Samstag, 12. Februar 2011

FC

Samstag Abend 20.30 Uhr. Fußgängerzone Königswinter. Ich war ½ Stunde zu früh, um V abzuholen. Treffpunkt war die Apotheke. Ich stand vor diesem schönen Gebäude, das wahrscheinlich aus der Epoche des Bürgertums stammte. Aus dem nach vorn geneigten Dach ragten drei Dachgauben stolz und mächtig hinauf.

Lärm drang herüber, Karnevalsmusik.

Hatten sich eine Handvoll Jecken nach Königswinter verirrt ? Nicht ganz 2 Monate war es noch bis Karneval. Das passte gar nicht in diese abendliche Stille hinein. Verschlossene Ladenlokale, heruntergelassene Sicherheitsgitter und unbeleuchtete Schaufenster dösten wir sich hin. Die Fußgängerzone war ein einsames, verschlafenes Nest. Kaum eine Menschenseele war zu sehen. Die Straßenlaternen spendeten ein mattes Licht. Das Grau des Verbundpflasters kam mir ungeheuer langweilig vor. Trostlos auch die mit Pflastersteinen verlegten Rinnen, die das Verbundpflaster in der Mitte der Fußgängerzone seitwärts begrenzten.

Am Ende der Fußgängerzone wehte die rot-weiße Fahne des Fan-Clubs des 1. FC Köln.

Sie hing über dem Bistro Europa, dessen Türe offenstand. Drinnen war es hell. Genau dort kam die Karnevalsmusik her. Auf den Barhockern an der Theke wurde Kölsch getrunken. An den Stehtischen wurde lebhaft diskutiert und gestikuliert. Im Lokal setzte sich die rot-weiße Farbenpracht fort: rot-weiß waren die Schals, die von den Schultern herunterbaumelten, und rot-weiß waren die Baumwollmützen, lässig auf den Köpfen sitzend. Lautstark ging es her, und auf den überdimensionalen Flachbildschirm, auf dem in kurzer Abfolge Interviews liefen, schaute kaum jemand.

Die Höhner sangen: Mir stonn zo dir, FC Kölle ….

Ja, ich hatte mich ertappt, dass ich mit dem FC litt. Der FC hatte gegen Werder Bremen gespielt. Das Ergebnis kannte ich noch nicht. Unschlüssig, ob ich das Ergebnis wissen wollte oder nicht, schritt ich weiter vorwärts. Das Straßenbild wurde nun abwechslungsreicher: auf einer alten und ehrwürdigen Fassade Stuckarbeiten mit Blattwerk und Reben; viereckige Säulen um die Eingangstüre des Hofs von Holland; das alte Kelterhaus mit seinen beiden mächtigen, sattgrün gestrichenen Eingangstüren; neben der Remigiuskirche ein weit ausholender Fachwerkbau, dessen schwarze Balken ein rechtwinkliges Muster bildeten.

Hatte der FC etwa gewonnen ? Oder zumindest nicht verloren ?

Ich ging zurück zum Bistro Europa. Sahen so die Gesichter von Fußballfans aus, deren Mannschaft verloren hatte ? In den Gesichtern war keinerlei Zerknirschtheit, Depression oder Wut erkennbar. Sie tranken ihr nächstes Kölsch, prosteten sich gegenseitig zu. Die Farben rot-weiß -  auf Schals oder Mützen -  dominierten weiterhin. Nun lief richtig Kölsche Karnevalsmusik, auf die mit feuchte Kehlen mitgesungen wurde. Nein, bei einer Niederlage gegen Werder Bremen hätte diese Szenerie anders ausgesehen.

Ich musste zum Treffpunkt der Apotheke zurück. An den Schaufenstern vorbei, schritt ich über das phantasielose Muster der Gehwegplatten. Die quadratischen Platten wiederholten sich endlos – wahrscheinlich bis zum Ende der Fußgängerzone. In der Dunkelheit eines leerstehenden Ladenlokals wartete ein Bündel Glaswolle auf seine Verarbeitung. Zwischen die Schaufenster mischten sich Plakate, die das Interesse wecken sollten für eine Panaroma-Dia-Show über Neuseeland oder für einen Jeckentreff 2011 oder für eine Multimedia-Reportage am Ende der Welt in Patagonien. In der Fußgängerzone begegneten mir nur einzelne Passanten, die genauso schnell verschwanden wie sie kamen.

Punkt 21.00 Uhr kam mit V an der Apotheke entgegen. Als ich kurz darauf das Auto startete, liefen in WDR2 noch die 21.00 Uhr-Nachrichten. 3:0 hatte der FC gegen Werder Bremen gewonnen. Wahrscheinlich feierten die FC-Fans im Bistro Europa noch bis mitten in die Nacht hinein.

Sonntag, 30. Januar 2011

Simenon

Habe Simenon „Der Bürgermeister von Furnes“ gelesen. Der Bürgermeister Joris Terlinck ist ein ekelhafter Typ: er hat seine Haushälterin geschwängert, sein Sohn ist Anfang 20 und ist in der Armee, die Haushälterin und seine Ehefrau wohnen in demselben Haus. Außerdem hat er mit seiner Ehefrau eine geistig behinderte Tochter, die in einem abgeschlossenen und abgedunkelten Raum vor sich her vegetiert (ab und zu bekommt sie zu essen , ab und zu wird sauber gemacht, es kümmert sich niemand darum, wie sie ihre Notdurft verrichtet). Terlinck ist gleichzeitig Inhaber einer Zigarren-Fabrik. Eines Abends klingelt einer seiner Beschäftigten (Jef Claes) bei ihm zu Hause und bittet um einen Vorschuss auf seinen nächsten Lohn, weil seine 18 jährige Freundin schwanger ist und er sich mit ihr eine Wohnung einrichten möchte. Terlinck lehnt eiskalt ab, worauf Jef Claes ihn mehrmals anfleht und ihm androht, sich umzubringen. Terlinck bleibt hart, und am nächsten Tag bringt Jef Claes sich um. Dieser Selbstmord berührt ihn überhaupt nicht, und machtbesessen übt er seinen Posten als Bürgermeister von Furnes aus (liegt in Flandern und heißt dort „Veurne“). Hierbei ist sein schärfster Konkurrent der Vater der Freundin von Jef Claes (Van Hamme). Nach Bekanntwerden der Schwangerschaft setzt Van Hamme seine Tochter vor die Türe und besorgt ihr eine Wohnung in Ostende. Irrational und nicht erklärbar fährt Terlinck danach immer wieder zu der 18 jährigen nach Ostende und überhäuft sie mit Geschenken, obschon es niemals eine Aussicht auf irgendeine Beziehung gegeben hätte. Gleichzeitig verschlechtert sich der Gesundheitszustand seiner Ehefrau immer mehr, und dennoch hört er nicht auf, nach Ostende zu fahren. Das Ende des Buches entwickelt sich dahin, dass seine Ehefrau stirbt und dass er seinen Posten als Bürgermeister an seinen Konkurrenten Van Hamme abgibt. Mich beeindruckt Simenons Stil, dessen Roman mit relativ wenig Handlung und subtilen Charakterbeschreibungen eine hohe Erzähldichte aufweist. Fixpunkte sind Terlinks zu Hause, wie er seine Zigarren raucht, das Café „Le Vieux Beffroi“ und der Marktplatz von Furnes. Diese Fixpunkte beschreibt Simenon in ständig neuen Facetten und Alltagssituationen. Das skandalöse Auftreten von Terlinck muss in der Zeit von 1938 verstanden werden, als der Roman geschrieben wurde. Im heutigen Umfeld von Presse, Medien und Öffentlichkeit wäre Terlinck mit all seinen Skandalen wahrscheinlich nicht lange Bürgermeister geblieben. Im Roman sicken all seine Skandale nur langsam über die Mutter des toten Jef Claes durch, die in Furnes allen davon erzählt. Anstoß für seinen Rücktritt sind letztlich die menschenunwürdigen Umstände, unter denen seine geistig behinderte Tochter lebt. Die Untersuchung dieser Umstände ist gerichtlich angeordnet worden.