Dienstag, 24. Januar 2012

Pinnwand


Eigentlich wollte ich mir, so wie ich im Wochenrückblick geschrieben hatte, eine Art Ruhetag gönnen, an dem ich aus der Literatur, aus Zeitungen, aus Blogs aufarbeiten wollte, was und wie andere schreiben. Beim Nachdenken habe ich festgestellt, dass zu vieles in meinem Kopf herum schwirrt, so dass ich einen Teil ausspeichern und niederschreiben wollte und nicht auf meinen heutigen Blog verzichten wollte. Ich habe aber eine kürzere Form gewählt, damit ich mich zusätzlich mit Literatur, Zeitungen und Blogs befassen kann. Den Blog-Titel habe ich „Pinnwand“ genannt, wobei ich die Inhalte in Stichworten nieder geschrieben habe. Heute geht es um Arthur Schopenhauer, einen deutschen Philosophen, der von 1788-1860 gelebt hat. Ich habe grob geplant, die Pinnwand stichpunktartig zu anderen Themen fortzuführen – das können Autoren, Begriffe, Dinge des Alltags, Städte, Landschaften usw. sein. Mal sehen, was mir in den nächsten Wochen einfällt ….

Zitate aus Arthur Schopenhauer, Aphorismen zur Lebensweisheit:

„Der Mensch braucht freie Muße, um seine geistigen Fähigkeiten zu entwickeln und seinen inneren Reichtum genießen zu können, also die Erlaubnis, jeden Tag und jede Stunde, ganz er selbst sein zu dürfen.“

„Die menschlichen Bedürfnisse können in drei Klassen eingeteilt werden:
  1. natürliche und notwendige Bedürfnisse (z.B. Nahrung und Kleidung); diese sind leicht zu befriedigen
  2. natürliche, aber nicht notwendige Bedürfnisse (vor allem Geschlechtsbefriedigung); diese sind etwas schwerer zu befriedigen
  3. weder natürliche noch notwendige Bedürfnisse (Luxus, Üppigkeit); diese sind endlos und schwer zu befriedigen.“

„Der Reichtum gleicht dem Seewasser: je mehr man davon trinkt, desto durstiger wird man.“

„Vorhandenes Vermögen soll man betrachten als eine Schutzmauer gegen die vielen möglichen Übel und Unfälle; nicht als Erlaubnis oder gar Verpflichtung, alles Vergnügen in  der Welt heranzuschaffen.“

„Bei Handwerkern gehen die Fähigkeiten zu ihren Leistungen nicht verloren und ihre Fabrikate sind Gegenstand der menschlichen Bedürfnisse, deshalb gilt das Sprichwort: ‚Handwerk hat goldenen Boden’.“

Dienstag, 17. Januar 2012

Rauhreif am Sonntag

Der Motor surrte. Leicht und doch schwerfällig, spulten sich die Rolläden hoch.

Dann der spannende Blick durchs Wohnzimmerfenster: konnte ich in diesem Jahr eine erste Runde mit meinem Rennrad drehen ? Ich hatte es mir vorgenommen, doch die Realität war anders, denn nach Wochen, in denen man die Winterpullover geruhsam im Kleiderschrank lassen konnte, hatte nun der Winter Einzug gehalten. Eine satte Schicht von Rauhreif hatte unseren Vorgarten durchdrungen. Eiskristalle glitzerten auf Grasbüscheln, die auf dem Erdboden zunehmend gewuchert hatten. Die zaghaften Knospen unserer Kletterrose waren wie mit Puderzucker überzogen.

Zuerst Frühstücken, danach hoffte ich, dass mit zunehmendem Sonnenschein die Temperaturen aus dem Keller heraus kriechen würden.

Nach draußen getreten, packte mich die frostklare Luft und mir schnellte das Thermometer mit den eiskalten Temperaturen entgegen: es waren klirrende minus 3 Grad. Dabei gab es auch nichts weg zu diskutieren, denn die Dächer am gegenüberliegenden Mietsgebäude waren weiß gefroren. So dick wie ein Panzer, war unser Auto war von einer Eisschicht überzogen. Und die Blüten unseres Zier-Apfelbaums, die in üppigem Rosa schon die Zeichen des Frühlings gesetzt hatten, wirkten skurril und wirklichkeitsfremd, denn der Winter hatte wieder zurückgeschlagen.

Eis kratzen, Auto starten, Heizung und Gebläse einschalten, beim Bäcker holte ich Brötchen. Mich aufs Fahrrad setzen und zum Bäcker fahren, das hätte ich bei dieser Kälte niemals gewagt.

Anschließend frühstücken und abwarten, denn ich hoffte, dass die aufziehende Sonne die Kälte verscheuchte. Einmal mit dem Rennrad durch die Wahner Heide, rund um den Flughafen, von dieser tollen Strecke durch dieses abwechslungsreiche Naturschutzgebiet, davon träumte ich.

„Hmmm …“
grübelte ich beim Frühstück und ich meinte die Tour mit dem Rennrad. Wir redeten über dies und das, über Freunde und die Nachbarn. Am Fernseher erzählte Fritz Fuchs etwas über Steine und Mineralien und wo man besonders schöne Edelsteine findet. Der Kaffee weckte unsere Lebensgeister, die Brötchen ließen wir uns schmecken. Später applaudierte im Fernsehen eine Kinderschar, denn Reinhold Messmer hatte über seine waghalsige Expedition zum Nordpol berichtet.

„Sieht nicht so doll aus mit der Radtour … „
stellte ich fest, obschon sich ein traumhafter Tag ankündigte. Nebelschwaden zerfaserten das Sonnenlicht, das in diesen zarten Schleier hinein schlüpfte. Dann fiel der Nebel abrupt in sich zusammen, die Reste zerfielen zwischen dem Erdboden, um dann in höheren Schichten aufs Neue hinab zu gleiten. Ein herrliches Schauspiel !

Unser Rasen war schneeweiß, aber nicht voller Neuschnee, sondern der Rauhreif formte eine gleichmäßige Fläche wie einen Teppich. Das Wasser in unseren Regentonnen zeichnete Eisgebilde, so schön wie ein Gemälde.

„Rennrad, das lasse ich besser sein … „ kommentierte ich kurz und knapp die Wettersituation.
„Wenn ich losfahre, bin ich schnell ein Eisklotz. Lass uns den Sonntag genießen ....“

Wir lümmelten uns weiter am Frühstücktisch herum, ließen unsere Beine baumeln und ließen es uns gut gehen.

Montag, 9. Januar 2012

bei Mc Donalds

„Zwei Menüs, davon einmal Chicken Nuggets und einmal Mc Rib, eine Überraschungstüte, ein Filet-O-Fish, zu trinken zwei Cola und eine Capri-Sonne“.
Bei der freundlichen jungen Dame mit dem mädchenhaften Gesicht und dem roten T-Shirt hinter der Theke waren wir soeben unsere Bestellung losgeworden. Sie zapfte die Getränke, platzierte die Überraschungstüte für unser kleines Mädchen auf ein Tablett und stopfte eine Figur in einer durchsichtigen Kunststoffverpackung hinein. Pommes Frites und Burger rundeten unsere Bestellung ab.

„Guten Appetit“ wünschte die freundliche Dame und sie lächelte uns sogar an.

Die Menüs luden wir auf unseren Eckplätzen ab. Durch die Fensterscheiben schauten wir auf die Taktung des Verkehrs, der durch die Grün- und Rotphasen der Verkehrsampel und durch daherbrausende und abstoppende Autos bestimmt war. Die fortgeschrittene Uhrzeit und die Alternative, zu Hause noch Kartoffeln schälen zu müssen und Möhrengemüse zubereiten zu müssen, hatten uns nach Mc Donalds getrieben. Mc Donalds, das hatte ich früher konsequent gemieden, doch mit den Fast-Food-Tendenzen unserer Kinder konnten wir uns Mc Donalds nicht vollständig entziehen.

„Mit 20 € sind wir ausgekommen“ stellten wir zufrieden fest, genau genommen waren es 19,06 €. Dieser Vorteil ließ sich nicht verleugnen. Wir nahmen unsere Menüs, Chicken Nuggets, Mc Rib, Filet-O-Fish. Unser kleines Mädchen griff in die Überraschungstüte hinein, krallte sich die Figur, knisterte an der Verpackung herum und begann zu reißen.

„Wo sind die Nuggets ?“ stellten wir entsetzt fest. Tatsächlich, sie waren in der Überraschungstüte vergessen worden.

 „Dann geh ich zur Kasse“.
Den Anblick eines saftigen Mc Rib’s vor den Augen, war ich genervt und ich schlurfte mit der Energie eines Schlafwandlers zur Kasse. Kein Problem, die freundliche junge Dame entschuldigte sich, mit deutlich mehr Elan kehrte ich zum unserem Eckplatz zurück.

Die Kinderüberraschung war nun aus ihrer Verpackung befreit worden. Die Plastikfigur grinste unser kleines Mädchen mit ihrem roten, quadratischen Körper an. Sie hüpfte über den Tisch und unser kleines Mädchen spielte damit herum.

Weit quollen die schwarzen, blauumrandeten Pupillen aus dem Kopf der Plastikfigur heraus, eingerahmt von dem Logo von Mc Donalds. „Das kann man voll Wasser saugen und dann herumspritzen“ hatte meine Frau gelesen. Da musste man schon genau hinsehen, denn auf den grauen Flaschen unter den Armen waren Löcher hineingepieckst, so winzig, dass man eine Lupe brauchte, um sie erkennen zu können. Ganz entfernt erinnerte die Figur mit dem quadratischen Körper an Bernd das Brot, doch es fehlte die Originalität, der Witz, die Unverwechselbarkeit, das war billig, phantasielos und irgendwo in Fernost produziert.

Wir aßen und ließen uns von dem Flachbildschirm an der gegenüberliegenden Wand mit Musik berieseln. Zwischen den Musikstücken wurde ein junger Sänger interviewt, den ich nicht zugeordnet bekam, weil ich nicht mehr auf dem laufenden war, was so in VIVA oder in den Hitparaden läuft.

Als wir fertig waren, packten wir unsere Einkaufstüten vom Kaufhof zusammen und nahmen die Kinderüberraschung mit. 

Schnell würde diese Plastikfigur wohl bei all dem Plunder landen, der unser Kinderzimmer verstopfte. Bei der nächsten Aufräumaktion würden wir wieder über all diesen unnützen Kleinkram herumfluchen, der sich mit der Zeit angesammelt hatte.

Montag, 2. Januar 2012

Nachlese 2011; gelesene Bücher - Teil 1

Das Buch „Wellenschlag“ von Georges Simenon war eines meiner Weihnachtsgeschenke, denn ich habe mit viel Begeisterung mittlerweile 10 Simenons verschlungen. Dabei interessieren mich mehr die Non-Maigret-Romane, für die Simenon etwas weniger bekannt ist.

In einer einfachen, unkomplizierten Sprache beschreibt Simenon mit reichlich psychologischem Tiefsinn die Alltagswelt der kleinen Leute. So auch hier: „Wellenschlag“  ist mit seinen 163 Seiten als Bettlektüre an einigen Abenden flüssig zu lesen – oder wie bei mir während der Busfahrt.

Die Geschichte ist eine unglaubliche Tragödie. Jean ist Waisenkind und lebt bei seinen beiden Tanten auf dem Gut Wellenschlag in Marsilly in der Nähe von La Rochelle an der französischen Atlantikküste. Jean hat Marthe, seine Freundin, geschwängert. Eigenmächtig veranlassen seine beiden Tanten, dass Marthe abtreibt, ohne dass Jean bzw. ihr Vater davon etwas wissen. Nach der Abtreibung kommt es zu Komplikationen, und eigentlich könnte nur eine Totaloperation helfen, die 10.000 Francs kostet und für die das Geld fehlt. Marthes Blutungen werden immer schlimmer, so dass sie schließlich stirbt. Zuvor hatte Jean Marthe geheiratet.

Der Roman spielt 1938 in einer Steinzeit der Telekommunikation, ohne größeres Telefonnetz, ohne Mobilkfunkkommunikation, ohne Internet oder e-Mail-Verkehr.

Was Marthes Tod betrifft, hätten auch aus heutiger Sicht Krankenkassen in einem solchen Fall die Kosten für eine Totaloperation nicht übernommen.

In dieser Steinzeit der Telekommunikation werden Informationen weitestgehend im Café de la Poste in Marsilly ausgetauscht. Dort finden sich Charaktertypen mit allen Haken und Ösen: Jeans Schwiegervater Sarlat, der Schulden hat; Justin, der wegen diverser Liebschaften als Bürgermeister nicht wiedergewählt worden ist; der Elsässer Kraut, der sich als Gelegenheitsarbeiter durchschlägt und außer Essen und Trinken keinerlei anderen Aktivitäten nachgeht; Jourin, der nach Belieben fremdgeht und dennoch verheiratet ist. Dazu kommen Metzger, Maurer, Hufschmied, Lehrer, also alles, was sich so im Dorf herumtreibt. Dementsprechend stark wird das Café frequentiert, wobei jede Menge gesoffen wird, Karten gespielt wird und endlos über Politik herum palavert wird.

Das ist eine Welt, in die Jean nicht hineinfindet, weil er mit solchen derben Charaktertypen nicht umgehen kann. Anstatt dessen ist er in seinem Alltag gefangen, der auf Gut Wellenschlag stattfindet. Jeden Tag erntet er von morgens früh bis abends spät Austern, indem er bei einem niedrigen Gezeitenstand während der Ebbe die Austern mit Netzen aus dem Meer fischt. Umspült von Wassermassen, werden Karren durch Matsch und Schlick gezogen, was eine fürchterliche Knochenarbeit ist.

Seine beiden Tanten haben ein Netz um ihn gesponnen, dem er letztlich nicht entweichen kann. Ihr Immobilienbesitz ist groß, denn außer dem Gut Wellenschlag, welche 30 ha groß ist, besitzen sie noch zwei Mietshäuser. Sämtliche Gebäudeinfrastruktur und den Fuhrpark stellen sie zur Verfügung. Marthe lebt bei den beiden Tanten, die täglich die beiden bekochen und sich um Marthes schlechter werdende Gesundheit kümmern.

Sein Schwiegervater Sarlat öffnet ihm im Café de la Poste die Augen, indem er die beiden Tanten als „Drachen“ bezeichnet. Doch Jean kann damit nicht umgehen, er will Sarlat verprügeln und wird prompt aus dem Café geschmissen. Anstatt dessen arrangiert er sich mit seinen Tanten und lässt sie weiter gewähren.

Als seine Frau stirbt, trauert Jean nur für eine kurze Zeit. Er lebt bei seinen Tanten in seiner engstirnigen Welt weiter und fühlt sich fortan nicht als Witwer, sondern wird als Junggeselle alt.

Freitag, 16. Dezember 2011

Schnellbus 55


„Ist das der Schnellbus ?“ fragt die Mittvierzigerin mit dem Regenschirm in der Hand.
„Nein“ antwortet der Busfahrer.
Eigentlich ist diese Frage überflüssig, denn die übergroße Leuchtschrift zeigt auf der Frontseite unwiderruflich die Buslinie 550 an.
„Wann kommt der Schnellbus ?“
Der Busfahrer zuckt mit den Achseln.


Eine typische Szene ? Eher nicht, denn die Verspätungen des Schnellbusses halten sich derzeit in Grenzen. Vor einem Jahr herrschten aber zu bestimmten Abfahrtszeiten italienische Verhältnisse, denn dann kam der Schnellbus nach Lust und Laune oder er fiel ganz aus.

November bis Januar, in dieser dunklen Jahreszeit macht es mir keinen Spaß mehr, im Stockfinsteren mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren und wieder nach Hause zurück. Auf unbeleuchteten Passagen ist das Fahrradfahren bisweilen auch gefährlich, wenn Spaziergänger, Hunde oder Jogger aus dem Nichts auftauchen, so dass ich ihnen nur um Haaresbreite entweichen kann.

Im Schnellbus muss sich mein Körper und meine mentale Verfassung auf einen komplett anderen Rhythmus umstellen. Die Taktung von Bewegung, Sinne und Wahrnehmung wird durch die Abfolge von Bushaltestellen bestimmt, egal, ob der Bus steht oder fährt. Vieles geht gemächlicher ab. Erst warten, bis der Bus am Busbahnhof einfährt. Ist dieser nun eingefahren und zum Stillstand gekommen, mutieren manche Busfahrer zum Genießertypen. Sie schwelgen in einer bierseligen Ruhe, steigen aus, verschließen sämtliche Bustüren, verschwinden im Schneckentempo und lassen die Fahrgäste stehen und fleißig schmoren. Eine Zigarettenlänge später kehren sie dann mit einem Pappbecher Kaffee zurück, damit man schlussendlich einsteigen kann.

Ein Glück, dass ich am Busbahnhof, der ersten Haltestelle, einsteige, denn dort habe ich noch die freie Wahl des Sitzplatzes. Gerne verkrümele ich mich auf den hinteren Sitzbänken, um ein Buch oder eine Zeitung auspacken. Dies ist durchaus eine der Vorzüge des Busfahrens: die Zeit zum Lesen. 

Sitzen, vor mich hergucken, in Buch oder Zeitung herumschmökern. Der Rhtyhmus des Busfahrens ist mehr an Zufälle gekoppelt als an eine regelmäßige, fortschreitende Bewegung. Im Stadtgebiet stolpert der Bus eher nach vorne: immer wieder bremsen, Ampel stehen auf Rot, Vorwärtsbewegung, dies abschnittsweise, denn Beschleunigungsmanöver werden ständig unterbrochen durch rote Bremslichter im voraus fahrenden Verkehr. An den Haltestellen, nachdem die Fahrgäste eingestiegen sind, verzögert sich die Abfahrt schon mal ins Unermessliche, wenn der Fahrscheinverkauf zu einer riesengroßen Aktion ausartet.

Neben Verspätungen ist das schlimmste, wenn die Heizungen nicht funktionieren. Bei einer regnerischen und muddeligen und milden Witterung wie heute lässt sich dies ertragen, doch wenn draußen die Temperaturen mit etlichen Minusgraden in den Keller stürzen, wird dies zu einem echten Problem. Bibbern und Zittern ist da angesagt, und mit Schal, dicker Jacke, Fausthandschuhen und Ohrwärmern muss ich mich gegen die sibirische Kälte so einpacken, als ob ich mit dem Fahrrad unterwegs wäre. Die ganzen Fensterscheiben sind dann eingehüllt in eine Dekoration von Eisblumen. Das macht überhaupt keinen Spaß und ich komme mir von der Außenwelt isoliert vor wie in einem Gefängnis.

Wenn der Bus das Stadtgebiet verlassen hat, beeilt er sich ordentlich und wird (hurra !!!) zu einem Schnellbus – mit dem Komfort einer eigenen Busspur. Konzentration und Lesen fallen mir leichter, wenn sich die Fahrgäste nicht hektisch hin- und herbewegen und mit dem Blick auf das Display ihres Smartphones in sich ruhen. Die Dunkelheit draußen hat dann nichts lähmendes mehr, wenn die Lichter der Straßenlaternen als Punkte vorbei fliegen. Die Busfahrt gewinnt an Fluss und Kontinuität. Ich komme zum Lesen: „Die Hirnkönigin“ von Thea Dorn, und Seite für Seite blättere ich vorwärts.

An der großen Kreuzung kommt vor der roten Ampel die Blechlawine zum Stillstand. Wenn die Ampel auf Grün umspringt, wird die sich die Busfahrt fortsetzen. Ich freue mich auf zu Hause.

Freitag, 9. Dezember 2011

Eile mit Weile


Die Arbeit war vorbei. Ich verließ das Büro, und die Straßenbahn war gerade abgefahren. 10 Minuten warten auf die nächste Straßenbahn.

Schnell wurde ich ungeduldig, mein Zeitplan geriet durcheinander. In einen Stoffladen wollte ich für meine Frau ein Gummiband besorgen, danit sie die Ärmel eines Vlies-Shirts vernähen konnte. Ich zog es vor, meine Beine in Bewegung zu setzen, zur nächsten Straßenbahnhaltestelle. Untätig zu warten, auf den nicht abreißenden Autoverkehr zu starren oder auf das langweilig gekrümmte Glasdach der Haltestelle, dazu war ich zu hibbelig. Ich musste etwas machen.

An der nächsten Haltestelle Olof-Palme-Allee nur noch 2 Minuten warten. Das war erträglicher. Einsteigen, zwei Haltestellen weiter, Heussallee, und dort kam ich mir vor wie bei einer Völkerwanderung, denn die Fahrgäste drangen in Scharen ein. Um mich herum quetschte sich alles zusammen, und inmitten von unkontrollierten Bewegungen wurde auf Handys und Smartphones herumgeklimpert, was das Zeug hielt. Ich erkannte Profile auf Facebook oder textliche Bruchstücke, die sich zu einer SMS zusammenfügten. Ich war aufgekratzt und gereizt.

Universität/Markt aussteigen. An einem Knubbel von Menschen musste ich mich vorbei quetschen, um aussteigen zu können. In der unterirdischen Röhre des U-Bahnsteigs kam ich mir eingesperrt vor, und ich zwängte mich an diesem Wirrwarr von Menschen vorbei. Ziellos kam ich mir vor. Würde ich in dem Stoffladen das richtige Stoffband finden ? Wann würde der nächste Bus kommen ?

Über die Rolltreppe, hinaus ins Freie. Ich passierte den Durchgang unter das Universitätsgebäude. Verkehrsstau vor der Tiefgarageneinfahrt unter dem Marktplatz. Auf dem Marktplatz lichtete sich das Menschengewimmel und ich schritt vorbei an den Marktständen.

Im Stoffladen zeigte ich das Stück weiße Gummiband, 4 Zentimeter breit, welches mir meine Frau als Muster mitgegeben hatte. Dieses gab es nur als Rolle, nicht in Stücken, so dass ich zu Hause anrufen musste.

„Wie viel brauchen wir ?“
„10 Meter“
“Danke. Tschüss. Ich bin gleich zu Hause“.

Als ich bezahlt hatte, sah ich draußen die Buslinie 550 heranfahren, so dass ich rennen musste. Glücklicherweise bekam ich aber einen Sitzplatz.

Zu Hause angekommen, stellte ich fest, dass ich das Muster in dem Stoffladen liegen gelassen hatte. Ich dachte an das Sprichwort „Eile mit Weile“. Zu nervös war ich gewesen, um an alles zu denken.

Donnerstag, 1. Dezember 2011

Theater van het sentiment 17.11.1973


Abends auf dem Sessel die Beine hochlegen. Kein Fernsehen, sondern Radio hören. Zum Glück gibt es Internet-Radios, mit denen man Sender aus der ganzen Welt hören kann. Hängen geblieben war ich in den Niederlanden – Radio 2. Die Sendung hieß „Theater van het sentiment“, sie dauerte 3 Stunden und befasste sich mit einem bestimmten Datum – an diesem Datum gab es eine Zeitreise x Jahre zurück in die Vergangenheit. Am 17. November führte die Zeitreise in das Jahr 1973, also 17.11.1973.

Ende 1973, da war ich 14 Jahre alt, ich ging in das Gymnasium in Erkelenz in die 9. Klasse. Diese nannte sich damals Untersekunda, Freunde hatte ich kaum. Mit Höhen und Tiefen bewegte ich mich durch die Unterrichtsfächer, meistens im 2er- oder 3er-Notenbereich.

Die Sendung begann mit den Stücken: „Flashback“ von Paul Anka und „Sorrow“ von David Bowie. Ende 1973 hatte ich mir in meinem Kinderzimmer meine eigene Welt aufgebaut, die hermetisch abgeschlossen war und zu einem großen Teil aus Musik-Hören bestand. Ich hörte WDR2 oder BFBS, doch die Musik auf Hilversum3 – ich wuchs 4 Kilometer von der niederländischen Grenze entfernt auf – war einiges besser, rockiger, leidenschaftlicher, temperamentvoller. Endlos ließ ich mich berieseln, ich schrieb die englischsprachigen Texte mit, ich entwickelte mich zu einem Hitparaden-Sammler. Mit meinen Phantasien und Gedanken tauchte ich in diese Welt ab.

Es liefen “Goodbye Yellow Brick Road” von Elten John und “Mind Games“ von John Lennon, Who’s that Lady von den Isley Bothers und Harmony von Ray Connor. Der Moderator Cobus Bosscha leitete zum Motto dieses Abends über: die insgesamt 7 autofreien Sonntage in den Niederlanden. 1973, nach der anti-arabischen Haltung der Europäer im Jom-Kippur-Krieg, den Israel gegen Ägypten gewann, wurden die europäischen Staaten mit einem Öl-Embargo abgestraft, so dass Benzinknappheit herrschte.  In Deutschland waren es 4 autofreie Sonntage, in den Niederlanden waren es 7. Zuhörer konnten sich melden und ihre Geschichten erzählen, die sie an den 7 autofreien Sonntagen erlebt hatten. Solche Remember-Sendungen gibt es heutzutage auch auf deutschen Radiosendern – aber bei weitem nicht so dicht, zentriert auf ein Motto und mit eigenen Hörererlebnissen wie in „Theater van het sentiment“.

Nach den Stücken „Whos’s that Lady“ von den Isley Brothers und „Harmony“ von Ray Connor meldeten sich die ersten Hörer und erzählten ihre Geschichten: Die Leere der Straßen hatten sie durchweg positiv in Erinnerung. Man fuhr auf Rollschuhen, auch die Fahrradfahrer konnten sich mit aller Begeisterung auf den Straßen austoben. Größere Gruppen von Reitern auf Pferden nutzten die leeren Straßen. In Gelderland hatte man Rundwanderungen ausgeschildert. Ausgangspunkte der Wanderungen waren Ausflugslokale oder Pfannkuchen-Restaurants, die mit Sonderangeboten lockten. Nach der Wanderung kehrte man in eines der Cafés oder Restaurants ein, und dort war es rappelvoll und gemütlich.

Ob mit oder ohne Auto, auf die Gestaltung der Sonntage hatte dies bei uns zu Hause keinen Einfluss. Ende 1973, das war noch die Phase, in der mein Bruder und ich jeden Sonntag Nachmittag mit unseren Eltern spazieren gehen mussten. Diese Spaziergänge habe ich in unendlich verbohrter und langweiliger Erinnerung. Das war meistens immer dieselbe Runde durch den Wald hinter unserem Dorf. Die einzige Abwechslung beim Spazierengehen war, dass wir nicht die Runde durch den Wald, sondern durch die Felder drehten. Wenn wir einmal ganz ausnahmsweise mit dem Auto wegfuhren, dann wiederum, um spazieren zu gehen. (Anmerkung: meine Eltern muss ich entschuldigen, denn in der Ferienzeit haben wir auch einiges unternommen). Diese exzessiven Spaziergänge sollten aber 1974 ein Ende finden,  denn dann begann ich Fußball zu spielen und die Sonntage wurden fortan über den Fußball festgelegt.

Die Stücke „Angie“ von den Rolling Stones und „Just you and me“ von Chicago leiteten zum damaligen politischen Tagesgeschehen über. In Griechenland herrschte eine Militärdiktatur, und im November 1973 gab es, ausgehend von der Universität in Athen, Studentenunruhen gegen die Militärdiktatur. Diese wurde mit Panzern niedergeknüppelt, wobei es 23 Tote gab. Der damalige niederländische Auslandskorrespondent in Greichenland beschrieb, was er damals erlebt hatte. Nach diesen Unruhen wurde 1974 die griechische Militärdiktatur gestürzt. Fast zeitgleich stürzten 1974 bzw. 1975 die Militärdiktaturen in Portugal und Spanien. Aus heutiger Sicht kaum vorstellbar, dass in Südeuropa bis vor 36 Jahren Diktaturen fest etabliert waren.

Ich öffnete einen Valpolicella, goß in das dickbauchige Weinglas ein, der Rotwein zerlief zwischen meiner Zunge. Ich hörte „The Joker“ von und „Down by the Lazy River“ von den Osmonds. Auf dem Gymnasium hatte ich Ende 1973 einen Durchhänger. In den zentralen Fächern Englisch und Mathematik kam ich schlecht mit den Lehrern klar, schlimm war auch mein Klassenlehrer in Deutsch und Sport. Er war ein Giftzwerg, klein, schmal, mit einem Seemannsbart wie Captain Ahab. Bevor er Lehrer war, war er Zeitsoldat bei der Bundeswehr gewesen. Dies prägte seinen Stil, denn es wurde wenig diskutiert, sondern angeordnet. Was wir im Unterricht lasen, damit wusste ich überhaupt nichts anzufangen – wie etwa „Der Jasager und der Neinsager“ von Bertolt Brecht, „Wilhelm Tell“ von Friedrich Schiller oder „Die Ratten“ von Gerhart Hauptmann. Bei dem letzten Stück ordnete er an, dass wir alle ins Theater gehen mussten. „Die Ratten“ wurde gerade im Mönchengladbacher Theater aufgeführt. Er dämpfte über mehrere Jahre hinweg mein Interesse an deutscher Literatur. Erst in den 80er Jahren fand ich wieder Zugang zur deutschen Literatur. Aber noch heute liegen mir z.B. französische Autoren wie Camus oder Balzac näher wie Goethe oder Schiller.

Die nächsten Stücke waren „Photograpes and Memories“ von Jim Croce, „Wovoka“ von Redbone, „Wonderful“ von Colin Blunstone. Diese Stücke wurden weder damals bzw. werden weder heute in einem deutschen Radio-Sender gespielt. Was in niederländischen Radiostationen gespielt wurde, wurde zu Beginn der 70er Jahre von Piratensendern wie Radio Veronica, Radio Noordzee oder Mi Amigo beeinflusst – vor allem mit den rhythmusbetonten und aggressiveren Elementen britischer Rockmusik. Dazu kam eine vielfältige Musikszene in den Niederlanden mit Gruppen wie Shocking Blue, Golden Earring oder Jan Akkerman, die sich im Vergleich zu damaligen Deutsch-Rock-Gruppen viel stärker etablieren konnten. Die Musikprogramme auf niederländischen Sendern sind damals und heute vielfältiger, tendenziell rockiger und weniger vom Mainstream der Hitparaden bestimmt. Daher ist die Schnittmenge, welche Musik auf den deutschen Sendern wie WDR, SWR und HR zu hören ist, eher klein.

Nach den Stücken „I’m the one“ von den Who und „The Day that Curly Billy shot down Crazy Sam McGhee“ von den Hollies hörte ich zu, was weitere Hörer an den autofreien Sonntagen Ende 1973 erlebt hatten. Ein Blinder berichtete, dass die Welt einen vollständig anderen Klang annahm. Die stillen Momente nahmen zu, und Störgeräusche wie den Autoverkehr brauchte er nicht mehr herauszufiltern. Was er wahrnahm, wurde reiner, seine Sinnesorgane fanden sich besser zurecht. Irgendwo mitten in den Niederlanden fand an einem Samstag eine Beerdigung statt. Die Verwandtschaft verteilte sich aber in alle Ecken der Niederlanden. Viele versäumten es oder schafften es nicht, die Sondergenehmigungen einzuholen. Manche nahmen ein Taxi, manche die Eisenbahn, und manche kamen sogar erst an, als die Beerdigung bereits vorbei war. In einer Familie entspannten sich die Wochenenden. Etwa 100 km entfernt wohnten die Schwiegereltern, die in einem festgelegten Zeitrhythmus besucht werden mussten. Streitsituationen und Spannungen fielen weg, die Familie konnte unbeschwerter die Wochenenden genießen.

Es folgten „Lyrics“ von Kajak, „Helen Wheels“ von den Wings und „Dark Side of the Moon“ von Pink Floyd, danach weiteres Tagesgeschehen vom November 1973. Kaffee aus Angola wurde boykottiert, um über die Röstereien und Konzerne faire Preise für das Entwicklungsland zu erzielen. In Amsterdam wurden große neue Museen eröffnet – das nationale Schifffahrtsmuseum und das van Gogh-Museum. Im Fußball gab es das entscheidende Qualifikationsspiel Niederlande gegen Belgien. 0:0 endete das Spiel, und die Niederlande konnten dank des besseren Torverhältnisses an der Fußball-WM in Deutschland 1974 teilnehmen.

Dann eine überraschendes Variante der Musik: Boudewijn de Groot mit „Parijs, Berlijn, Madrid“. Er sang auf niederländisch, spielte als Liedermacher lediglich auf der akustischen Gitarre. Er sang, dass er in Madrid noch ein paar Schuhe stehen hatte, in Paris ein Korb voll Wäsche mit seinem Lieblingshemd drin und in Berlin einen Koffer. Also musste er zu diesen Hauptstädten reisen, um seine Dinge zusammen zu sammeln. Mit dem Zug fuhr er zu seinem Ziel in Madrid, und davor sammelte er seine persönlichen Dinge in Berlin und Paris ein. 

Ik heb nog twee schoenen in Madrid
Waarvan een paar dat me prima zit
En soms denk ik, ik neem de trein
Om weer eens in Madrid te zijn ...

Auf Niederländisch, lief mir dieses Stück den Rücken herunter. Wort für Wort ließ ich auf mich wirken. Das Wechselspiel zwischen harten und weichen Lauten im Niederländischen wirkte intensiv. Das Stimmungsbild war sehr dicht, wie seine persönlichen Sachen von Hauptstadt zu Hauptstadt reisen.

Ich trank einen tiefen und langen Schluck Rotwein, währenddessen klang die Radiosendung aus mit den Stücken „Love my Music“ von Loggins & Messina, „D’yer Maker“ von Led Zeppelin und „Rambling Man“ von den Allman Brothers. Der Moderator Cobus Bosscha hatte mich mitgerissen, auch er hatte seiner Begeisterung vollen Lauf gelassen, in dem er einzelne Musikpassagen aus voller Brust mitgesungen hatte. Die Sendung mit dem Tag 17.11.1973 habe ich mir in Ruhe auf der Zunge zergehen lassen und in meinen Erinnerungen herumgeschwelgt.

Für diejenigen Blog-Leser, die die Ausdauer gehabt haben, dieses lange Machwerk von Text durchzulesen: Sie können hineinhören in das auch in Deutschland bekannte Stück aus November 1973: Sebastian von Cockney Rebel: