schlappe Refrain zum Einschlafen, irgendwann summte ich ihn mit, und ich ertappte mich, dass ich ihn selbst beim Spülen oder Rasenmähen vor mir her summte. Solch ein Ohrwurmpotenzial ! Da musste doch eine gute Platzierung in Baku drin sein ?

Mit Freunden einige kühle Kölsch genießend, ersparte ich es mir, meine Gehörzellen beim ESC zu strapazieren. Auf all die herum hüpfenden und herum hampelenden Gestalten durfte ich verzichten. Ebenso auf herausgeputzte Schönheiten, auf barbiepuppenhafte Kleider und Frisuren, die eigentlich in eine Kunstausstellung hinein gehört hätten. Meine Augen bewahrten den Durchblick: sie wurden von keinerlei Lichteffekten geblendet, die sich wasserfallartig über die Bühne ergossen und mitunter von Nebelschwaden auseinander gerissen wurden.

Aus den Schlagzeilen der Bild-Zeitung erfuhr ich am nächsten Tag das Ergebnis: „I’m standing still“ hatte den achten Platz belegt. Ein achtbares Ergebnis. Den Song des Gewinners aus Schweden habe ich mir bis heute noch nicht angehört. Ihn hätte ich ohnehin schnell in die Schublade des Vergessens einsortiert.

Freitag, 25. Mai 2012

Marguerite Yourcenar - Die schwarze Flamme

Brügge im 16. Jahrhundert. Die Hansestadt in Flandern ist der Ort des Geschehens, als ein Arzt nach 30 Jahren Reisetätigkeit an den Ort seiner Jugend zurückkehrt. Brügge – eine der romantischsten Städte, die ich kenne, hatte mich auf diesen Roman neugierig gemacht. Grachten, Kanäle, Häuser aus rostbraunem Backstein, Treppengiebel – dies alles sollte ich in dem Roman vermissen. Das war nicht schlimm, denn die Handlung wurde zum Monument.

Es war eine Neuheit für mich, einen historischen Roman zu lesen. Literatur über Geschichte hatte ich vor längerer Zeit verschlungen – Biografien oder Einzelthemen – Weltkriege, Aufklärung oder Römerzeit, aber noch keinen historischen Roman.

Es hat sich gelohnt. „Die schwarze Flamme“ ist ein gewaltiges Werk, in dem sowohl geschichtliche Ereignisse wie Persönlichkeiten der Renaissance zusammengefügt werden. Hierdurch entsteht ein sehr dichtes Bild der Renaissance – welche Weltanschauungen geherrscht haben, wie die Menschen gelebt haben, welche Bewegungen quer durch Europa gegangen sind.

Dabei klingt es unglaublich, dass Yourcenar rund 40 Jahre an diesem Roman geschrieben hat. Als sie Anfang 20 war, hatte sie einen Entwurf von 40 Seiten geschrieben, der sich in dem ersten Teil wiederfindet. 1935 erschien eine Erzählung zu demselben Thema, die sie später in ihren Roman integrierte. In den 50er Jahren fügte Yourcenar einzelne Kapitel des ersten Teils hinzu. Sie vollendete ihren Roman zwischen 1962 und 1965. „Die schwarze Flamme“ kann somit als eine Art Lebenswerk betrachtet werden, welches die Autorin über viele Lebensabschnitte hinweg begleitet hat.

Marguerite Yourcenar (1903-1987) stammt ursprünglich aus Brüssel. Mit Beginn des 2. Weltkrieges emigrierte sie in die USA, sie ließ sich dort dauerhaft nieder und nahm die amerikanische Staatsbürgerschaft an. Neben ihrer Tätigkeit am Lehrstuhl für französische Literatuwissenschaften in New York veröffentlichte sie mehrere Romane, Erzählungen und Gedichte, wovon die historischen Romane „Die Wölfin“ und „Die schwarze Flamme“ am bekanntesten waren. Sie erhielt verschiedene Literaturpreise und wurde 1981 als erste Frau in die „académie francaise“ aufgenommen.

Begegnungen ziehen sich als roter Faden durch den Roman. Zenon, die Hauptfigur, begegnet wesentliche Persönlichkeiten des 15. Jahrhunderts, die die maßgeblichen Einflüsse der Renaissance beschreiben. Zenon wird 1510 in Brügge als uneheliches Kind geboren. Sein Vater, ein Amtsträger der Kirche, wird einige Jahre später in Rom ermordet. Seine Mutter begeht den folgenschweren Fehler, sich nach Münster zu begeben, wo sich die Stadt der Reformationsbewegung nach dem Vorbild des Calvinismus in den Niederlanden geöffnet hat. Diese Form des Protestantismus geht der deutschen Reformationsbewegung zu weit. Daher dringen Truppen aus den umliegenden Fürstentümern in Münster ein und begehen ein Massaker an der Bevölkerung. Dabei wird Zenons Mutter hingerichtet. Aber bereits vorher – bei der calvinistischen Reformationsbewegung – werden religiöse Exzesse beschrieben, dass beispielsweise Menschen, die den Müßiggang pflegen und nichts tun, hingerichtet werden, weil dies nicht der religiösen Weltanschauung entspricht.

Zenons Vetter ist Sohn eines Bankiergeschlechtes. Handel, Kapital, Geldflüsse, Warenflüsse, Manufakturen blühen in der Renaissance auf. Die Bankiers verkehren zwischen den Fürsten in illustren Kreisen, wobei ihr geistiges Potenzial mittelmäßig ist und ausschließlich die Höhe des Geldkapitals entscheidend ist.

Zenon selbst sucht seinen eigenen Weg, unabhängig von seinen Eltern. Schon als Jugendlicher zeigt er eine enorme Strebsamkeit nach Wissen, welches ihm sein Onkel – der Dompropst in Brügge ist – vermittelt. Das ist vor allem die Philosophie: diese Wissenschaft verleiht im die Basis seines Wissens, und in der Renaissance koppeln sich eigenständige Disziplinen von der Philosophie ab, namentlich die Naturwissenschaften und die Medizin. Zenon verkörpert eine Dreiereinheit der Wissenschaften: Philosophie, Alchimie und Medizin.

Um seinen Wissensdurst zu stillen, geht Zenon auf Wanderschaft – quer durch Europa. Fiktiv konstruiert oder historisch belegt – so erzählt Yourcenar die Episoden während der Wanderschaft. Zenon stößt auf Bankiers, er erlebt einen Aufstand in einer Weber-Manufaktur, wo man sich gegen die miserablen Arbeitsbedingungen wehrt, er durchlebt die Pest. Die Pest hat ihn vielleicht am nachhaltigsten geprägt, denn er versteht seinen Beruf als Arzt – er will anderen Menschen helfen, unabhängig von deren Anschauung, Status, Beruf oder sonst was. Seine Reisen führen ihn bis in den Orient hinein und fast bis ans Nordkap. Von sexuellen Ausschweifungen, bei denen vor allem Geistliche ein schlechtes Bild abgeben, hält Zenon nicht allzu viel – mit Ausnahme von Schweden, wo er seine wahre Liebe kennen lernte, aber wegen der Wanderschaft wieder verlassen musste.

Als Philosoph, Alchimist und Arzt verfasst er Schriften, in die die treibenden Kräfte der Renaissance einfliessen: ein Weltbild, das die Naturwissenschaften neu begründet, Alchimie, um neue Materie aus bereits vorhandener Materie zu schaffen, ein Katholizismus, dessen Gott-zentriertes Weltbild revidiert werden muss. Das soll ihm später zum Verhängnis werden.

Nach 30jähriger Wanderschaft müde geworden, beschließt er, in Brügge sesshaft zu werden. Dort ist er als Arzt in einem Hospiz tätig. Bis ihn ein Vorfall den Boden unter den Füßen wegreisst: einem Protestanten, der ansonsten verblutet wäre, rettet er in Brügge in den katholischen Niederlanden durch seine ärztliche Hilfe das Leben. Zenon steht zu seinem Verhalten, und aus seiner Umgebung erhält er Ratschläge, Brügge besser zu verlassen. Er ignoriert diese Ratschläge, und gemeinsam mit seinen veröffentlichen Schriften, die weithin bekannt sind, wird ihm der Prozess gemacht.

Flandern gehört im 16. Jahrhundert zu Spanien, das rege von der Inquisition Gebrauch macht. In diesem Umfeld bergen die Schriften Zenons, eine Unendlichkeit des Weltraums zu postulieren oder von einem geozentrischen Weltbild auszugehen, ein inquisitorisches Potenzial. In dem Prozess muss Zenon den kirchlichen Grundsätzen Rede und Antwort stehen. Zenon wird zum Tode verurteilt, wobei er seiner Hinrichtung durch seinen Selbstmord zuvor kommt. Yourcenar hat sich bei dem Prozess an Giordano Bruno angelehnt, der im Jahr 1600 wegen seines gegenläufigen Weltbildes von der Kirche in Rom hingerichtet worden ist.

Als ich den Roman zu Ende gelesen hatte, war ich geradezu hingerissen. Yourcenar ist es gelungen, die sehr vielschichtigen Einflüsse in der Renaissance zu einem Ganzen zusammenzufügen. Ihre Sprache ist verständlich, die einzelnen Episoden schildert sie kurzweilig, sie sind mitten aus dem Alltagsleben in der Renaissance heraus gegriffen, der Leser muss kaum geschichtliche Vorkenntnisse mitbringen, die Autorin bewegt sich auf Augenhöhe mit dem Leser. Bei der Komplexität des Themas ist dies ein sehr großer Wurf. Zusammenfassend, war ich entsetzt darüber, wieviel Unheil die Religion den Menschen in Europa gebracht hatte.

„Die schwarze Flamme“ war 1968 veröffentlicht worden und avancierte danach in Frankreich zum Bestseller. „L’oeuvre au noir“ – so hieß der französische Originaltitel -, war sogar 1988 unter der Regie von André Delvaux verfilmt worden – ich habe allerdings nicht rechercheiren könne, ob der Film ins Deutsche übersetzt worden ist.

Bislang gibt es bei mir einen Roman, den muss ich alle paar Jahre lesen – das ist „Die Pest“ von Albert Camus. Nun kommt wahrscheinlich Yourcenar mit „Die schwarze Flamme“ dazu.

Freitag, 11. Mai 2012

Landtagswahl in NRW

Ist sich der Junge seiner Rolle bewusst ? Weiß er, was er in NRW bewegt – oder auch nicht ? Die Blicke treffen sich nicht. Gespannt schaut er unter seiner roten Kappe Norbert Röttgen an, der wiederum seinen Blick abwendet zum Betrachter hin. „Politik aus den Augen unserer Kinder“, was will er damit vermitteln ? Soll NRW Kind-gerechter gestaltet werden ? Soll Kindern mehr Mitbestimmung gewährt werden ? Das Wechselspiel der Blicke irritiert mich; Norbert Röttgen grinst mich zwar an, aber mein eigener Blick verläuft ins Leere.

Ein wenig streng und zielgerichtet ist demgegenüber Hannelore Krafts Blick. Dabei wirkt ihr Lächeln gekünstelt, ihre Frisur sitzt perfekt. NRW im Herzen, das fügt sich zu einer Gesamtkomposition zusammen aus ihrem Portrait, ihrem Lächeln und dem Schriftzug. Der Rest des Wahlplakats ist langweilig und stereotyp: der blasse Hintergrund, der die matten Farbtöne überwiegen lässt, dieses Zurechtgerückte, dieses Arrangierte für den Augenblick. Und nicht mehr.

In dieser stereotypen Grundstimmung gehen allgemein die Botschaften der Parteien unter. „Vertrauen, Kompetenz, Nachhaltigkeit“, „für ein gerechtes NRW“, „mehr Kindergartenplätze – gut für NRW“, „Schluss mit der Politik auf Pump“, „lieber etwas bewegen als im Stau ersticken“, "jede Kraft braucht einen Antrieb", ja, klar, das ist schön, das wünschen wir uns alle, über alle Parteien hinweg klingt dies aber wie über einen  Kamm gebürstet. Genauso hohl wie Werbebotschaften, die sich nach dem Konsum wieder in ein Nichts verflüchtigen. „Erst kommt der Mensch, dann kommt der Markt“, das ist eine der wenigen Ausnahmen bei den Piraten, doch ihre übrigen Botschaften wimmeln genauso von Stereotypen.

Wahlkampf in NRW, und mit einem Mal gerate ich als Wähler ins Visier der Parteien. Seitdem ich wählen gehe, mache ich bei Bundes-, Landtags-, Kommunal-, Europawahlen dasselbe Spielchen mit, dass sich im Zeitverlauf nicht verändert hat. Möglichst diffuse und nichtssagende Botschaften. Einen möglichst hohlen Oberbegriff wählen, von dem sich alle angesprochen fühlen. Sich nicht festlegen. Bloss nicht konkret werden. Nichts in den Raum stellen, was im nachhinein kontrolliert werden kann. Seitdem ich wähle, habe ich den Eindruck mit einer glitschigen Wabbelmasse von Politikern zu tun zu haben, die selten die Verantwortung übernimmt und wenn es kritisch wird, in eine Sphäre zu entweichen versucht, die frei ist von messbaren Größen, um ihnen etwas nachzuweisen.

Nach welchen Kriterien wähle ich ? Wählen ist bei mir zu einer starren Gewohnheit geworden, denn ich habe immer dieselbe Partei gewählt. Dabei betrachte ich mich als unpolitisch dahingehend, dass die Politik wiederum durch weitere Wechselwirkungen getrieben ist. Und dass ich die ganzen Verfahren des Regierens, der Willensbildungen im Parlament oder der Gesetzgebungsverfahren nicht vollständig im Detail mitverfolge – weil ich mich hier wie sonstwo mit Informationen zugeschmissen fühle. Ich gebe zu, dass ich in Debatten zu Einzelthemen nicht ausreichend Stellung beziehen könnte und ich gebe auch zu, dass es sicherlich gegenläufige Ansichten zu meiner Wahlentscheidung geben wird, die ich an irgendeinem Punkt nicht mehr vollständig widerlegen kann. Erschwerend kommt hinzu, dass die großen Parteien immer stärker zusammenrücken und dass sich die Unterschiede verwischen. Dabei ist Wählen immer noch eine Errungenschaft unserer Demokratie. Und die Menschen sollten wählen – und nicht aus Protest zu Hause bleiben.

Landespolitik – da habe ich schon Probleme bei der Auswahl der Themen, welche landesspezifisch sind und nicht bundesspezifisch. Bildung, innere Sicherheit, das ist mir noch klar, aber welche weiteren Kompetenzen nach welchen Kriterien zwischen Bund und Ländern aufgeteilt sind, das erscheint mir wie ein bürokratisches Monstrum. Oft bekomme ich dies nur punktuell mit, wenn mich gerade etwas persönlich betrifft – wenn etwa den Kommunen Geld fehlt, um Schlaglöcher auf den Straßen auszubessern oder wenn die Studiengebühren an Universitäten abgeschafft worden sind. Das Top-Thema in der Landespolitik – das ist die Verschuldung von NRW. Doch da lehne ich mich mittlerweile gelassen zurück, denn dies ist auf europäischer Ebene dieselbe Diskussion. Frankreich, Spanien, sogar die Niederlande, die alte makroökonomische Diskussion von höherem Wirtschaftswachstum und höherer Verschuldung ist dort wieder aufgelebt. Diese volkswirtschaftlichen Theorien sind nicht ganz so einfach zu durchdringen – meine Schlüsse für NRW werde ich später ziehen.

Selbstbewusst und optimistisch schaut Norbert Röttgen seine Wähler an. Aus ihrem tiefsten inneren, im Herzen NRW, versprüht Hannelore Kraft nicht weniger Optimismus. Nächsten Sonntag ab 18 Uhr wissen wir mehr.

Donnerstag, 26. April 2012

der Selbstmord des Lieven Deflandre


Auf der Seite meines Blog-Freundes Pascaldigital aus Belgien habe ich gelesen, dass sein Facebook-Freund Lieven Deflandre gestorben ist.

Für Pascaldigital war es eine der Facebook-Freundschaften, was für mich Blog-Freundschaften sind: in der virtuellen Dimension des Netzes, ohne persönlichen Kontakt, man schreibt sich Posts hin und her. Im Netz ergeben sich Puzzle-Stücke der Persönlichkeit, doch letztlich versteckt man sich in der Anonymität.

Lieven Deflandre war nicht einmal sein richtiger Name, sondern sein Pseudonym. Der Tod eines Pseudonyms ? Lieven lebte alleine in einem Appartement in Gent. Da sein Appartement seit November 2011 renoviert wurde, musste er in eine Baracke mit schlechter Wohnqualität umziehen.

Lievens letzter Facebookeintrag datiert vom 13. Februar. Nachdem Posts von Facebookfreunden, die er danach erhielt, unbeantwortet blieben, meldete sich am 8. März erstmals eine Facebook-Freundin, was mit ihm los sei und dass er über Facebook ein Lebenszeichen von sich geben wollte. Am 2. April wurde er schließlich tot in seiner Ausweich-Baracke aufgefunden. Er hatte Selbstmord begangen.

Lieven Deflandre hieß eigentlich Lieven Vromman. Da er weitestgehend seine Kontakte über Facebook pflegte, luden seine Geschwister alle Facebook-Freunde zum Begräbnis mit anschließendem Umtrunk ein. Dort fanden sich eine Reihe von Facebook-Freunden zusammen (unter ihnen Pascaldigital), und im Nachgang, erst durch Lievens Tod, lernten sie sich in der Anonymität des Facebook-Daseins kennen. Seine Texte, die er geschrieben hatte, wurden vorgelesen. Seine gemalten Bilder wurden gezeigt. Musik, die er gerne gehört hatte, wurde gespielt. Darunter war jede Menge spanische Musik, denn er war leidenschaftlich gerne nach Spanien gereist. Einige Facebook-Einträge sind auch vollständig in Spanisch geschrieben.

Lievens Grundstimmung ist pessimistisch, und an mehreren Stellen dringt sein Hang zur Depression durch.

Trotzig, zynisch, treffsicher, intelligent und stilistisch anspruchsvoll sind seine Einträge in Facebook. Hier ist eine Auswahl:

„Lieven geht in die schlafende, zerfallende, im Koma liegende Stadt auf der Suche nach einer Lackiererei, die offen ist auf diesem elenden Tag, auf der Suche nach schwarzer Farbe um seinen dunkelsten Albträumen Gestalt zu geben …“

„Kein Mensch ist intelligent genug, um seiner eigenen Dummheit zu entkommen …“

„Vergebung ist eine richtige Tugend für das christliche Volk. Nihilisten verziehennie und vergessen nichts. Sie sind glühend heiß vor ihrem ewigen Feinde… „

„Die Welt ist hübsch, das Leben ist schön, aber alles ist schade wegen all den langweiligen Menschen, die einem über den Weg laufen … „

Ab und zu ging Lieven in einem Eck-Café ein Bier trinken. Dort hatte er sich darüber beklagt, dass es „überlief von Schamanen, die ihre Seele in der Toilette verloren und nach fünf Stunden ein bewusstseinserweiterndes Gift – genannt Jupiler (belgische Biersorte) – ausgekotzt hatten, um sich selbst und ihre schwache Seele zu reinigen.“

Einer seiner letzten Facebook-Einträge war, dass Dichter eine der schwersten Berufe der Welt ist und ein ständiges Gefecht mit der Sprache, einer Pistole und einer Flasche Bier. Ein wenig denke ich dabei an Hemingway, der depressiv war und vor lauter Angst vor Einfallslosigkeit und Erfolgslosigkeit schließlich Selbstmord beging.

Am 2. April wurde Lieven tot in seiner Baracke aufgefunden.

Ruhe in Frieden !

Donnerstag, 22. März 2012

Behörden

In den Gängen hatte sich der Mief der letzten zwanzig Jahre angesammelt. Ich befand mich im Bürgerbüro, das war vor etwas mehr wie einem Jahr. Das Viereck des Gangs zerfloß ins Ziellose, die weiß gestrichenen Wände ödeten mich an, einfallslos strich die graue Maserung über die Steinfliesen, die Atmosphäre war steril wie in einem Krankenhaus. Die Sitzbänke waren in einem einfachen Stil gehalten, hellbraunes, abgewetztes Holz, ausdruckslos, ich kam mir vor wie in einem Wartezimmer einer Zahnarztpraxis. Zwischen dem Knäuel von anderen Menschen, die ihr Anliegen in der Stadtverwaltung erledigen wollten, hatte ich einen freien Sitzplatz gefunden. Die rote Lichtanzeige über den drei besetzten Bürgerbüros signalisierten, dass gewartet werden musste. Auf dem Türschild las ich „An- und Abmeldungen, Pässe und Ausweise, Melderegister, Führungszeugnis, Beglaubigungen, Gewerberegisterauskünfte, Führerscheinangelegenheiten.“

Nach einer Wartezeit, die ich länger vermutet hatte, trat ich ein. Der Mitarbeiter, der mein Anliegen entgegennahm, passte nicht ganz in diese steife und erstarrte Bürolandschaft hinein: lässig schlängelte sich der Kragen seines Poloshirts um seinen Hals, seine schwarze Jeanshose saß tadellos. Über dem schmalen Streifen seiner Koteletten reichte sein struppiges Haar über seine Ohren. Ein braun umrandeter Bilderrahmen mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern verschönerte den Schreibtisch des Mittdreißigers.

Ein Gang zum Wandschrank, ein Griff in eine Heftmappe, den Antrag auf das begleitete Fahren unseres Sohnes war ich losgeworden, die Antragsunterlagen konnten an die zuständige Führerscheinstelle weiter gereicht werden.

Wenn ich mich an die Zeiten zurück erinnere, dass ich selbst in einer Behörde gearbeitet habe (es war nicht die Stadtverwaltung), ereilen mich Wahnvorstellungen. Das war bis ungefähr Ende der 80er Jahre.

Eine zeitlang war ich damals in der Hausverwaltung tätig. Wir durften kaum etwas selber machen, sondern bekamen alles vorgeschrieben. „DADASt“ hieß ein merkwürdiges Kürzel, im Langtext war dies die „Dienstanweisung für die Dienstausstattung“. Da bekam man bis ins kleinste Detail bis auf Marke und Typ vorgeschrieben, welche Schreibtische, Kleiderschränke, Wandschränke, Garderobenständer oder Papierkörbe in den Büros zu stehen hatten, aus welchem Material der Fußboden zu verlegen ist oder in welchem Jahresabstand Wände neu gestrichen werden dürfen oder wie der Anstrich genau auszusehen hat.

Das Malheur ging noch weiter: nicht nur wurde einem alles vorgeschrieben, sondern man bekam für das, was man rund um die Gebäude bezahlen musste, viel zu wenig Geld. Beispielsweise Energie. Über mehrere Jahre erlebte ich, dass wir für Strom, Gas, Heizöl, Wasser viel zu wenig Budget bekamen. Eigentlich hätten ab etwa September alle Lichter ausgehen müssen, weil wir keinen Strom mehr bezahlen konnten. Oder ab dem Herbst hätten wir frieren müssen, weil wir unsere Gasrechnungen nicht mehr bezahlen konnten. Nach mehrfachem Hickhack und Hin und Her bekamen wir dann  zusätzliche Geldmittel. Aber ohne Lerneffekte, denn im Folgejahr bekamen wir erneut zu wenig Geld, und jedes Jahr wiederholte sich dieses Spielchen, dass wir um Geld betteln mussten.

Das schlimmste war, dass die meisten es aufgegeben hatten, selbst zu denken, weil alles von oben vorgeschrieben wurde. Die Intelligenz beschränkte sich darauf zu wissen, was wo steht. Gab es einen solchen seltenen Fall, dass irgendwo etwas nicht geregelt war, musste jemand es nach oben reichen, damit jemand anders es regelt. Der Versuch, selbst zu denken, wäre ohnehin bestraft worden: wenn man es versuchte, kam es stets so, dass von oben anders entschieden wurde, eigene Denkansätze wanderten früher oder später in den Mülleimer.

Ämter und Amtsbezeichnungen erhielten in diesem Umfeld besondere Aufmerksamkeit. In Frühstücksrunden oder Gesprächen bewegten diese Themen alle: wie der Planstellenkegel aussieht, wie die Arbeitsplätze bewertet werden, wann wegen Zurruhesetzung welche Arbeitsplätze frei werden, welches davon Beförderungsdienstposten sind, wann mit Beförderungen zu rechnen ist. An jedem Türschild prangerten die Amtsbezeichnungen, und wenn man wusste, wie alt der Kollege war und welchen Familienstand er hatte, dann kannte aufgrund der Besoldungstabellen des öffentlichen Dienstes jeder sein Gehalt.

Es war schwer, sich diesem Trend zu entziehen, einzurosten oder dass das eigene Denken in bestimmte Bahnen gelenkt wurde. Der Kreativität beraubt, gab es sogar Kollegen, die zum  Alkoholiker geworden waren.

In unserem Freundeskreis haben wir auch Bekannte, die in einer Behörde arbeiten. Wahrscheinlich sind sie dazu übergangen, im Dienst das Denken den Pferden zu überlassen und sich nach Feierabend selbst zu verwirklichen. Möglicherweise haben auch die Ermessensspielräume im Zeitverlauf zugenommen, so dass eigenes Denken mehr gefragt ist. Zurück gesprungen zu unserer Stadtverwaltung, stelle ich mir es trotzdem schwierig vor, Bereiche wie Personalausweise oder Meldewesen mit spannenden Aufgaben anzureichern. Diese behördentypischen Bereiche sind wohl immer noch so, wie ich es anderswo bis Anfang der 90er Jahre kennengelernt habe: ablegen, reinschieben, weg damit, Routinekram. Staatliche Aufgaben, ohne sich damit identifizieren zu können.

Aus eigener Erfahrung habe ich einen Lichtblick erlebt: das Finanzamt. Die haben bei uns auch ein solches Bürgerbüro, und die Kollegen vom Finanzamt sind fit und helfen, wo sie können. Anders wie bei Personalausweisen, ist das Steuerrecht viel dynamischer und auch breiter gefächert. Das alleinige Wissen, was wo steht, reicht nicht aus. Und ständig überholt sich dieses Wissen. Die Rechtsprechung kommt kaum nach, sämtliche Einzelfälle mit detaillierten Regeln zu hinterlegen.

Mit seinen Denkmustern kommt mir das Finanzamt schon geradezu modern vor.

Mittwoch, 21. März 2012

altes Tagebuch

Der Umschlag ist bereits in zwei Teile zerfallen und hat dennoch seine Schönheit bewahrt. Angekratzt an den Ecken, heben sich Birnen, Erdbeeren und rote Weintrauben auf dem Umschlag von dem hellen Hintergrund ab. Vom Zahn der Zeit angefressen, hat das Tagebuch in unserer Schrankkommode geschlummert.

Ich nehme das Tagebuch. Momente der Rührung überfallen mich, in den alten Seiten herumzublättern. Seite für Seite spüre ich zwischen meinen Fingern, das federweiche Papier kommt mir zerbrechlich vor wie Kristallglas.

Ich lande im Jahr 1994. Wie ein Film läuft die damalige Zeit vor meinen Augen ab. Unzufrieden war ich in meinem Job. Meine Aufgaben waren weg rationalisiert worden. Körperlich saßen wir noch an unseren Arbeitsplätzen, und niemand konnte uns sagen, ob wir von der Bildfläche verschwinden sollten oder ob wir neue Aufgaben bekämen.

Es ist nicht nur Erinnerung oder Emotion, sondern auch meine Handschrift, die mich im Tagebuch verblüfft. Seit fast zehn Jahren bin ich dazu übergangen, mein Tagebuch, welches ich ständig verfeinert habe, am PC zu schreiben. In der letzten Zeit ist die Form des Tagebuches zunehmend in Blogs übergegangen, wobei Internet und PC für mich dasselbe ist.

Handschrift zu PC: ich stelle fest, dass sich Welten gegenüber stehen, die ungefähr so weit auseinander liegen wie die Erde vom Mond oder wie Mozart zu Deep Purple. Die Handschrift, dies ist Ausdruck der eigenen Persönlichkeit: das ist Eleganz, Geschmeidigkeit, Schwung, Stil, Maß, Proportion in jedem Wort.

Jedes Wort mit der Hand zu schreiben, wäre mir heute viel zu aufwändig. Beinahe, möchte ich behaupten, habe ich es verlernt: ich würde nur noch kraxeln, unleserlich, schnell die Buchstaben dahin schmieren, weil ich keine Geduld mehr habe und weil ich das Endergebnis sehen möchte: den fertigen Text.

Freilich: ein Stück weit habe ich beim Bloggen beibehalten, mit der Hand zu schreiben. Im Kopf schwebt mir eine Idee vor. Aus der Idee muss ein Thema extrahiert werden. Um einen Blog zu schreiben, müssen Querbeziehungen dargestellt werden, Details müssen herausgearbeitet werden, all die Bilder, die im Kopf herum schwirren, müssen geordnet, sortiert, neben einander gestellt werden. So etwas klappt nicht am PC in Word oder Excel. Dieses ungeordnete Gebilde muss ich mit der Hand auf einen Zettel aufmalen. Details muss ich hinein zeichnen. Wie bei einem Baum muss sich eine Struktur herausschälen: die Grobstruktur – das ist der Stamm – und die Feinstruktur – das sind die Äste. So ein Konzept erstellen, das kann ich nur über meine Handschrift.

Struktur, Abschnitte, Tage, handgeschrieben sieht die Form des Tagebuches aus dem Jahr 1994 vollendeter aus wie in meinen heutigen Blogs. Die Gefühle, ob ich traurig oder fröhlich war, ob ich gut oder schlecht drauf war, spiegeln sich nicht nur im Text, sondern auch in der Handschrift. Alte Tagebücher sind Ausdruck der Tagesstimmung, der Leidenschaft, in jedem Wort. Alte Tagebücher sind Kostbarkeiten.